Beschneidungsdebatte

"Eine Kinderrechtsverletzung definiert sich danach, was mit einem Kind passiert"

Das Podium in der Ibn Rushd-Goethe-Moschee
Das Podium in der Ibn Rushd-Goethe-Moschee von rechts: Holger Edmaier, Katharina Vater, Charlotte Weil, Seyran Ateş, Victor Schiering, Gislinde Nauy

Vergangene Woche wurde in der Ibn-Rushd-Goethe-Moschee über das Thema Beschneidung diskutiert. Die mitwirkenden Organisationen stellten die Anliegen ihrer Kampagne "Mein Körper – unversehrt und selbstbestimmt" vor und machten auf die Problematiken von Genitaleingriffen bei den verschiedenen Geschlechtern aufmerksam.

"Mein Körper – unversehrt und selbstbestimmt" ist eine Kampagne, die sich gegen Genitaleingriffe bei Kindern aller Geschlechter richtet. Vertreter der drei daran beteiligten Organisationen – Terres des Femmes – Menschenrechte für die Frau, Mogis – eine Stimme für Betroffene und 100% Mensch – kamen an diesem Abend in der liberalen Berliner Ibn-Rushd-Goethe-Moschee zusammen. Gründerin und Leiterin des liberalen Gotteshauses, Seyran Ateş, saß selbst ebenfalls auf dem Podium. Gislinde Nauy, Theater- und Religionswissenschaftlerin übernahm die Moderation. Die drei Initiativen verfolgen unterschiedliche Ansätze: Während sich Terres des Femmes vor allem gegen weibliche Genitalverstümmelung einsetzt, will Mogis diese auch bei Jungen und Männern abschaffen. Die LGBTIQA*-Organisation 100% Mensch wendet sich gegen genital-angleichende Operationen bei Menschen, deren Geschlecht weder eindeutig männlich noch weiblich ist.

Holger Edmaier
Holger Edmaier, 100% Mensch (Foto: Evelin Frerk)

Über sexuelle Orientierung könne man mittlerweile relativ frei und offen reden, begann Holger Edmaier, Geschäftsführer der Organisation 100% Mensch, wohingegen das Thema Geschlecht immer noch stark tabuisiert würde, was auf das noch immer stark verhaftete binäre System (männlich-weiblich) bei der Vorstellung von Geschlechtern zurückzuführen sei. Die Wissenschaft sei hier schon viel weiter. "Aus dem Bedürfnis heraus, eine Eindeutigkeit herzustellen, gibt es momentan in Deutschland bis zu 1.700 genital-normierende Operationen an intergeschlechtlichen Kindern im Jahr und das sind einfach reinste Menschenrechtsverletzungen." Sie führten zu "wahnsinnigen Traumatisierungen". Auch könne man zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht wissen, wie sich das Geschlechtsbewusstsein des Kindes manifestiere. Wichtig sei in der Debatte eine Unterscheidung zwischen Genital und Geschlecht: "Genital hat nichts mit Geschlecht zu tun. Das Genital sitzt zwischen den Beinen, das Geschlecht sitzt zwischen den Ohren", stellte er klar. Bei der Anerkennung, dass es mehr als zwei Geschlechter gibt, sei die Wirtschaft schneller gewesen als die Gesetzgebung. Nun stehe im Koalitionsvertrag, dass genital-normierende Operationen an Intersex-Kindern verboten werden sollen.

Katharina Vater
Katharina Vater, 100% Mensch (Foto: Evelin Frerk)

Katharina Vater, Referentin für Intergeschlechtlichkeit und trans* bei 100% Mensch, leitete ihr Statement mit einer Alltagserfahrung ein: Immer werde sie gefragt, ob sie ihre OP schon gehabt hätte. Sie sei mehr Sensation als Mensch. Die Frage nach ihren Genitalien erscheine den Menschen legitim, obwohl das niemanden etwas angehe. "Ich war nie ein Mann, ich war schon immer eine Frau, und für meine Genitalien, die ich von Geburt an hatte, kann ich nichts. (…) Für Menschen, die nicht (…) diese Problematik haben, ist es sehr schwer, das nachvollziehen zu können, aber jeder hat ein Bewusstsein darüber, wer und was er ist."

Charlotte Weil
Charlotte Weil, Terres des Femmes (Foto: Evelin Frerk)

"Man kann mittlerweile über weibliche Genitalverstümmelung reden, aber es war auch ein sehr langer Weg dahin", sagte Charlotte Weil, Referentin zu weiblicher Genitalverstümmelung bei Terres des Femmes. Obwohl es viel Gegenwind gab, indem die Praxis als Tradition und Teil von Kulturen verteidigt wurde, sei sie nun in vielen Ländern gesetzlich verboten und als Menschenrechtsverletzung anerkannt. Trotzdem sei es nach wie vor ein globales Problem und werde in den verschiedensten Teilen der Welt praktiziert. Mindestens 200 Millionen Frauen und Mädchen seien weltweit betroffen, in Deutschland gehe es um mehr als 70.000 – das entsprechende Gesetz wurde hierzulande erst 2013 verabschiedet. Aktuell gebe es eine Entwicklung hin zur medikalisierten Form der Genitalverstümmelung, also, dass diese von Gesundheitspersonal durchgeführt werde. Damit gehe eine Verharmlosung einher, bis hin zur Forderung nach einer Legalisierung.

Seyran Ateş
Seyran Ateş, Gründerin und Leiterin der Ibn-Rushd-Goethe-Moschee (Foto: Evelin Frerk)

Ein Beispiel dafür nannte Seyran Ateş: Die Rechtsanwältin sprach von einer Vortragenden auf dem feministischen Juristinnen-Tag 1998, die über die weibliche Genitalverstümmelung sagte, sie sei nicht absolut dagegen. Das sei unerträglich für sie gewesen. Seit damals habe sich in den Köpfen der Links-Liberalen nur wenig verändert. "Das ist ein Verrat am Feminismus, ein Verrat an Frauen, ein Verrat an Menschenrechten." Eine Beschneidung sei "zerstörend" für Frauen, für ihre Sexualität und ihr Körperbewusstsein. Aber es seien ja nicht nur die Frauen betroffen: Das Thema Jungenbeschneidung in islamischen Communities anzusprechen, sei in den Augen mancher bereits islamfeindlich. Im Islam sei es etwas anderes als im Judentum, nämlich lediglich eine Tradition.

Victor Schiering
Victor Schiering, Mogis (Foto: Evelin Frerk)

Hieran schloss Victor Schiering, Vorsitzender von Mogis, an: Auf Grund patriarchaler Vorstellungen hätten Männer es generell schwerer, in Kontexten der Verletzlichkeit wahrgenommen zu werden. Er selbst gehöre zur größten Betroffenheitsgruppe in Deutschland, nicht aufgrund eines religiösen Hintergrunds, sondern wegen einer medizinischen Falschdiagnose beschnitten worden zu sein. Das Verleugnen von Betroffenheit und Relativierungen seien in diesem Zusammenhang das größte Problem.

Nach den Eingangsstatements ging es um die Vorstellung der Kampagne: "Wir denken (…) vom Kind her", erklärte Victor Schiering. Einer der Grundsätze sei: "Eine Kinderrechtsverletzung definiert sich danach, was mit einem Kind passiert und nicht danach, was Erwachsene dabei denken." Wichtig sei in diesem Zusammenhang auch die Beachtung des Gleichheitsgrundsatzes der Geschlechter: Es gebe mittlerweile viele, die sich gegen die weibliche Genitalverstümmelung aussprächen, oft hänge dem aber der Wunsch an, die männliche unbedingt legal zu halten. "Man muss sich entscheiden: Entweder wir erreichen alle zusammen mehr Kinderschutz für alle oder im Endeffekt weniger."

"Wenn man jemandem ein Auge ausschlägt, dann vermindert das die Sehkraft, das wird jeder nachvollziehen können. (…) Geschlechtsorgane haben wir zum Fühlen (…) und wenn man da was abschneidet, ohne das Einverständnis der betroffenen Person, dann nimmt man etwas von diesem Gefühl", fuhr der Mogis-Vorsitzende fort. Bei allen genital-verändernden Maßnahmen gehe es letztlich um Sexualfeindlichkeit. Bei Intersex-Kindern werde verhindert, dass sie ihr eigenes Genital später für sich entdecken und darüber bestimmen könnten. Jeder habe das Recht, sein eigenes Sexualpotenzial voll zu entdecken, völlig unabhängig von irgendeiner (Fortpflanzungs-)Funktion. Bei Gerichten und in den Medien trete aber immer wieder ein reaktionäres Denken zu Tage, anderen ihre Sexualität vorschreiben zu wollen und was die "normale Funktion" eines Penis sei.

Bei allen Genitaleingriffen versuche man, durch eine Normierung einer gesellschaftlichen Erwartungshaltung gerecht zu werden, ergänzte Holger Edmaier. Oft werde den Kindern eine Intergeschlechtlichkeit sogar verheimlicht. Wir müssten dahin kommen, dass sich die Gesellschaft umgekehrt den existierenden Genitalien anpasse. Seyran Ateş brachte die Rolle der Religion ins Spiel: Sie sei ein Machtinstrument, das oft benutzt werde, um Sexualität zu kontrollieren.

Ein wichtiges Anliegen der Kampagne sei der Minderheitenschutz, erläuterte Charlotte Weil. Das gelte nicht nur für Trans- und Intersex-Personen oder beschnittene männliche Personen, sondern auch für Menschen, die aus praktizierenden Communities kämen und sich dagegen entschieden, ein Mädchen verstümmeln zu lassen. Ebenso für Mädchen, die vor einem Genitaleingriff fliehen oder Männer, die an den Folgen einer Beschneidung leiden. "Wir wollen (…) diesen Minderheiten eine Stimme geben."

Im Rahmen der Kampagne wurde ein Flyer mit "15 Fragen an die Politik in Deutschland" an sämtliche Bundestagsabgeordnete "des demokratischen Spektrums", wie es der Geschäftsführer von 100% Mensch formulierte, geschickt, mit der Aufforderung, bis zum 8. November darauf zu antworten. Sie wollten die Politiker dazu bringen, das Thema endlich anzugehen. Paragraph 1631d ("Beschneidung des männlichen Kindes") sei das einzige Gesetz, das die Gesundheit der Gesellschaft betreffe und nicht auf Folgen und Wirksamkeit evaluiert werde. "Ausgesprochen problematisch" findet er die Haltung vieler Politiker, in dieser Frage keine Stellung beziehen zu wollen.

Lena Nyhus
Lena Nyhus, intact Denmark (Foto: Evelin Frerk)

In der Fragerunde meldete sich eine Flüchtlingshelferin zu Wort, die vorschlug, entsprechende gesundheitliche Aufklärung über die Folgen von Genitalverstümmelung in die vorgeschriebenen Integrationskurse einzubinden, was von einer Leiterin von Integrationskursen unterstützt wurde. Anschließend kam noch ein Gast aus Dänemark zu Wort: Lena Nyhus, die Vorsitzende von intact in Dänemark, berichtete, dass in ihrem Land gerade über ein von ihrer Organisation angestoßenes Gesetz beraten wird, das Genitaleingriffe generell erst ab 18 Jahren erlaubt. "Die Debatte (…) findet auf der ganzen Welt statt", wusste sie zu berichten.

Gislinde Nauy
Moderatorin Gislinde Nauy (Foto: Evelin Frerk)

In der Abschlussrunde verlas Moderatorin Gislinde Nauy noch ein schriftliches Statement von Lala Süsskind, Vorsitzende des jüdischen Forums für Demokratie und gegen Antisemitismus, die kurzfristig aus terminlichen Gründen abgesagt hatte. Die Beschneidung von Jungen gehöre "zum Wesen des Judentums" hieß es darin. Die Beschneidungsdebatte habe sie "wütend", die Gleichstellung mit der Genitalverstümmelung bei Frauen habe sie "fassungslos" gemacht. Sowohl ihr Mann als auch ihre Enkelsöhne seien beschnitten und wohlauf und hätten "weder einen gesundheitlichen noch seelischen Schaden erlitten." Auf die ihr gestellten Fragen war sie nicht eingegangen.

Kommentare (15)

Hans Trutnau (nicht überprüft)

Mo. 4 Nov 2019 - 14:01

Lala Süsskind hatte "aus terminlichen Gründen" abgesagt; ich wundere mich, dass sie überhaupt erst zugesagt hatte. Hätte sie die Suppe doch ziemlich versalzen.
Ich bin gerade nicht wohlauf.

Roland Fakler (nicht überprüft)

Mo. 4 Nov 2019 - 14:03

Traurig, dass es gerade die Mütter sind, die ihren Kinder solch patriarchalische Brandzeichen einbrennen wollen!

Maurice Dupont (nicht überprüft)

Di. 5 Nov 2019 - 16:36

Antwort auf von Roland Fakler (nicht überprüft)

Interessanter Gedanke.

Jemand sagte mal sinngemäß: "Nun, das Patriarchat bauen die Frauen, die Männer sind auch dazu zu faul".

Dieter (nicht überprüft)

Mo. 4 Nov 2019 - 18:36

Wie in fast allen Religionen werden Riten selten hinterfragt, denn sie sind seit vielen Generationen zur Selbstverständlichkeit geworden. Auch Frau Süsskind sperrt sich mit dogmatischen Regeln gegen den moralischen Fortschritt. Aber die körperliche Unversehrtheit jedes Menschen egal ob Mann oder Frau sollte für alle aufgeklärten Menschen eine Selbstverständlichkeit sein. Wer hat das Recht ein Teil meines Körpers (aus nebulösen religiösen Gründen) zu entfernen. Dass männliche Menschen aus ihrem Umfeld durch die Beschneidung "weder gesundheitlichen noch seelischen Schaden" erlitten haben mag sein, dafür gibt es aber keine Garantie und außerdem genügend Menschen mit anderen Erfahrungen. Aber um es noch einmal klar zu sagen: Darauf kommt es überhaupt nicht an, denn niemand hat das Recht, an einem wehrlosen (unreligiösen) Kind herumzuschnippeln!

Martin Mair (nicht überprüft)

Mo. 4 Nov 2019 - 20:38

Beschneidungen von Kindern ist natürlich als Körperverletzung und Verletzung des Menschenrechts auf körperliche Integrität nach Artikel 8 Europäische Menschenrechtskonvention zu werten. Da gibts so oder so nix zu diskutieren, eigentlich ...

Agnosticus (nicht überprüft)

Mo. 4 Nov 2019 - 21:28

Gemäß Genesis 17:1-14 und Exodus 19:5-6 zeigt eine Beschneidung halt doch eine recht nachhaltige Wirkung. Immerhin schließen die Betroffenen einen Bund mit ihrem „Gott“ und gehören fortan zum engeren Kreis derer, aus denen die Auserwählten Gottes stammen werden. Zudem gehören sie fortan zu einem Volk aus Priestern.

Frau Lala Süsskind kann also nicht sagen, dass die Beschneidung ihrer Söhne so ganz folgenlos an ihnen vorbeigegangen ist.

Die Mädchen verdienen ein ebenso bedeutendes Fest - und wurden im Judentum angenehmerweise noch nie beschnitten.

Nicht das Fest am achten Tag muss weg, sondern ein unblutiges Ritual sollte es zeitnah ersetzen, das Junge und Mädchen für gleich bedeutsam hält. Denn auch das Mädchen gehört zum Bund, sehe ich das falsch?

Es geht um Spiritualität und Andacht, wozu da eine scharfe Klingeund ein amputiertes Körperteil?

"Laut Angaben einer Anhängerin des säkular-humanistischen Judentums, die als einzige die Brit Schalom in Großbritannien praktiziert, werden jährlich knapp 50 alternative Zeremonien von ihr durchgeführt. Nach einer Schätzung des „Board of Deputies of British Jews“ gab es im Jahr 2011 mindestens 3860 jüdische Geburten in Großbritannien; die tatsächliche Zahl könnte noch etwas höher sein. Der Marktanteil der Brit Schalom in Großbritannien liegt damit unter drei Prozent, aus anderen Staaten sind gar keine Zahlen bekannt." (aus Wikipedia: Brit Schalom (Zeremonie))

Agnosticus (nicht überprüft)

Mi. 6 Nov 2019 - 12:06

Antwort auf von Maurice Dupont (nicht überprüft)

Seit den Zeiten der Pharaonen ist das Beschneiden (Bannen) ein Zeichen der Sklaverei, mit dem sich die Gefangenen dem Willen des Sohnes Gottes auf Erden, dem Pharao als Horus Pa Re, unterwerfen müssen. Dieser Akt der Desensibilisierung soll die selbstständige Fortpflanzung einschränken.
Heute werden die Gläubigen ihrem Gott – bzw. ihrem Priester, der für Gott spricht – durch dieses Opfer unterworfen. Für die Gnade des Überlebens und die anschließende weise Führung durch ihre Hirten müssen die „Schafe“ allerdings den Zehnten bezahlen.

Frauen brauchen nicht beschnitten zu werden, da sie eh zum Vieh des Mannes gerechnet werden. Es reicht, wenn sie den Zehnten zahlen und Kinder bekommen, die wiederum den Zehnten zahlen müssen. Sollten sie mit diesem Ritual brechen, so droht ihren männlichen Kindern die Todesstrafe [Gen 17:14].

Ein Austritt aus diesem Priesterparadies ist – ähnlich wie im Islam – nicht möglich. Wer sich gegen die Gemeinschaft wendet, wird mit dem Cherem – Bann/Fatwa – belegt. Din Rodef und Din Moser fordern die Hinrichtung eines Gemeindemitglieds, wenn es diese „Gemeinschaft“ auch nur gefährdet.

Bernd Kammermeier (nicht überprüft)

Di. 5 Nov 2019 - 18:01

Antwort auf von Agnosticus (nicht überprüft)

Über die Folgen der Genitalverstümmelung hat Moses Maimonides ganz klar und unmissverständlich geschrieben: Sie sollen die Lust des Mannes mindern. Und genau das tut die Genitalverstümmelung. Dass männliche Juden aus traditionellen Familien keinen "ungeminderten Sex" empfinden können, haben sie ihren Eltern zu verdanken...

Thomas R. (nicht überprüft)

Di. 5 Nov 2019 - 05:34

"Auf die ihr gestellten Fragen war sie nicht eingegangen."
-
So ist das eben, wenn man Beliebiges glauben "darf", statt sich für seine Überzeugungen rechtfertigen zu "müssen". Die Religionsfreiheit ist ein Bollwerk geistiger Korruption!

Maurice Dupont (nicht überprüft)

Di. 5 Nov 2019 - 16:44

Antwort auf von Thomas R. (nicht überprüft)

Es geht auch um den Konflikt zwischen Kollektiv und Individuum bzw. zwischen Gruppenrechten und Individualrechten.

Wer Gemeinschaft, Gemeinde und Familie betont, wird wohl dazu neigen, dem Individuum das Recht abzusprechen, über den eigenen Körper zu verfügen.

Für wen das Individuum im Zentrum steht ist es vermutlich viel leichter, die Familientradition des Beschnittenseinmüssens und Beschneidenmüssens in der Vergangenheit der Menschheitsgeschichte abzulegen.

Die FGM oder MGM passt m. E. nicht in die kulturelle Moderne. Denn was eigentlich sagt jede HGM (Human genital mutilation, d. i. FGM oder MGM) dem Kind oder Jugendlichen?

"Dein Penis / deine Vulva gehört gar nicht dir, sondern ist Familiensache, Stammesbesitz."

"Das muss so sein, hier steht es schwarz auf weiß, ein direkter Befehl vom Schöpfer."

"Wer Gemeinschaft, Gemeinde und Familie betont, wird wohl dazu neigen, dem Individuum das Recht abzusprechen, über den eigenen Körper zu verfügen."
-
Nur dann, wenn er keine ethische Denkfähigkeit entwickelt hat und nicht weiß, daß gemeinschaftliches Wohl aus individuellem Wohl emergiert. Die Religionen müssen nicht nur deshalb beseitigt werden, weil sie falsche Vorstellungen von der Beschaffenheit der Welt vermitteln, sondern auch und besonders, weil sie Ethik durch religiöse Normativität blockieren. Das Ergebnis ist ein Planet, auf dem Billionen Lebewesen vermeidbarerweise leiden und/oder vor ihrer Zeit krepieren.

BertBergmann (nicht überprüft)

Di. 5 Nov 2019 - 15:08

Hallo Zusammen
Das Köllner Gerichtsurteil von 2012 Paragraph 1631d zeigt doch wie tief Kirche Staat-Politik eine ganze Bevölkerung für Dumm verkauft.Nicht einmal bis Heute wurde gegen
die Missbrauchsübergriffe gegen Hunderttausende Kinder der Kirche Staatswanwaltschaftlich ermittelt ,warum:weil in allen Parteien die mehrheit Religiös
vorbelastet sind.Um alle Ähnliche Fälle zu erläutern würde der Platz hier nicht reichen.
Einen Buch Tipp hätte ich schon:Mtthias Franz/Beschneidung von Jungen(Ein trauriges Vermächtnis.Nicht Aufgeben!!

Anonym (nicht überprüft)

Mi. 6 Nov 2019 - 09:47

"Oft werde den Kindern eine Intergeschlechtlichkeit sogar verheimlicht."

Damit ist dann offenbar nicht gemeint, dass der Körper eine Variation aufweist, sondern, dass ein Mensch wegen seiner Genitalien ein Intergeschlecht hat.
Das muss aufhören! Hört auf Tätersprache zu sprechen!

Detlev Beutner (nicht überprüft)

Do. 14 Nov 2019 - 17:29

"... was auf das noch immer stark verhaftete binäre System (männlich-weiblich) bei der Vorstellung von Geschlechtern zurückzuführen sei. Die Wissenschaft sei hier schon viel weiter." & "Bei der Anerkennung, dass es mehr als zwei Geschlechter gibt, sei die Wirtschaft schneller gewesen als die Gesetzgebung."

Also mal ganz nüchtern: In Deutschland gibt es einen "Wissenschaftler" (Heinz-Jürgen Voß) und ein paar Follower, die das behaupten. Wissenschaftlich allerdings ohne Substanz. Nein, die Wissenschaft ist da international, soweit sie nicht im Dienst einer Ideologie sektiererisch unterwegs ist (dann ist es allerdings keine Wissenschaft mehr, insofern spreche ich auch Voß tatsächlich ab, "Wissenschaftler" zu sein), sehr eindeutig: Es gibt beim Menschen zwei Geschlechter (und Abweichungen davon). Ganz grob so in etwa, wie der Mensch zwei Arme hat (und Abweichungen davon).

Mit der "Erfindung" anderer Geschlechter wird ein gesellschaftliches Problem (die Zuordnung von Verhalten zu Geschlecht) lustigerweise in erzkonservativer Art aufrechterhalten, obwohl diese Bewegung sich eigentlich gerade daran stört. Wem's persönlich gut tut...

Aber der HPD dürfte so viel wissenschaftliche Gründlichkeit walten lassen, Aussagen wie die obige nicht ungeprüft zu übernehmen; zumindest sollte an einer solchen Stelle erwähnt werden, dass das die Auffassung des Vortragenden ist, tatsächlich aber nicht die Meinung der Biologie als Wissenschaft.

Hinzu kommt beim konkreten Thema, dass gerade Voß voller irrationaler Verteidigung der Jungenbeschneidung ist (ja, irrational ist da fast alles, insofern passt das schon).

Etwas mehr Recherche und Kontext, dann werden solche Artikel richtig wertvoll!

Gisa Bodenstein

Die Autorin studierte Kulturgeographie mit den Wahlfächern Politische Wissenschaft, English and American Studies und Physische Geographie in Erlangen. Danach war sie für die Erlanger Nachrichten und die Berliner Morgenpost tätig. Seit 2017 arbeitet sie für den hpd und hat im April 2025 den Posten der Chefredakteurin übernommen.

Weitere Artikel der Autorin
Unterstützen Sie uns auf Steady!

Mehr lesen über:

Verwandte Artikel