Thomas Müntzer und der IS
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Der Berliner Theologe Jörg Machel setzte jüngst den "Islamischen Staat" (IS) mit den aufständischen Bauern unter Thomas Müntzer gleich. Das ist nicht nur historisch falsch.
Das Einzige, was Thomas Müntzers Bauernarmee, die in der Schlacht bei Frankenhausen vernichtend geschlagen wurde, mit den Terroristen des IS verbindet, ist, dass sie sich auf ihren jeweiligen Gott beriefen bzw. berufen. Das verschweigt der Kreuzberger Gemeinde-Pfarrer, Jörg Machel, in der Kirchensendung "Morgenandacht" im Deutschlandfunk auch nicht. Die aufständischen "Bauern hätten geplündert, gebrandschatzt und vergewaltigt." Die Bauern seien Thomas Müntzer in der Überzeugung gefolgt, am Ende mit Gottes Hilfe auf dem Schlachtfeld zu siegen.
Hier treffen sie sich tatsächlich mit den "IS-Kämpern". Allerdings – und das scheint Pfarrer Machen nicht zu verstehen – sind die Ziele der beiden grundlegend verschieden.
Thomas Müntzer gilt als Gegenspieler des hierzulande zu Unrecht gefeierten Martin Luther. Einst Anhänger des Reformators gingen ihm dessen Reformen nicht weit genug. Während Luther die Ungerechtigkeit der Gesellschaft nur mit anderer Begründung zementieren wollte, versuchte Müntzer, Adel und Klerus zu entmachten.
Müntzer wollte im thüringischen Mühlhausen seine Vorstellungen von einer gerechten Gesellschaftsordnung umsetzen: Privilegien des Adels wurden aufgehoben, Klöster aufgelöst sowie Räume für Obdachlose geschaffen und eine Armenspeisung eingerichtet. All das darf mit Fug und Recht für revolutionär gelten. Dass er damit die Feindschaft Luthers auf sich zog, verwundert wenig. Luthers’ widerwärtige Sprüche über die Müntzer folgenden, aufständigen Bauern sind allbekannt.
Der IS hingegen hat nur ein Ziel: Die Wiederherstellung eines Gesellschaftssystems, wie es vor rund 1.300 Jahren bestand. Der "Islamische Staat" wird von den Vereinten Nationen als Terrororganisation angesehen. Er wird des Völkermords, der Zerstörung von kulturellem Erbe der Menschheit wie auch anderer Kriegsverbrechen beschuldigt. Die Ideologie des IS ist nicht auf die Zukunft, sondern auf eine (so niemals gegebene) Vergangenheit gerichtet.
Pfarrer Machel erkennt, dass unter den kämpfenden Bauern auch "verblendete, verführte Desperados, Hoffnungsberaubte" waren. Doch dann zeigt er, weshalb man einen Theologen nicht über Politik oder Geschichte reden lassen sollte. Denn für ihn folgten die Bauern und folgen die IS-Terroristen "einem falschen Welt- und Gottesbild". Dass es für diesen Haß und diese Gewalt ohne Religion erst gar keine Grundlage gäbe, das verschweigt Machel nicht wissentlich; das kommt ihm nicht einmal in den Sinn.
Kommentare (7)
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Was kann schon dabei
Was kann schon dabei herauskommen, wenn ein Kleriker sich über "Historie" ausläßt?!
Das hängt davon ab, was ihm
Das hängt davon ab, was ihm der Allwissende so alles einflüstert.
Guten Morgen, Herr Weber!
Guten Morgen, Herr Weber!
Eigentlich ging ich davon, beim Besuch der Webseite des hpd einen Erinnerungsartikel über Theo van Gogh zu finden. Da unterstellte ich dem hpd wohl, er falle nicht überzogen der modischen Political correctness anheim.
Stattdessen treffe auf einen Artikel zu Thomas Münzer. Nein, Herr Weber. Ich stimme nicht mit Ihnen überein. Ich halte Ihren Artikel in der Einschätzung Münzers für falsch. Mag sein, er frönte einem egalitären Ideal. (Man könnte auch sagen: Dogma). M.E. ist Münzer, ebenso wie Savonarola in Florenz, sehr wohl mit der Ideologie des "IS" vergleichbar. Ob es das Verdienst Martin Luthers ist, Münzers religiösen Wahn erkannt zu haben, steht auf einem anderen Blatt. Man muss keine Sympathie für das Gebahren des Renaissance-Adels haben, um Münzer als religiösen Fundamentalisten zu erkennen.
Ich bezeichne mich als "Pantheist katholischer Entwicklungsherkunft". Das hindert mich nicht, Luthers Bedeutung für die Identitätsbildung des Deutschen zu würdigen, angefangen bei der Sprache.
Immer das selbe Märchen:
Immer das selbe Märchen: Religion ist unschuldig und wird von bösen Menschen "missbraucht".
Richtiger wäre: Religion ist dazu da, Menschen zu steuern. Das lädt zum "Missbrauch" geradezu ein.
Der Vergleich Müntzer mt dem
Der Vergleich Müntzer mt dem IS ist unverschämt borniert. Dass Thomas Müntzer in der Bibel etwa die schreckliche Apokalypse des Johannes - wie natürlich auch Luther und alle Zeitgenossen - damals im wortwörtlichen Sinne verstand, kann ihm nicht zum Vorwurf machen. Müntzer hatte im Gegensatz zu Luther aber einen Sinn für die ausgepresste Bauernschaft - und das war damals: für die ganze verhungernde Bevölkerung. Mit ihm wäre die Entwicklung in Deutschland mit Sicherheit anders verlaufen. Ihn - was eben so leicht ist - schlecht zu machen und an den Pranger zu stellen, während Luther gefeiert wird, ist in beiden Fällen ein Klischee.
Das „Schöne“ an der Religion
Das „Schöne“ an der Religion ist, dass jeder, der glaubt, den richtigen Gott zu haben, die Falschgläubigen bedenkenlos abschlachten kann. Und da noch niemand einen Gott wirklich gesehen hat, hat natürlich jeder der richtigen und niemand den falschen und so kann jeder jeden abschlachten, wenn er nur recht fromm ist.
Den Unterschied zwischen den Bauernaufständen unter Müntzer und dem IS sehe ich darin, dass die Bauern eine lange andauernde, ungerechte Herrschaft abschütteln wollten und der IS eine längst überlebte frühmittelalterliche Herrschaft errichten wollte.
ich verweise hier mal auf
ich verweise hier mal auf meine Besprechung zu der 2015 erschienen Thomas Müntzer Biographie von Hans-Jürgen Goertz in humanismus aktuell
http://www.humanismus-aktuell.de/node/211
Die Ausführungen des Herrn Machel sind historischer Unsinn. Das fängt schon damit an, dass die Bauern- und Bürgerarmee (die Bürger werden immer gerne unterschlagen) keineswegs, die Armee von Thomas Müntzer war. Und mit Gott siegen, wollten damals alle Armeen, auch die von Luther unterstützten Rittertruppen, die die Bauern- und Bürgerarmee bei Frankenhausen dann bestialisch abgeschlachtet haben. Noch heute heißt in Frankenhausen eine schmale Gasse, die vom Schlachtfeld herunter in die Stadt führt, "Blutrinne"!