Modest Fashion: Wenn der Bayerische Rundfunk Frauenunterdrückung als Lifestyle verkauft

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Die Nürnberger Modest-Fashion-Boutique aus dem BR-Beitrag
Schaufenster der fraglichen Boutique

Ein Fernsehbeitrag des Bayerischen Rundfunks über eine Nürnberger Boutique löste heftige Kritik aus. Das Problem liegt jedoch nicht nur in den frauenverachtenden Aussagen des Ladenbesitzers, sondern vor allem in einer Berichterstattung, die religiös begründete Geschlechterrollen als Ausdruck weiblicher Selbstbestimmung präsentiert.

Die für ihre oftmals unkritische und gottfrömmelnde Berichterstattung bekannte Religionsredaktion des Bayerischen Rundfunks (BR) sendete vergangene Woche einen Fernsehbeitrag über eine Nürnberger Boutique, in dem "Modest Fashion" als "Ausdruck des Glaubens" sowie als "Zeichen von Selbstbewusstsein und persönlichem Stil" vorgestellt wurde. Was als harmlose Reportage über einen Modetrend daherkam, entwickelte sich rasch zu einem Fallbeispiel dafür, wie öffentlich-rechtlicher Journalismus gesellschaftlich umstrittene Themen verharmlost und und jegliche kritische Distanz vermissen lässt.

Modest Fashion ist weit mehr als ein neuer Kleidungsstil. Hinter dem Begriff verbirgt sich eine Bewegung, die religiös motivierte Bekleidungsvorschriften als Ausdruck weiblicher Selbstbestimmung umdeutet. "Modest" heißt "bescheiden" oder "sittsam", "züchtig". Gemeint ist eine Mode, die den Körper möglichst weitgehend bedeckt und eng mit konservativen islamischen, aber auch jüdisch-orthodoxen Vorstellungen von Geschlechterrollen verbunden ist.

Das im Beitrag vorgestellte Geschäft "La Boutique" liegt in der Nürnberger Südstadt und wird von Selda Dastan und ihrem Mann Ahmed Dastan betrieben. Schon während der TV-Reportage wurde deutlich, dass die Vorstellungen des Ehepaars über die Rolle der Frau wenig mit Gleichberechtigung zu tun haben.

Frauen sind keine Smartphones

Für besondere Empörung sorgte eine Aussage von Ahmed Dastan. Während er selbst bei sommerlichen Temperaturen im T-Shirt im Geschäft stand, erklärte er, Frauen sollten sich bedecken, um "kein Objekt für andere Männer zu sein". Zur Verdeutlichung seines Weltbildes verglich er Frauen mit Smartphones: Beide müsse man mit einer Hülle schützen, damit sie keinen Schaden nähmen.

Die Kritik an dieser Aussage war vorhersehbar und berechtigt. Frauen sind keine Gegenstände, die verpackt werden müssen. Sie sind auch nicht verantwortlich für die Gedanken oder das Verhalten von Männern. Wer ihnen die Pflicht auferlegt, ihren Körper zu verhüllen, um männliche Begierden zu kontrollieren, reproduziert ein patriarchales Weltbild, das Frauen in erster Linie als potenzielle Versuchung betrachtet.

In einem späteren Gespräch mit dem hpd zeigte sich Ahmed Dastan vom Ausmaß der öffentlichen Empörung überrascht. Von seiner Aussage distanzieren wollte er sich jedoch nicht. Stattdessen präsentierte er sich vor allem als Opfer eines Shitstorms. Man gewinnt den Eindruck, dass er sich seiner frauenverachtenden Ausdrucksweise immer noch nicht bewusst ist und sich vollkommen überfordert fühlt.

Wenn der Bayerische Rundfunk Ideologie als modische Freiheit verkauft

Genauso problematisch wie die Aussage selbst war allerdings der Rahmen, in dem sie präsentiert wurde. Der BR erklärte, die Botschaft hinter Modest Fashion sei nicht, "wie viel Haut ein Mensch zeigt, sondern wie wohl er sich in seiner Haut fühlt". Genau an diesem Punkt versagt die journalistische Einordnung. Denn die zentrale Frage lautet nicht, ob sich einzelne Frauen mit einem Kopftuch wohlfühlen. Selbstverständlich können sie das. Die entscheidende Frage ist vielmehr, welche gesellschaftlichen und religiösen Vorstellungen hinter der Forderung nach "sittsamer" Kleidung stehen.

Wer Modest Fashion ausschließlich als Ausdruck individueller Freiheit präsentiert, blendet die Machtverhältnisse aus, aus denen diese Kleidervorschriften historisch entstanden sind. Das Kopftuch ist eben nicht nur ein Stück Stoff. Es ist zugleich ein Symbol einer religiösen Tradition, die Frauen und Männer unterschiedlich behandelt und weibliche Körper besonderen Regeln unterwirft.

Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, dass Selda Dastan Modest Fashion selbst als eine "Richtlinie" bezeichnet. Der Begriff verweist gerade nicht auf individuelle Freiheit, sondern auf normative Vorgaben darüber, wie Frauen sich kleiden sollen.

Deshalb kritisierte die Frauenrechtlerin und Imamin Seyran Ateş den Fernsehbeitrag bei Welt-TV scharf. Sie bezeichnet ihn als diskriminierend und beklagt, dass im Fernsehen in den letzten Jahren verhüllte Frauen in Deutschland als Normalität dargestellt würden: "Der öffentlich-rechtliche Rundfunk muss aufhören, sich vor den Karren dieser frauenverachtenden orthodox-religiösen Ideologie spannen zu lassen."

Dabei handelt es sich keineswegs um ein Nischenphänomen. Muslimische Influencerinnen versuchen seit Jahren, Modest Fashion als modernen Lifestyle zu etablieren. Große Modekonzerne wie H&M oder Uniqlo haben den milliardenschweren Markt längst entdeckt und bieten entsprechende Kollektionen an. Mit jeder neuen "Ramadan Collection" wächst die wirtschaftliche Attraktivität des Trends – und gleichzeitig sinkt die Bereitschaft, seine ideologischen Grundlagen kritisch zu beleuchten.

Wer den Modeladen in Nürnberg besucht, findet übrigens nicht nur Kopftücher und lange Gewänder, sondern auch rückenfreie Kleider und Modelle mit Spaghetti-Trägern, die man sogar im Schaufenster sieht. Ist das ein Zeichen liberaler Gesinnung? Vielleicht. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass hier am Ende dieselbe Logik gilt wie überall im Modegeschäft: Verkauft wird, was Gewinn verspricht.

Der Bayerische Rundfunk hätte die Chance gehabt, über die gesellschaftlichen und religiösen Hintergründe von Modest Fashion aufzuklären. Stattdessen präsentierte er diese Art sich zu kleiden weitgehend als Ausdruck weiblicher Selbstbestimmung. Damit wurde aus kritischem Journalismus unfreiwillig Werbung für ein gesellschaftliches Leitbild, das Frauen gerade nicht als freie Individuen betrachtet, sondern ihre Kleidung an religiösen Vorstellungen von Sittsamkeit ausrichtet. Selbstbestimmung setzt Gleichberechtigung voraus. Wo für Frauen andere Regeln gelten als für Männer, endet die Freiheit und beginnt die Unterordnung.

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