Das "Institut für Weltanschauungsrecht" setzt sich für die Neutralität des Staates ein

"Wir müssen die weltanschauliche Schieflage in unserem Rechtssystem beheben!"

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Das Bundesverfassungsgericht hat bereits 1965 festgestellt, dass das Grundgesetz den Staat als "Heimstatt aller Staatsbürger" zu "weltanschaulich-religiöser Neutralität" verpflichtet. In der Praxis wird dieses Rechtsprinzip jedoch häufig verletzt. Das Institut für Weltanschauungsrecht (ifw) will diesem Missstand entgegenwirken.

Mit der heute erfolgten Freischaltung seiner Website hat das Institut für Weltanschauungsrecht (ifw) seine Arbeit offiziell aufgenommen. Ziel des Instituts ist die Stärkung des im Grundgesetz verankerten Rechts auf "Weltanschauungsfreiheit". Dieses umfasst, wie das ifw in seinem Leitbild darlegt, "nicht nur das Recht, sich zu einer religiösen oder nichtreligiösen Weltanschauung zu bekennen, sondern auch die Freiheit, das eigene Leben nach diesen weltanschaulichen Überzeugungen zu gestalten, sofern dadurch keine Rechte Dritter verletzt werden". Laut ifw "wird diese fundamentale Freiheit der Bürgerinnen und Bürger auf vielen Rechtsgebieten in illegitimer Weise beschnitten – und zwar von der Wiege bis zur Bahre, ja sogar darüber hinaus, nämlich vom Embryonenschutz bis zur Bestattungspflicht". Viele Rechtsnormen und staatliche Einrichtungen seien trotz der entsprechenden Verpflichtung der Verfassung nicht "weltanschaulich neutral" gehalten, sondern beruhten auf religiösen Glaubensvorstellungen, die in der Bevölkerungsmehrheit keinen Rückhalt mehr fänden.

Mannigfaltige Verstöße gegen das Gebot der weltanschaulichen Neutralität

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Die Beiräte Ingrid Matthäus-Maier, Prof. Dr. Holm Putzke und Prof. Dr. Rolf Herzberg bei der ifw-Gründung am gbs-Stiftungssitz in Oberwesel. (Foto: Daniela Wakonigg)

Ein markantes Beispiel für die "weltanschauliche Schieflage im Staat" sei das "paternalistische Sterbehilfeverhinderungsgesetz", das 2015 vom Deutschen Bundestag "gegen den Willen von achtzig Prozent der Bürgerinnen und Bürger sowie gegen das Votum der deutschen Strafrechtslehrer auf den Weg gebracht wurde", sagt der Philosoph und Vorstandssprecher der Giordano-Bruno-Stiftung (gbs) Michael Schmidt-Salomon, der an der Gründung des ifw aktiv beteiligt war. Dank der Hilfe christlich-konservativer Politiker sei es den Kirchen mit § 217 StGB gelungen, "de jure einen Teil der Deutungshoheit über den Sterbeprozess wiederzugewinnen, den sie de facto längst verloren hatten": "Sie instrumentalisierten das Parlament, um der Bevölkerung eine religiös begründete Verhaltensnorm aufzuzwingen, die nur noch von einer Minderheit akzeptiert wird."

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Dr. Jacqueline Neumann im Gespräch mit ifw-Beirat Dr. Till Müller-Heidelberg (Fotos: Daniela Wakonigg)

Dabei sei das "Sterbehilfeverhinderungsgesetz" nur ein Beispiel unter vielen: "Tatsächlich gibt es viele Gesetze und Verordnungen im Straf- und Steuerrecht, im Medien-, Medizin- und Arbeitsrecht, in den Landesverfassungen, Feiertagsgesetzen und Schulordnungen, die gegen das Gebot der weltanschaulichen Neutralität verstoßen." Dieser Zustand sei nicht länger hinnehmbar, meint Schmidt-Salomon: "Wir müssen die weltanschauliche Schieflage in unserem Rechtssystem beheben! Denn nur ein weltanschaulich neutraler Staat kann allen Bürgerinnen und Bürgern Weltanschauungsfreiheit garantieren. Nur er besitzt die nötige Glaubwürdigkeit, um in Konfliktfällen als unparteiischer Schiedsrichter aufzutreten und für die Einhaltung verbindlicher Regeln zu sorgen, da er sich von keinem Akteur auf dem weltanschaulich-religiösen Spielfeld vereinnahmen lässt."

Eine prominent besetzte "juristische Task Force"

Diese Überzeugung teilt die Verwaltungsjuristin Jacqueline Neumann, die im ifw-Direktorium die wissenschaftliche Koordinierung übernommen hat. Neumann erläutert, wie es zur Institutsgründung kam: "Um der wachsenden Zahl von juristischen Anfragen gerecht zu werden, wurde innerhalb der gbs bereits vor Jahren eine juristische Task Force aus erfahrenen Rechtsanwälten und Rechtsexperten gebildet. Derzeit begleiten wir ein Dutzend Verfahren sowohl auf nationaler wie auch auf europäischer Ebene. Hieraus entwickelte sich die Idee, die verschiedenen juristischen und rechtspolitischen Aktivitäten auf dem Gebiet des Weltanschauungsrechts in einem eigenen Institut zu bündeln. Letztlich wollen wir mithilfe des ifw dazu beitragen, dass das Verfassungsprinzip der weltanschaulichen Neutralität des Staates endlich die Bedeutung erhält, die ihm gebührt."

Das ifw-Direktorium kann auf prominente Unterstützung zurückgreifen: So finden sich im Beirat gleich mehrere Juraprofessoren, u.a. Reinhard Merkel, der auch Mitglied des Deutschen Ethikrates ist, die ehemalige SPD-Spitzenpolitikerin Ingrid Matthäus-Maier, der Staatsminister a.D. im Bundeskanzleramt Rolf Schwanitz und der langjährige HU-Vorsitzende und Mitherausgeber des jährlichen "Grundrechte-Reports" Till Müller-Heidelberg. (Informationen über alle Mitglieder des ifw-Direktoriums und -Beirats findet man hier.)

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Das Direktorium des ifw (v.l.n.r.) Dr. Gerhard Czermak, Dr. Michael Schmidt-Salomon, Dr. Jacqueline Neumann, Dr. Winfried Rath, Dr. Thorsten Barnickel - zusammen mit Herbert Steffen, dem 1. Vorsitzenden der Giordano-Bruno-Stiftung. (Foto: Daniela Wakonigg)

Offen für Zusammenarbeit

Dem Vorwurf, dass ein Rechtsinstitut, das von der humanistischen Giordano-Bruno-Stiftung finanziert wird, selbst eine "weltanschauliche Schieflage" aufweise, widerspricht Michael Schmidt-Salomon mit Nachdruck: "Wir ergreifen Partei für die Stimme der Vernunft – und diese ist nicht notwendigerweise bei einer bestimmten gesellschaftlichen Gruppierung beheimatet, auch nicht bei den Konfessionsfreien! Zwar stimmt es, dass sich die Verfahren, die wir derzeit führen, gegen Kirchenprivilegien bzw. gegen religiös verzerrte Interpretationen der Grundrechte richten, doch sollte es dazu kommen, dass säkulare Organisationen die Weltanschauungsfreiheit religiöser Bürgerinnen und Bürger verletzen, würde sich das ifw ebenso deutlich zu Wort melden."

Jacqueline Neumann ergänzt: "Wir suchen die Zusammenarbeit mit denjenigen, die für rational begründete, evidenzbasierte, weltanschaulich neutrale und gerechte Rechtsnormen eintreten. Und zwar ungeachtet dessen, ob jemand ein religiöses oder nichtreligiöses Vorverständnis hat. Das ifw ist politisch unabhängig, überparteilich und nicht gewerblich orientiert. Wir sind offen für Partnerschaften mit allen staatlichen wie nichtstaatlichen Organisationen, die eine säkulare Rechtspolitik unterstützen."

Die ifw-Website, die in den kommenden Monaten weiter ausgebaut wird, bietet neben Fallbeschreibungen und Gutachten eine umfangreiche Sammlung von Kommentaren zu weltanschauungsrechtlichen Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts (BVerfG). Zudem findet sich auf der Website eine Online-Version des Lexikons Religion und Weltanschauung in Gesellschaft und Recht von Gerhard Czermak. Der ehemalige Verwaltungsrichter hat sich in den letzten Jahrzehnten wie kaum ein zweiter deutscher Jurist mit Fragen des Weltanschauungsrechts auseinandergesetzt – eine Arbeit, die er nun als Mitglied des ifw-Direktoriums fortsetzen wird.

Weitere Informationen zum Institut sowie zu den juristischen Hintergründen der Weltanschauungsfreiheit und der geforderten Neutralität des Staates gibt es unter: https://weltanschauungsrecht.de.


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Direktorium: Dr. Thorsten Barnickel, Dr. Gerhard Czermak, Dr. Jacqueline Neumann, Dr. Winfried Rath, Dr. Michael Schmidt-Salomon

Beirat: Johann-Albrecht Haupt, Prof. em. Dr. Rolf Dietrich Herzberg, Prof. Dr. Dr. Eric Hilgendorf, Prof. i.R. Dr. Martin Kutscha, Ingrid Matthäus-Maier, Prof. em. Dr. Reinhard Merkel, Ludwig A. Minelli, Dr. Till Müller-Heidelberg, Prof. Dr. Holm Putzke, Eberhard Reinecke, Rolf Schwanitz, Dr. Johannes Wasmuth

Website: https://weltanschauungsrecht.de
E-Mail: info(at)weltanschauungsrecht.de
Postadresse: Institut für Weltanschauungsrecht, Haus Weitblick, Auf Fasel 16, 55430 Oberwesel

Kommentare (12)

Hans Trutnau (nicht überprüft)

Mo. 4 Sep 2017 - 14:33

Ah, die üblichen Verdächtigen...
G. Czermak ist ein MustBe - viel Erfolg!

Das Weltanschauungsrecht als Teil der Menschen-Rechte* braucht die Menschen-Pflichten*, die in einem globalethisch demokratischen Diskurs aller Weltanschauungen, philosophisch erkenntnisstandgerecht begründbar*, von allen mündigen Menschen erarbeitet werden. Dabei wird sich zeigen , dass die gestrigen Philosophien* begrifflich - nicht erkenntnisstandgemäß - folgenschwer versagt* haben. Das zeigt sich z. B. an der falsch verstandenen, beliebig mißbrauchten Freiheit*, die - ohne Verantwortung - Willkür ist. Mehr dazu im Internet u. Facebook unter: Klaus Roggendorf + - *

Diese Antwort auf meinen Kommentar erschließt sich mir in keiner Weise.
Und auch das seltsam codierte Ende "+ - *" bleibt unklar.

Klaus Roggendorf (nicht überprüft)

Mo. 18 Sep 2017 - 15:24

Antwort auf von Hans Trutnau (nicht überprüft)

Pardon: Mehr zu den im Kommentar gekennzeichneten * Begriffen* findet man unter: klaus roggendorf + - * im Internet.

Kay Krause (nicht überprüft)

Di. 5 Sep 2017 - 07:24

Herzlichen Glückwunsch und viel Erfolg auch von mir!
Falls gewünscht, trage ich hier und da gerne mit ein paar satirisch-heiteren Versen dazu bei, das Ziel zu realisieren.
Gruß von Kay Krause (BfG Neuburg/Ingolstadt)

Brigitte Fritz (nicht überprüft)

Di. 5 Sep 2017 - 09:55

Endlich, endlich haben sich geeignete Leute zusammengetan, um dieses Themenfeld anzupacken! Ich freue mich sehr darüber und wünsche Ihnen viel Erfolg dabei.

Christ-Off (nicht überprüft)

Di. 5 Sep 2017 - 14:24

Ich freue mich, dass es endlich geklappt hat und bin wieder einmal stolz auf die GBS über diese Aktion. Viel Erfolg!

Resnikschek Karin (nicht überprüft)

Di. 5 Sep 2017 - 16:20

1.000 Dank für diese Initiative. Bin keine Rechtsgelehrte, aber höre eben, dass in Rottenburg die profanen Räume der Stadtbibliothek vom Bischof persönlich "geweiht" werden - wie bei Räumen im Bundestag üblich. Dann hat in Schwaben fast jedes Dorf bis zu 4 Kirchen nebst Gemeindezentrum und Kitas - wir haben für ganz Baden-Württemberg 1 (!) humanistisches Zentrum mit 1 humanistischen Kita. Wenn das keine Schieflage ist....Dennoch missionieren im Ländle grüne Politiker weltanschaulich neutrale Jugend-Vereinigungen wie den Internationalen Bund mit: "engagiert Euch in Politik und Kirchen!" Ist das die Wertschätzung für die Arbeit 40% Konfessionsfreier in Amt und Ehrenamt...!? Schiefer geht's fast nimmer! Karin Resnikschek

Resnikschek Karin (nicht überprüft)

Di. 5 Sep 2017 - 17:40

Toll auch, dass endlich die Arbeit der Herren Czermak und J.-A. Haupt zusammengeführt wird! Die religiösen Landesverfassungspräambeln sind anzugehen; in BaWü haben Ethiklehrer*innen Werbeverbot (Beamte) - Religionslehrer natürlich nicht. Inzwischen gibt es vermehrt kirchlich gebundenen Kräfte als Ethik-Lehrer*innen und auch als Fortbilder für Ethik an der Uni - was ich sehr problematisch finde (Unterricht/Lehre in Öffnung für Metaphysik statt für diesseitige Humanistik und Menschenrechte) - umgekehrt geht da aber gar nichts.
Das Werbeverbot, eine Art Quasizensur, auch in sehr vielen Medien wird stillschweigend gehandhabt und ist vergleichbar dem Ausklammern der AfD aus der Parteienkooperation. Das muss man sich mal vorstellen; das ist ein Generalverdacht gegen Konfessionsfreie. Und in Tübingen erlebe ich laufend, dass behauptet wird: nur (!) Religion gewährt den Zusammenhalt der Gesellschaft und bei Kritik in die Richtung
fällt häufig der Verdacht, bei der AfD zu sein. "Humanisten" kann man hier nicht einordnen - auch zu den Nazis (Heidegger) wurden wir schon gesteckt. Gruß Karin Resnikschek

Dr. Ingeborg Wirries (nicht überprüft)

Mi. 6 Sep 2017 - 11:48

Die Gründung des ifw ist eine großartige und dringend notwendige, ja längst überfällige Einrichtung!
Im Verbund mit dem hpd, fowid, gbs und den weiteren säkularen Organisationen stärkt das ifw das Spektrum der Kräfte, um das Verfassungsgebot "Trennung von Staat und Kirche" besser durchzusetzen.
Diese Kräftebündelung läßt hoffen, dass die Bundesrepublik Deutschland dann endlich doch noch zur "Heimstatt aller Staatsbürger" wird.
Die Aufgabe ist wahrlich groß: " Die Kirchen wenden für Rechtsfragen mehr Geld auf, als für die Verkündigung. Grob geschätzt, besteht die Hälfte der jeweiligen kirchlichen Behörden aus Juristen." schreibt Gerd Lüdemann in seinem Erfahrungsbericht "Theologie zwischen freier Wissenschaft und religiöser Vorgabe" (o.J. S.66).

Schließlich bleibt sehr zu wünschen, dass die Erträge aus der Arbeit der obigen Organisationen auch Eingang finden in die allgemeinen Medien, in die breite, derzeit noch ziemlich ahnungslose Öffentlichkeit. Es ist ja leider so, dass die Medien auf dem "Kirchenauge" einigermaßen blind sind - auch dank der kirchlichen Journalistenschulen.
Ebenso brauchen viele unserer PolitikerInnen dringend Nachhilfe-Unterricht in den Fragen, die die obigen Organisationen bearbeiten.

Dr. Ingeborg Wirries (nicht überprüft)

Mi. 6 Sep 2017 - 11:55

Nachtrag:
Gerd Lüdemann: Theologie zwischen freier Wissenschaft und religiöser Vorgabe. Ein Erfahrungsbericht, in: Helmut Ortner/Stefana Sabin (Hgg.): Politik ohne Gott. Wie viel Religion verträgt unsere Demokratie?, Springe, zu Klampen, 2014, S. 62-69.

Klaus Roggendorf (nicht überprüft)

Mo. 18 Sep 2017 - 15:42

Das Institut greift Aufgaben auf, welche die Regierungen/die Regierenden für ihr eigenes Tun demokratisch transparent und überprüfbar darzulegen hätten. Das Weltanschauungsrecht als Teil der Menschen-Rechte* braucht entsprechend Menschen-Pflichten*, die in einem global-ethisch demokratischen Diskurs aller Weltanschauungen, philosophisch erkenntnisstandgerecht begründbar*, von a
llen mündigen Menschen erarbeitet und gelebt werden. Dabei wird sich zeigen, dass gestrige Philosophien* begrifflich - nicht erkenntnisstandgemäß - folgenschwer versagt* haben. Das zeigt sich z. B. an der falsch verstandenen, beliebig mißbrauchten Freiheit*,Würde*,... - ohne Verantwortung - Willkür* bedeuten. Mehr dazu im Internet u. Facebook unter: Klaus Roggendorf + - *

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