Rezension
Zeitbomben in "heiligen" Büchern
Drei renommierte (emeritierte) Universitätslehrer für Religionsphilosophie, alttestamentliche Bibelwissenschaft und Islamwissenschaft stellen sich angesichts fundamentalistischer Religionsaussagen und nahezu täglicher Anschläge islamischer Dschihadisten der Aufgabe, religiöse Zeitbomben in "heiligen" Büchern aufzuzeigen und einen vernünftigen Umgang damit zu finden.
Nicht nur der Koran und die Hadithe, auch die jüdische Bibel (Tanak) und die jüdisch-christliche Bibel (Altes Testament) enthalten Texte, die zur Vernichtung von "Gottesfeinden" aufrufen, Judenverfolgung legitimieren, politische Universalansprüche erheben und grundlegenden Menschenrechten widersprechen. Für die meisten Juden und Christen sind diese Aussagen obsolet geworden, für den Weltislam besitzen sie nach wie vor Gültigkeit. Das vorliegende Buch beschreibt die geistigen und moralischen Sprengstoffe in der jüdischen und christlichen Bibel sowie im Koran und unterbreitet Vorschläge zu deren Neutralisation.

Zu Beginn der Ausführungen geht es den Autoren darum, die Kampftexte in der Bibel und im Koran kulturgeschichtlich zu erklären, womit diese, inhaltlich relativiert, ihre Gültigkeit verlieren. In welchen politischen Situationen sind diese Passagen entstanden und an wen waren sie gerichtet? Anton Grabner-Haider beleuchtet die Entstehung der heiligen Bücher mit ihren sprachlichen Wurzeln und Entstehungsgeschichten: Die Veden (1.500 – 1.000 v.Chr.), die Schriften des Alten Orients, die Lehren aus China und anderer alter Kulturen, die jüdische Bibel (500 – 250 v.Chr.), die christliche Bibel (30 – 120 n.Chr.) und der Koran (600 – 650 n.Chr.) bieten Erzählungen, Moralnormen, Gesetze und Weisheitslehren vergangener Epochen; die Texte wurden tabuisiert und durften nicht verändert werden. Die Hermeneutik der jüdischen und christlichen Bibel, wie auch des Koran, enthält neben positiven Elementen Deutungen, die im religiösen und politischen Denken der Gläubigen zu "fast unvorstellbaren Kräften der Selbstzerstörung" führten. Zusammenfassend meint der Autor, dass die Entschärfung religiöser Zeitbomben in modernen Gesellschaften grundsätzlich möglich und in der chinesischen und japanischen Religion, aber auch im Christentum und Judentum weitgehend gelungen sei. Die Erkenntnisse der kritischen Philosophie, der modernen Psychologie, der Kultur- und Naturwissenschaften bringen eine Relativierung religiöser Lehren und Normen mit sich. Damit sei auch Säkularisierung verbunden, die allerdings nach Meinung des Autors die Gefahr beinhalte, „dass mit der Relativierung christlicher Lehren auch die moralischen Grundwerte brüchig werden“. Anton Grabner-Haider plädiert für nur partielle Religionskritik, die wirkungsvoller sei, als die totale Ablehnung von religiösen Bildern, Lehren und Normen.
Bernhard Langs Ausführungen zu "Problemtexten der Bibel", verweisen auf "Wege zum Humanismus durch Kritik und den allegorischen Imperativ". Es gibt "satanische Verse" und ein Erbe der Gewalt in der Bibel; sie stellen große Herausforderungen dar und rufen nach Strategien der Bewältigung, Bibelkenner nehmen dazu vier Rollen ein: Als Kritiker decken sie Probleme auf, als Praktiker wählen sie aus und lassen Problematisches weg, als Exegeten oder Lehrer wecken sie Verständnis für vergangene Kulturen und erklären deren Eigenart, als kreative Theologen beweisen sie Mut in der Auslegung religiöser Texte (Midrasch) oder folgen dem allegorischen Imperativ, was bedeutet, Texte nicht wörtlich zu nehmen. "Diese gewaltigen Aufgaben sind längst nicht geleistet. Fachleute sind gefordert, aber nicht nur sie: jeder kann sich an diesem Geschäft beteiligen".
Karl Prenner widmet seinen Beitrag dem Koran "als zeit- und literaturgeschichtliches Dokument" und seiner "humanistisch-hermeneutischen Deutung für die Gegenwart". In einer kritischen Bestandsaufnahme des Islam werden Fragen der Menschenrechte sowie "Kampf, Krieg, Gewalt", und das Verhältnis von "Gläubigen zu Ungläubigen" behandelt. "Ungleiche Rechte für Männer und Frauen", "fehlende Meinungs- und Glaubensfreiheit" und das islamische Strafrecht bilden weitere Kapitel. Im Islam steht nicht der Mensch, sondern Gott und die Religion im Mittelpunkt; "es ist der Konflikt zwischen einer auf den Menschen und einer auf Gott ausgerichteten Weltsicht und zwischen den damit verbundenen Zivilisationen". Die meisten arabischen Staaten haben die UN-Menschenrechtscharta in ihre Verfassungen aufgenommen, ordnen diese jedoch der Scharia unter. Eines der Hauptprobleme einer zeitgemäßen Koranhermeneutik besteht darin, dass der offizielle Islam im Koran ein wörtliches Diktat Gottes sieht, Vertreter anderer Ansichten werden mit dem Tode bedroht und müssen im Ausland Zuflucht nehmen. Der Autor zitiert Islamwissenschaftler wie Tibi, Khorchide, Rhaman, Mansur, Abdel-Samad, Schirra, Ucar und Ourghi; letzterer bezeichnet den islamischen Glauben als gefährlich, wenn keine kritische Reflexion erfolgt. Erläuterungen zum mekkanischen und medinischen Islam-Modell, zur Sozialgesetzgebung im historischen Kontext, zu Fragen der Apostasie, zu Offenbarung und zur arabischen Sprache als Kulturvermittler sowie Reflexionen über das Gottes- und Menschenbild des Islam ergänzen die Ausführungen. Karl Prenner verweist dabei auch auf die Bemühungen moderner islamischer Hermeneutiker; so fordert z.B. Khorchide, gegenüber der traditionellen "Theologie des Gehorsams" eine "Theologie der Barmherzigkeit" zu entwickeln und nach Ourghi ist die Zeit gekommen, "dass die Muslime den apriorischen Wahrheits- und Überlegenheitsanspruch aufgeben, der bis heute im muslimischen Glauben vorherrscht".
"Kein Kampf der Kulturen" ist ein wichtiges Buch religiöser Aufklärung, das mit zahlreichen Originalzitaten umfassend und tiefgründig Wissen zu in heutiger Zeit unakzeptablen Texten und Universalansprüchen der jüdischen, christlichen und muslimischen Religionen enthält. Die inkriminierten Inhalte werden im Kontext ihrer Entstehungs- und Wirkungsgeschichte dargestellt, Hinweise und Vorschläge zum Umgang mit Kampf- und Diskriminierungsaufrufen, mit unmenschlichen Strafen und massiven Menschenrechtsverletzungen ergänzen die Ausführungen. Die Autoren plädieren für eine Kennzeichnung der betreffenden Texte als nicht mehr zeitgemäß und für Korrekturen im Hinblick auf moderne, humanistische Religionsauffassungen, "denn nur, wenn die flächendeckende Entschärfung dieser religiösen Zeitbomben gelingt, können die großen Religionen einen Beitrag zum Weltfrieden leisten". Anton Grabner-Haider schlägt zudem auch vor, eine kulturgeschichtliche Deutung der Bibel und des Koran auf allen Schulstufen, an allen Hochschulen und in der Erwachsenenbildung zu vermitteln; das Ziel müsse sein, von einer Glaubens- zu einer Kulturreligion zu gelangen.
Anmerkung des Rezensenten: Dass Religionen essentielle Beiträge zum Weltfrieden leisten sollen, ist ein wichtiges, ambitioniertes Vorhaben, von Glaubens- zu Kulturreligionen zu gelangen, bildet jedoch für Menschen, die religiösen Vorstellungen nichts abgewinnen können, kein erstrebenswertes Ziel. Ihrer Ansicht nach bietet eine frühe Erziehung und umfassende Bildung hin zu einem modernen, säkularen (evolutionären) Humanismus mehr Chancen, die destruktiven Elemente von Religionen zu überwinden und in der Verbindung von heutigen Erkenntnissen der Wissenschaften mit den Werten des Humanismus (nach der Methodik des kritischen Rationalismus) Werte und Orientierung für ein sinnerfülltes, weitgehend glückliches Dasein in einer friedlicheren Welt zu finden. Gegenseitige Unterstützung und partielle Zusammenarbeit der Befürworter von Kulturreligionen und säkularem Humanismus können sich aber als vorteilhaft erweisen.
Anton Grabner-Haider / Bernhard Lang / Karl Prenner, Kein Kampf der Kulturen – Kritische Auslegung der Bibel und des Koran, Verlag Dr. Kovać GmbH, Hamburg, 2020, ISBN 978-3-339-11444-0, 163 Seiten.

Kommentare (8)
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Na da sehe ich ja schon einen
Na da sehe ich ja schon einen Ansatz zum Fortschritt in Richtung evolutionären Humanismus
und Ethik statt Moral sowie Empathie statt Abgrenzung und Fremdenhass.
"Gegenseitige Unterstützung
"Gegenseitige Unterstützung und partielle Zusammenarbeit der Befürworter von Kulturreligionen und säkularem Humanismus können sich aber als vorteilhaft erweisen." - Angesichts des unmittelbar zuvor im letzten Absatz Gesagten erschließt sich mir der Sinn dieses letzten Satzes nicht. Was könnte da vorteilhaft sein?
Ehrlich gesagt weiß ich mit
Ehrlich gesagt weiß ich mit dem Begriff Kulturreligion nichts anzufangen. In Wikipedia wird er mit dem Begriff Hochreligion gleichgesetzt und mindestens 2 der genannten Kriterien dafür sind entschieden nicht das, was man sich als säkularer Humanist wünschen kann. Noch weniger weiß ich mit dem Begriff Glaubensreligion anzufangen. Da wird in einem Wort doppelt gemoppelt. Folglich ist auch eine Unterscheidung zwischen den beiden schlicht sinnlos. Ebenso unsinnig finde ich die Unterscheidung von Fundamentalkritik und partieller Kritik. Was soll bei einer partiellen Kritik tabuisiert werden ? Es versteht sich von selbst, dass alles kritisiert werden darf, aber für das Zusammenleben irrelevante Glaubensinhalte keiner staatlichen Regulierung unterworfen werden dürfen. Da aber, wo dieses betroffen ist gilt der Orientierungsrahmen der Menschenrechte und muss in der Verfassung eines Staates formuliert werden sowie ordnungsrechtlich und strafrechtlich durchgesetzt werden. Religionen müssen sich schlicht dahingehend entwickeln, das zu akzeptieren. Nur 1 Beispiel, Beschneidung: Es darf nicht sein, dass unmündige Kinder verstümmelt werden, Erwachsenen aber soll es unbenommen sein, sich frei dafür zu entscheiden.
Ansonsten gibt die Anmerkung des Rezensenten auch meine Meinung wieder.
„Zu Beginn der Ausführungen
„Zu Beginn der Ausführungen geht es den Autoren darum, die Kampftexte in der Bibel und im Koran kulturgeschichtlich zu erklären, womit diese, inhaltlich relativiert, ihre Gültigkeit verlieren.“ Genau diesen Gedanken gehen aber schon Fundamentalisten aller Couleur nicht mit. So ehrenwert ein solches Bemühen also sein mag, es ist nutzlos. Es überzeugt nur die, die schon überzeugt sind. Mit Argumenten kommt man gegen keine Ideologie an, ob religiös oder nicht.
Verse des Koran die Bezug
Verse des Koran die Bezug nehmen auf den Kafir, Apostat, Märtyrer, Dschihad, Diskriminierung der Frau, gehören zum politischen Islam, nicht zur gerechten Ausübung des islamischen Glaubens.
So wären die Hälfte der Verse im Koran auf dem Abstellgleis - soweit die heiligen Worte.....
Jetzt geht es an die Wurst : Sollte doch einer der Autoren Vorstellungen entwickeln, wie die "geächteten Verse" in den "goldenen Schrein" der Vergesslichkeit, des "nimmer wieder- Sehens" gelangen.
Die Aufgabe hätte einen Lohn : den Nobel des Friedens : ein Stück vom "europäischen Islam".
Die Zeitbomben sind nicht
Die Zeitbomben sind nicht mehr nur ein Fragment in "heiligen"Büchern.
Zugriff und Zündung könnte unseren Erdball paralysieren.
Mit großer Besorgnis verfolge ich die dramatische Zuspitzung des Konflikts zwischen den USA und der islamischen Welt. Gelingt es der Weltgemeinschaft, ein Inferno zu verhindern? Können Diplomatie, Appelle an die Vernunft und die gemeinsame Verantwortung für das Leben eine Katastrophe verhindern?
Ohne ökonomische, militärische, politische Strategien, oder kulturelle Interessen zu erhellen, ist eine Tatsache nicht vom Tisch zu reden.
Zwischen den Aussagen ' Gott mit uns' ( Koppelschloss Wehrmacht) 'Allahu akbar' und 'God bless America', sind gefährliche Parallelen erkennbar.
Absoluter Machtanspruch, Rechtfertigung im Vorgehen gegen Minderheiten, Menschen anderer Hautfarbe, 'Ungläubige', anderer Ethnien etc.
Die eigene Religion, der fundamentale Glaube ( s. am Beispiel der Evangikalen in den USA) sind von Gott her bestimmt! Deren Regierungsvertreter definieren sich und das weiße Amerika als Christliche Wertegemeinschaft, die ihr inhumanes Handeln in allen Fragen ihrer imperialistischen Hegemoniebestreben als legitim verkaufen. Dahinter verbirgt sich nichts weiter, als die nationalen Interessen (sprich Grosskapital und Banken)mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln durchzusetzen.
Was soll das?
Was soll das?
Die Autoren (nicht zu verwechseln mit dem Rezensent) sollten sich endlich eingestehen, dass Religion nicht dem Frieden dient sondern dem Krieg.
Der Über-Boss, der Gehorsam bis zum Tod fordert und die Verheißung auf ewiges Leben für die Gehorsamen hat nur einen sinnvollen Anwendungszweck: Krieg.
Mehrere Jahrtausende Menschheitsgeschichte einschließlich des aktuellen Weltgeschehens zeigen eindeutig: Je religiöser die Zeiten, je religiöser die Völker, um so kriegerischer die Zustände.
Je fester Menschen an ein besseres Leben nach dem Tode glauben, desto leichter sind sie in den Krieg zu schicken. Mit Religion werden Menschen mental fit gemacht für den Krieg. Mit Religion werden Menschen geistig abgerichtet für den Krieg.
Die Theologen Grabner-Haider, Lang, Prenner, u.a. wehren sich verzweifelt gegen diese Erkenntnis. Um die Pfründe der Kirchen zu sichern?
Prima Initiative! Weihnachten
Prima Initiative! Weihnachten wurde bei den Lesungen in christlichen Kirchen (AT,NT) wieder heftig gegen Gottlose und Ungläubige gehetzt.
Es ist unfassbar, dass in Deutschland, unserem Land, gegen uns gehetzt werden darf und die Christen das unchristlicherweise weiterpflegen, d.h. uns ständig diskriminieren dürfen - in einem Land, in dem das Wort Neger oder Mohrenkopf obsolet ist und das Kopftuch heilig gesprochen wird. Eine Schande - hier fehlt jede Sensibilität und Achtsamkeit! Karin Resnikschek, Tübingen-Entringen