Austrittszahlen für 2020 veröffentlicht

Nur noch 51 Prozent der Deutschen sind Kirchenmitglieder

Die beiden großen christlichen Kirchen haben gestern ihre Statistiken zu den Mitgliederzahlen für das Jahr 2020 veröffentlicht. Zwar traten weniger Personen aus als 2019, dennoch sank der Anteil von großkirchlich gebundenen Christen weiter auf nun 51 Prozent.

Einen neuen Austrittsrekord gab es für 2020 zwar nicht zu vermelden – aber auch keine Trendwende. Die Austrittsgeschwindigkeit ging im Corona-Jahr um rund 18 Prozent zurück; ob das lediglich der Lockdown-Effekt ist und dem Kirchenaustrittsterminstau geschuldet ist, wird sich im kommenden Jahr zeigen. Denn die pandemiebedingt begrenzten Termine waren in den letzten Monaten stark nachgefragt (der hpd berichtete), unter anderem in Köln, wo sich der Skandal um das zurückgehaltene Missbrauchsgutachten immer weiter zuspitzte.

Zum Stichtag 31. Dezember 2020 waren 20.236.210 Personen Mitglied in der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), die Deutsche Bischofskonferenz (DBK) gab eine Mitgliederzahl von 22.193.347 aus. Das entspricht einem evangelischen Bevölkerungsanteil von 24,3 und einem katholischen von 26,7 Prozent. Somit hat sich der Anteil der Bevölkerung, der in einer der beiden christlichen Großkirchen gebunden ist, der Fifty-Fifty-Grenze wieder um einen Prozentpunkt angenähert: 51 Prozent der Menschen gehören aktuell noch einem der beiden Glaubensvereine an. Nicht eingerechnet sind orthodoxe und freikirchliche Gemeinden.

"Wir sehen ganz klar den Abschied von der Volkskirche in Deutschland", sagte der Theologe Prof. Ulrich Riegel dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) dazu. Die Bindung an die Kirche sei in der Pandemie insgesamt zurückgegangen, ergänzte der Religionssoziologe Prof. Detlef Pollack.

In Zahlen traten 220.000 Kirchenmitglieder auf evangelischer und 221.390 auf katholischer Seite aus. Zusammengerechnet entspricht das 441.390 Kirchenaustritten im vergangenen Jahr; 2019 waren es 543.000 Menschen, die den traditionellen Kirchen den Rücken kehrten.

Experten rechnen laut RND damit, dass die Austritte in den kommenden Jahren weiter ansteigen werden, gleichzeitig ließen immer weniger Eltern ihre Kinder taufen: Die EKD verzeichnete nahezu eine Halbierung der Taufen, die DBK berichtete ein Minus von über einem Drittel. Auch würden die Kinder immer seltener religiös erzogen.

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Kommentare (11)

Hans Trutnau (nicht überprüft)

Do. 15 Jul 2021 - 12:40

Gibt es Zahlen bzgl. des Anteils Konfessionsfreier? Über 40 %?

Carsten Ramsel (nicht überprüft)

So. 18 Jul 2021 - 10:41

Antwort auf von Hans Trutnau (nicht überprüft)

Wenn wir annehmen, dass 5 Prozent der Bevölkerung Muslime sind und 5 Prozent anderen (christlichen) Religionsgemeinschaften, dann bleiben 39 Prozent Konfessionsfreie übrig. Etwa 1/3 bis die Hälfte der Kirchenmitglieder dürften nominelle Mitglieder sein (z.B. MDG-Studie 2020 der katholischen Kirche).

Hans Trutnau (nicht überprüft)

Mo. 19 Jul 2021 - 22:02

Antwort auf von Carsten Ramsel (nicht überprüft)

Nah dran an fowid 2019, wo ich inzwischen nachsah: https://fowid.de/meldung/religionszugehoerigkeiten-2019 (m.E. eine verlässliche Quelle).
Wenn man die jährliche Zunahme der Konfessionsfreien hochrechnet, dürften diese inzwischen (Ende 2021 ziemlich sicher) 40 % überschritten haben; freu.

Gerhard Baierlein (nicht überprüft)

Do. 15 Jul 2021 - 13:32

Ein hoffnungsvoller Artikel der anzeigt, dass die Menschen sich nicht länger betrügen lassen von einer erfundenen Religion, welche nur den Betreibern, also dem Klerus nützt.
Um ein guter Mensch zu sein bedarf es nicht den Umweg des Glaubens an eine Gottheit,
sondern nur der jedem Menschen inhärenten Empathie und dem Willen zum Frieden.
Religionen spalten die Menschheit seit Jahrhunderten und bringen nur Kriege und Morden hervor, wie es die Gegenwart noch heute zeigt.
Ein loslösen von allen religiösen Glaubensrichtungen wäre eine Befreiung für die gesamte Menschheit und dafür ein Besinnen auf die eigene Kraft und Kreativität zum Nutzen aller.
Religionen sind der größte Hemmschuh für ein friedliches Zusammenleben der Völker.
Wir müssen lernen zu erkennen was uns verbindet und nicht was uns trennt.
Leider kann ich nur im Konjunktiv schreiben, aber die ist m.E. der einzige Weg aus dem Dilemma, in welchen wir stecken, zu entkommen.

Klaus Weidenbach (nicht überprüft)

Do. 15 Jul 2021 - 17:30

Es gibt sicher viele Gründe, aus der Kirche auszutreten: Kirchensteuerersparnis, Missbrauchsfälle, die Inhaltsleere der kirchlichen Lehre, 3000 Jahre jüdisch - christliche Religionsgeschichte mit ihren wenigen Höhen, aber vielen Tiefen.
Der vielleicht nicht von allen Austrittswilligen erkannte Grund ist wohl die Tatsache, dass man mit den bronzezeitlichen Fake - News der jüdisch - christlichen Religion die Probleme des 21. Jahrhunderts weder erkennen noch lösen kann. An Zeus, Jupiter Huitzolopochtli oder die Zahnfee glaubt heute schließlich niemand mehr. Aber auch andere "Heilslehren" aus dem nahen Osten, die eine Erlösung und ewiges Leben für die Gläubigen versprechen, können ihre Schäfchen nur mit brutaler Drohgebärde bei der Stange halten, weil ein Austritt aus der Umma ein todeswürdiges Verbrechen ist

Rampp Gerhard (nicht überprüft)

Do. 15 Jul 2021 - 18:30

Zwei Aspekte sind zu ergänzen:
1. Der tatsächliche Mitgliederschwund der beiden Kirchen ist 2020 mit 884.000 der größte je in einem Jahr angefallene, wobei erstmals die Verluste durch den Generationenwandel (Sterbefälle minus Taufen) höher sind als durch Kirchenaustritt minus Kircheneintritt. Von den Verstorbenen sind bzw. waren nämlich mehr als zwei Drittel Kirchenmitglied, während im Schnitt der letzten Jahre nur zwei von fünf Neugeborenen getauft werden.
2. Bei der Zählung der Katholiken in den einzelnen Pfarreien werden in fast allen Diözesen auch Katholische mit Zweitwohnsitz erfasst, die aber am Erstwohnsitz ebenfalls gezählt werden. Rechnet man realistischerweise 700.000 Doppeltzählungen ab, liegen die beiden Kirchen schon Ende 2020 bei 50,2 Prozent und sind inzwischen bereits in der Minderheit.

Zu 1. reichen die statistischen Unterlagen der beiden Kirchen (www.dbk.de, www.ekd.de) nebst den Einwohnerzahlen des Stat. Bundesamts. Wer über die Jahre hinweg die Zeitschrift MIZ (Materialien und Informationen zur Zeit, Alibri Verlag Aschaffenburg) studiert, ist sowieso auf dem Laufenden.
Zu 2.: Dass die kath. Daten in den einzelnen Pfarreien erhoben werden, wird niemand bestreiten. Das Statistikreferat der Bischofskonferenz teilte bis 1994 in den stat. Jahrbüchern der Bundesrepublik stets mit: "Die Mitgliederzahl ist in den Bistümern mehr oder minder überhöht." Dann erhielten sie einen Rüffel von oben und schrieben nur noch "lt. Angaben der Pfarreien und Bistümer". (Zitate nur aus dem Gedächtnis, daher evtl. im Wortlaut geringfügig abweichend, aber sinngemäß zutreffend) Aber 2008 bereinigte die Diözese Augsburg die Zahlen mit dem Ergebnis, dass die kath. Kirche bundesweit nur ca. 250.000 Mitglieder verlor, darunter aber die Diözese Augsburg 81.000. Auf Nachfrage teilte sie mit, dass der tatsächliche Verlust nur 10.500 Mitglieder betrug, 70.500 waren Streichungen von doppelt Gezählten. Die bundesweite Zahl von 700.000 ist eine extrem vorsichtige Schätzung von mir, denn das wäre nur das Zehnfache von Augsburg.

Andreas Müller (nicht überprüft)

Sa. 17 Jul 2021 - 08:49

Sowenig ich Glaube als Welterklärung nachvollziehen kann und die Machstrukturen leiden mag (die katholische ist mir um Welten unsympathischer als die evangelische), so sehr bin ich überzeugt, dass sich die Menschen andere „Erzählungen“ suchen, denn die Wissenschaften spenden wenig Trost. Ob also die neuen Erzählungen besser sein werden?

Karl-Heinz Büchner (nicht überprüft)

Do. 29 Jul 2021 - 22:39

Antwort auf von Andreas Müller (nicht überprüft)

Hallo Herr Müller,
sind "die Menschen" kleine Kinder, die Trost brauchen, wenn die Welt nicht so ist, wie sie sie gerne hätten?
Wäre es nicht langsam an der Zeit, den Menschen zu sagen, dass die Verhältnisse so sind, wie sie sind und dass nur sie selbst etwas daran ändern können?
Ich denke, die meisten wissen das.

Gisa Bodenstein

Die Autorin studierte Kulturgeographie mit den Wahlfächern Politische Wissenschaft, English and American Studies und Physische Geographie in Erlangen. Danach war sie für die Erlanger Nachrichten und die Berliner Morgenpost tätig. Seit 2017 arbeitet sie für den hpd und hat im April 2025 den Posten der Chefredakteurin übernommen.

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