Der Ram-Tempel in Ayodhya: Fanal der Gerechtigkeit oder Mahnmal der Schande?
Bis 1992 stand in der Stadt Ayodhya, Uttar Pradesh, Indien eine Moschee. Die Babri Masjid war jahrhundertelang ein heiliger Ort des indischen Islam und wurde am 6. Dezember 1992 von einem hinduistisch-nationalistischen Mob niedergerissen. Jahrzehnte später wurde das Gelände dem Hinduismus zugesprochen, mit Hilfe zahlreicher Spenden begann der Bau eines opulenten Tempels. Nun erschüttern Vorwürfe von Veruntreuung und Korruption das Bauprojekt. Ein Blick auf die Geschichte dieses Geländes ist gleichzeitig ein Blick auf die Geschichte der Hindutva, des hinduistischen Nationalismus.
Foto: Prime Minister's Office via Wikimedia Commons Government Open Data License - India (GODL)
„Als Inder bin ich von dieser vulgären Brutalität zerrissen. Als Hindu werde ich die Schande dieser Barbarei niemals überwinden.” Mit diesen Worten beschrieb der Journalist Rakesh Sinha, was sich am 6. Dezember 1992 direkt vor seinen Augen abspielte. Um 14:55 Uhr nachmittags fiel die erste Kuppel. Die dritte und letzte fiel nicht einmal zwei Stunden später, gegen 16:50 Uhr. Die anwesende Presse wurde vom Mob brutal zusammengeschlagen und für Stunden als Geiseln gehalten. Daraufhin machte der Mob sich daran, die Häuser aller in der Gegend lebenden muslimischen Familien niederzubrennen.
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Die Journalistin Sajeda Momin war an diesem schicksalhaften Tag ebenfalls anwesend und resümierte 25 Jahre später: „Als wir dort standen, von Mittags bis etwa 16:55 Uhr, als die letzte Kuppel fiel, und einem Treiben zusahen, das auf so vielen Ebenen illegal und verfassungswidrig war, sah ich meine ‚säkularen‘ – heute ist das ein Schimpfwort – Kolleg*innen weinen. Ich war zweifellos niedergeschlagen angesichts dessen, was die Zerstörung der Babri Masjid für das moderne Indien bedeute, aber ich weinte nicht. Was mir die Tränen ins Gesicht stiegen ließ, waren die zahllosen angsterfüllten muslimischen Menschen in der Polizeistation von Ayodhya, die nicht wussten, ob sie diese lebend verlassen würden.“
Die Vorgeschichte – und der Aufstieg der Hindutva
Die Babri Masjid stand seit dem 16. Jahrhundert in Ayodhya. Archäologische Ausgrabungen lassen vermuten, dass sie auf den Ruinen eines hinduistischen Tempels errichtet wurde. Im Außenhof standen seit jeher Statuen des hinduistischen Avatars Ram. Ayodhya gilt in Teilen des Hinduismus als Geburtsort Rams und wird dementsprechend verehrt. 1949 schließlich transportierten einige Leute die Statuen aus dem Außenbereich ins Innere der Moschee und platzierten sie direkt unter der Hauptkuppel.
Was folgte, war ein über Jahrzehnte eskalierender Religionskonflikt. Nach Aufgabe des britischen Kolonialmandats wurden hinduistisch-nationalistische Strömungen, die zuvor als Partisanen gegen die Kolonialmacht fungierten, ins politische System Indiens eingegliedert – hier finden sich die Ursprünge von Narendra Modis regierender BJP und der Hindutva als politischer Entität. Bereits in den 1960er Jahren wurden Forderungen laut, die Moschee durch einen hinduistischen Tempel zu ersetzen.
1986 entschied die Lokalregierung, den Innenbereich der Moschee auch für Hindus zugänglich zu machen und die Verehrung hinduistischer Gottheiten zuzulassen. Vier Jahre später rief der damalige Vorsitzende und Mitgründer der BJP, Lal Krishna Advani, zu einer rath yatra gen Ayodhya auf. Eine rath yatra kann als Pilgerfahrt verstanden werden, die historisch gesehen vor allem in denjenigen hinduistischen Strömungen praktiziert wird, die Krishna, Jagannath und – kritischerweise – Ram als Avatare der Gottheit Vishnu verehren.
Advanis Strategie, durch eine mehrmonatige Pilgerfahrt durch ganz Indien öffentliche Unterstützung für den Bau eines Ram-Tempels zu generieren, ging auf. Mehr als 150.000 Menschen versammelten sich am 6. Dezember 1992 auf dem Gelände der Babri Masjid, um sie gewaltsam und entgegen einer Anordnung des Supreme Court niederzureißen. Zehn Jahre später wurde Advani stellvertretender Premierminister.
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Eine 2009 veröffentlichte Untersuchung erhob schwere Vorwürfe gegen die Führungsspitze der BJP, insbesondere Advani. Die Partei solle mit der paramilitärischen RSS zusammengearbeitet und die Zerstörung der Moschee vorausgeplant haben. Sämtliche Angeklagten wurden 2020 vom Supreme Court freigesprochen.
Eine folgenreiche Gerichtsentscheidung
Die BJP sollte, beflügelt durch Ayodhya, zu einer elektoralen Supermacht avancieren. In den Parlamentswahlen 2014 und 2019 erreichte die Partei unter Narendra Modi eine alleinige Mehrheit. 2024 war sie noch immer die stärkste Partei, doch Modi musste zur Regierungsbildung koalieren. „Heute“, schrieb der Journalist Anand Mishra 2024 kurz vor den Parlamentswahlen, „reitet die BJP die selbe Welle der Glorifizierung des Hinduismus auf Kosten des säkularen Humanismus.“
2019, 27 Jahre nach Zerstörung der Babri Masjid, entschied der Supreme Court, das Gelände für den Bau eines Ram-Tempels freizugeben. Das Gericht bezeichnete die Ereignisse vom 6. Dezember 1992 im gleichen Atemzug als schwerwiegenden Rechtsbruch, ließ sich davon jedoch nicht umstimmen.
Das Projekt wird von einem Fonds gemanaged, die Bauarbeiten begannen im August 2020. Binnen dreieinhalb Jahren entstand in Ayodhya einer der opulentesten, architektonisch beeindruckendsten Tempel in ganz Indien. Narendra Modi persönlich hielt jeweils zur Grundsteinlegung und zur Einweihung am 22. Januar 2024 eine Rede und bezeichnete die Eröffnung des Tempels als „Beginn einer neuen Ära“ für ein „heiliges Indien“.
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Ein Spendenskandal von vedischen Ausmaßen
Der für Bau und Instandhaltung zuständige Fonds allerdings steht mittlerweile kurz vor der Implosion. Die bundesstaatliche Polizei von Uttar Pradesh und die Lokalpolizeien haben eine weitreichende Untersuchung in die Wege geleitet, nachdem bekannt wurde, dass Angestellte Gelder in schwindelerregenden Höhen abgezweigt haben sollen. Es geht um umgerechnet mehrere Millionen Euro, im Zuge der Ermittlungen wurden bisher acht Personen verhaftet, der Generalsekretär des Fonds und weitere namhafte Führungskräfte erklärten ihren Rücktritt.
Für Narendra Modi und die BJP stellt dies aus mehreren Gründen ein existentielles Problem dar. Zunächst oblag die Besetzung der Führungsspitze des Fonds hauptsächlich der Regierung, 12 von 15 Positionen wurden durch den BJP-Parteikader besetzt. Berichten zufolge soll die Wahl von Modi persönlich getroffen worden sein.
Hinzu kommt, dass Narendra Modi sich seit über einem Jahrzehnt als strahlender Ritter im Kampf gegen einen angeblich ausufernden Sumpf der Korruption stilisiert und den Bau des Ram-Tempels zu einer zentralen Säule seines hinduistisch-nationalistischen Wahlprogramms gemacht hatte. Die Spendenaffäre wird damit zu einem Emblem der Unglaubwürdigkeit und Ineffektivität der BJP, der Ram-Tempel zu einem politischen Damoklesschwert.
Um mit den Worten des Journalisten Nilanjan Mukhopadhyay zu schließen: „Offensichtlich hat ein Zusammenschluss aus Spitzenpolitik und Religion die tradierten Grenzen niedergerrissen und einen religiös-politischen Schnittpunkt erschaffen. (…) Ausgerechnet diejenigen, die Transparenz und eine ehrliche Verwendung der Gelder garantieren sollten, steckten mit den Angeklagten nachweislich unter einer Decke, wenn sie nicht sogar die Drahtzieher dieser Operation waren.“
Eine ausführliche Filmdokumentation zu den Hintergründen der Tempelzerstörung finden Sie hier.
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