Kulturkampf im Klassenzimmer: Polens neue Lehrpläne sorgen für Eklat
Weniger Religionsunterricht, dazu noch in den Randstunden und irrelevant für den Notendurchschnitt: Die polnische Regierung nach der PiS-Ära fährt den religiösen Einfluss in den Schulen zurück. Das sorgt natürlich für Empörung bei den katholischen Bischöfen.
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Gestern hat in Polen das neue Schuljahr begonnen. Und wieder mit reduziertem Religionsunterricht. Statt wie früher zwei Wochenstunden gibt es nun schon im zweiten Schuljahr nur noch eine Stunde Religionsunterricht in öffentlichen weiterführenden Schulen. Die Note fließt nicht mehr in den Notendurchschnitt ein, zudem wird die Unterrichtsstunde auf die erste oder letzte des Tages gelegt.
Mit diesen Neuerungen setzt Bildungsministerin Barbara Nowacka den Reformkurs der Mitte-Links-Koalition um. Zuvor hatte die rechtskonservative Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) die Schulen auf eine konservative und „patriotische Erziehung“ eingeschworen.
Pünktlich vor dem Schulstart veröffentlichte die Polnische Bischofskonferenz jetzt eine geharnischte Stellungnahme: Durch die neue Regelung sehen die Bischöfe die religiöse Bildung an Schulen an den Rand gedrängt. Sie fordern, den „angemessenen Stellenwert dieser Fächer“ unverzüglich wiederherzustellen und einen „echten Dialog“ mit Vertretern der Religionsgemeinschaft zu führen, heißt es in dem Papier, das vom Danziger Erzbischof Tadeusz Wojda unterzeichnet wurde.
In dem Papier betonen die Bischöfe, dass der Religionsunterricht kein kirchliches Privileg, sondern ein verfassungsmäßiges Recht sei. Dabei berufen sie sich auf die „der Gewissens- und Religionsfreiheit sowie [das] Recht der Eltern, ihre Kinder gemäß ihren eigenen Überzeugungen zu erziehen“. Zudem könne der Religionsunterricht konfessionsfreien Kindern und Jugendlichen zu einem besseren Verständnis von Geschichte, Kunst, Kultur und Literatur des Landes und Europas verhelfen. Doch das Dokument verrät auch, dass es den Bischöfen um mehr geht als nur um Kulturhistorie. Denn, wie sie weiter schreiben, sei die Religion „gerade in Krisenzeiten“ ein „Leitlicht, das verhindert, dass sie sich verirren“.
Bemerkenswert ist, dass die Bischöfe in ihrer Stellungnahme die Wahlmöglichkeit zwischen Religions- und Ethikunterricht nicht ablehnen. Die Vermittlung von Werten ermögliche „einen respektvollen Dialog und den Aufbau von Gemeinschaft“ und stehe deshalb nicht „im Widerspruch zum Pluralismus“.
Und dann auch noch Sexualkunde
Der Streichung waren hitzige Kontroversen zwischen Liberalen und den noch immer starken rechtskonservativen Kräften im Land vorausgegangen (der hpd berichtete). In diesem Spannungsfeld sorgt auch eine weitere Neuerung im Stundenplan für Aufregung: das Fach Gesundheitsbildung wird für alle Schüler verpflichtend. Vorgesehen für die Klassen vier bis acht an Grundschulen und weiterführenden Schulen, umfasst es Themen der körperlichen und psychischen Gesundheit, Ernährung, den Umgang mit Sozialen Medien und Suchtprävention. Der Zorn der Kirche richtet sich insbesondere gegen eines von zehn Modulen, die Sexualkunde. Dort geht es etwa um Verhütung, Geschlechtskrankheiten und den Schutz vor sexueller Gewalt. Es ist zugleich das einzige Modul, bei dem Eltern entscheiden können, ob ihre Kinder teilnehmen.
Die Kirchenvertreter bemängeln vor allem „das Fehlen einer klaren Position, wonach die Ehe eine Verbindung zwischen einem Mann und einer Frau ist“. Bereits im Frühjahr trieb der Protest kirchliche Akteure gemeinsam mit der politischen Rechten auf die Barrikaden.
Zu den Kritikern gehört auch der konservative Staatspräsident Karol Nawrocki von der Partei PiS. Nach seiner Ansicht werde „unter dem harmlos klingenden Namen dieses Fachs versucht, Ideologie und Politik in polnische Schulen zu schmuggeln“. Das könne nicht hingenommen werden, sagte der Präsident bereits im vergangenen Jahr.
Dagegen begrüßen viele Pädagogen und Politiker den Vorstoß der Bildungsministerin. „Gesundheitserziehung ist keine Ideologie, keine Weltanschauung. Es ist der Alltag, mit dem unsere Kinder konfrontiert sind“, betont etwa Aleksandra Gajewska, stellvertretende Ministerin für Familie, Arbeit und Sozialpolitik. Wie sie weiter betonte, biete das Fach vor allem die Chance, Kinder und Jugendliche auf den richtigen Umgang mit Stress, Ernährung, Suchtgefahren und psychischer Gesundheit vorzubereiten.