Der Mufti von Jerusalem und die Nationalsozialisten
Historisch-chronologisch aufgebaut beschreibt das Werk den Lebensweg dieser bedeutenden Figur in der Entwicklung des Nahen Ostens im 20. Jahrhundert. Dabei geht es um el-Husseinis Werdegang bis zur Wahl zum Mufti von Jerusalem und die ersten Kontaktaufnahmen zum „Dritten Reich", um die persönlichen Gespräche mit hohen Funktionsträger des NS-Staates und die organisatorische und propagandistische Unterstützung des Hitler-Regimes, um die Rolle bei der „Endlösung der Judenfrage" und die Rückkehr in den Nahen Osten nach 1945.
Zur Einschätzung der Person bemerkt Gensicke: „El-Husseini war das willfähige Werkzeug der Nationalsozialisten, das sich hauptsächlich Gedanken um die eigene Position machte. Ihm ging es im wesentlichen darum, von den Deutschen eine Art schriftliche Bestätigung über die arabische Unabhängigkeit zu bekommen, die er als Freibrief für seine eigene politische Zukunft benötigte" (S. 134). Und weiter: „Für ihn galt es vor allem in der letzten Phase des Krieges, wo an einer deutschen Niederlage nicht mehr zu zweifeln war, die Judenvernichtung schleunigst voranzutreiben" (S. 180).
Dem Autor kommt das Verdienst zu, die politische Biographie auf Basis des neuesten Forschungsstandes anschaulich geschrieben und strukturiert dargestellt zu haben. Dabei wendet er sich auch gegen manche verharmlosende Deutung in der Literatur und rückt das Wirken des Muftis im NS-Staat in das richtige Licht. Gerade hinsichtlich seiner Rolle bei der propagandistischen Begleitung des Judenmordes hätte man sich aber noch eine genauere Darstellung und Einschätzung gewünscht. Dafür zeichnet Gensicke anschaulich nach, wie der Mufti verschiedene NS-Stellen im eigenen Interesse gegeneinander ausspielte.
Ob er heute als „Stammvater aller Selbstmordattentäter und solcher Killernetzwerke wie Al-Qaida" (S. 164) gelten kann, wäre aber zu bezweifeln. Gleichwohl stellt der Mufti eine „Brücke zwischen dem Antisemitismus der Nationalsozialisten und der arabischen Welt" (S. 164) dar. Insgesamt hätte man sich in Gensickes Buch etwas mehr Analyse und nicht so sehr nur Beschreibung gewünscht. Auch verstört die altertümliche Bezeichnung „Mohammedaner" für Muslime. Gleichwohl handelt es sich um ein bedeutendes Werk zu einer Person, dessen Wirken gerade angesichts des aktuellen Antisemitismus von Islamisten und Rechtsextremisten Interesse verdient.
Armin Pfahl-Traughber
Klaus Gensicke, Der Mufti von Jerusalem und die Nationalsozialisten. Eine politische Biographie Amin el-Husseinis, Darmstadt 2007 (Wissenschaftliche Buchgesellschaft), 247 S., 49,90 €
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