Die Auseinandersetzung mit einem islamkritischen Werk aus dem Jungeuropa Verlag eröffnet nicht nur einen Einblick in die Debatten der Neuen Rechten, sondern schärft auch die Konturen einer säkular-humanistischen Gegenposition. Dabei zeigt sich, wo seine Kritik am Islamismus berechtigt ist und warum seine Verallgemeinerungen über Muslime und den Islam dennoch nicht überzeugen.
Was tut man, wenn man von einem Verlag, der der Neuen Rechten zugerechnet wird, ein Buch zur Rezension angeboten bekommt, weil man ein anderes Buch aus diesem Verlag zwar kritisiert, aber wenigstens korrekt wiedergegeben hat? Ganz einfach: man rezensiert es und unterzieht es der selben fairen aber kritischen Analyse. Dabei lässt sich nicht nur etwas über die Diskussionen innerhalb der Neuen Rechten lernen, sondern auch die eigene Position genauer bestimmen.
Im konkreten Fall geht es um das Buch "Zur Unterwerfung bereit. Über die muslimische Zuwanderung und die Islamisierung Europas" von Lothar Fritze aus dem Jungeuropa Verlag. Fritze formuliert darin eine Position, die als Gegenposition zu Frederic Höfer verstanden werden kann, der das Feinbild Islam als Sackgasse bezeichnete und eine Kooperation zwischen der religiösen Rechten im Islam und der ethnokulturellen Rechten propagiert. Fritze hingegen warnt vor einer Islamisierung Europas.
Zu Beginn des Buches formuliert Fritze eine Grundannahme, auf der am Ende die Argumentation des gesamten Buches ruhen wird, nämlich, dass liberale Gesellschaften auf der Basis einer von allen (oder fast allen) geteilten Minimalmoral funktionieren und dass gleichzeitig multikulturelle Gesellschaften typischerweise unter einem mangelnden Kanon dieser Überzeugungen leiden. Dies führt dazu, dass ein freiheitlicher demokratischer Staat sich nur dann behaupten kann, wenn er "Zu- und Einwanderung von Menschen mit nicht-integrierbaren politisch-moralischen Grundorientierungen auf ein verkraftbares Maß" drosselt.
Hier tritt die zentrale Argumentationsfigur des Buches hervor. Denn, dass man "nicht-integrierbare" Menschen nicht integrieren kann, ist trivial wahr. Was zu zeigen wäre, ist, dass tatsächlich in zu großer Zahl Menschen zu uns kommen beziehungsweise bereits hier leben, die tatsächlich aufgrund ihres muslimischen Glaubens nicht integrierbar sind. Die große Mehrzahl der Muslime, die als Kulturmuslime oder liberale Muslime hier leben und sich bereits integriert haben sprechen ebenso gegen diese These, wie die Kritik, die von diesen Muslimen am Islamismus oder Politischen Islam geübt wird. Fritze erkennt korrekterweise, dass ein islamischer Staat kein demokratischer sein kann; dass die Mehrheit der in Deutschland lebenden Muslime aber auch gar keinen solchen islamischen Staat wünscht, fehlt als Information. Ungefähr 81 Prozent von ihnen halten die Demokratie für die beste Staatsform im Vergleich zu 70 Prozent der Gesamtbevölkerung.

Auch lässt Lothar Fritze als "wahre Muslime" nur konservative Muslime und Islamisten gelten, ein ähnliches Vorgehen wie es auch konservative Muslime oft im Umgang mit liberalen Muslimen anwenden. Er schreibt zum Beispiel: "'Islamisten', das heißt: gläubige Muslime, die das Wort Gottes ernst nehmen", damit befindet er sich dann in guter Gesellschaft mit dem türkischen Präsidenten Erdoğan, der 2008 sagte: "Es gibt keinen Islam und Islamismus. Es gibt nur einen Islam." Man könnte sagen, dass Fritze sich damit unwissentlich an einem Projekt beteiligt, welches Islamisten 2015 im Online-Magazin des IS (Dabiq) ausgerufen haben: Die Auslöschung der Grauzone. Ob Fritze als wahre Christen auch nur diejenigen gelten lässt, die an eine fundamentalistische Auslegung der heiligen Schrift oder einen Katholizismus vor dem Zweiten Vatikanum glauben?
Die Probleme mit dem radikalen Islam bringt der Autor auf den Punkt, egal ob es der Herrschaftsanspruch ist, den dieser erhebt oder die Rechtfertigung von Gewalt, um Herrschaft zu erlangen. Ausführlich kommen Islamisten wie Maududi, Qutb oder Qaradawi zu Wort. Das Problem ist, dass er diese radikalen Vorstellungen allen Muslimen oder "dem" Islam zurechnet. Er schreibt etwa: "Dies wiederum heißt, dass sich kein Muslim aus innerer Überzeugung verbehaltlos dem Gewaltmonopol eines nicht-muslimischen, geschweige denn eines säkularen Staates unterstellen darf." Das ist eine Behauptung, die nicht nur an der Lebensrealität von Muslimen in Staaten mit muslimischer Bevölkerungsmehrheit, die ja zumeist keine islamischen Staaten sind – wie etwa Ägypten – vorbeigeht, sondern auch für Muslime in Europa nicht richtig ist. Auch erkennt Lothar Fritze, dass über Wahlen und den demokratischen Prozess auch Vorstellungen ultrakonservativer Muslime in den politischen Prozess eingespeist werden, dies ist in einem liberalen Staat sogar ausdrücklich gewünscht und gilt ebenso für reaktionäre christliche Positionen wie für sozialistische Vorstellungen auf der anderen Seite des politischen Spektrums. Die Grenzen der Zulässigkeit solcher Vorstellungen liefert das Grundgesetz.
Natürlich muss man die Probleme des radikalen Islam diskutieren und auch, warum die Politik sich so schwer tut diese zu benennen, oder warum man in einem säkularen Staat dem Schutz religiöser Gefühle so viel Platz einräumt. Ebenso muss es rätselhaft bleiben, warum ausgerechnet die politische Linke aktuell zu einem politischen Verbündeten des reaktionären Islam geworden ist, wo Frederic Höfer eigentlich überzeugend herausgearbeitet hatte, dass es sich um eine reaktionär-rechte Bewegung handelt. All das geschieht auch, jedoch ohne Muslime oder "den" Islam unter Generalverdacht zu stellen (siehe z.B. hier oder hier).
Der säkulare Humanismus steht quasi zwischen den Positionen Höfers und Fritzes. Er hat kein Problem mit der gelebten Religion des Islam als privater Religionsausübung, stellt sich aber gegen politische Theologien mit Herrschaftsansprüchen, wie zum Beispiel den Islamismus, aber auch das Politische Christentum. Er kennt insofern auch kein "Feinbild Islam", das über eine allgemeine Religionskritik hinausgeht. Wir tun gut daran, die verschiedenen gelebten Realitäten des Islam anzuerkennen und die Bruchlinien innerhalb des Islam zu sehen, wobei liberale und säkulare Muslime für säkulare Humanisten als Verbündete angesehen werden können. Mir ist jedoch schon jetzt klar, wie man im islamkritischen Teil der politischen Rechten auf diese Vorstellung reagieren wird: man wird sie als naiv abtun.
Lothar Fritze, "Zur Unterwerfung bereit. Über die muslimische Zuwanderung und die Islamisierung Europas", Jungeuropa Verlag, Dresden 2026, 248 Seiten, 22 Euro






