Missbrauch

Protest vor dem Dom in Fulda

"Das Thema Missbrauch lässt uns nicht los"

Vergangene Woche tagte die Deutsche Bischofskonferenz im Rahmen ihrer Herbstvollversammlung in Fulda. Kritisch begleitet wurde sie vom "Aktionsbündnis Betroffeneninitiativen", unterstützt von der Giordano-Bruno-Stiftung, die mit dem "Hängemattenbischof" und dem "Glücksrad der Entschädigung" sowie der "Langen Bank des Missbrauchsskandals" vor Ort waren und das Thema sexuelle Gewalt gegen Minderjährige in der Kirche erneut ganz oben auf die öffentliche Agenda hoben. Dementsprechend richteten Journalisten auch auf der abschließenden Pressekonferenz ein Hauptaugenmerk auf das Vorankommen der Aufarbeitung, von der die Betroffenen massiv enttäuscht sind.

Bischof-Janssen-Straße in Hildesheim

Alles, was zählte, waren Machterhalt und Täterschutz

Vergangene Woche wurde der Abschlussbericht zur Untersuchung sexualisierter Gewalt im Bistum Hildesheim während der Amtszeit von Bischof Heinrich Maria Janssen an Jens Windel von der Betroffeneninitiative-Hildesheim und den Bischof Wilmer (Hildesheim) übergeben. Was die Betroffeneninitiative von dem Papier hält, hat sie in einer ersten Einschätzung zusammengefasst.

"Glücksrad der Entschädigung" – Protestaktion zur Bischofskonferenz

Anlässlich der Herbst-Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz vom 20. bis 23. September in Fulda protestieren die Giordano-Bruno-Stiftung und das Aktionsbündnis Betroffeneninitiativen erneut gegen den unsäglichen Umgang mit den Betroffenen sexuellen Missbrauchs in kirchlichen Einrichtungen. Um ihrer Enttäuschung Ausdruck zu verleihen, werden drei Kunstwerke gezeigt: Das "Glücksrad der Entschädigung", der international bekannt gewordene "Hängemattenbischof", und die "Lange Bank des Missbrauchsskandals".

Die lange Bank

Kirchliche Paralleljustiz par excellence

Die Fülle von Missbrauchsskandalen der katholischen und evangelischen Kirche sowie deren träge Aufklärung und Entschädigung beschäftigen weiterhin viele Millionen Menschen. Nun wird eine angemessene Form der Aufarbeitung durch einen neuen Clou gehemmt: kirchliche Wohlfühlgefängnisse statt einem dauerhaften Ausschluss aus der religiösen Gemeinschaft und einer staatlichen Sanktionierung.

"Unsere Menschenwürde wurde verletzt, unsere Seelen gemordet"

Ende Juni schrieben Missbrauchsbetroffene einen Offenen Brief an alle 27 deutschen (Erz-)Bistümer; darauf haben sie laut eigenen Angaben nur wenig Rückmeldungen von Seiten der katholischen Kirche erhalten. Deshalb wenden sie sich nun passend zur Bundestagswahl an sechs Spitzenpolitiker_innen. Dieser neuerliche Offene Brief, den der hpd hier im Wortlaut veröffentlicht, wurde am Montag per Einwurfeinschreiben und per E-Mail versandt. Unterzeichnet haben ihn Betroffene und Verbände rund um das "Aktionsbündnis Betroffeneninitiativen".

Symbolbild

Indigene Überlebende warten vergeblich auf Entschuldigung des Papstes

Ende Mai diesen Jahres wurden durch Untersuchungen von Tk'emlúps te Secwépemc die ersten unmarkierten Kindergräber auf dem Gelände eines Internats für Indigene in Kanada gefunden. Es folgten weitere Bodenradaruntersuchungen anderer ehemaliger Schulgelände. Mittlerweile wurden über 1.000 Gräber entdeckt. Angehörige der Toten und Überlebende dieser Schulen erwarten Aufklärung und eine Bitte um Verzeihung vom Papst. Bisher weigerte sich dieser jedoch, um Entschuldigung zu bitten.

Kardinal mit Knebelvertrag

Am 4. Juni verkündete Kardinal Reinhard Marx, dass er Papst Franziskus seinen Rücktritt als Erzbischof von München und Freising angeboten habe. Mit diesem Schritt wolle er persönlich Verantwortung für den Missbrauchsskandal übernehmen, so Marx. Vergangenen Donnerstag folgte prompt die Antwort des Pontifex: Rücktritt abgelehnt. Über die Beweggründe sowohl des Kardinals als auch seines Dienstherrn wird seitdem fleißig spekuliert.

Katholische Kirche blockiert Untersuchung von Todesfällen in Internaten

Ende Mai waren bei einer Untersuchung durch Tk’emlúps te Secwépemc in einem von der katholischen Kirche geführten Internat für Indigene die Überreste von 215 Kindern gefunden worden. Die Regierung unter Premierminister Justin Trudeau geht von zahlreichen weiteren Fällen dieser Art aus. Die katholische Kirche zeigt sich unkooperativ bezüglich der Übergabe von Unterlagen zur Identifizierung der Kinder. Der Papst erklärt seine Trauer, verweigert aber eine Entschuldigung.

"Stets wirkten sich die Mängel zugunsten der Bischöfe aus"

Im März stellte das Erzbistum Köln ein juristisches Gutachten zum Umgang mit den Missbrauchsfällen in der eigenen Diözese vor, nachdem im Herbst vergangenen Jahres ein erstes Gutachten aufgrund angeblicher Mängel zurückgehalten worden war. Doch auch das neue Gutachten weist nach Meinung von Strafrechtlern erhebliche Mängel und sogar Merkmale eines Gefälligkeitsgutachtens auf. Im hpd-Interview äußert sich Strafrechtsprofessor Jörg Scheinfeld detailliert zu den Gründen für seine Kritik, die er vergangene Woche öffentlich gemacht hatte.