„Inbegriff der Nächstenliebe“?

motherteresa_by-turelio.jpg

Mutter Teresa 1986 / Turelio (CC Lizenz)

KÖLN. (hpd) „Inbegriff der Nächstenliebe“ oder „Todesengel von Kalkutta“? Zur Legendenbildung um Mutter Teresa im Spannungsfeld zwischen Wunschdenken, nützlicher Instrumentalisierung und Wahrheit anlässlich ihres hundertsten Geburtstags.

Bei der großen Anzahl an Verlautbarungen über die „Missionarin der Nächstenliebe“, welche sich zu gegebenem Anlass (am 26. August 2010 wäre Mutter Teresa hundert Jahre alt geworden) in medialer Vielfalt über uns ergießen, erscheint eine weitere mehr als überflüssig zu sein – wenn da nicht ein entscheidendes Manko zu beklagen wäre: In der Flut der Ehrerweisungen, Huldigungen und Verherrlichungen der Jubilarin gehen eventuell geäußerte kritische Anmerkungen und Hinterfragungen zu ihrer Tätigkeit und ihrem vornehmlich aus katholischer Sicht gezeichneten Bild völlig unter. Dabei erscheinen bei genauerer Betrachtung die ganzen Brimborien um den Personenkult mehr als fragwürdig, und damit tut ein deutlicher Widerspruch umso mehr Not.

Zur Vita

Mutter Teresa (bürgerlicher Name: Anjeze Gonxhe Bojaxhiu) wurde am 26. August 1910 in Üsküb (heute Skopje, Mazedonien) geboren. Sie wurde von ihren wohlhabenden katholischen Eltern sehr religiös erzogen und entschied sich schon im Alter von 12 Jahren für ein Leben als Ordensfrau. Mit 18 Jahren trat sie in den Orden der Loretoschwestern in Irland ein. Nach nur zwei Monaten verließ sie das Mutterhaus und zog in ein Haus des Ordens in Bengalen. Nach ihrer Ausbildung war sie dann 17 Jahre lang als Lehrerin in der St. Marys School in Kalkutta tätig. Bei einer ihrer Fahrten durch Kalkutta soll sie angeblich 1946 die göttliche Berufung verspürt haben, den Armen zu helfen. Zwei Jahre danach verließ sie den Orden und lebte unter den Armen in den Slums von Kalkutta. Einige ihrer Schülerinnen schlossen sich ihr an. 1950 gründete sie den Orden „Missionarinnen der Nächstenliebe“, der später auch vom Papst anerkannt wurde. Der Orden kümmert sich um Sterbende, Waisen und Kranke. Heute gehören dem Orden von Mutter Teresa mehr als 3500 Ordenschwestern und Ordensbrüder in 710 Häusern in 133 Ländern der Erde an.

Für viele gilt Mutter Teresa als Inbegriff der Nächstenliebe. So erhielt sie zahlreiche Auszeichnungen, darunter der Balzan-Preis für Humanität, Frieden und Brüderlichkeit 1978 und den Friedensnobelpreis 1979. Sie starb am 5. September 1997 in Kalkutta. Am 19. Oktober 2003 wurde sie von Papst Johannes Paul II selig gesprochen.

Kritikpunkte

Im Gegensatz zu einer religiös-dogmatischen oder dem Werberummel der angeblich für „Werte“ stehenden kirchlichen Institutionen zu vertrauensvoll aufgesessenen Sichtweise erscheint in humanistischer Wahrnehmung ihr ganzes Wirken in einem zweifelhaften Licht.

Nicht die humanitäre und medizinische Hilfe stand für sie im Vordergrund, sondern die Missionierung zum katholischen Glauben. Zu der häufig geäußerten Kritik an der mangelhaften medizinischen Ausbildung ihrer Mitarbeiter entgegnete sie z.B.:

„Nicht der Erfolg, sondern die Treue im Glauben ist wichtig.“

Diese Aussage ist neben vielem anderen Beleg dafür, dass ihr eigentliches Interesse dem Leben nach dem Tode galt, und so wollte sie auch ihre Nonnen nicht als Sozialarbeiterinnen verstanden sehen. Sie sah die Armut und das Leid als gottgegeben an und es ging ihr nicht wirklich darum, das irdische Leid ihrer Patienten zu lindern. Das folgende Zitat gibt in seiner ideologisch eingeschränkten Sichtweise beredtes Zeugnis:

„Es ist etwas sehr Schönes, wenn man sieht, wie die Armen ihr Kreuz tragen. Wie die Passion Christi, ist ihr Leid ein großes Geschenk für die Welt.“

Nach ihrem Tod wurden in den Lagern ihrer Hospitäler große Mengen schmerzlindernder Mittel gefunden, die aus Spenden stammten, die sie aber ihren Patienten vorenthalten hatte. Trotz großer Spendeneinnahmen war die medizinische Versorgung in den Sterbehospizen recht dürftig. Die Ernährung war katastrophal und zuweilen wurde das medizinische Besteck nicht ausreichend desinfiziert. Leicht heilbare Patienten wurden nicht immer in ein Krankenhaus eingewiesen, sondern sie wurden stattdessen zu Tode gepflegt. So bezeichnete die britische Zeitung Guardian die Sterbehospize des Ordens der Mutter Teresa als eine „organisierte Form unterlassener Hilfeleistung“. Aus all diesen Gründen ist die von einigen gewählte Bezeichnung „Todesengel von Kalkutta“ durchaus angebracht. Für die Beseitigung der Ursachen der Armut in der dritten Welt hat sie sich nie eingesetzt.

Aufgrund des großen Bekanntheitsgrades von Mutter Teresa, erhielt ihr Orden große Geld- und Sachspenden. Bei den Armen und Kranken kam davon aber nur sehr wenig an. Quellen in Großbritannien zeigen, dass z.B. 1991 den Einnahmen von umgerechnet etwa 2,6 Millionen Euro nur 180.000 Euro Ausgaben gegenüberstanden, d.h. nur etwa 7 %. Das restliche Geld landete auf einem Konto bei der Vatikanbank in Rom, die für ihre wohltätige Unterstützung der italienischen Mafia bekannt ist. Jedenfalls ist nicht wirklich klar, was mit dem überwiegenden Teil der Spenden geschah. So veröffentlichte das Magazin Stern am 10.09.1998 eine vernichtende Kritik von Mutter Teresas Werk mit dem Titel: „Nehmen ist seliger denn geben, Mutter Teresa: Wo sind ihre Millionen?“

Im Zusammenhang mit der katholischen Lehre gesehen, verwundert es natürlich nicht, dass sie sich u. a. als kompromisslose Abtreibungsgegnerin hervortat. Dies ist mit der Etikettierung „Inbegriff der Nächstenliebe“ für einen aufgeklärten Humanisten allerdings nicht in Einklang zu bringen.

Katholischer Altruismus

Die Einstellung und Denkweise von Mutter Teresa ist exemplarisch für die katholische Kirche. Es geht hier nicht wirklich darum, Menschen irdisches Leid zu mildern oder zu ersparen, sondern darum, die Seelen der Menschen fürs Jenseits zu retten. Bekanntlich verursacht körperliches Leid bei vielen Patienten Panik, die dann dazu führt, dass man nach jedem vermeintlich rettenden Strohhalm greift. Dies ist eine optimale Situation für die Missionierung.

Nicht zuletzt aus diesem Grund betreibt die katholische Kirche eine personell gut ausgestattete „Seelsorge“ in den Krankenhäusern. Auf der anderen Seite behindert die katholische Kirche seit Jahrzehnten die Verabreichung von Rauschmitteln an Schwerstkranke. Dennoch scheint sich in diesem Punkt bei den Politikern langsam die Vernunft durchzusetzen. So soll jetzt Cannabis in bestimmten Fällen aus medizinischen Gründen verabreicht werden dürfen. Aber auch bei einer vernünftigen Regelung der aktiven Sterbehilfe ist in unserem Land die katholische Kirche über ihren großen Einfluss z.B. über die Ethikräte der größte Hinderungsgrund. Mit ihrer Irrlehre und ihrer mittelalterlichen Vorstellung von Moral verursacht die katholische Kirche unsägliches Leid auf unserem Planeten. Ihre Art der selbst verstandenen Nächstenliebe ist in der Praxis häufig nichts anderes als reine Menschenverachtung.

So zeigt die Seligsprechung der Mutter Teresa, dass deren äußerst fragwürdiges Verständnis von Humanität zumindest dem eher fundamentalistischen Teil der Katho¬liken offensichtlich auch entspricht. Gemäßigtere unter ihnen sind vielleicht weniger informiert bzw. lassen mögliche Kritik an einer Quasi-Heiligen nicht an sich heran. Zu gern blendet man aus, was nicht ins Bild passt.

Das gilt in besonderer Weise für die Institution Kirche. Sie benutzt die „Marke Mutter Teresa“, um deren Popularität als „Selbstläufer“ im (angeblich) Positiven für sich zu instrumentalisieren. Gerät man nicht zuletzt heute als Nachfolgeorganisation primitiver Wüstensekten in arge Erklärungsnöte, so hilft doch immer noch bei vielen Zeitgenossen der Hinweis auf die eigene Wohltätigkeit, um inhaltliche Kritik auf diese Weise durch Abgleiten ins Atmosphärische abzuwimmeln. Dass diese „Wohltätigkeit“ nur zu einem verschwindend geringen Anteil finanziell von den Kirchen selbst getragen wird, gleichwohl dort aber ein Arbeitsrecht gilt, das (in Teilen) weltlicher Rechtsprechung Hohn spricht, ist wenig bekannt.

So beteiligt sich die katholische Kirche z.B. an den Kosten der Caritas nur mit knapp 2 %, beim „bischöflichen Hilfswerk“ Misereor beträgt der Kirchenanteil etwa 5 %. Das meiste Geld für diese katholischen Flaggschiffe der Nächstenliebe kommt vom Staat und von freiwilligen Spendern, d.h. man schmückt sich – wie auch bei Krankenhäusern, Altenheimen, Kindergärten und Schulen – mit fremden Federn. Gleichzeitig beansprucht sie aber die uneingeschränkte Hoheit ideologischer Ausrichtung für die eigene Institution und schafft damit Möglichkeiten zur Ausgrenzung Andersdenkender (z.B. Kindergartenplätze etc.) und zur Gestaltung der Personalpolitik (z.B. Nichtanstellung von nicht der reinen Lehre Angepassten oder nicht zumindest formal Katholischen, Kündigung von Wiederverheirateten, usw.). Die damit einhergehende Willkür ist zur Förderung des Untertanengeistes bestens geeignet. Eine „Mutter-Teresa-Caritas-Legende“ ist als christlicher (also ethisch zweifelhafter) Deckmantel da sehr willkommen. Lasst uns also ausnahmsweise St. Martin spielen und dieses Mäntelchen kräftig zerteilen.

Der Vorstand
der Regionalgruppe Köln/Bonn/Düsseldorf der
Giordano-Bruno-Stiftung