„Das kann eine Stadt sich nicht erlauben“

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Karin Kaltenkirchen /Foto: F. Lorenz

TRIER. (hpd) Die City-Initiative Trier ist ein Verbund der Händler und Gastronomie Triers. Die Stadt soll attraktiver werden, Besucher und Kunden anlocken. Doch der „Heilige Rock“ des Bistums machte ihnen einen Strich durch die Rechnung. Die Vorsitzende der City Initiative, Karin Kaltenkirchen, nannte dem hpd die Gründe und erklärt, weshalb man Trier derzeit trotzdem gut besuchen kann.

hpd: Die City-Initiative beteiligt sich aktiv an der Heilig Rock-Wallfahrt: Wie sieht diese Beteiligung aus?

Karin Kaltenkirchen: Die City-Initiative hat schon vor etwa anderthalb Jahren Kontakt zum Wallfahrtsbüro aufgenommen, um uns dort einzubringen. Unser Verein ist ja dafür da, Stadtmarketing und die Attraktivität des Standorts zu steigern. Wenn dann ein solches Großereignis stattfindet, möchte man natürlich in irgendeiner Form dabei sein. Unser Ziel war es einfach, den Pilgern ein guter Gastgeber zu sein – unabhängig davon, welche Glaubensrichtung da vorherrscht. Wir überlegten gemeinsam: „Was kann man da tun?“

Abgesehen von den Stadtplänen, die auch bei uns am Geschäft draußen hängen, Infotafeln, Aufklebern mit „Herzlich Willkommen!“ und verschiedenen Ausstellungen, wurden wir von der FH Trier persönlich angesprochen, ob wir im Modehaus Marx, deren Geschäftsführerin ich bin, vier Tuniken ausstellen würden, die in einem entsprechenden Wettbewerb gewonnen hatten. Da wir so viele Fenster haben, stellen wir pro Wallfahrtswoche eine dieser Tuniken aus. Wir liegen ja genau in der Schneise zwischen dem Dom, in dem der Heilige Rock gezeigt wird, und dem Palastgarten, wo die Pilger fast alle vorbeikommen.

hpd: Trotz Ihrer Unterstützung der Wallfahrt haben Sie irgendwann festgestellt, dass es zu Umsatzeinbußen kommt.

Kaltenkirchen: Ja. Von den Pilgern haben wir uns noch nie irgendetwas erwartet. Das war von Anfang an klar. Da wollten wir einfach nur guter Gastgeber sein, in der Hoffnung, dass jemand, der hier eine schöne Zeit als Pilger erlebt, vielleicht irgendwann noch einmal wiederkommt. Denn das Pilgern ist ja nicht unbedingt mit Shopping angelegt. Und dafür haben sie in der Masse auch gar keine Zeit, die Pilger sind ja mit ihren Gruppen gut organisiert. Sie gehen essen, sie nehmen an Gottesdiensten teil und fahren dann wieder.

Es ist jetzt das eingetreten, was aus meiner Sicht eine rein psychologische Geschichte ist: Dass diese wahrscheinlich realistische Zahl von 500.000 Pilgern, die überall in den Medien kommuniziert wurde, die Leute erschreckt: „Oh Gott, da ist jetzt so viel los in Trier, das spar’ ich mir mal für die vier Wochen und komme danach erst wieder.“ – Das ist eigentlich das größte Problem von allen. Einige Kunden haben sich vorher regelrecht verabschiedet mit den Worten: „In den vier Wochen kommen wir erst einmal nicht.“ Sie haben sich auch nichts Böses dabei gedacht, wollten sich nur den Stress nicht antun.

Dass aber 500.000 Menschen durch den Wallfahrtsmonat 30 geteilt pro Tag nur 16.000 bis 20.000 Menschen sind, ist für Trier absolut verkraftbar. Das sagt auch die Polizei, mit der ich in dieser Woche bereits zweimal gesprochen habe: Zwischen 15.000 und 25.000 zusätzlichen Besuchern Triers fiele im Straßen- und auch im Stadtbild kaum auf. Und so ist es ja auch. Aber durch dieses Denken blieben unsere normalen Kunden und Besucher weg. Das hat zu einer erheblichen Frequenzreduzierung geführt und damit verbunden zu Umsatzeinbußen, sowohl im Handel als auch der Gastronomie.

hpd: Das entspricht auch meinen Beobachtungen als Anwohnerin: Es ist wenig los, man kommt selbst an einem Samstag, an dem Trier als regionale Einkaufsstadt ansonsten mit Besuchern überfüllt ist, gut voran.

Kaltenkirchen: Man kommt im Moment überall erschreckend gut durch. Die Zufahrtsstraße nach Trier, die Bitburger, kommt man runter „wie am Schnürchen“. Egal, von welcher Seite Sie im Moment nach Trier kommen: Es ist einfach ruhig.

Der April ist normalerweise ein sehr, sehr umsatzstarker Monat, und das tut dann richtig weh.

hpd: Inwieweit ist gerade der April ein besonders umsatzstarker Monat?

Kaltenkirchen: Ich kann an dieser Stelle speziell für den Textil- und den Schuheinzelhandel sprechen. Da ist der April einer der vier umsatzstärksten Monate im ganzen Jahr. Immer. Es sind immer der März/April und der September/Oktober. Und in diesen Monaten werden die Erträge für das ganze Jahr eingefahren. Weil es eine neue Saison ist, die gerade gestartet ist, die Teile werden regulär verkauft und nicht reduziert. Das heißt, man erwirtschaftet in diesen Monaten einen Gewinn, während in anderen Monaten auch Verluste erwirtschaftet werden – das ist aber ganz normal und nichts Dramatisches – und am Jahresende kommt eben irgendetwas heraus. Wenn aber einer dieser Monate fehlt, der eigentlich dafür da ist, Gewinne zu machen, ist das bitter.

hpd: Befürchten Sie, dass die Leute woanders als in Trier einkaufen?

Kaltenkirchen: Davon gehe ich stark aus. Das kann man über zwanzig, dreißig Jahre zurückverfolgen: Es sind immer ähnliche Umsatzkurven. Man macht mal fünf bis zehn Prozent abweichende Plus oder Minus, das hängt dann von der Osterverschiebung ab, die sehr wichtig ist für unsere Branchen. Das hängt auch vom Wetter ab, da macht man mal mehr, mal weniger. Aber im Schnitt bleibt es eigentlich immer gleich und der Konsument hat über die Jahre ein sehr ähnliches Kaufverhalten. Und wenn er jetzt eben nicht nach Trier fährt, gehen wir davon aus, dass er dann woanders kauft.

hpd: Das heißt, die Einbußen sind im Mai auch nicht wieder aufzuholen?

Kaltenkirchen: Nein, auf gar keinen Fall. Das holen wir nicht wieder auf. Vielleicht ein bisschen, aber nicht in diesen Dimensionen.

hpd: Gibt es sonstige Beeinträchtigungen für Geschäfte und potenzielle Kunden? Zum Beispiel die Parkplatzsituation?

Kaltenkirchen: Die Parkplatzsituation war absolut ausreichend. Sie hätten jederzeit überall einen Parkplatz gefunden. Zusätzlich hat ja das Bistum einen Park & Ride-Service organisiert, den sie von Anfang an der kompletten Stadt zur Verfügung gestellt haben und der im Zehn-Minuten-Takt vom Messepark abgeht. Da waren wir sehr dankbar. Parkplatzprobleme gibt es damit Null, das ist gar keine Frage. Was die Weberbach angeht, eine der direkten Zufahrtsstraßen zum Dom, gab es in den ersten Tagen ein paar Einschränkungen, wodurch wir sehr schlecht erreichbar waren, weil die Weberbach zunächst für Pkws komplett gesperrt war.

Nach unserer Intervention hat man das schon gelockert, die Weberbach wurde im Laufe der Woche zur Einbahnstraße gemacht und der Verkehr kann abfließen. Zuvor mussten die Pkws am Anfang der Weberbach wenden, obwohl die Straße leer war. Dadurch kam es zu Rückstaus, da jeder Fahrer gefragt wurde, ob er Anlieger sei und wenn nein, musste er drehen.

Die Polizei hat da natürlich nur ihren Job gemacht. Wir haben argumentiert, dass man damit Besucher verärgert, die die Welt nicht mehr verstehen, wenn sie vor einer leeren Straße wenden müssen. Wir haben uns inzwischen extrem bedankt, dass da so schnell reagiert wurde. Das ist ja nicht üblich.

hpd: Sie hatten vergangene Woche Montag eine Krisensitzung. Wie ist diese verlaufen?

Kaltenkirchen: Die Sitzung hat hier im Modehaus Marx stattgefunden. Es waren der Wirtschaftsdezernent, Vertreter des Straßenverkehrsamtes, des Bistums, der Polizei, der IHK, des Einzelhandelsverbandes, der Stadtverwaltung, des Bauamts anwesend. Weil jeder davon betroffen ist. Ob die Straßenschilder geändert werden oder die Sicherheit, die natürlich immer im Vordergrund stehen muss. Aber bei wenig Frequenz ist ja die Frage, was man auflockern kann. Ich muss sagen, da wurde noch am gleichen Tag – die Sitzung war um 14 Uhr –, vier Stunden später, das Schild „Anlieger frei“ und „Durchfahrt verboten“ umgedreht. Die Bake, die vorher quer stand, steht nun parallel zur Straße.

Das wurde also noch am gleichen Tag umgesetzt, andere Themen innerhalb der nächsten zwei Tage, wie die Einbahnstraßenregelung. So wurden die weggefallenen Parkplätze in der Konstantinstraße, die von der Weberbach abgeht, wieder belebt. Die Park & Ride-Schilder, wenn man von der Autobahn kommt, sahen vorher so aus, als seien sie nur für Pilger, für Wallfahrtsteilnehmer. Diese hat man jetzt so gestaltet, dass jeder weiß: „Aha! Park & Ride, da kann ich hin.“ Auch die Beschilderung, um in unsere Region zu kommen und dass die Parkhäuser offen sind, das ist alles schon umgesetzt. Das finden wir super.

hpd: Und die Motivation bestand darin, dass Trier wieder freundlicher und der Umsatz gefördert werden sollte?

Kaltenkirchen: Ja, das ist für eine Stadt dramatisch. Es sind ja keine Einzelbeispiele mit diesen Umsatzrückgängen, sondern es war der Tenor im gesamten Handel. Das kann eine Stadt sich nicht erlauben. Daran hängen nicht nur Gewerbesteuer und Einkommenssteuer und Umsatzsteuer, sondern letztendlich auch Arbeitsplätze. Die Stadt muss dann die Belange vieler prüfen. Es musste ein Weg gefunden werden, wie man zwischen unseren Forderungen und den Sicherheitsaspekten irgendwo die Mitte findet. Und das ist prima gelaufen.

hpd: Sie hatten vor der Krisensitzung eine Umfrage innerhalb der City-Initiative gestartet. Wie hoch war denn der Rücklauf? Und welche Antworten sind gekommen?

Kaltenkirchen: Der Rücklauf war sehr hoch. Manche haben Zahlen geschickt, andere haben ihre Erlebnisse oder Meinungen geschickt. Die Umsatzeinbußen lagen bei minus zwanzig bis minus fünfzig Prozent. Egal, ob in der Gastronomie oder im Handel. Und auch egal, ob sie in Dom-Nähe oder am Rande der Fußgängerzone sitzen – das Bild war überall ähnlich.

Es ist auch keine Jammerei, denn es geht für viele wirklich um die Existenz.

Insgesamt möchte ich betonen, dass trotz der angekündigten 500.000 Pilger in der Stadt pro Tag weniger los ist als an manchen starken Tagen wie etwa an einem verkaufsoffenen Sonntag oder an unserer jährlich stattfindenden Aktion „Trier spielt“. Da haben wir viel mehr Menschen, die ohne Weiteres in einer Stadt bewältigt werden können. Ich kann nur die Leute einladen, wieder nach Trier zu kommen!

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Fiona Lorenz