Plädoyer für einen rationalen Diskurs

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Giordano-Bruno-Denkmal in Rom

OBERWESEL. (hpd/gbs) Der Vorstandssprecher der Giordano-Bruno-Stiftung (gbs), Michael Schmidt-Salomon erläutert, warum es unredlich ist, die gbs-Kinderrechtskampagne durch angeblich antisemitische Äußerungen Giordano Brunos zu verunglimpfen. Ein beängstigendes Zeichen intellektueller Unredlichkeit.

In der heutigen Ausgabe der taz versucht Micha Brumlik, die Giordano-Bruno-Stiftung und ihre Kinderrechtskampagne zu diskreditieren, indem Giordano Bruno als Namenspatron moderner Antisemiten verunglimpft wird.

Wer keine Sachargumente hat, um seine Position zu untermauern, greift gerne zu unlauteren Mitteln. So auch Micha Brumlik in seiner heutigen taz-Kolumne mit dem Titel: „Ein würdiger Namensgeber: Die modernen Antisemiten schätzen Giordano Bruno“.

Es ist wirklich erschreckend, welche Ungeheuerlichkeiten der renommierte deutsch-jüdische Gelehrte hier auftischt. Offenbar ist sein Bedürfnis, die aktuelle Debatte um die Beschneidung und die Rechte des Kindes zu beenden, so stark ausgeprägt, dass er nicht einmal davor zurückweicht, grobe Unwahrheiten zu verbreiten.

So behauptet er, Giordano Bruno sei „einer der rabiatesten Antisemiten seiner Zeit“ gewesen – eine Behauptung, die wohl jeder seriöse Bruno-Forscher mit allergrößter Verwunderung zur Kenntnis nehmen wird. Weiß denn Brumlik so viel mehr als alle Experten, die sich seit Jahrzehnten schon intensiv mit dem Nolaner auseinandersetzen? Zweifellos war Bruno ein scharfer Kritiker der etablierten Religionen, auch der jüdischen, aber war er deshalb gleich auch Antisemit? Um seine seltsame Behauptung zu belegen, zitiert Brumlik aus Brunos Schrift „Austreibung des triumphierenden Tieres“. Allerdings benutzt er, was einem Gelehrten seines Ranges nicht passieren dürfte, die in jeglicher Hinsicht fragwürdige, weil verfälschende Übersetzung Kuhlenbecks, in der von jüdischer „Rasse“ gesprochen wird, obgleich es bei Bruno „Geschlecht“ heißt (siehe hierzu die mustergültigen Übersetzung von Elisabeth und Paul Richard Blum in der Bruno-Werkausgabe des Meiner-Verlags: Bruno Werke, Band 5, S.259).

Zudem unterläuft Brumlik ein hermeneutischer Grundfehler, der einem Forscher seines Formats ebenfalls nicht unterlaufen darf: Er missinterpretiert einen Satz, der in einem satirischen Dialog von der Göttin Sophia vorgetragen wird, als Aussage Brunos. Nach dem gleichen Denkmuster könnte man Steven Spielberg wegen der antisemitischen Äußerungen des Nazischlächters Amon Göth in „Schindlers Liste“ des Antisemitismus bezichtigen! Deshalb noch einmal im Klartext: Bruno ist nicht gleichzusetzen mit der Göttin Sophia, er selbst tritt in dem Dialog in der Figur des Saulino auf.

Völlig grotesk ist Brumliks Versuch, die Rezeption Brunos ins „rechte“ Licht zu rücken! Zwar stimmt es, dass vereinzelt auch rechte Antisemiten versucht haben, sich auf Bruno zu berufen, in weit stärkerem Maße haben dies jedoch linke Juden wie Albert Einstein, Ernst Bloch, Wilhelm Reich oder Erich Fromm getan, was Brumlik in seinem Kommentar intellektuell unredlich ausblendet. Erich Fromm beispielsweise stellte Bruno in eine Reihe mit Marx, Einstein, Schweitzer und Russell (siehe Fromm Gesamtausgabe, Bd. IX, S. 351) – auf eine ähnliche "Ahnengalerie" beruft sich auch die gbs (siehe die Broschüre "Aufklärung im 21. Jahrhundert", S.30, die hier von der gbs-Website heruntergeladen werden kann). Da ich Micha Brumlik vor einigen Jahren auf einer Tagung der Internationalen Erich-Fromm-Gesellschaft traf, kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass ihm dieser Sachverhalt so völlig unbekannt sein sollte.

Aber selbst, wenn es wahr wäre, dass Bruno judenfeindlich gedacht hätte (was angesichts der komplexen taktischen und satirischen Versteck-Spiele des Nolaners keinesfalls ausgemacht ist!), so wäre es noch immer im höchsten Maße unredlich, der Giordano-Bruno-Stiftung oder ihrer Kinderrechtskampagne antisemitische Tendenzen zu unterstellen. Denn wie wir alle wissen (siehe hierzu auch die kritische Analyse des Antisemitismuswahns in meinem Buch „Jenseits von Gut und Böse“), war der Judenhass in der Geschichte des Abendlandes so weit verbreitet, dass sich solch grundverschiedene Denker wie  Luther, Goethe, Fichte, Voltaire und Schopenhauer zu abscheulichen antijüdischen Attacken hinreißen ließen. Selbst bei Karl Marx, der einem alten Rabbinergeschlecht entstammt, finden sich entsprechende Stellen. Doch bedeutet dies nun, dass sämtliche Goethe-Institute antisemitisch sind, oder dass man sich nicht mehr positiv auf Voltaire, Schopenhauer oder Marx berufen darf? Müssen wir jetzt auch der EKD antisemitische Motive unterstellen, weil Luther – anders als Giordano Bruno – in unzweifelhafter Weise dazu aufgerufen hat, Synagogen niederzubrennen? Natürlich nicht!

Jeder von uns ist Kind seiner Zeit, geprägt von den Vorurteilen, mit denen er aufgewachsen ist. Das gilt auch für die sogenannten „großen Denker“ der Menschheit. Und so gibt es kaum einen Autoren, dem man aus heutiger Sicht nicht Vorhaltungen in diesem oder jenem Punkt machen könnte! Wenn man sich also – wie die Giordano-Bruno-Stiftung – positiv auf Denker der Vergangenheit bezieht, so kann dies selbstverständlich nicht bedeuten, dass man jeden Satz, den sie je geäußert haben, unterschreiben müsste. Im Gegenteil: Der Kritik ist niemand entzogen! Eben dies unterscheidet eine kritisch-rationale von einer fundamentalistisch-religiösen Zugangsweise!

Mit anderen Worten: Auch wenn die gbs Giordano Bruno im Namen führt, so ist der Nolaner für uns selbstverständlich ebenso wenig ein „Heiliger“ wie  Goethe, Voltaire, Schopenhauer oder Marx! Deshalb sollte klar sein, dass wir uns sehr entschieden von allen Äußerungen unserer Vordenker distanzieren, die der humanistischen Überzeugung der Gleichberechtigung aller Menschen widersprechen. Nicht ohne Grund heißt es im Leitbild der Giordano-Bruno-Stiftung, dass „diskriminierende Ideologien wie Rassismus, Sexismus, Ethnozentrismus oder Speziesismus sowie sozialdarwinistische oder eugenische Konzepte, die mitunter auch von Evolutionstheoretikern vertreten wurden, mit dem evolutionären Humanismus unvereinbar“ sind.

Soweit zu Giordano Bruno und unserem Verhältnis zu ihm. Nun zum Eigentlichen: Denn es ging Micha Brumlik natürlich gar nicht um die historische Person Giordano Bruno. Er nutzte bloß ein scheinbar geeignetes Zitat von ihm, um die Giordano-Bruno-Stiftung und ihre Kinderrechtskampagne zu diskreditieren. Derartiges ist in letzter Zeit häufiger geschehen – was, wie ich meine, ein untrügliches Zeichen dafür ist, dass den Beschneidungsbefürwortern die Sachargumente fehlen. Wir haben die Gründe, die unserer Ansicht nach gegen die medizinisch nicht indizierte Beschneidung sprechen, ausführlich dargelegt. Überzeugende Argumente und Belege wurden dagegen bislang nicht vorgebracht, stattdessen mehren sich die Versuche, die Giordano-Bruno-Stiftung und ihre Partner (etwa die Deutsche Kinderhilfe oder die israelische Kinderschutzorganisation „Protect the Child“) nach der Methode „Stimmung statt Argumente“ zu verunglimpfen.

Wir halten solche Strategien für intellektuell unredlich und appellieren an alle Beteiligten, sich möglichst bald auf die Ebene des sachlichen Diskurses zu begeben. Dazu gehört u.a. auch, dass die Befürworter der Beschneidung die offensichtliche Tatsache zugeben, dass die Frage pro und contra Beschneidung keinesfalls eine Frage pro oder contra Judentum ist. Immerhin sind es ja nicht zuletzt Juden, die das Ritual der Beschneidung kritisieren (wie etwa Eran Sadeh in diesem klaren Statement im Haus der Bundespressekonferenz.

Ich bin dem deutsch-israelischen Magazin haOlam sehr dankbar dafür, dass es mir vor einiger Zeit die Gelegenheit bot, die Argumente der Kinderrechtsaktivisten darzulegen und einige Missverständnisse aus dem Weg zu räumen. Vermutlich hat Micha Brumlik dieses Interview nicht gelesen. Ansonsten hätte ihm noch klarer sein müssen, wie absurd es ist, ausgerechnet uns antisemitisches Gedankengut zu unterstellen.

Tatsächlich hat die gesamte Debatte, die im Moment geführt wird, nichts mit menschenverachtenden Ideologien zu tun, sie ist vielmehr Ausdruck des starken Säkularisierungsschubs, der in den letzten Jahren in Westeuropa stattgefunden hat. Im haolam-Interview habe ich die Situation folgendermaßen charakterisiert: „Die Menschen reagieren zunehmend empört darauf, wenn religiösen Gruppen Sonderrechte eingeräumt werden – und diese Empörung richtet sich keineswegs bloß gegen Juden und Muslime, sondern auch gegen die christlichen Kirchen, wie beispielsweise die breiten Proteste gegen den Papst im vergangenen Jahr gezeigt haben. Die Frage nach der Zulässigkeit der Beschneidung wurde also vor allem deshalb so eifrig diskutiert, weil sie – wie viele andere Religionsdebatten auch – den Kern des säkularen Rechtverständnisses berührt. Die Grundfrage, die sich dabei immer wieder stellt, lautet: Dürfen Verstöße gegen Grundrechte geduldet werden – bloß weil sie mit „heiligen Traditionen“ begründet werden? Die meisten Bürgerinnen und Bürger beantworten diese Frage mittlerweile mit einem entschiedenen „Nein“ – und ich meine, das ist auch gut so.“
 

Lesen Sie zur Beschneidungsdebatte auch das aktuelle Interview mit Reinhard Merkel (Strafrechtler und Mitglied des Deutschen Ethikrats) sowie den Kommentar von Markus Schulte von Drach auf dem Online-Portal der Süddeutschen Zeitung (beide Artikel benutzen zur Illustration das Plakat der gbs-Kinderrechtskampagne, dessen Verbreitung Micha Brumlik wohl zu seinem wütenden Rundumschlag veranlasste).