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Veranstaltung 22.11.2012 · Nr. 14418

Keine Macht den Doofen

Michael Schmidt-Salomon, Foto: Dennis Merbach
Michael Schmidt-Salomon, Foto: Dennis Merbach

FRANKFURT/M. (hpd/sh) Am 02.11.2012 wurde die Herbst-Veranstaltungsreihe der gbs Rhein-Main – Säkulare Humanisten im Saalbau Gallus (in Zusammenarbeit mit DiKOM e.V.) mit einer Autorenlesung Michael Schmidt-Salomons aus seiner Streitschrift „Keine Macht den Doofen“ beschlossen.

Zum vierten Mal seit Beginn der Veranstaltungsreihe – vor fast genau vier Jahren – hatte man den Vorstandssprecher der Giordano Bruno Stiftung als Referent zu Gast. Ironischerweise wurden die Säkularen Humanisten an diesem Abend gewissermaßen zu ihren Wurzeln gespült, denn durch eine Doppelbelegung im Saalbau Bornheim musste man kurzfristig zum Schauplatz der ersten drei Vorträge im Gallusviertel ausweichen. Dem Besucherzustrom konnte dies freilich keinen Abbruch tun. Im Gegenteil, vor vollbesetztem Saal erwies sich der junge Philosoph einmal mehr als Publikumsmagnet.

Das kleine Büchlein „Keine Macht den Doofen“ ist eine Art Menschheitsverriss, wie man es sonst nur von Schopenhauer kennt. Dem Autor geht es hier nicht darum, sich selbst zum Welterklärer aufzuwerfen, der über die „doofe Menschheit“ richtet. Wenn er über die menschliche Beschränktheit schreibt, benutzt er auch ganz höflich die Wir-Form (so heißt es über die Überbevölkerung: „Wir sind schlichtweg zu blöd, um so viele zu sein.“). Er behauptet nicht, die Lösung für alle Probleme zu kennen, die er in seiner Streitschrift aufgreift. Er beabsichtigt sogar in seinen nächsten Schriften das Loblied auf unsere gebeutelte Spezies anzustimmen. Aber zuerst wollte er sich an einer Generalabrechnung mit dem versuchen, was er die „Schwarmdummheit“ der Menschen nennt.

Mit dem Begriff „Schwarmdummheit“ möchte er eine umgekehrte Analogie zu den Ameisen deutlich machen. Die einzelne Ameise ist im Vergleich zu höheren Tieren ein beschränktes Wesen. Aber als soziale Insekten interagieren sie zu einem sozialen Organismus, der in seiner Effizienz ein Ausdruck von „Schwarmintelligenz“ ist. Der einzelne Mensch dagegen ist im Vergleich zu anderen  Einzeltieren von kolossaler Intelligenz, aber im sozialen Verband (Staat, Gesellschaft, Volks- und Weltwirtschaft, …) fügt er sich mit seinen Artgenossen zu einem Glied absurder Konstruktionen zusammen (Schmidt-Salomon: „Nur gemeinsam sind wir richtig doof.“). Ein Programmierer, der einen Drucker so justiert, dass dieser nach Ablauf der Garantie den Geist aufgibt, verrichtet zweifellos eine intelligentere Arbeit als jede Ameise. Aber aus der Makroperspektive steht diese Arbeit eben für die Schwarmdummheit. Denn die menschliche Art der Organisation von Herstellung und Verteilung von Waren führt hier eben nicht dazu, die realisierbare hohe Qualität zu liefern. Stattdessen wird menschliche Intelligenz bewusst zur Begrenzung von Qualität (hier der Produktlebensdauer) eingesetzt, denn lange Haltbarkeit ist nun einmal nicht gut für kontinuierlichen Verkauf und würde den Bestand der Herstellerfirma gefährden. Somit wird Intelligenz dazu vergeudet, Müllberge zu produzieren, was einem Ameisenstaat nie passieren könnte. Für den Autor handelt es sich hier um „Ökologiotie“.

Aber auch die seit 2008 schwellende Finanzmarkt- und Schuldenkrise ist für Schmidt-Salomon natürlich ein Ausdruck von Schwarmdummheit. Genauer gesagt ein Ausdruck von Ökonomiotie. Hier geraten ihm die Formulierungen mitunter zur Satire: „…[...] erfolgt ein weiterer dramatischer Auftritt des Staates, der mit weiteren Multimilliardenkrediten nicht nur die Banken, sondern auch die von ihnen verwalteten Vermögen rettet. Die Pointe dabei ist, dass das Vermögen zur Rettung des Vermögens aus diesem Vermögen selbst stammt, sodass der rettende Staat noch höhere Zinsbeträge an die Besitzer der geretteten Vermögen zahlen muss. Das jedoch ist nur möglich, wenn er sich weiteres Vermögen bei den Vermögensbesitzern leiht, also gerettetes Vermögen einsetzt, um gerettetes Vermögen zu retten: Höhepunkt des absurden Spiels: Die Verwalter des geretteten Vermögens revanchieren sich bei dem Staat für seine großzügige Rettungstat, indem sie nun mit gerettetem Vermögen gegen den Retter des Vermögens wetten (Euro-Staatenkrise), sodass dieser noch mehr gerettetes Vermögen braucht, um das gerettete Vermögen vor denen zu retten, deren Vermögen eigentlich gerettet werden soll. [...]“( Seiten 66/67).

Der Autor kommt zu dem Fazit, dass Staaten mit exorbitanten Schulden und eine extrem ungleiche Vermögensverteilung mit exorbitanten Vermögen einander bedingen, sodass man das eine nicht ohne das andere abbauen könne. Deshalb muss die gegenwärtige Wirtschaftsordnung grundsätzlich hinterfragt werden, wir müssen „den Warencharakter des Geldes aufheben, das Geld gewissermaßen neu erfinden“. Dabei geht es ihm keineswegs um die völlige Beseitigung der Einkommensunterschiede.

Ebenso wie von „Ökologiotie“ und „Ökonomiotie“ ist in dem Buch auch von „Religiotie“ und „Politiotie“ die Rede. Als „Religioten“ gelten dem Autor vor allem religiöse Fundamentalisten, wobei es ihm besonders der iranische Präsident Ahmadinedschad angetan hat.

In dem Kapitel über Politik („Die Torheit der Regierenden“) setzt er sich damit auseinander, dass gerade in der Politik Mechanismen im Spiel sind, die nachdenkliche, kreative und empathische Menschen eher behindern als fördern.
Schließlich geht er dazu über, die Mängel unseres Erziehungssystems zu reflektieren, denn „auch Dummheit will gelernt sein“. Hier geht es dem gelernten Pädagogen keineswegs darum, den Zeigefinger gegen Lehrer zu erheben, denn diese mussten einst selbst die fragwürdigen Methoden durchlaufen. Vielmehr wirft er hier die Frage auf, ob die bei uns vermittelte Lernkultur doch nur eine Anleitung zum „Bulimie-Lernen“, zum Ansammeln von totem Wissen, ist, welches fristgerecht zum Prüfungszeitpunkt erbrochen wird. Eine Praxis, die kaum dazu geeignet ist, die Menschen zu kritischem Denken anzuleiten.

In der anschließenden Fragerunde äußerte sich der Trierer Philosoph zuversichtlich über die Zukunft des säkularen Denkens. Bezüglich der Öffentlichkeitsarbeit zu all den Themen wie Kirchenfinanzen, Heimkinder und Knabenbeschneidung habe die Giordano Bruno Stiftung in den letzten Jahren viel erreicht, besonders wenn man in Rechnung stellt, dass sie nur über ein Budget verfügt, welches zwei Pfarrer-Stellen entspricht. Sogar im Iran wächst eine neue Generation heran, die von Religion nichts mehr wissen will. Bei der Verbreitung von Gedanken kommt es natürlich zunächst auf argumentative Schlagkraft an, aber eben auch darauf, dass die Idee als „sexy“ wahrgenommen wird. Wenn inzwischen in den Partnerschaftsbörsen sich ausdrücklich bekennende Atheisten und Humanisten mehr Antworten erhalten als bekennende Christen und er selbst vom „Playboy“ wegen der Verfassung eines Artikels oder eines Interviews angefragt wurde, dann ist das ein gutes Zeichen.

Das anschließende gemeinsame Essen mit Michael Schmidt-Salomon erwies sich wieder einmal als der zweite Jahreshöhepunkt des gesellschaftlichen Lebens der Säkularen Humanisten nach dem Sommerfest. Auch hier machten wieder einige neue Besucher von der Gelegenheit Gebrauch, sich anzuschließen.

Jochen Beck

Nächstes Monatstreffen der gbs Rhein-Main:
14.12.2012 - 19.00 Uhr -  im Restaurant des Saalbau Bornheim (Pilsstube), Arnsburger Straße 24, 60385 Frankfurt/Main. Interessierte sind jederzeit willkommen.
Weiteres unter gbs-rheinmain.de und bei Facebook