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Menschenrechte 04.12.2012 · Nr. 14529

Ibn Rushd Preis verliehen

BERLIN. (hpd) Am 30. November wurde im Museum für islamische Kunst in Berlin der Ibn Rushd-Preis für Freies Denken an die syrische Rechtsanwältin und Menschenrechtsaktivisten Razan Zaituoneh verliehen. Die Preisträgerin konnte selbst nicht anwesend sein, da sie sich aus Sicherheitsgründen in Syrien versteckt halten muss.


Mit der diesjährigen Preisverleihung setzt der Fund seine Tradition fort, jährlich Persönlichkeiten aus arabischen Ländern  zu würdigen, die sich in besonderer Weise für Menschenrechte und für demokratische Freiheiten engagiert haben.

Razan Zaituoneh, 1977 in Syrien geboren, ist seit 2001 als Rechtsanwältin tätig und engagierte sich seitdem in einer Anwaltsvereinigung für die Verteidigung politischer Gefangener. Sie ist Gründungsmitglied der Human Right Association in Syrien und gründete 2005 die Internetplattform SHRIL, die als Datenbank zur Erfassung von Menschenrechtsverletzungen in Syrien fungiert. Engagiert hat sich die Preisträgerin auch in Komitees für die Unterstützung von Familien politischer Gefangener. Sie ist zudem eines der Gründungsmitglieder der Anfang April 2011 gegründeten örtlichen Koordinationskomitees der syrischen Revolution. Sie ist weiterhin in Syrien im Untergrund tätig.

In seiner Laudatio würdigte Prof. Udo Steinbach (Islamwissenschaftler und Nahostexperte) die Preisträgerin und beleuchtete die Entwicklung der arabischen Gesellschaften, den bisherigen Ablauf der syrischen Revolution und die Rolle insbesondere der westlichen Länder. Er bezeichnete die jetzige Revolution als die Dritte Revolte, nach der ersten der 1920er Jahre und der zweiten nach der Machtübernahme durch die Freien Offiziere in Ägypten in den 1950er Jahren. Die Selbstverbrennung des Tunesiers Mohamed Bouazizi am 17.12.2010 aus Verzweiflung über die Entwürdigung seiner Person wertete Prof. Steinbach als ein „Fanal an Millionen von Menschen, den Platz der arabischen Gesellschaft im 21. Jahrhundert neu zu bestimmen.“ Heute könne man feststellen, dass es keinen Ort in der arabischen Welt gäbe, der von der Revolte nicht erfasst worden wäre.

Syrien: Wir sind da​s Volk – Vereint im Protest

In Syrien hätten sich, seitdem der Protest im März 2011 zu einer kollektiven Sache geworden sei, unter dem  Motto „Wir sind das Volk“ Menschen aller Konfessionen und Ethnien im Protest vereint. Es komme, so der Laudator, für die unmittelbare Zukunft in Syrien darauf an, dass das herrschende Regime bald an sein Ende komme, denn jeder weitere Tag seiner Herrschaft vermehre nicht nur die Zahl der Toten sondern vertiefe auch die Gräben und auch den Hass der Syrer untereinander. Die Menschen in Syrien bräuchten die Perspektive einer neuen Ordnung, in der sie sich gemeinsam wiederfinden können. Als unverzichtbare Voraussetzung eines Neuanfangs bezeichnete Prof. Steinbach die Versöhnung der Syrer.

Kritik an der Tatenlos​igkeit des Westens

Er kritisierte die westlichen Länder, deren Verhalten bezüglich Syriens von Tatenlosigkeit geprägt sei. Steinbach sagte: „Sanktionen sind keine wirksamen Maßnahmen, sondern window dressing. Sie sollen den Eindruck erwecken, es geschehe etwas. In der Wirklichkeit freilich geschieht fast nichts.“ Jahrzehnte lang habe „der Westen“ mit einer „Mischung von Dünkel,  Mitleid und Pseudoexpertentum“ auf „die Araber" und „die Muslime“ hinabgeschaut, die zur Demokratie gleichsam genetisch nicht fähig seien und die ganz Schlauen (in Europa) hätten gefordert, die Muslime müssten erst eine „Aufklärung“ durchmachen, bevor sie zur Moderne aufschließen könnten. Allerdings habe die „arabische Revolte, der syrische Aufstand uns eines besseren belehrt: Wir sind alle den Werten der Humanität verpflichtet. Die Freiheit ist die conditio sine qua non…“, so  Prof. Steinbach. 

Die Perspektive einer neuen gegenseitigen Wahrnehmung sei erforderlich, und: „die hierzulande gehegten Klischees über „die Araber“, „den Islam“, „die Muslime“ gehören in den selben Abfall, wie die Potentaten und Autokraten, die von ihren „Untertanen“ gestürzt wurden. Man dürfe als Europäer nicht abseits stehen, zumal die arabische Revolte in jenem Kontext von Menschenwürde und Freiheit verortet sei, den die Menschen im Westen als für sich verbindlich reklamierten.

Verh​ältnis zu arabischen Gesellschaften neu bestimmen

Die fast tatenlose Hinnahme des Mordens in Syrien grenze an Zynismus. Es sei nötig, wirksamen Schutz zu gewährleisten, was weder nur durch Worte noch wirksam durch Sanktionen erreicht werden könne: „Schutz bedeutet sich einzumischen oder den zu  Beschützenden mit den Mitteln zu versorgen, mit dem er sich selbst schützen kann.“ Prof. Steinbach wies darauf hin, dass die Menschen, die sich nach dem 17. Dezember 2010 in den arabischen Ländern erhoben hätten, Europa zuvor nicht gefragt sondern ohne Europa gehandelt hätten. Sein Fazit: „Hätten sie Europa gefragt und unter Unterstützung gebeten, wären sie wohl abschlägig beschieden worden.“ Eine Neubestimmung des Verhältnisses zu den arabischen Gesellschaften sei dringend erforderlich.

Einblicke: Gefühle und Gedanken einer Revolutionärin

Die Rede der Preisträgerin Razan Zaitouneh, die anlässlich der Verleihung des Ibn Rushd Preises für sie verlesen wurde, gibt Einblicke in die Lage in Syrien im letzten Jahrzehnt und beschreibt die dortige Revolution, sie ist zudem ein lesenswertes zeitgenössisches Dokument über das „Innenleben“, die Gefühle und Gedanken einer Freiheitskämpferin in einer Revolution im 21. Jahrhundert. Ihre Rede ist eine (massive) Anklage gegen das menschenfeindliche Assad-Regime, ein (flammendes) Plädoyer für die Achtung von Menschenwürde und Menschenrechte und eine (vernichtende) Kritik am Westen, der die Menschenrechte wie eine Monstranz vor sich herträgt, aber denjenigen, die diese Rechte für sich einfordern, die notwendige Unterstützung verweigert.

Die Rede von Razan Zaituoneh  beschäftigt sich mit der Entwicklung der Menschenrechtssituation in Syrien in den letzten Jahrzehnten und den Aktivitäten verschiedener Gruppen zur Unterstützung politischer Gefangener und zur Wahrung von Menschenrechten. Razan Zaitouneh schildert aus eigener Erfahrung ein durch die Sicherheitsdienste geschaffenes Klima der Bedrohung und der Angst und beschreibt als Beispiel die Situation auf dem Bürgersteig vor dem Staatssicherheitsgerichts in Damaskus, wo die Menschenrechtsaktivisten und die Angehörigen politischer Gefangener auf die Gefängniswagen warteten, die verzweifelten Schreie der Mütter und die Tränen der Frauen und Kinder, wenn der Gefängniswagen ankam, obwohl sie  nicht einmal wussten, ob die seit Monaten vermissten Söhne, Ehemänner und Väter sich tatsächlich in dem Wagen befanden oder nicht. „Es ist die Geschichte von Zehntausenden von Inhaftierten und Verschollenen vor Beginn der Revolution“, über die die Preisträgerin spricht und sie bezeichnet als damals wichtigstes Ziel der Anwälte — neben der unmittelbaren Hilfeleistung —, „die Mauern zwischen uns Syrern stürzen zu lassen.“, die Mauern, die vom Regime errichtet worden waren, um alle einzuschüchtern und keine Solidarität aufkommen zu lassen.