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Rezension 13.12.2012 · Nr. 14597

Jesus von Nazareth und Benedikt XVI.

(hpd) Das dreibändige Jesusbuch von Papst Benedikt ist ein Fiasko. Gegen die Ergebnisse der Geistes- und Naturwissenschaften behauptet der Papst, Jesus sei von der Jungfrau Maria geboren und von den Toten auferstanden; bei der Jungfrauengeburt und Auferstehung handele es sich überdies um historische Tatsachen.

Anmerkungen von Gerd Lüdemann


Der Papst weiß, dass die Bibelkritik sowohl die Jungfrauengeburt als auch die Auferstehung Jesu als fromme Deutungen der frühen Christen erkannt hat. Nur noch Evangelikale und Fundamentalisten halten an ihrer Historizität fest. Ich frage, wie der Papst die Marien- und Auferstehungsdogmatik mit seinem intellektuellen Gewissen vereinbaren kann. Sein Gebrauch der Bibel ist auch in Sachen Jungfrauengeburt nur noch peinlich. Die von ihm beanspruchte Vernunft hat mit Aufklärung nichts zu tun, sondern führt ins Mittelalter zurück.

Die historische Kritik hat seit dem 18. Jahrhundert eine kopernikanische Revolution in der Jesusforschung eingeleitet. Zum einen erkannten Exegeten den Mann aus Nazareth als Prophetengestalt des ersten Jahrhunderts, deren Gedankenwelt von jüdischen Traditionen geprägt war. Zum anderen widerlegten Bibelkritiker die These, dass die vier Evangelisten des Neuen Testaments Augenzeugen gewesen seien. Fortan galt das Johannesevangelium als das jüngste Evangelium, das einen nur geringen historischen Wert besitze. Die vielfältigen wörtlichen Übereinstimmungen zwischen den anderen drei wertete die Forschung im Rahmen der sog. Zwei-Quellen-Theorie so aus, dass Matthäus und Lukas unabhängig voneinander sowohl das Markusevangelium als auch eine Spruchquelle („Q“) benutzt haben. Wobei die geschichtliche Bedeutung dieser Quellen für den historischen Jesus nicht generell feststeht, sondern jeweils von Erzählung zu Erzählung zu erweisen ist.

Jetzt kommt Benedikt XVI. daher und deklariert – die reiche Forschungsgeschichte ignorierend – im Handstreich den Jesus der Evangelien als den wirklichen Jesus, als den „historischen Jesus“. Er traut den Evangelien historisch und setzt sogar voraus, dass der Mann aus Nazareth sämtliche ihm in den Evangelien zugeschriebenen Worte auch gesprochen habe. Damit führt der Papst einen Angriff auf die historisch-kritische Bibelwissenschaft. Das schadet der Wissenschaft, und es schadet der Theologie, weil Benedikt so tut, als könne die Theologie Antworten auf Fragen der Wissenschaft geben oder als könne man die Wissenschaft beiseite lassen, wenn sie nicht als Magd der Theologie funktioniert.

Ein bestimmtes Bild von Jesus prägt Benedikt dreibändiges Werk: das Bild des mit Gott wesensgleichen Sohnes – zugleich wahrer Gott und wahrer Mensch, von der Jungfrau Maria geboren und nach seinem Kreuzestod auferstanden. Unbeeindruckt von historischen Einwänden stellt der Papst Jesus als einen auf Erden wandelnden Gott dar, der sich zu Gunsten der sündigen Menschen erniedrigt und verheißen hat, die an ihn Glaubenden einst zu sich in sein Reich zu nehmen. Dies schlägt – wie gesagt – allem ins Gesicht, was wir über den geschichtlichen Wert der Evangelien, ihre Entstehungsverhältnisse und den historischen Jesus wissen können.

Nun wirft der Papst den Vertretern der historischen Bibelkritik ein eingeschränktes Wirklichkeitsverständnis vor. Jesus von Nazareth sei nämlich als „der Sohn“ bereits vor der Schöpfung beim Vater gewesen. In Gott selbst gebe es ewig den Dialog von Vater und Sohn, die beide im Heiligen Geist ein und derselbe Gott seien. Dies solle man nicht mythologisch verstehen, sondern wörtlich.

Sowohl die Geschichtlichkeit des Jesus der kanonischen Evangelien als auch die These, dass Gott sich in Jesus offenbart habe, will Benedikt bewahren. Für ihn gibt es zwei Wirklichkeiten: die irdische – das Gebiet der Historie – und die himmlische, die sich dem Glauben durch Offenbarung erschließt. Er befindet sich hier im Einklang mit den Theologen der Alten Kirche, die Jesus von Nazareth zugleich historisch und metahistorisch, physisch und metaphysisch betrachteten.

Mit ihnen teilt er auch die Überzeugung, dass die Verfasser der alttestamentlichen Schriften die Jungfrauengeburt und das Wirken Jesu sowie seinen Tod und seine Auferstehung prophezeit haben. Doch ist das ein folgenschwerer Irrtum. Von dieser bereits im Neuen Testament geläufigen Sicht des Alten Testaments hat uns die Bibelkritik befreit. Wer eine solche Einschätzung erneuert, handelt intellektuell unverantwortlich.

Der Papst stellt die „Offenbarung Gottes in Jesus von Nazareth“ als ein von der übrigen Geschichte getrenntes Ereignis dar. Dem entspricht sein Verständnis der Bibel. Wenn die Offenbarung ein Geschehen ohne Parallele darstellt, dann hat sie Anspruch auf eine heilige Geschichte, die nicht von dieser Welt stammt. Das Zeugnis darüber findet sich in einer kirchlich-theologischen Gattung ganz eigener Art, der Heiligen Schrift. Die Darstellung Jesu ist so in ein Geheimnis eingetaucht, das nur der Glaube verstehen kann. Den Ungläubigen bleibt es verborgen, bis sie den Umkehrruf Gottes annehmen.

Indes leben wir weder im Altertum noch im Mittelalter, sondern in der Neuzeit. In ihr gehören metaphysische oder metahistorische Aussagen nicht mehr zu den Selbstverständlichkeiten, sondern müssten begründet werden. Die Wissenschaft – dazu gehört auch die biblische Kritik – ist seit langem autonom. Darin liegt der eigentliche Umbruch, der sich in Europa seit der Trennung von Staat und Kirche vollzogen hat.

Die unmetaphysische, nämlich historische Betrachtung der neutestamentlichen Evangelien – und zwar mit der Fragestellung, was ihre Verfasser je für sich sagen wollten und ob historische Fakten zu Grunde liegen – zeigt, dass Benedikts Darstellung Jesu von Nazareth keiner historischen Wirklichkeit entspricht. Wissenschaftlich gesehen, ist Benedikts dreibändiges Jesusbuch schlicht ein Fiasko.
 

Gerd Lüdemann, Jahrgang 1946, ist Professor für Geschichte und Literatur des frühen Christentums an der Universität Göttingen. Er leitet die Abteilung »Frühchristliche Studien« am Institut für Spezialforschungen sowie das Archiv »Religionsgeschichtliche Schule« der Theologischen Fakultät Göttingen
Vgl. auch: Gerd Lüdemann: Das Jesusbild des Papstes, Springe: Verlag zu Klampen, 2007.

Ratzinger, Joseph (Benedikt XVI.): Jesus von Nazareth: Prolog - Die Kindheitsgeschichten. Freiburg: Verlag Herder, 2012, 176 Seiten, ISBN 978-3-451-34999-7, EUR 20.
Ratzinger, Joseph (Benedikt XVI.): Jesus von Nazareth - Erster Teil. Von der Taufe im Jordan bis zur Verklärung. Freiburg, Verlag Herder, 2008, 448 Seiten, (HERDER spektrum, Band 6033), ISBN 978-3-451-06033-5, EURO 14,95.
Ratzinger, Joseph (Benedikt XVI.): Jesus von Nazareth - Zweiter Teil: Vom Einzug in Jerusalem bis zur Auferstehung. Freiburg, Verlag Herder, 2011, 368 Seiten, ISBN 978-3-451-32999-9, EUR  22.