Karlheinz Deschner: Abermals krähte der Hahn

Ich kaufe nie wieder Ölsardinen

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Alles in Tüten / Fotos © Christoph Baumgarten

WIEN. (hpd) Für viele Menschen ist Weihnachten zum Ärgernis geworden. Der Frust muss raus, findet Christoph Baumgarten in seiner hpd-Weihnachtsglosse.

Die U-Bahn-Garnitur in der Station unter der Mariahilfer-Straße ist voll. Ich kann mich reinquetschen, zwischen Einkaufswütigen und ihren Trophäen. Es wird eng. Ich beschließe, nie wieder Ölsardinen zu kaufen.

Der Heimweg vom Büro führt mich täglich in diese Station. Würde ich an Karma glauben, ich müsste davon ausgehen, dass ich in einem früheren Leben etwas sehr, sehr Böses getan habe. Die Kombination U-Bahn, Shoppingmeile und Weihnachten, das ist jenseits dessen, was man einem Menschen zumuten kann.

Vielleicht würde ich mich damit abfinden können, wenn diese Menschen gezwungen wären, zu tun, was sie tun. Dass sie sich freiwillig in Massen dem Weihnachtswahnsinn hingeben, gibt dem ganzen einen bitteren Beigeschmack. Man kann den Glauben an das Gute im Menschen verlieren. Zumindest lässt es einen ernsthaft an der Verstandesfähigkeit der Mitmenschen zweifeln.

Sie wissen ja, dass alle anderen zum gleichen Zeitpunkt in den gleichen Geschäften das Gleiche kaufen wollen. Dass es chaotisch zugeht, eng wird, stickig vielleicht, dass es ein Gedränge gibt – kurz, dass dieser Einkauf körperlichen Stress verursacht, kann man sich doch ausrechnen. Es sollte nicht so schwierig sein, die Situation zu vermeiden. Nur, tun es die Leute? Natürlich nicht. Einige finden es sogar gemütlich.

Das macht das Leben auch für die schwer, die mit Weihnachten wenig bis gar nichts am Hut haben. Menschen wie mich. Ich will einfach nur heimfahren. Oder Lebensmittel im Supermarkt einkaufen, ohne stundenlang an der Kassa zu warten. Vielleicht müsste ich auch nicht das fünfundfünzigste Mal „Oh Tannenbaum“ hören.

Handel lässt keine Chance

350 Euro wollen die Österreicherinnen und Österreicher heuer für Weihnachtseinkäufe ausgeben. Pro Person. Das ist etwas weniger als vor einem Jahr. Ein lobenswerter Vorsatz. Handel und Werbung tun alles, damit die Menschen ihn nicht einhalten können. Überall gibt’s Weihnachtsrabatte, auf die auch eifrig hingewiesen wird. So sparen die Menschen wenigstens, wenn sie etwas kaufen, was sie nicht brauchen. Von den Christbäumen in den Einkaufszentren und der Deko ganz zu schweigen.

Das spricht vor allem die an, die der Weihnachtsstimmung wegen einkaufen gehen, sagt der Psychologe Arndt Florack von der Uni Wien. Wenn die mal im Geschäft sind, haben sie kaum eine Möglichkeit, es ohne Geschenke zu verlassen. Was die Handelsunternehmen loswerden wollen, platzieren sie so, dass man es nicht übersehen kann. Die Weihnachtskekse in Großpackungen im Eingangsbereich. Anderes Weihnachtsgebäck vielleicht in einem Korb vor den Nudeln. Da muss eh jeder hin. Das teure kommt natürlich auf Augenhöhe. Die Preisschilder auf weihnachtlich getrimmt.

Wenn das alles nichts nützt, gibt’s einen weiteren Trick, sagt Florack. Manche Handelskonzerne spenden einen Teil des Kaufpreises bestimmter Waren. Das funktioniert umso besser, je teurer es ist. So bekommen die Kunden nicht das Gefühl, sich allzusehr zu verwöhnen und glauben stattdessen, etwas Gutes für eine wohltätige Organisation getan zu haben.

Selbst Weihnachtseinkaufsmuffel lässt man nicht aus. Weihnachten macht vor dem Internet nicht halt. Je besser man den Kunden dort den Eindruck vermittelt, man kümmere sich um sie und helfe ihnen, den Weihnachtswahnsinn auf den Straßen zu vermeiden, desto lockerer sitzt deren Geld.

Ist es ein Wunder, dass vor Weihnachten mehr Banken überfallen werden als oft das ganze restliche Jahr zusammen? Schade nur, dass die Gerichte auf diese psychische Ausnahmesituation keine Rücksicht nehmen. Ein Bankräuber kurz vor Weihnachten ist offensichtlich in einem Zustand verminderter Schuldfähigkeit. Wenn nicht gänzlich unzurechnungsfähig.

 

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