Pilatus im Interview (2)

Andererseits berichten die heiligen Schriften der Christen, dass Sie Jesus für unschuldig befunden hätten und freilassen wollten. Es heißt dort auch, Sie hätten ihn nur unter massivem Druck der jüdischem Oberen und der vor dem Gerichtsgebäude versammelten Bevölkerung zum Tode verurteilt. Sie wollten nach altem Brauch zum Passa-Fest einen vom Volk erwählten Gefangenen freilassen. Sie hätten gehofft das Volk, würde sich für Jesus entscheiden, aber dieses wählte einen anderen genannt „Barabbas“.

Das ist grober Unfug. Einen solchen Brauch hat es nirgendwo gegeben. Die beschriebenen Szenen wonach ich den Laufburschen spiele, zwischen dem Angeklagten und dem Pöbel hin und her renne, um dessen Leben zu retten, sind schlichtweg eine Zumutung. Ich war der Richter, ich habe ihn verurteilt.

Ich trage die volle Verantwortung. Offenkundig war es diesen biblischen Autoren einfach peinlich, dass ihr Christus von der römischen Obrigkeit verurteilt wurde. Deshalb haben Sie versucht mich zu entlasten, um dann die Schuld auf die Juden abzuwälzen.

Vor uns haben sie gekuscht und die Schwächeren, die Juden, zu Christusmördern gestempelt, einfach widerlich ist das. Wissen Sie, unter den Bewohnern von Augusta Mattiacorum, die ich nach der Varusschlacht evakuieren musste, die ich durch den Urwald über den Taunus nach Moguntiacum geleitet habe, da waren zehnjährige Jungen dabei, die tapferer waren, als jene Christen, die bei der Abfassung ihrer Schriften ein so feiges Manöver durchführten. Das vor dem Palast versammelte Volk verlangte übrigens seinen Freispruch.

 

Sie haben also Jesus aus freien Stücken zum Tode verurteilt?

Natürlich!

 

Wofür?

Er hat sich als König der Juden deklariert und dies war Hochverrat.

 

Aber er hat doch seine Funktion nur spirituell verstanden. Er bezeichnete sich nur als „Menschensohn“.

Eine solche Bezeichnung kann messianischen Anspruch bedeuten. Er verkündete jedenfalls den bevorstehenden Weltuntergang und das Weltgericht. Und er hielt sich für den, der all dies herbeiführen wird. So einen kann man natürlich sich selbst überlassen, bis er durch das Nichteintreffen der Prophezeiung der Lächerlichkeit überführt ist. Aber so einfach schien mir das in diesem Fall nicht. Er hat im Tempel Gewalt angewendet. Wenn religiöse Fanatiker meinen sie könnten die Intervention Gottes durch Gewalt herbeiführen, dann haben Sie da ein gefährliches Unruhepotential. Die Anzeige durch die Priesterschaft und die gewalttätigen Auseinandersetzungen auf dem Tempelberg waren mir für seine Schuld Beweis genug.

 

Mit Gewaltanwendung meinen Sie umgestürzte Tische und Taubenkäfige. Dafür ein Todesurteil?

Auch in euren Schriften steht, dass er die Händler aus dem äußeren Hof des Tempels vertrieb, bewaffnet mit einer Peitsche. Das ist der Versuch der Zwangsräumung eines vielbesuchten Warenumschlagplatzes, in einem der religiösen Zentren der bekannten Welt.

Versuchen Sie mal einen orientalischen Händler von seinem Marktstand zu entfernen. Wir haben es hier mit einem gewalttätigen Übergriff zu tun. In solchen Fällen entsteht das reinste Chaos, Handgemenge, Schlägereien, manche nutzen die Gelegenheit zum Plündern, Gedränge, Panik bricht aus, spätestens dann werden einige zu Tode getrampelt. Die Tempelpolizei hatte Mühe die Ordnung herzustellen. Ein paar Dutzend Menschen wurden verhaftet. Dieser Jesus wurde eindeutig als Rädelsführer erkannt. Seine Anhänger konnten kaum von andern Besuchern des Vorhofes unterschieden werden. Deshalb wurde er als Einziger der römischen Besatzung in der benachbarten Festung Antonia übergeben. Von seinen Spießgesellen war dann lange nichts mehr zu sehen.

 

Sie behaupten allen Ernstes, dass es bei diesem Ereignis zu Todesfällen kam?

Natürlich! Haben Sie denn kein Vorstellungsvermögen darüber, was sich bei solchen Tumulten abspielt?

 

Die Überlieferungen in der Bibel berichten übereinstimmend von einer späteren Verhaftung, die durch einen Zuträger, den Verräter Judas Iskariot ermöglicht wurde.

Eure Quellen berichten falsch!

 

Dann ist dieser Judas nur eine literarische Figur, der den angeblichen Verrat der Juden an dem Messias verdeutlichen soll? Daher der Name des Stammvaters „Juda“?

Dazu kann ich nichts sagen.

 

Wie ging es dann weiter?

Am nächsten Tag, in den frühen Morgenstunden, dem letzten Tag vor dem Passah-Fest, welches in jenem Jahr auf den Sabbat fiel, wurde er von der Antonia in den Herodes-Palast gebracht. Mir lag eine dringliche Anzeige der Priesterschaft vor. Ich befragte den Angeklagten. Ich erhielt nur irgendwelches Gefasel vom bevorstehenden Gericht als Antwort. Ich hatte den Eindruck, er erwartet stündlich das Eintreffen der himmlischen Heerscharen.

 

Und da haben Sie ihn zum Tode verurteilt?

Natürlich, bei diesem Tumult ist beinahe ein fünfjähriges Mädchen zu Tode getrampelt worden.

 

Die Regeln des römischen Prozessrechtes haben sie jedenfalls nicht beachtet.

Er war kein römischer Bürger sondern Untertan. Das römische Bürgerrechtskonzept war den Orientalen ohnehin unbekannt.

 

Es heißt bei uns, Jesus war ein Vertreter der Gewaltlosigkeit, der verlangte dass man als Reaktion auf einen Backenstreich die andere Wange hinhalten soll?

Davon ist bei dem Vorfall im Tempel nichts zu bemerken. Offenkundig hatten die Menschen, die vor meiner Residenz wegen der Ehrenschilde demonstrierten, viel eher eine Vorstellung davon, wie man sich ohne Gewalt für die Würde des Tempels und der heiligen Stadt einsetzt. Einige seiner Jünger waren übrigens bewaffnet.

 

Unsere heutigen Gelehrten gehen aber meist von der Echtheit der Jesus-Worte zu Gewaltverzicht und Feindesliebe aus?

Es gab damals offenkundig bei manchen religiösen Eiferern, die an den kurz bevorstehenden Anbruch des Gottesreiches glaubten, sowohl die Bereitschaft zur Gewaltanwendung, als auch dazu, bei anderen Gelegenheiten demonstrativ angebliches Unrecht zu ertragen, oder auf unsere Forderungen mit Übererfüllung zu reagieren. Der kurz bevorstehende göttliche Eingriff würde ohnehin bald das Unterste zu Oberst kehren.

Unsere durchmarschierenden Truppen hatten z.B. das Recht, für eine bestimmte Wegstrecke Lastenträger aus der lokalen Bevölkerung zu rekrutieren. Dabei wurden sie manchmal damit verblüfft, wie einige das geforderte Weggeleit einfach von sich aus erhöhten, um ihr Vertrauen in die baldige Ankunft des Gottesreiches zu zeigen. Man glaubte damit Stärke zu demonstrieren. Gewaltbereitschaft und demonstrative Duldsamkeit waren für diesen Jesus wohl situationsbezogen.

 

Auf die von Ihnen beschriebene Situation, hat offenkundig auch Jesus angespielt: „Wer dich nötigt eine Meile zu gehen, mit dem gehe zwei.“ Diese ethischen Radikalismen der Bergpredigt werden von vielen Gelehrten als Interimsethik - unter der Bedingung der Naherwartung - interpretiert.

Das erklärt die dürftige Ethik des Christentums. Wenn der Planungshorizont für die Zukunft begrenzt ist, kann nichts Besseres herauskommen als ein paar Gemeinplätze. Unsere Ethiker, wie Aristoteles und die Stoiker, waren da leistungsfähiger.