„Wir haben eine solche Kampagne erwartet"

BUTZWEILER. (hpd) Interview mit dem Autor Michael Schmidt-Salomon über die Reaktionen auf das „kleine Ferkel"

 

Das erste religionskritische Kinderbuch auf dem deutschen Buchmarkt „Wo bitte geht's zu Gott? fragte das kleine Ferkel" steht derzeit im Zentrum einer heftig geführten gesellschaftlichen Debatte. Nachdem bekannt wurde, dass das Bundesfamilienministerium das Buch auf den Index der jugendgefährdenden Schriften setzen lassen will, haben sich zahlreiche Befürworter wie Gegner des Indizierungsantrags zu Wort gemeldet. Während das Buch von Leserinnen und Lesern weiterhin sehr positiv besprochen wird und auch im Buchhandel steigenden Absatz findet, überwiegen in den Medien derzeit die Verrisse: So heißt es, „das kleine Ferkel" sei ein „Hassbuch", das „antisemitische Stereotype" bediene und die Religionen auf „dümmliche Weise" lächerlich mache. Grund genug, bei Michael Schmidt-Salomon, dem Autor des Buchs, nachzufragen.

hpd: Hat Sie der scharfe Gegenwind, der dem kleinen Ferkel derzeit ins Gesicht bläst, überrascht?

Schmidt-Salomon: Nein, keineswegs. Wir haben eine solche Kampagne erwartet. Es war allen, die an dem Projekt beteiligt waren, von Anfang an klar, dass dieses Buch Ärger bereiten würde. Die Religionen besitzen schließlich das Weltanschauungsmonopol in den Kinderzimmern. Es ist nicht erstaunlich, dass sie dieses Monopol nun mit allen Mitteln zu verteidigen versuchen.

 

hpd: Haben Sie damit gerechnet, dass der Antisemitismusvorwurf gegen das Buch erhoben wird?

Schmidt-Salomon: Ja, denn das ist in unserer Gesellschaft ein sehr wirksames Mittel, um politische Gegner zu diskreditieren. Auf diese Weise funktioniert politische Propaganda nun einmal - und zwar über alle politischen Systemgrenzen hinweg. In den iranischen Medien hat man mich vor wenigen Monaten noch als „zionistischen Agenten Israels" bezeichnet, um so den Zentralrat der Ex-Muslime diskreditieren zu können. Die beiden Etikettierungen sind zwar völlig konträr (hier: Antisemit, dort: jüdischer Agent), die dahinter stehende politische Strategie ist aber identisch: Stimmung statt Argumente.

 

hpd: Aber bedient die Darstellung des Rabbis im Buch nicht doch „antisemitische Stereotype"?

Schmidt-Salomon: Doch nur bei dem, der solche Stereotype bereits im Kopf hat und diese dann in das Buch hineininterpretiert! Wir haben in dem Buch doch nicht ‚den' Juden dargestellt, sondern bloß einen ultraorthodoxen Rabbi, der in Bezug auf Kleidung und Haartracht natürlich genau so aussehen muss, wie ultraorthodoxe Rabbis nun einmal aussehen. Wenn nun einige Leute das eine mit dem anderem verwechseln, so ist das ihr Problem, nicht unseres! Übrigens ist das Ganze ein reines Erwachsenenproblem: Heutige Kinder haben diese alten Stereotype nicht mehr im Kopf, Mensch sei Dank!"

 

hpd: Stephan Kramer, der Generalsekretär des Zentralrats der Juden, hält das Buch auch nicht für antisemitisch...

Schmidt-Salomon: Ja, und ich habe es mit einiger Erleichterung wahrgenommen, dass der Generalsekretär des Zentralrats der Juden in dieser Hinsicht etwas genauer hingeschaut hat als das Familienministerium.

 

hpd: Allerdings vertritt Kramer die Meinung, dass das Buch alle drei großen monotheistischen Religionen gleichermaßen verleumde und daher indiziert werden sollte. Wörtlich sagt er: „Das Perfide und Gefährliche dabei ist, dass es sich mit einer grafisch sehr attraktiven Aufmachung an junge Kinder wendet, die solch einer Antireligionshetze hilflos ausgesetzt sind. Auf jeden Fall ist das Buch gefährlich und gehört daher indiziert." Was sagen Sie dazu?

Schmidt-Salomon: Nun, als „gelernter Pädagoge" bin ich geneigt, hier zunächst einmal die „Ressource" zu sehen: Immerhin attestiert er dem Buch, dass es grafisch sehr attraktiv aufgemacht sei. Das ist durchaus fair, andere haben ja selbst das noch bestritten! Ich verstehe auch, dass man das Buch aus einer religiösen Perspektive als „gefährlich" einschätzen kann. Nur: Warum sollten religiöse Perspektiven in einer pluralen Gesellschaft größere Bedeutung haben als säkulare? Ein Drittel der deutschen Bevölkerung ist konfessionslos. Dieses Drittel wird weder durch die Kirchen noch durch den Zentralrat der Muslime repräsentiert.

 

hpd: Sowohl die Kirchen als auch die Muslime haben laut taz für eine Indizierung des Buchs votiert...

Schmidt-Salomon: Sicher, aber wen wundert das? Wenn es gegen „Ungläubige" geht, die allzu freche Fragen stellen, sind sich die religiösen Kräfte schon immer schnell einig gewesen. Aber, wie gesagt: Es gibt auch andere Stimmen in unserer Gesellschaft. Viele Pädagogen, Erzieher, Psychologen haben mittlerweile unsere Petition gegen die Indizierung des Ferkelbuchs unterzeichnet. Wäre das Kinderbuch tatsächlich so hasserfüllt, wie es mitunter heißt, wäre das ganz sicher nicht der Fall!

 

hpd: Was sagen Sie zu dem Vorwurf, das Buch wolle zum Atheismus indoktrinieren, es sei ebenso fundamentalistisch und intolerant, wie die Religionen, die es kritisiert?

Schmidt-Salomon: Zunächst einmal möchte ich klarstellen, dass das Buch eher agnostisch als atheistisch argumentiert. So sagt der Igel nach überstandenem Abenteuer: „Ich glaub' ja, dass es den Herrn Gott überhaupt nicht gibt! Und wenn doch, dann wohnt der bestimmt nicht in diesen Gespensterburgen [meint: der Synagoge, dem Dom oder der Moschee]!" Ein „aggressiver, fundamentalistischer Atheist" würde seine Figur sicherlich anders sprechen lassen...

Die entscheidende Frage ist jedoch: Ist es „Indoktrination", wenn man Kinder in humorvoller Weise über die fehlende Logik und die Absurditäten der traditionellen Glaubenssysteme aufklärt? Wohl kaum! Auch Kinder haben ein Recht auf Aufklärung! Sie sollten nicht schutzlos den wissenschaftlich unhaltbaren und ethisch problematischen Erzählungen der Religionen ausgeliefert sein! Angesichts der ungeheuren Masse religiöser Kinderbücher war das Ferkelbuch dringend erforderlich - nicht nur weil es zur Herstellung weltanschaulicher Pluralität im Kinderzimmer beiträgt, sondern auch weil wir ein wirksames Gegengift gegen die vielfältigen Formen religiöser Indoktrination benötigen.

 

hpd: Und was sagen Sie zum Vorwurf der Intoleranz?

Schmidt-Salomon: Nun, Ferkel und Igel sind doch geradezu Musterbeispiele für Toleranz! Obwohl sie von den Gottesdienern ziemlich in die Mangel genommen werden, machen sie keinerlei Anstalten, die Religionen anzugreifen oder gar verbieten zu wollen! Sie ziehen sich vielmehr in ihr Häuschen zurück und leben unbeschwert und ohne Hassgefühle ihr Leben weiter. Klar ist, dass Ferkel und Igel die Religionen nicht akzeptieren - wie könnten sie dies auch angesichts der Absurdität der vorgetragenen Glaubensvorstellungen? -, aber sie tolerieren die Religionen. Mehr kann man von den beiden, aber auch von jedem vernünftigen, säkular denkenden Menschen nicht verlangen! Wenn die Vertreter der Religionen im Umkehrschluss ähnlich verführen - sie müssen uns Ungläubige bzw. die Andersgläubigen ja nicht akzeptieren, bloß tolerieren! -, sähe es in der Welt weit besser aus!

 

hpd: Manche Kommentatoren haben behauptet, das Buch sei Ausdruck einer „dümmlichen Religionskritik". Das wurde u.a. damit belegt, dass der Rabbi, den beiden Helden der Geschichte den Zutritt zur Synagoge verweigert, obgleich doch auch Nichtjuden Synagogen betreten dürften. Außerdem sei eine Synagoge kein Tempel...

Schmidt-Salomon: (lacht) Solche „Expertenkommentare" liebe ich ganz besonders. Wissen Sie, wenn ein Kopf und ein Buch zusammenprallen und das Ganze klingt hohl, so muss das keineswegs immer am Buch liegen! Wie die meisten Fabeln, so hat auch die Geschichte vom kleinen Ferkel zwei Verständnisebenen, eine einfache - für Kinder - und eine tiefere, die nur Erwachsenen, offensichtlich aber nicht allen, aufgehen dürfte. Kindern ist es beispielsweise völlig egal, dass der Berg, auf dem es zum religiösen Handgemenge kommt, „Tempelberg" heißt - Erwachsene sollten diese Anspielung aber zu deuten wissen.
Auf dieser tieferen Verständnisebene der Fabel ist auch klar, dass es sich bei dem „Tempel", den nur Juden betreten dürfen, nicht bloß um irgendeine normale Synagoge handelt, sondern um „den" Tempel schlechthin, das „Allerheiligste" des religiösen Judentums. Warum also lässt der Rabbi Ferkel und Igel dort nicht hinein, während Bischof und Mufti die beiden mit offenen Armen empfangen? Ganz einfach, weil Christentum und Islam im Unterschied zum Judentum missionarische Religionen sind. Sie sind darauf ausgerichtet, ihre Anhängerschaft stetig zu vergrößern - ein Aspekt, der dem Judentum fern ist. Deshalb treten der Bischof und der Mufti am Anfang auch so sympathisch-werbend auf. Umso enttäuschter sind sie natürlich, als sie feststellen müssen, dass Ferkel und Igel ihnen nicht auf den Leim gehen...

 

hpd: Eine letzte Frage: Wenn Sie bereits im Vorfeld mit einer „Gegenkampagne gegen das Buch", wie Sie sagen, gerechnet haben, warum haben Sie es dann überhaupt veröffentlicht? Spielen Sie gern mit dem Feuer?

Schmidt-Salomon: Nun, wer Anstöße geben will, der muss auch damit leben, dass er als „anstößig" empfunden wird. Wir wollten mit dem Buch einen gesellschaftlichen Diskussionsprozess in Gang setzen. Das Problem der religiösen Erziehung wird in unserer Gesellschaft doch bislang kaum hinreichend thematisiert. In der pädagogisch angeblich so „wertvollen" religiösen Kinderbuchliteratur finden Sie zahlreiche traumatisierende Bilder, die Kinder schlecht verarbeiten können. So erzählt man die grausige Sintflut-Geschichte ja schon im Kindergarten. Dort werden die Hirne der Kinder auch mit kreationistischen Vorstellungen vom „lieben Gott und seiner Schöpfung" geimpft, was es ihnen später erschwert, die Evolutionstheorie in vollem Umfang zu verstehen. Hier muss noch Einiges aufgearbeitet werden und ich hoffe, dass die Debatte um das Ferkelbuch dazu ein wenig beitragen kann.

 

hpd: Herr Schmidt-Salomon, danke für das Interview.

Die Fragen stellte Martin Bauer.