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Traditionspflege 02.11.2009 · Nr. 8113

„Propaganda der übleren Sorte!“


Meisner / Foto: http://www.sculpturepark.de/

MASTERSHAUSEN/KÖLN. (hpd) Die Giordano Bruno Stiftung wehrt sich gegen Kardinal Meisners Diffamierungen religionskritischer Wissenschaftler und rückt die historischen Zusammenhänge zurecht.


Der Kölner Kardinal Joachim Meisner hat in seiner Allerheiligen-Predigt religionskritische Wissenschaftler in die Nähe des Nationalsozialismus gerückt. Der Kardinal warnte vor „ideologisierten Biophysikern, Hirnforschern und Evolutionisten“, die den Menschen weismachen, "dass es keinen Gott gibt und deswegen auch nicht Wahrheit oder Lüge, Gut oder Böse". Das „System des Nationalsozialismus und des Kommunismus im vergangenen Jahrhundert“ habe gezeigt, wohin das führe: „an den Rand des Abgrunds, in letzter Konsequenz zur Abschaffung des Menschen. Dafür stehen die KZs und Gulags.“

Der Vorstandssprecher der Giordano Bruno Stiftung, Michael Schmidt-Salomon, bezeichnete Meisners Predigt am Montagmorgen als „Propaganda der übleren Sorte“. Meisner habe die Positionen religionskritischer Wissenschaftler völlig entstellt und darüber hinaus „kolossale Geschichtsverfälschung“ betrieben. Anders als der Kardinal es darlegte, sei die Menschenrechtsidee maßgeblich von religionskritischen Personen vorangetrieben worden, während katholische Päpste diese als „unerträgliche Anmaßung“ verworfen hätten. Erst 1961 habe sich der Vatikan zu einer halbgaren Anerkennung der Menschenrechte durchgerungen. Seither sei es zwar Mode geworden, die katholische Kirche als Vorreiterin der Menschenrechte hinzustellen, mit der Realität habe dies jedoch wenig zu tun.

Gottesglaube der Nationalsozialisten

Als „demagogisch“ beziehungsweise als „erschreckend uninformiert“ wertete Schmidt-Salomon den Nazi-Vergleich, den Meisner bemühte, um konfessionsfreie Menschen zu diskreditieren. Schließlich sei der Nationalsozialismus keineswegs atheistisch gewesen. „Der Gottesglaube avancierte im Nazi-Regime sogar zur Staatsdoktrin!“, führte der Stiftungssprecher aus. „Kurz nach der Machtübernahme der NSDAP wurde der atheistische Freidenkerverbund verboten und in dessen Büro die ‚Reichszentrale zur Bekämpfung des Gottlosentums’ eingerichtet. Während Nazideutschland mit dem Vatikan das 'Reichskonkordat' abschloss, waren Atheisten im NS-Regime unerwünscht, da 'Gottlosigkeit' als Ausdruck des 'zersetzenden jüdischen Geistes' galt.“

Wenn man unbedingt einen Vergleich mit dem Nationalsozialismus ziehen wolle, müsse man festhalten, dass es weit größere Parallelen zwischen Meisners Glauben und der Naziideologie gebe als zwischen den „neuen Gottlosen“ und dem Nationalsozialismus. So hätten sich die Nationalsozialisten wie Meisner „als Streiter des Guten“ im Kampf gegen „das universelle Böse“ verstanden. Eine zentrale Rolle habe dabei die Wahnidee gespielt, dass sich „im Juden“ „das Böse“ verkörpere. „Ich gehe nicht davon aus, dass Meisner dieser speziellen Wahnidee unterliegt“, sagte Schmidt-Salomon, „aber es ist nicht zu leugnen, dass sich die Nazipropaganda vom ‚Juden als Teufel in Menschengestalt’ maßgeblich aus dem jahrhundertealten, christlichen Antijudaismus speiste, der schon lange vor dem Nationalsozialismus zu fürchterlichen Pogromen führte. Die katholische Kirche hat ihre Mitverantwortung an den nationalsozialistischen Gräueltaten bis heute nicht kritisch aufgearbeitet. Dass Meisner ausgerechnet jene Weltanschauung in die Nähe des Nationalsozialismus rückte, die vom Nazi-Regime von Anfang an verfolgt wurde, setzt diesem Trauerspiel die Krone auf.“

Schmidt-Salomon, der in seinem aktuellen Buch „Jenseits von Gut und Böse“ unter anderem die christlichen Wurzeln des Holocaust herausarbeitete, erklärte, dass er dem Kardinal sein Buch in den nächsten Tagen zusenden werde. „Vielleicht hat er ja ein Einsehen, wenn er mit den realen Fakten konfrontiert wird“, sagte der Stiftungssprecher. Allzu optimistisch sei er jedoch nicht. „Ich fürchte, dass der Kardinal alles leugnet, was im Widerspruch zu seinem Glauben steht.“ Deshalb müsse Meisner insbesondere gegen die Erkenntnisse der Evolutionsbiologie und der Hirnforschung zu Felde ziehen, die das tradierte Menschenbild in Frage stellten. „Da dem Kardinal in seinem Kampf gegen die Wissenschaft keine vernünftigen Argumente zur Verfügung stehen, bleibt ihm nur das Instrument der Stimmungsmache. Insofern werden wir wohl auch in Zukunft mit Diffamierungen durch Herrn Meisner rechnen müssen. Doch wir ‚ideologisierten Biophysiker, Hirnforscher und Evolutionisten“ können das durchaus mit Humor nehmen. Schließlich sind die bissigen Reaktionen des Kardinals ein Beleg dafür, dass sein dogmatisches Weltbild zunehmend unter Druck gerät – und das ist auch gut so.“

FL