Interview 23.11.2009 · Nr. 8289

Er nannte mich einen „Wolf im Schafspelz“


Johannes Neumann / Fotos © Evelin Frerk

BERLIN/OBERKIRCH-BOTTENAU. (hpd) In Vorbereitung seines heutigen 80. Geburtstages haben Prof. Dr. Johannes Neumann und Evelin Frerk korrespondiert: über seine Jugend, die Eltern, sein Studium, die Vorbilder, seine Professorenzeit, über Ethik, Angst und Aktuelles.


Lieber Johannes, neulich in Mastershausen haben wir uns gesehen, aber nicht wirklich miteinander sprechen können. Du warst immer von anderen Besuchern und Gästen ‚gefragt’. Nicht, dass ich mich beschwere, keinesfalls, es hat mir Freude gemacht, dich, der die anderen meist um Kopfgröße überragt, umrundet zu sehen. Es gäbe so vieles von Dir zu erfahren und was ich immer schon fragen wollte fasse ich einfach einmal zusammen:

Hast Du in Deinem ehemals religiös geprägten Leben daran gedacht, ein hohes Amt innezuhaben, so wie es gekommen ist, und sollte es „an der Seite Gottes“ sein? Ich frage deshalb, weil dieser Platz und Aufstieg speziell Jungs vorbehalten ist. Ich dagegen wollte als Kind immer gerne Schuhverkäuferin werden. In den Schuhgeschäften roch es so gut nach Leder.

Als Kind habe ich mir darüber keine Gedanken gemacht: ich lernte sehr früh, dass es unterschiedliche Formen des Lebens und des Glaubens gibt. Mein Vater stammte aus einer evangelischen Familie, meine Mutter kam aus einer kaschubisch-katholischen Familie. Ich bin also mit sehr unterschiedlichen Glaubensstilen aufgewachsen. Nach dem Krieg war ein Geschäftsfreund meines Vaters äußerst überrascht, als er hörte, mein Vater sei katholisch gewesen: er habe immer so "evangelisch“ gesprochen. Recht hatte er. Als meine Eltern sich damals im katholischen Rheinland zur Heirat entschlossen konvertierte mein Vater, denn darauf bestand die katholische Kirche bei den so genannten Misch-Ehen.

Es kam mir überhaupt nicht in den Sinn, ein hohes kirchliches Amt erstreben zu wollen. Dazu kam, dass ich schon sehr früh, nämlich mit 15 Jahren, kriegsbedingt von meinen Eltern getrennt wurde. Nach dem Krieg betätigte ich mich ziemlich hauptamtlich in der Jugendarbeit. Bei den Pfadfindern brachte ich es bis zum Gaufeldmeister. Dieser Arbeit widmete ich meine ganze Kraft.


Und die Schulzeit? Du warst sicher ein guter Schüler oder gab es auch etwas, dass dir nicht so leicht von der Hand ging?

Für die Schule hatte ich unter diesen Umständen kaum Zeit und Lust. Ich fing erst in der Abiturklasse mit dem Lernen an. Dass ich dennoch das Abitur mit der Durchschnittsnote 2,3 geschafft habe, erscheint mir heute noch wie ein kleines Wunder. Die Schule habe ich gehasst und als notwendiges Übel verstanden. Die Arbeit mit jungen Menschen schien mir wichtiger als mathematische Formeln.


War Dein Hauptstudium zuerst im Bereich von Theologie und Philosophie angesiedelt, so hast Du auch andere Fakultäten besucht. Was hat Dich veranlasst bzw. begeistert?

Ich sah damals in der Theologie eine Möglichkeit mit jungen Menschen zu arbeiten. Weitergehende Überlegungen habe ich kaum angestellt. An der Ludwig-Maximilians-Universität in München habe ich zum ersten Mal die freie Luft der Wissenschaft gekostet. Ich war sehr neugierig. Mich interessierte alles, angefangen von Archäologie bis zur Kunstgeschichte, über Medizin bis zur Biologie. Warum ich damals dann doch bei der Theologie geblieben bin, verstehe ich heute selbst kaum.

Es waren vor allem menschlich begeisternde Lehrer, die mich bei diesem Fach hielten. Wie Gottlieb Söhngen, der sich bewusst versprach, wenn er vom „Heiligen Aristoteles“ redete oder als Beispiel zu ihm: „Gestern hatte ich eine ganz merkwürdige Erscheinung, da habe ich doch ein paar weiß gekleidete Jünger der Kybele gesehen…“ Tatsächlich waren die Gebäude der LM Universität nach Fürstenried ausgelagert. Das Exerzitienhaus der Diözese war einzusehen und dort wurde die Mai-Andacht gefeiert. Oder Josef Schmidt, dem Neutestamentler in München, oder Alfons Deissler, dem damals jungen Alttestamentler in Freiburg, oder den Studentenpfarrer Dr. Becker.

Natürlich gab es auch das normale Mittelmaß an Professoren in München wie später in Freiburg, die einem das Studium verleiden konnten; aber man musste ja nicht in eine ihrer Vorlesungen gehen. Das war der große Unterschied zu heute, wo die Universitäten zu Paukanstalten verkommen sind.