NZZ.ch 8 Mär 2010 Nr. 8998

CH: Freikirchen kommen auf den Geschmack an Politik

Christliche Visionen leiten die Lobbyarbeit unter Gläubigen und im Parlament. Ob im Bundeshaus oder in lokalen Wahlen: Mitglieder von Freikirchen versuchen mehr Einfluss in der Politik zu gewinnen. Die Zeiten sind vorbei, wo sie sich nur um das persönliche Seelenheil kümmerten.

Matthias Herren

Bei den Evangelikalen zu politisieren, ist dankbar. Ende Januar organisierte im Vorfeld der Winterthurer Stadtratswahlen die lokale Evangelische Allianz ein Podium. Auf Einladung der Vereinigung von Freikirchen und frommen Gemeinden der Landeskirche kamen nicht nur alle zehn Stadtratskandidaten. Die Politiker standen auch vor einem Publikum, das sich in Grösse und Altersdurchschnitt von jenem anderer politischer Veranstaltungen deutlich unterschied. Statt einige Dutzend ergrauter Häupter füllten rund 700 Besucher die Versammlungshalle der Gemeinde von Christen, darunter viele um 20-jährig. (...)

Dass sich Mitglieder von Freikirchen für Politik interessieren und gar ihre Vorstellungen einbringen, ist eine neuere Entwicklung. (...) Pionierhaft setzte sich Beat Christen bereits vor 30 Jahren dafür ein, dass die Politik auch für bekennende Christen ein Thema wird. (...) Es war 1979, als er zuerst für die Bundesräte, dann auch für die Mitglieder des National- und Ständerats zu beten begann. Selber ein politisches Mandat übernehmen wollte Christen nie. «Ich will keine Parteipolitik machen», sagt er. «Meine Aufgabe ist grösser.»

Für seine «grössere Aufgabe» wechselte Christen ab 1992 auf die Tribüne des Nationalrats und betete hoch über den Niederungen des Parlaments. Einen festen Zutritt ins Bundeshaus als Beter oder «Lobbyist des lieben Gottes» erhielt er 1995. (...)

Konkrete christliche Forderungen an die Politik will der Bundeshausbeter keine nennen. «Christen können in jeder Partei politisieren», sagt er und achtet darauf, dass er parteipolitisch unabhängig bleibt. Nur so viel meint er: «Wenn jemand im Bundeshaus ein Freisinniger ist, dann bin ich es.»