Kolumne
Wenn Glaube absolut wird – wie sektenhafte Dynamiken entstehen
Der Absolutheitsanspruch von Glaubensgemeinschaften und Sekten überfordert uns Menschen und führt oft zu einem radikalen Glauben und Fanatismus.
Foto: Marc-Olivier Jodoin via Unsplash Unsplash License
Wir Menschen hassen nichts so sehr wie Ängste und Unsicherheiten. Sie stellen oft existenzielle Bedrohungen dar, die uns aus der Bahn werfen. Wir suchen nach Rezepten und Lösungen, die uns Sicherheit versprechen.
Dabei landen wir gern bei Religionen, Glaubensgemeinschaften oder gar sektenhaften Gruppierungen, die uns Erlösung und Wahrheit prophezeien. Doch nichts ist so relativ wie die angebliche Wahrheit. Die religiöse ist dabei nicht ausgenommen.
Glaube und Wahrheit beißen sich
Denn im Reich der Religionen geht es um den Glauben. Doch Glaube und Wahrheit beißen sich. Es gibt nicht einmal bei den Naturwissenschaften eine „Wahrheit“. Was heute gültig ist, kann morgen überholt sein, weil neue Erkenntnisse das Weltbild verändern.
Diesen Prozess der Wahrheitsfindung umschiffen Religionen gern. Ihre Lehre ist meist in Stein gemeißelt. Jede grundlegende Veränderung wäre eine Relativierung. Denn im Zentrum jedes religiösen Glaubens steht ein göttliches oder allmächtiges Wesen, das uns angeblich die letzten Wahrheiten vermittelt.
Da sich ein Gott vermeintlich nicht irren kann, ist es obsolet, sein Heilskonzept zu hinterfragen oder abzuändern. Die Krux besteht darin, dass wir selbst bei der Gottesfrage auf den Glauben zurückgeworfen werden. Denn es gibt keine Beweise für die Existenz eines göttlichen Wesens. Wir können nur an dieses glauben.
Doch viele Gläubige verdrängen allfällige Zweifel. Sie klammern sich an die Illusion, dass ihr Gott der einzig wahre sei. Ihr „Beweis“ besteht darin, dass sie überzeugt sind, ihren Gott zu spüren oder mit ihm kommunizieren zu können.
Oder sie interpretieren ihre starken bis euphorischen religiösen Gefühle als untrügliches Zeichen, dass Gott sie führt und berührt. Folglich muss es ihn geben.
Diese Gläubigen schließen aus, dass sie sich täuschen. Oder dass die Sehnsucht nach Gott und der religiösen Wahrheit ihre Wahrnehmung trübt. Oder dass die Einbildungskraft sie in die Irre führt und sie Sinnestäuschungen erliegen.
Mit dem Glauben an eine göttliche Instanz ist meist auch die Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod verbunden – in welcher Form auch immer. Den Glauben an ein Jenseits oder die Reinkarnation verbinden sie mit dem Anspruch auf die religiöse Wahrheit. In Wirklichkeit ist es lediglich eine Spekulation, denn Beweise kann niemand liefern.
Es geht also bei Religionen und Glaubensgemeinschaften ausnahmslos um den Absolutheitsanspruch. Sonst wäre es kein religiöser Glaube. Solche Ansprüche sind aber aus psychologischer Sicht eine Todsünde. Das Absolute überfordert uns Menschen heillos. Es führt nur allzu oft ins Extreme und Radikale und fördert den Fanatismus.
Der Glaube kann gefährlich werden
Dann wird der Glaube gefährlich. Er ist meist verbunden mit einem Machtanspruch. Wir Menschen neigen dazu, das Wahre und Absolute anderen Menschen angedeihen zu lassen oder es ihnen aufzudrängen, wie wir es aus den Missionsbestrebungen der vielen Religionen kennen.
Der Absolutheitsanspruch führt oft zu einer sektenhaften Dynamik. Damit pervertieren die betroffenen Gruppen und Bewegungen ihre eigenen ethischen und moralischen Werte und Dogmen, bei denen es um Barmherzigkeit, Nächstenliebe, Achtsamkeit und Einfühlungsvermögen geht.
Beispiele für religiöse Entgleisungen und Machtmissbrauch sind die Massensuizide bei Sekten. In welche Abgründe der Absolutheitsanspruch führen kann, demonstrieren aktuell auch die Mullahs im Iran, die auch Gläubige verfolgen, einkerkern oder hinrichten, weil sie kein Kopftuch tragen oder an einer Demonstration teilnehmen.
Glaubensgemeinschaften weisen im Kern sektenhafte Aspekte auf
Hinweise sind auch die vielen kriegerischen Auseinandersetzungen im Nahen Osten, die neben politischen Gründen auch religiöse Komponenten enthalten. Der Absolutheitsanspruch führt dazu, dass Glaubensgemeinschaften im Kern sektenhafte Aspekte aufweisen.
Nur religiöse Führer, die sich dieser Dynamik bewusst sind, können verantwortungsvoll handeln. Sie erkennen, wenn sich Gläubige radikalisieren, und können Gegensteuer geben. Und sie realisieren, wenn sich sektenhafte Entwicklungen in ihre Bewegung einschleichen.
Doch das Bewusstsein für diese Gefahren ist nach meinen Erfahrungen nicht sehr weit verbreitet.
Kommentare (9)
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Genau das ist die Gefahr von…
Genau das ist die Gefahr von Religionen, siehe Islam, eine Menschenverachtende Religion, welche ihre Macht weltweit verbreiten möchte und alle "Ungläubigen" ermorden
will.
Wie indoktriniert muß man sein um eine derartige Religion gut zu heißen, da ist kein Funke von Menschlichkeit mehr vorhanden.
Religionen sind meiner Meinung nach per se´ gefährlich, da diese die Realität verdrehen
und die Menschen verdummen.
Religionen tun und wollen…
Religionen tun und wollen gar nichts, Herr Baierlein. Menschen handeln, nicht Religionen.
Man kann über den Islam viel sagen – die meisten Muslime sind keineswegs der Auffassung, alle Nichtmuslime müssten ermordet werden, und auch die meisten islamischen Theologen lehren nichts Entsprechendes. Worauf stützt sich dann Ihre Behauptung?
Wie indoktriniert muss man sein? Kein Funke von Menschlichkeit mehr? Nun, religiös sind ja, noch, die meisten Menschen auf der Welt. Repräsentiert demnach nur eine relativ kleine Minderheit aller Menschen das eigentlich Menschliche, Realitätsbewusste und Intelligente? Ich lese Ihren Kommentar so, und ich frage mich, wie Sie das Radikale und Unreflektierte darin nicht zu erkennen vermögen.
Eine starke Aussage: Alle…
Eine starke Aussage: Alle Glaubensgemeinschaften sind "im Kern sektenhaft".
Daraus muss man eigentlich folgern, dass der Begriff Sekte (der ja seiner Herkunft nach auch ein religiöser Ausgrenzungsbegriff ist) wenig nutzbringend und substanzvoll ist. Wenn der Großteil der Menschheit mehr oder weniger versektet ist, liefert diese Feststellung kaum noch Unterscheidungsfähigkeit. "Im Kern sektenhaft" ist dann einfach der Ist-Zustand des Menschen, sofern er sich nicht dem Atheismus geöffnet hat.
"Sie klammern sich an die Illusion, dass ihr Gott der einzig wahre sei" ist eine Formulierung, die ein Wissen voraussetzt, das per se nicht vorhanden ist. Denn so wenig, wie die Existenz irgendeines Gottes im wissenschaftlichen Sinne bewiesen ist, so wenig ist sie widerlegt. Von einer Illusion zu reden, ist daher nicht statthaft. Richtiger wäre es, von einer Überzeugung zu sprechen. Und: Ist die Auffassung, dass es keinen Gott gebe, von einem rein psychologischen Standpunkt als weniger radikal und absolut zu betrachten als der, dass es (nur) einen Gott gebe?
Ich darf fragen, worauf die Aussage, dass viele Gläubige Zweifel und Optionen verdrängen und abweisen würden, sich eigentlich stützt. Auf umfassende qualitative Untersuchungen, die diese Muster sicher belegen würden, jedenfalls nicht. Denn diese existieren nur in einem Umfang, der den weitaus größten Teil aller Menschen, die einer Religionsgemeinschaft angehören, überhaupt nicht einschließt. Es handelt sich also weitgehend um eine Mutmaßung, die allerdings auf Logik und Indizien beruht. Zwingend ist sie keinesfalls. Zweifel und Fanatismus müssen sich überhaupt nicht ausschließen, ja, von einem psychologischen Standpunkt kann Fanatismus sogar eine schlüssige Antwort auf einen nur zu realen Zweifel sein.
Die Geschichte der Menschheit zeigt unabstreitbar, dass es des Glaubens an einen Gott oder Götter nicht bedarf, um fanatisch und gewaltbereit zu sein. Überhaupt schließt die hier vertretene Religionsdefinition ja nur Christentum, Islam und Judentum sicher ein, und auch das nur in Teilen (in allen drei Traditionen werden auch apersonale Gotteskonzepte vertreten). Für Hinduismus und Buddhismus (und übrigens auch für manche "Sekten") ist ziemlich zweifelhaft, ob "im Zentrum (...) ein göttliches oder allmächtiges Wesen, das uns angeblich die letzten Wahrheiten vermittelt" steht. Man beachte auch die Feinjustierung: göttlich oder allmächtig. Wo soll der Unterschied gezogen werden? Und wäre dann nicht auch beispielsweise der Kommunismus (Lenin: "Die Lehre von Marx ist allmächtig, weil sie wahr ist.") als religiös zu klassifizieren? Und wie steht es eigentlich mit dem Konzept der Vernunft? Mit dem der menschlichen Seele? Wodurch grenzen sie sich ab von dem, was hier als "göttliches Wesen" selbstverständlich erkennbar zu sein scheint?
In der Gesamtschau sehe ich hier spannende Diskussionsansätze, aber leider auch vermeidbare Unklarheiten und die Wiederholung fragwürdiger Behauptungen, die ihrerseits vieles enthalten, das nichts Gewusstes ist, sondern Geglaubtes.
"Denn so wenig, wie die…
"Denn so wenig, wie die Existenz irgendeines Gottes im wissenschaftlichen Sinne bewiesen ist, so wenig ist sie widerlegt."
Dass Esel Gold scheißen können, ist so wenig wissenschaftlich bewiesen, wie es widerlegt ist. Darauf seine Finanzplanung aufzubauen ist trotzdem denkbar dämlich. Dabei sind goldscheißende Esel erheblich plausibler als Götter.
Grundlagen der Erkenntnistheorie sollte endlich verpflichtend in allen Schulen vermittelt werden, dann müsste man sich nicht die immer gleichen Ausflüchte anhören.
Moses, Jesus und Mohammed…
Moses, Jesus und Mohammed waren sehr erfolgreiche Sektenführer.
Hugo Stamm ist Journalist…
Hugo Stamm ist Journalist und kein Wissenschaftler. Beim hpd hat er eine treue Leserschaft.
Das bedrückende ist,…
Das bedrückende ist, Atheisten werden von Gläubigen gerne als unfähig bzw. unwillig bezeichnet, die Gegenwart Gottes zu "spüren" und sich von ihm "führen" zu lassen, es heißt dann, der Atheist wäre ja verstockt und nicht bereit, die "unendliche Liebe" Gottes anzunehmen.
Man müsse sich nur "darauf einlassen", mit Gott eine "Beziehung" aufzunehmen. Als Atheist gerät man so unweigerlich in eine Abseitsposition, die jegliche weitere Diskussion mit Gläubigen unmöglich macht.
Lieber Herr Stamm, Sie…
Lieber Herr Stamm,
Sie übersehen die Möglichkeit, dass die Gläubigen von ihren religiösen Führern absichtlich und arglistig getäuscht werden.
Die Beispiele von Todessekten und die "Colonia Dignidad" zeigen doch, dass Religion keine Ethik ist, sondern ein zynisches, psychologisches Spiel mit menschlichen Sehnsüchten und Ängsten.
Religiöse Führer streben nach Macht über Menschen. Sie wollen Menschen kontrollieren, steuern und ausbeuten.
Religiöser Glaube ist kein Zufall, sondern das Ergebnis systematischer Indoktrination im Kindes- und Jugendalter.
Rechthaberei - ein anderes…
Rechthaberei - ein anderes Wort für "Wahrheitsanspruch" - ist immer eine Machtfrage. Wer regelmäßig seine Ansichten innerhalb einer Gruppe durchsetzen kann, hat Macht.
Die großen Religionen Christentum und Islam haben als Sekten angefangen mit charismatischen Führern, Jesus und Mohammed. Ist es da verwunderlich, dass die aus Sekten hervor gegangenen Weltreligionen im Kern sektenhafte Züge aufweisen?
Wollen die heutigen religiösen Führer überhaupt die Gefahren ihrer Religion erkennen?
Mein Eindruck ist eher, sie bauen das sektenhafte aus, weil es ihnen mehr totalitäre Macht beschert.
Religion ist mMn keine Ethik, sondern theokratische Ideologie.