Wer lästert da eigentlich?

Prof. Dr. Horst Herrmann
Prof. Dr. Horst Herrmann

STEISSLINGEN. (hpd) Denkverbote lockern, Gläubige zum Nachdenken über ihren Glauben anregen? Wer das will, setzt sich rasch dem Verdacht der Blasphemie aus. Die Frage, ob nicht das der eigenen Glaubensrichtung ins Konzept passende Gottesbild die eigentliche Blasphemie, das fundamentale Sakrileg darstellt, soll sich unter diesen Umständen erst gar nicht stellen. Den Gottesfrieden stört in dieser Sicht nur derjenige, der zum Denken anregt, nicht der fraglos Gläubige.

Sind aber die beklagten Tabubrüche schlichtweg verfolgenswerte Kulte des Bösen? Oder weisen Tabubrüche einen aufklärerischen Impetus auf, der obsolete Zeremonien sowie die oft menschenverachtenden Tendenzen einer Konfession zu Recht anprangert?

Blasphemie bezeichnet speziell das Verhöhnen von Glaubensinhalten und äußeren Formen der Religionsausübung. Personen oder Gruppen, die andere dieser Lästerung bezichtigen, verabsolutieren freilich ihr eigenes System. Sie leugnen, dass dieses nur eines von vielen möglichen ist. Für diese Sichtweise, die ein massives Gewaltpotenzial in sich tragen kann, bestehen allenfalls subjektive Kriterien: Wer den Vorwurf der Blasphemie erhebt, unterliegt häufig dem Einfluss von Verzerrungen in Verständnis und Gefühl.

Der einschlägige Paragraph unseres Strafgesetzbuches soll die Gläubigen vor Beschimpfungen und damit den öffentlichen Frieden schützen. Tatsächlich dient er überwiegend kirchlichen Interessen und schützt bestimmte Empfindlichkeiten.

Blasphemie gilt weithin als Instrument konservativ bis fundamentalistisch geprägter Gruppen, um emanzipatorische Forderungen zu stigmatisieren. Die tatsächlich existierenden religiösen Gefühle von Teilen der Bevölkerung werden benutzt, um Debatten von ihrem sachlichen Kern abzulenken. Dabei ist Meinungsfreiheit auch in Glaubensfragen gerade in Deutschland möglich und nutzbar. Das ist relativ selten auf der Erde.

Verschiedene neuzeitliche Staaten haben den Straftatbestand der Blasphemie gar nicht gekannt. Oder sie haben ihn mittlerweile aufgegeben. So die Niederlande im Jahr 2013. In der Bundesrepublik ist die Beschimpfung von Bekenntnissen, Religionsgemeinschaften und Weltanschauungsvereinigungen noch immer strafbar, sofern sie geeignet ist, den öffentlichen Frieden durch Hass und Hetze zu stören. Der Straftatbestand wird als überholt betrachtet. Deutschland, die verspätete Nation?

Heribert Prantl: "Man muss die Aufklärung verteidigen gegen eine Religionsauslegung, welche die Ausübung von Grundrechten für Blasphemie hält. Gewiss Kritik an der Religion und Spott gegen die Religion können religiöse Gefühle verletzen. Aber die bloße Verletzung von Gefühlen ist nicht strafbar… Es ist Kennzeichen des modernen aufgeklärten Staates, dass er dem Drang von Religionen und Heilslehren entgegentritt, den öffentlichen Raum nach ihren Glaubensüberzeugungen zu gestalten und ihre Grundsätze über die Grundrechte zu stellen."

Nebenbei: Ein Allmächtiger, der von seinen Geschöpfen gelästert werden kann, ist ein schwacher Gott. Benötigen Götter ihre unbefleckte Ehre, sollen sie sich selbst um sie kümmern.

Wer ist denn nun blasphemisch, wer lästert Gott in Wort und Tat? Wer Gott als Haßprediger verkündigen lässt? Oder wer auf solche biblischen Tatsachen verweist? Und wer kann den öffentlichen Frieden stören? Wer Gott als einen hochgerüsteten Hetzer predigt, wie das die Bibel auf weite Strecken hin tut? Oder wer ein solches Gottesbild unerträglich findet und sich verpflichtet fühlt, das auch offen zu sagen?

Blasphemie ist wahrscheinlich am häufigsten unter den Verfechtern des orthodoxen Dogmas anzutreffen. Das Gottesbild dieser Kleingruppe lästert Gott. Umso nachdrücklicher wird dieser Frevel als verbindliche Vorlage für den Glauben aller ausgegeben.

Da die Kirche zumindest als Arbeitgeberin nach wie vor über Einfluss verfügt, wundert es nicht, dass sie nach Abhilfe ruft, wenn sie sich betroffen wähnt. Jeder auch nur vermeintliche Angriff soll geahndet werden. Und geht es gegen die Kritiker einer Konfession, reichen sich Staat und Kirche in Deutschland, und fast nur in diesem vorgeblich christlichen Land, beflissen die Hand.

Doch die großen Deutschen Lessing, Kant, Nietzsche benutzten keine Staatsanwälte, um ihr Denken zu sichern. Von daher gesehen, beweisen bestimmte Gläubige Schwäche. Wer nach der Polizei ruft, um seinen Gott zu schützen, zeigt sein Gesicht. Müssen Strafen Mitbürger treffen, die jenen lästern, den niemand kennt? Soll unsere Justiz verfolgen, wer die Schuldigen entlarvt?

Kommentare (15)

Karol Dittel (nicht überprüft)

Mo. 9 Feb 2015 - 13:01

Ich fand das schon früher sehr schräg.

Jemand hat aufgrund einer nicht beweisbaren Entität irgendwelche "Gefühle" und ein Außenstehender muss das auch ernst nehmen. Mehr noch... aufgrund einer nicht beweisbaren Entität ist ein ganzes Glaubenskomplex entstanden den man als ein Außenstehender ernst nehmen muss. Und zwar kritiklos, wenn der Blasphemie-Paragraph bestand haben sollte.

Auf der selben Grundlage könnte sich doch jetzt ein Insasse einer Nervenanstalt, der sich für Napoléon hält, vor Kritik währen. Könnte... er hat aber keine Lobby wie die Gläubigen einer Weltreligion. Aber für mich ist das das gleiche...

Rainer Buchheim (nicht überprüft)

Mo. 9 Feb 2015 - 16:20

"Ein Allmächtiger, der von seinen Geschöpfen gelästert werden kann, ist ein schwacher Gott. Benötigen Götter ihre unbefleckte Ehre, sollen sie sich selbst um sie kümmern."
Das steht sogar so in ihrer Bibel:
"Rächet euch selber nicht, meine Liebsten, sondern gebet Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben: Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr. " (Röm 12;19)

Karol Dittel (nicht überprüft)

Mo. 9 Feb 2015 - 18:44

Antwort auf von Rainer Buchheim (nicht überprüft)

Ist das nicht egal was da, in dem besagten Büchlein, steht ? Die Bibel hat ja auch kein Gott geschrieben sondern irgendwelche alten Männer... womöglich auch noch im Vollrausch ;) Die hätten einfach nur das "Gott" durch "Wir" ersetzen können. Aber wenn sie das täten hätte sie wohl jeder ausgelacht und niemand ernst genommen. Aber ein ominöses Wesen wie ein Gott strahlt da wohl mehr Autorität aus.

Es ist aber schwierig sich in die Rollen und Gemütszustände der Menschen der damaligen Epoche hinein zu versetzen. Würde mir heute jemand etwas erzählen, dass ihm irgend ein Gott etwas zugeflüstert hat würde ich ihm klar einen "Vogel zeigen", mich danach umdrehen und ihn sich selbst überlassen und versuchen ihn künftig zu meiden.

Hans Trutnau (nicht überprüft)

Di. 10 Feb 2015 - 06:20

Antwort auf von Rainer Buchheim (nicht überprüft)

Richtig, Rainer! Auf den (durchaus geschätzten) Heribert Prantl: "[...] Kritik an der Religion und Spott gegen die Religion können religiöse Gefühle verletzen [...]" kann ich nur antworten: Na UND? Meine atheistischen 'Gefühle' werden täglich von Männern mit lustigen Hüten und in Frauenkleidern verletzt; aber ich pfeife drauf!

Oskar Degen (nicht überprüft)

Mo. 9 Feb 2015 - 19:07

ibs. die maßlose Überhöhung von uralten Texten als "Heilige Schriften" oder von toten und auch lebenden Personen als "Heilige" verletzt meine Gefühle (z.B. für Wahrhaftigkeit) aufs Gröbste. Die Darstellung eines inkontinenten Papstes z.B. kann ja nur so deshalb so schockieren, weil um diese Person(en) ein Kult getrieben wird, der aller Vernunft spottet. Ansonsten werden durch die maßlose Empörung über diese Karikatur - die sich ja aus der Ansicht speist, dass Inkontinenz "entwürdigend" ist - wiederum diejenigen beleidigt, denen der "liebe Gott" vermittels einer raffinierten Krankeit Inkontinenz (ein)geschenkt hat.
Hier noch ein Zitat das die Problematik der Blasphemieparagraphen n.m.M. bestens beschreibt:
"Gotteslästerung; denn niemand kann beweisen, daß der Gelästerte, der Beleidigte existiert, noch kann man beweisen, daß, wenn er existiert, er jemandem das Mandat gegeben, für ihn einzutreten; noch beweisen, daß er, selbst wenn beleidigt [»beschimpft«], nicht verzeiht. Und wenn man die Sache so auffaßt, daß allgemeine Gefühle beleidigt werden, so kann man auch sagen, daß bereits sehr viele in ihrem Wahrheitsgefühl verletzt sind, wenn man das Dasein Gottes annimmt und noch mehr, wenn man diese Meinung aufdrängen, sogar deren Gegenteil strafen will.
Josef Popper-Lynkeus (1838 - 1921 in Wien), österreichischer Sozialphilosoph und Schriftsteller
Quelle: »Philosophie des Strafrechts«

J.A.Schmidt (nicht überprüft)

Di. 10 Feb 2015 - 11:04

Kritik an der römischen Kirche ist nicht Kritik an Gott oder Jesus Christus; die Kirche ist nicht der Leib Christi, wie Papst Franziskus sagt.
Allein schon den Vater-Gott als ewig verdammenden Gott darzustellen, ist ein Verstoß gegen das zweite Gebot, also wirkliche Blasphemie.

Werner Rupp (nicht überprüft)

Di. 10 Feb 2015 - 12:12

Ich bin ein überzeugter Christ, aber was habe ich mit einem Atheisten zu tun, der meine "Denkverbote" lockern will (die es bei mir gar nicht gibt) und mich zum Nachdenken über meinen Glauben anregen will (was ich ohnehin ständig tue)?
Nichts!! Ein Atheist hat mir nichts zu sagen und nichts zu bieten.

Horst Herrmann (nicht überprüft)

Di. 10 Feb 2015 - 13:54

Antwort auf von Werner Rupp (nicht überprüft)

Herr Rupp, meinten Sie mit dem "Atheisten" etwa mich? Können Sie für diese Annahme einen Beleg erbringen? Wollen Sie den Verdacht ausräumen, nur mithilfe von Unterstellungen zu argumentieren und nicht mehr als ein terrible simplificateur zu sein, sollten Sie das schon schaffen.

Horst Herrmann (nicht überprüft)

Do. 12 Feb 2015 - 13:52

Antwort auf von Werner Rupp (nicht überprüft)

Herr Rupp, informiert sein ist immer besser: Zum einen ist der IBKA nicht nur eine Organisation für Atheisten, sondern auch, wie schon der Name sagt, auch für Konfessionsfreie. Zum andern: Ich bin kein Mitglied im IBKA.

Werner Rupp (nicht überprüft)

Fr. 13 Feb 2015 - 11:46

Antwort auf von Horst Herrmann (nicht überprüft)

Schade, Herr Herrmann. In Who is Who werden Sie als IBKA-Beirat bezeichnet. Im IBKA selbst wurden Sie zum 65. Geburtstag geehrt und als Beirat bezeichnet.
Aber wie dem auch sei und wie ich schon sagte: Ich weise alles zurück, was von Atheisten kommt, alle "klugen" Vernunftschlüsse und Belehrungen, einfach alles. Das ist meine Art, mit Blasphemie umzugehen, denn auch ich brauche keine Staatsanwälte, um mein Denken zu sichern.

"Ich weise alles zurück, was von Atheisten kommt, alle "klugen" Vernunftschlüsse und Belehrungen, einfach alles. Das ist meine Art, mit Blasphemie umzugehen"

@Herr Rupp,
Sie scheinen es noch immer nicht kapiert zu haben: Niemand gibt Ihnen einen Rat oder kluge Belehrungen! Ich schalte einfach den "Filter" ein oder erlaube mir einen "Blinden Fleck". Also wie schon gesagt ... keine Belehrung!

ps:Zum Thema 'Blinder Fleck'
http://www.diewahrheit.at/blog/wie-dumm-darfs-sein

Karol Dittel (nicht überprüft)

Di. 10 Feb 2015 - 17:42

Antwort auf von Werner Rupp (nicht überprüft)

@Werner Rupp

Herr Rupp... Niemand spricht Sie direkt an. Und niemand will Ihnen direkt etwas sagen. Menschen sprechen dennoch was sie denken. Es ist ihre Aufgabe sich einen Filter zuzulegen nachdem sie die Dinge filtern können welche Sie hören möchten und welche nicht. Das ist nicht z.B. mein Job auch nicht der anderen Atheisten. Und Ihnen etwas anbieten will erst recht keiner. Atheismus ist keine Handelstransaktion. Wir verkaufen nichts an der Tür.

Viellicht lehne ich mich gerade zu weit aus dem Fenster wenn ich gerade auch für andere Atheisten gesprochen. Aber vielleicht auch nicht. Wie dem auch sei... Sie haben anscheinend aber uns etwas zu sagen, sonnst hätten Sie nicht die Kommentarfunktion dieses Blogs bemüht. Und jemand antwortet Ihnen sogar, weil sein Filter gerade so ziemlich kaputt ist ;)

Manfred Mühlbacher (nicht überprüft)

Di. 10 Feb 2015 - 20:38

Antwort auf von Werner Rupp (nicht überprüft)

'Ein Atheist hat mir nichts zu sagen ... und was habe ich mit einem Atheisten zu tun'.
Klingt ziemlich überheblich! Und Schade auch ... denn ohne Austausch von Ideen und Gedanken wären wir höchstwahrscheinlich immer noch in der Steinzeit und glaubten an Wald- und Berggeister aller Art. Den Schritt vom Animismus, über Polytheismus zum Monotheismus hat die Menschheit größtenteils schon getan ... 15-30% der Weltbevölkerung hat selbst die letzte große Fiktion auch schon hinter sich gelassen. Große Einsichten brauchen Zeit, viele Köpfe und Kooperation und nicht Isolation!

horst herrmann (nicht überprüft)

Di. 17 Feb 2015 - 00:04

Mein Schlusswort: Obwohl ich selbst an einen Gott glaube, der nichts mit der Kirche zu tun hat (mein nächstes Buch handelt davon), sind meine liebsten Freunde Atheisten. Mit ihnen habe ich über Jahrzehnte hinweg gute Erfahrungen gemacht. Leider kann ich das nicht von den so genannten überzeugten Christen sagen, die mir begegnet sind.

Horst Herrmann

Horst Herrmann, (geb. 1940), Studium der kath. Theologie und der Rechtswissenschaften in Tübingen, München, Bonn und Rom, Dr. theol., Habilitation, 1971-1981 ord. Professor des Kirchenrechts in Münster, 1975 Entzug der kirchlichen Lehrerlaubnis, 1977 auf Vorschlag von Heinrich Böll Mitglied des PEN, 1981-2005 ord. Professor der Soziologie in Münster, über 200 wissenschaftliche (patriarchats- und religionskritische) und belletristische Veröffentlichungen, Tätigkeit als Herausgeber, Vorträge im In- und Ausland, zahlreiche Einladungen zu Rundfunk und Fernsehen, 60 Bücher (z.T.

Weitere Artikel des Autoren
Unterstützen Sie uns auf Steady!

Mehr lesen über:

Verwandte Artikel