Die Säkularisierung erreicht auch die Friedhöfe

Geißbock und Fußballschuhe statt Kruzifix

Unsere Friedhöfe werden bunter und weltlicher. Manch ein Grabstein lobpreist kein höheres Wesen, sondern erinnert liebevoll und emotional an den Verstorbenen. Die Grabinschriften können dabei höchst originell (und inspirierend) sein. Wir präsentieren hier einige eindrucksvolle Beispiele.

Grab
Auf dem Melaten-Friedhof in Köln.

Friedhofsbesuche gehören, insbesondere wenn die Tage kürzer werden, für viele Menschen zu einem festen Ritual. Die katholische Kirche legt ihren Gläubigen an Allerseelen, dem 2. November, das Gebet für die Verstorbenen nahe. Insbesondere für jene „armen Seelen im Fegefeuer“, wie es auf der Internetseite des Erzbistums Köln heißt. Wenn auch manch ein Katholik nicht an solche Folterphantasien glaubt, so zieren doch weiterhin christliche Symbole wie Kreuze, Kruzifixe, Engel oder ein Mann mit einer Dornenkrone die meisten Grabsteine auf unseren Friedhöfen. Doch das Bild ändert sich. Langsam zwar, aber stetig. Was mit dem Wandel der Gesellschaft zusammenhängt, die in Deutschland mittlerweile zu 48 Prozent konfessionsfrei ist. Gräber sind indes auf Jahrzehnte angelegt, weshalb auch der Wandel nur mit Verzögerung eintreten kann.

Die hier gezeigten Bilder entstanden auf dem Melaten-Friedhof in Köln, der eine ganz besondere Atmosphäre hat. Eine Insel der Ruhe, zu der von Ferne die Geräusche der lärmenden Stadt herüberwehen.

Dabei rühren einen die Gräber und Grabsteine, die ohne jeden Bezug zu einer Religion auskommen, besonders an. Sie versetzen den Besucher in eine Stimmung, die über den Tod und mehr noch über das Leben nachdenken lässt. Das Leben derer, die dort in den Gräbern liegen. Aber eben auch das eigene. Gedanken darüber, was einen ausmacht, was einem selbst wichtig ist. Wünsche und Vorstellungen, die nichts mit einer Anbetung von Gott oder einem versprochenen ewigen Leben im Jenseits zu tun haben. Fotos der Verstorbenen und Alltagsgegenstände zieren die Gräber. Da sind Comicfiguren zu sehen und Hinweise auf Hobbys des Verstorbenen: Tischtennisschläger, Schachfiguren. Oder Legosteine, die die Grabstätte begrenzen. Und immer wieder Skulpturen von Tieren – ein Pferd, ein Dackel, eine Katze.

Grab

Da ist das Grab eines jung verstorbenen Mannes: Fußballschuhe, eine Bier- und eine Weinflasche stehen da. Dies und der Hinweis „Herzensmensch“ auf einem kleinen Holzblock geben eine Perspektive auf ihn und sein Leben. Auf einer anderen Grabstelle ganz in der Nähe steht die Skulptur eines Geißbocks mit Fan-Schal – das Maskottchen des 1. FC Köln. Für den ebenfalls jung verstorbenen Mann hier hat der Fußball wohl eine sehr große Rolle gespielt. Wie ein Wimmelbild mit allen möglichen Gartenutensilien inklusive Vogelhäuschen sieht dagegen die letzte Ruhestätte von Else, Irmgard und Frieda aus. Ihnen war offenbar die Gartenarbeit wichtig. Bunte Tier- und Comicfiguren auf Miniatur-Bänken zieren ein anderes Grab. Und ein paar Meter weiter hat der Steinmetz eine sich anschmiegend eingerollte Katze verewigt, die den ihr verbundenen „Dosenöffnern“ nie mehr weglaufen wird.

Grab

Thorsten Benkel und Matthias Meitzler sind über Hunderte von Friedhöfen spaziert. Die beiden Soziologen haben in zwei Büchern mit den Titeln „Gestatten Sie, dass ich liegen bleibe“ und „Game Over“ (erschienen im Kiwi-Verlag) zahlreiche Beispiele weltlicher Grabstellen mit Fotos und liebevollen Kommentaren dokumentiert. Für sie ist der Friedhof ein Spiegelbild der Gesellschaft. Veränderungen im wirklichen Leben wie der Trend zur Individualisierung spiegelten sich dort wider, sagen sie.

Grab

Sie haben tatsächlich den Grabstein mit dem Satz gefunden, der einem der Bücher seinen Titel gab: „Gestatten Sie, dass ich liegen bleibe“. Auch von anderen dokumentierten Grabsteinen wird der Friedhofsbesucher direkt angesprochen: „Ich hab’s geschafft. Nun gönnt mir meine Ruhe“, sagt Jupp. Elisabeth ließ auf ihrem Grabstein notieren: „Lasst mich in Ruhe“. Bei Horst steht schlicht und einfach nur „Feierabend“. Originell auch das „Hier ruht Ruth“. Seine spezielle Art von Humor bewies ein Mann über seinen Tod hinaus, der seinen Nachkommen auftrug, einen Briefkastenschlitz auf den Stein meißeln zu lassen - mit der Anordnung: „Bitte keine Werbung!“ Und da ist auch ein Grabstein, von dem der Friedhofsbesucher sarkastisch und in Reimform aus dem Jenseits angeknurrt wird: „Hier ruhen meine Gebeine, ich wollt', es wären deine.“

Manch christliches Grab, wir kennen das, ist geschmückt mit einer Himmelsleiter, auf der der Verstorbene offenbar ins Himmelreich geklettert ist. Einen Gegenentwurf dazu zeigt der Grabstein von Hans Joachim. Eine fliegende Untertasse suggeriert, dass er nicht selbst die Sprossen hochsteigen musste, sondern offenbar von anderen Mächten von der Erde abgeholt wurde.

Grab

Ein Grab zeigt eine Uhr, deren Zeiger die Minute des Todes dokumentieren. Das erinnert an den Gedanken, den der Sänger Herman van Veen über den Tod seiner Mutter hatte. Er konnte nicht fassen, dass die Welt sich einfach weiter drehte. Als sei nichts geschehen. Wir alle kennen wohl diese Empörung über einen schmerzlichen Verlust – und den trotzdem unbeeindruckt weiter laufenden Alltag. Oder wie van Veen es sagt: „Und jeden Tag wurde es wieder Viertel nach sieben.“

Grabstätten mit weltlichen Botschaften stimmen melancholisch, berühren stärker als religiöse Beschwörungen. Grabstellen, die über die individuelle Vergänglichkeit nachdenken lassen. Eine Vergänglichkeit, über die der Autor Axel Hacke in seinem so wunderbaren Buch „Die Tage, die ich mit Gott verbrachte“ (Antje Kunstmann Verlag) sinnierte. Da spricht er über einen Grabstein, auf dem die Namen von drei Menschen stehen. Ein Elternpaar und sein Sohn. Kaum noch lesbare, im verwitterten Grabstein eingemeißelte Buchstaben. Hacke schreibt: „Diese drei waren jedenfalls für sich damals Gegenwart und Zukunft, und nun sind sie Vergangenheit … und eigentlich sind sie nun nicht einmal mehr Vergangenheit, alles ist nur noch eine abgewetzte Andeutung, unbeachtet von den meisten, die hier gehen.“

Kommentare (5)

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Angelika Wedekind (nicht überprüft)

Fr. 25 Sep 2026 - 15:02

Hm. Grenzwertig. Ich würde mich schon belästigt fuehlen, wenn in der Nähe zum Grab meiner Mutter eine Art Gartenzwergparadies entsteht. Nicht alle mögen das und sind dann gezwungen, das zu akzeptieren. Ich finde auch Fotos von Verstorbenen auf Grabsteinen unangenehm. Der Tod macht anonym. Das hat auch etwas Majestaetisches, finde ich. Ruhe auf einem Friedhof ist mir wichtig. Beiden Seiten muss ja irgendwie Gerechtigkeit geboten werden. Aber wie?

Wenn der Tod majestätisch anonym macht, warum werden dann die Namen, Geburts- und Sterbedatum und Widmungen von Lebensbegleiter auf Grabsteine gemeißelt?
Deine Inkonsequenz im Gedankengang merkste selbst, oder?

@AngelikaWedekind Einfach aushalten und vielleicht sich selbst nicht so wichtig nehmen, im Leben.

"Berühmte sind Leute, die man etwas später vergisst." (Karl-Heinz Deschner)

Da gibt's doch Friedhofsordnungen. Schön, dass die nicht mehr so restriktiv sind. Muss ja nicht gleich überall so aussehen, liebe Frau Wedekind. Sie sollen ihre Ruhe - über der Erde - schon noch genießen dürfen. Aber eben nicht überall.

Gerhard Baierlein (nicht überprüft)

So. 27 Sep 2026 - 18:06

Alles auf einem Grab ist schöner als ein Tötungsinstrument wie es das Kreuz darstellt,
daß immer mehr Menschen sich von den traditionellen Grabbeigaben abwenden, lässt
mich hoffen, daß die erfundenen Religionen langsam aber sichtbar ein Auslaufartikel sind, da die Bürger immer mehr merken wie sie Jahrhunderte lang von den Kirchen
belogen und betrogen wurden.
Religionen sind ein überflüssiger Staat im Staate!

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