Skeptiker 1/2021 jetzt erhältlich

Fukushima: Die lange Halbwertszeit der Mythen

Es war eine Katastrophe, die die Welt erschütterte: Am 11. März 2011 ereignete sich vor der japanischen Pazifikküste das größte Erdbeben seit Beginn der historischen Aufzeichnungen und löste einen verheerenden Tsunami aus. Dabei verloren zwischen 15.000 und 20.000 Menschen das Leben. Eine halbe Million musste flüchten, viele wurden in Notunterkünften unter schwierigen Lebensbedingungen untergebracht. Posttraumatische Belastungsstörungen und eine erhöhte Suizidrate waren die Folge, hinzu kam die soziale Stigmatisierung der Evakuierten.

In Deutschland beschränkt sich die Erinnerung an die Katastrophe meist auf einen einzigen Teilaspekt, den Unfall im Kernkraftwerk Fukushima, ausgelöst durch den Tsunami. Vergessen wird dabei, dass die Todesfälle auf die Überflutung und die anschließenden Evakuierungsmaßnahmen zurückgehen. Diese Mythen geisterten auch in den letzten Tagen, anlässlich des zehnten Jahrestages von "Fukushima", wieder durch die Medien und die Poltitik.

Hier lohnt sich ein Blick in den soeben erschienenen Skeptiker 1/2021, wo Amardeo Sarma und Dr. Anna Veronika Wendland den Falschbehauptungen in einem ausführlichen Beitrag die Fakten gegenüberstellen. So belegen sie, dass der Atomunfall keine direkten Todesopfer gefordert hat. "Bis heute gibt es eine gerichtlich als Arbeitserkrankung anerkannte Krebserkrankung mit Todesfolge, die aber vermutlich nicht auf den Unfall selbst zurückgeht", schreiben sie.

Auch Befürchtungen von steigenden Krebsraten nach dem Unfall haben sich zum Glück nicht bestätigt, wie Sarma und Wendland mit Hinweis auf Daten der WHO zeigen: "Außerhalb der von der Strahlung betroffenen geografischen Gebiete, selbst in Gegenden innerhalb der Fukushima-Präfektur, bleiben die Risiken gering, und wir erwarten keine beobachtbare Erhöhung der Krebsinzidenz oberhalb der natürlichen Grundlinie."1

Das AutorInnenteam Sarma und Wendland ordnet Fukushima im Fazit "als einen schweren Industrieunfall ein, dessen tatsächliche Folgen jedoch vor dem Hintergrund der gravierenderen Zerstörungen und Opferzahlen der Naturkatastrophe verblassen. 'Fukushima' war nicht die Weltkatastrophe, für die es in Deutschland gehalten wird. Aber Tohoku war eine der schwersten nationalen Katastrophen der jüngeren Geschichte für Japan."

Ärzte und Heilpraktiker

Ein weiterer ausführlicher Beitrag im neuen Heft setzt sich mit einer Absurdität des deutschen Gesundheitswesens auseinander: Während Ärztinnen und Ärzte erst nach einer langen und anspruchsvollen Fachausbildung Kranke behandeln dürfen, sind die Hürden für Heilpraktiker wesentlich geringer. Doch das System Heilpraktiker bringt enorme Risiken für Patienten mit sich, wie nicht erst die Todesfälle in einer alternativmedizinischen Krebsklinik zeigten. Fachleute wie der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach plädieren deshalb für eine Abschaffung des Heilpraktikerberufs, andere fordern eine wissenschaftlich fundierte Ausbildung. Skeptiker-Autor Michael Scholz schildert, wie es zur gegenwärtigen Schieflage kam. Sein Fazit: Das Heilpraktikerwesen bedarf dringend einer Reform.

"Zynische Theorien"

So sehr sich Ayurveda, Feng Shui und die Traditionelle Chinesische Medizin auch im Detail unterscheiden, ist ihnen dennoch gemein, dass sie mit wissenschaftlich unhaltbaren Grundannahmen arbeiten. Fachleute weisen seit langem auf die Defizite und Risiken dieser Gedankengebäude hin. Müssen wir sie dennoch als gleichwertig neben der evidenzbasierten Heilkunde akzeptieren? Auf nichts anderes laufen die sogenannten "identitätsideologischen Ansätze" hinaus, die in den letzten Jahren in den Geistes- und Sozialwissenschaften zunehmend Fuß gefasst haben, so Dr. Martin Mahner in einem weiteren Beitrag des Heftes.

Skeptiker 1/2021 bestellen:

Der Leiter des Zentrums für Wissenschaft und kritisches Denken der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP) stellt ein aktuelles Buch zum Thema vor: "Cynical Theories", verfasst von der Literaturwissenschaftlerin Helen Pluckrose und dem Mathematiker James Lindsay. Als zynisch bezeichnen die AutoInnen die kritisierten Ansätze, weil sich ihre antiwissenschaftliche und antiaufklärerische Richtung negativ nicht nur auf die Geistes- und Sozialwissenschaften auswirkt, sondern auf die gesamte Gesellschaft. Demnach sei niemandem damit gedient, "wenn zur Lösung von Problemen oder Heilung von Krankheiten nichtwestlichen Gesellschaften wissenschaftliche Erkenntnisse vorenthalten werden; […] oder wenn man Menschenrechtsverletzungen in anderen Kulturen nicht mehr kritisieren darf", referiert Mahner, nicht zuletzt mit Blick auf die Menschenrechte von Frauen, säkular Denkenden und LGTBI-Personen in streng islamischen Ländern.

Strategien im Umgang mit dem Klimawandel

Mit dem Klimawandel greift das Heft ein weiteres aktuelles Thema auf. Nach einer aktuellen Schätzung des Deutschen Wetterdienstes (DWD) werden wir das Zwei-Grad-Ziel des Abkommens von Paris verfehlen. DWD-Präsident Gerhard Adrian befürchtet sogar ein Plus von drei bis vier Grad über dem vorindustriellen Niveau. Doch was verbirgt sich hinter diesen abstrakten Zahlen? Wie sich ein globaler Temperaturanstieg auf die Menschheit und unseren Planeten auswirken würde, spielt der Umweltaktivist und Wissenschaftsautor Mark Lynas in seinem aktuellen Buch "6 Grad mehr" durch. Die Szenarien lesen sich teils erschreckend – etwa, wenn Lynas eine zukünftige, unbewohnbar gewordene Erde beschreibt.

Anlässlich der Buchveröffentlichung hat Amardeo Sarma den Autor interviewt. Darin wird deutlich, dass Resignation für den Umweltschützer Lynas keine Option darstellt. Nach seiner Überzeugung gibt es "keine Grenzlinien mit der Apokalypse auf der einen und dem bewohnbaren Planeten auf der anderen Seite". Ein Gespräch, das Mut macht, sich trotz aufrüttelnder Prognosen weiterhin für den Klimaschutz zu engagieren – oder besser: gerade deshalb.

Skeptiker-Magazin: "Die Entschwörer"

Web-Designerin Victoria Schrank hat eine App entwickelt, mit der man konstruktive Gespräche mit Corona-Verschwörungsgläubigen trainieren kann. Rechtsanwalt Chan-jo Jun klärt auf YouTube über die juristischen Scheinargumente der selbsternannten "Querdenker" auf und vertritt den gemeinnützigen "Goldenen Aluhut" in einem Rechtsstreit gegen den "Querdenken 711"-Initiator Michael Ballweg. Und Multikünstler Tommy Krappweis versammelt in seinen "Ferngesprächen" jeden Dienstag auf Twitch kluge Köpfe, um ihnen kluge Fragen zu stellen. Sie gehören zu den Persönlichkeiten aus verschiedenen Berufssparten, die Skeptiker-Chefreporter Bernd Harder interviewt hat, weil sie sich für Aufklärung über Corona-Verschwörungserzählungen engagieren.


1WHO: Health risk assessment from the nuclear accident after the 2011 Great East Japan Earthquake and Tsunami based on a preliminary dose estimation, 2013, ISBN 978 92 4 150513 0

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Kommentare (27)

Hans Trutnau (nicht überprüft)

Mo. 15 Mär 2021 - 14:45

Nur zu dem anfänglichen 'Mythen'-Teil:
Was für eine schier unglaubliche Verharmlosung; ich fasse es nicht!
Weiteres erübrigte sich eigentlich, weil sogar die damals noch dem Wirtschafts(!)-Ministerium unterstellte (und inzwischen wegen den entsprechenden Interessenkonflikten aufgelöste) Japanische Atomaufsichtsbehörde NISA die Havarie der AKW-Anlage (mit der Höchststufe 7) als katastrophalen Unfall einstufte. Das entspricht einem Super-GAU mit unkontrollierbarer Kontamination der Umwelt!
Angesichts des Leids verhungerten Nutzviehs, des Verlusts an Grund und Boden Tausender evakuierter Umgesiedelter (was kurzfristig zweifellos viele Menschenleben rettete) und der langfristigen Bodenverseuchung in und um Fukushima (von den immer noch nicht entsorgten höchstradioaktiven Kernschmelzen einmal ganz abgesehen) von geringen Risiken zu schwadronieren, ist an Zynismus eigentlich kaum mehr zu überbieten.
Und jetzt das u.a. mit Tritium radioaktiv kontaminierte Kühl-Abwasser als Trinkwasser nach Australien exportieren, nicht wahr? Oder besser gleich rein damit ins Meer? Kostet ja fast nichts und wird praktisch unendlich verdünnt!? Unendliche Ressourcen!? Und sowieso weiter so wie bisher… Kennen wir doch irgendwie. – Ich fasse es immer noch nicht!
Wenn die „Folgen jedoch … verblassen“ und keine Gefahr darstellen, dann möchte ich fast vorschlagen, dass die GWUP ihren Vereinssitz (oder zumindest der Vorsitzende seinen Wohnsitz) von Roßdorf nach Fukushima verlegt. Ich gehe jedoch jede Wette ein, dass das (frei nach dem Sankt-Florians-Prinzip) nicht eintreten wird.
Wenn *ich* als Redakteur dieses Pamphlet hätte schreiben sollen – ich hätte mich geweigert. Aber ich bin ja auch kein GWUP-Redakteur und werde auch nie einer sein.
Bei Ihrem eigentlichen Kernthema, der Esoterik-Kritik, ist die GWUP besser aufgehoben.

Öffentlichkeit… (nicht überprüft)

Mi. 17 Mär 2021 - 08:40

Antwort auf von Hans Trutnau (nicht überprüft)

@ Hans Trutnau Amardeo Sarma ist ausser Kontrolle, Image-Super-GAU für die GWUP: https://blog.gwup.net/2021/03/11/im-neuen-skeptiker-1-2021-fukushima-mythen/

Hans Trutnau (nicht überprüft)

Mi. 17 Mär 2021 - 13:19

Antwort auf von Öffentlichkeit… (nicht überprüft)

Habe ich dort ähnlich kommentiert. Und die Antwort darauf von A. Sarma ist m.E. einfach nur peinlich, weil ausweichend. (Dort beides zu finden per Suche nach meinem Vornamen.)

Hans Trutnau (nicht überprüft)

Fr. 19 Mär 2021 - 01:06

Antwort auf von Hans Trutnau (nicht überprüft)

Und wenn A. Sarma dann in dem o.g. Blog (https://blog.gwup.net/2021/03/11/im-neuen-skeptiker-1-2021-fukushima-mythen/) von mir erwartet*, seinem Verein bzw. ihm die Umsiedelung nach Fukushima (oder dort gar eine Professur seiner Mitsprecherin?) zu finanzieren (ohne auch nur mit einem Wort auf die Verharmlosung der Katastrophe einzugehen), dann fällt mir dazu eigtl gar nichts mehr ein. (*Mit Suche nach meinem Vornamen zu finden.)
Es ist manchmal zum Verzweifeln.

Chris Kihn (nicht überprüft)

Fr. 19 Mär 2021 - 11:18

Antwort auf von Hans Trutnau (nicht überprüft)

@Trutnau. Ja fassen Sie es nur nicht. Schon vor Jahren waren deutsche Physikstudenten zum Aufräumen in der Präfektur. Die bekamen auf ihren Flügen mehr Radioaktivität ab als in zwei Wochen vor Ort. Sie verwechseln im übrigen die Tsunamifolgen (verhungertes Vieh) mit der tatsächlichen Dimension des so gut wie vollständig containten Nuklearunfalls, bei dem es nachweislich nur einen Toten gab, einen Techniker, der einen Herzinfarkt hatte. Alle Krebshochrechnungen sind nicht belastbar. Und Tritium hat übrigens eine Halbwertszeit von 12 Jahren. Japan und dutzende andere Länder, darunter Südafrika mit dem ehemals deutschen Kugelhaufenreaktor, machen weiter mit Kernenergie, auch wenn es ihnen deutsche Weltenretter gern verböten. Übrigens nimmt die Zahl der Netzstörungen hierzulande beständig zu, und das mit dem teuersten ("Eine Kugel Eis") Stromrechnung der Welt. Machen Sie sich erst mal klar, was ein 1-2-wöchiger Stromausfall für die ganze BRD bedeuten würde, bevor sie sich um denjenigen in ein paar japnaischen Landkreisen scheren.

@ Chris Kihn Sie verwechseln den Humanistischen Pressedienst mit Amardeos Sarmas Werbeagentur für Kernenergie "GWUP".

Hans Trutnau (nicht überprüft)

Fr. 19 Mär 2021 - 23:42

Antwort auf von Chris Kihn (nicht überprüft)

@Kihn. Werter Herr(?), mit verhungertem Vieh meinte ich selbstverständlich nicht vom Tsunami ertränktes Vieh, sondern dasjenige, das auf den von evakuierten Bauern verlassenen Höfen verhungerte. Sollte klar gewesen sein.
Das lasse ich mir von Ihnen jedoch nicht uminterpretieren!
Und schrieb ich überhaupt etwas über (von dem angeblich "so gut wie vollständig containten Nuklearunfall") getötete Menschen? Was wollen Sie mit Ihrer Aussage eigentlich sonst bezwecken als versuchte Diskreditierung?
Jetzt scheren Sie sich einmal gefälligst auch selbst um die paar "japnaischen" Landkreise, bitte, und gehen (bloß nicht fliegen...) dort schleunigst "zum Aufräumen in der Präfektur"!
Und machen Sie unbedingt so weiter wie bisher... Dann klappt das aber nur nicht mit Ihrer "Kernenergie".
Unherzlichst, Ihr
deutscher Weltenretter

Chris Kuhn (nicht überprüft)

Mo. 22 Mär 2021 - 10:21

Antwort auf von Hans Trutnau (nicht überprüft)

Uminterpretieren? Können Sie lesen? Wo stand bei mir etwas von "ertrunkenem Vieh" (das ja im übrigen klimaschädlich ist)? Die Bauern wurden überwiegend gegen ihren Willen evakuiert. Es geht aber nicht um Sie oder mich, sondern darum, daß Japan weiter Kernkraftwerke betreiben wird. China, die USA und Frankreich auch. Keine Sorge, die Welt wird auch "humanistische" deutsche Altgrüne überleben, welche überhäufig selber mit großem Öko-Fußabdruck leben, spätestens, wenn deren Klimakids-Enkel, sofern nicht durch Kupons und Erbvermögen aus früherer Technologiefüherschaft alimentiert, bei der Arbeitsagentur Schlange stehen für "irgendwas mit Medien".

@Kuhn: treffender Kommentar. War 2018 vor Ort, dort ist komplette Normalität eingekehrt. Die Japaner sehen das entspannter als wir, da technologieaffiner. Die einzige Anti-Atomkraft Demo die ich mal in Tokio erlebt habe, bestand aus 30-40 Teilnehmern. Aber für viele Leute gilt eben: was nicht sein darf, kann nicht sein.

Ernst-Günther Krause (nicht überprüft)

Mo. 15 Mär 2021 - 15:48

Die Beschreibung des Fukushima-Berichts im "Skeptiker" 1/2021 hat mich sehr nachdenklich gemacht. Das was Inge Hüsgen zusammenfassend vorgestellt hat, erinnert mich eher an die Quer-(Dumm-)Denkerbewegung. Warum sollten eine Technik- und Osteuropahistorikerin und ein Elektroingenieur plötzlich zu Experten für einen Atomgau geworden sein? Ehrlich gesagt, ich verlasse mich als jemand, der seit mehr als 40 Jahren mit einer Japanerin verheiratet ist und deshalb eine engere Verbindung zu dem Geschehen und davon betroffenen Menschen hat, eher auf das, was im ZDF-Bericht "Der ewige Gau?" zu sehen und zu hören ist. Das macht dann wahrscheinlich die Zuschauer zu Skeptikern des Skeptikers. https://www.zdf.de/dokumentation/zdfzeit/zdfzeit-der-ewige-gau-10-jahre-fukushima-100.html

Carola Gabriel… (nicht überprüft)

Mo. 15 Mär 2021 - 21:59

Der "Skeptiker" schreibt. "Eine halbe Million musste flüchten, viele wurden in Notunterkünften unter schwierigen Lebensbedingungen untergebracht. Posttraumatische Belastungsstörungen und eine erhöhte Suizidrate waren die Folge, hinzu kam die soziale Stigmatisierung der Evakuierten." Hätten die Menschen etwa in der verstrahlten Umgebung des havarierten Kraftwerkes bleiben sollen? Statt froh zu sein, dass die Menschen den Folgen einer radioaktiven Verseuchung entkommen sind, wird hier die notwendige Evakuierung als Ursache der Probleme dargestellt. Die Probleme liegen darin, dass den Evakuierten nicht die notwendigen Hilfmassnahmen zur Verfügung gestellt wurden. -- Zum Heilpraktiker-Beruf: Kein verantwortungsbewußter HP maßt sich an, die Aufgaben wahrzunehmen, die ausschließlich Ärzten vorbehalten sind. Aber wegen einiger schwarzer Schafe einen ganzen Berufsstand zu diffamieren, finde ich erbärmlich. Hier kann ich Karl Lauterbach leider nicht zustimmen. Gibt es denn empirische Untersuchungen über das angebliche HP-Unwesen? Und die Begriffe "Fehldiagnose" und "Kunstfehler" stammen aus dem Umfeld der klassischen Medizin. Die verschiedenen therapeutischen Maßnahmen der unterschiedlichen Berufsfelder gegeneinander auszuspielen ist sehr schlicht gedacht. Was ist z.B. mit den vielen hervorragend ausgebildeten Osteopathen, die in der BRD nur unter dem Deckel HP arbeiten können, während die Ausübung der O. in den USA schon längst als eigener Beruf anerkannt ist.

Udo Endruscheit (nicht überprüft)

Di. 16 Mär 2021 - 13:03

Antwort auf von Carola Gabriel… (nicht überprüft)

Was das Heilpraktikerproblem angeht, so will mir scheinen, dass sie ebenso das Grundproblem wie den Ansatz verkennen, der hier im vorstellenden Artikel nur kurz angerissen ist.

Das Grundproblem ist die Imagination, das Luftschloss, es könne eine "zweite Medizin" neben der ersten geben, eine de facto Laienmedizin neben einer, die von approbierten Fachärzten nach einem Studium von teils 15 Jahren (einschl. Facharztausbildung) praktiziert wird. Die Dissonanz dieser Grundproblematik ist offensichtlich. Denn:

Beiden "Berufsgruppen" - ich schreibe das nicht ohne Grund in Anführungszeichen - wird vom Gesetzgeber Therapiefreiheit zugestanden, und zwar rechtlich praktisch unterschiedslos. Insofern ist ein "HP machen nichts, was nur Ärzte dürfen" ein Strohmannargument, das mir in der Diskussion daher auch noch gar nicht begegnet ist.

Was aber praktisch auf der Seite der Ärzte heißt, dass sie der ärztlichen Kunst, dem lege artis, dem Stand der ärztlichen Wissenschaft verpflichtet sind, sonst stehen sie vor dem Kadi (es heißt übrigens "Behandlungsfehler"). Das kann der Arzt nur leisten aufgrund seiner umfassenden und langjährigen Ausbildung und Weiterbildung. Jeden Handgriff, jede Medikation muss der Arzt nachvollziehbar dokumentieren, sonst setzt er seine Approbation aufs Spiel.

Und das soll der Heilpraktiker, dem nur wenige Dinge untersagt sind (Geburtshilfe, Zahnheilkunde, Behandlung infektiöser Krankheiten, Verordnung rezeptpflichtiger Mittel) können? Das kann nicht sein, rein logisch nicht. Das anzunehmen, ist eine Schimäre. Heilpraktiker können schlicht das nicht können, was sie zu können vorgeben. Dass sie das anders empfinden, mag wohl so sein, das ist aber nur ein Zeichen für ein völlig entgleistes System, das der Gesetzgeber niemals so hätte unbeachtet lassen dürfen.

Und aus der Tatsache, dass die Heilpraktiker keiner Dokumentationspflicht unterliegen und in ihren Behandlungsverträgen in aller Regel gleich Haftungsausschlüsse vereinbaren, abzuleiten, es gebe ja gar keine Untersuchungen zu "Kunstfehlern" und "Fehldiagnosen", das heißt die Dinge auf den Kopf zu stellen.

Nein, es geht auch nicht um "schwarze Schafe", die es zweifellos überall gibt. Ich wage zu behaupten, dass weit mehr Ärzte zur Rechenschaft für Fehlhandlungen gezogen werden als Heilpraktiker. Weil erstere strengsten Regularien unterliegen - letztere eben nicht. Nicht weil bei Letzeren weniger falsch laufen würde.

Warum widersetzen sich denn seit Jahr und Tag - als einzige mir bekannte Berufsgruppe aus dem Gesundheitswesen - jeglicher Reform, der FEstschreibung einer geregelten Ausbildung, einer Positivliste der zugelassenen Mittel und Methoden? Weil sie in ihrem Dunkelfeld verbleiben möchten und sich mit eben solchen "Argumenten" verteidigen, wie ich sie eben analysiert habe.

Und zuletzt: Es geht nicht um einzelne Heilpraktiker, auch nicht um einen "ganzen Berufsstand". Es geht um offensichtliche logische Brüche im System des deutschen Heilpraktikers, die auch keine Spielerei, sondern höchst praxisrelevant sind. Das Problem ist in höchstem Grade systemisch und nur gering individuell. Deshalb geht Ihre Kritik an der Kritik des Heilpraktikerstandes fehl.

Osteopathie-Doktoren in den USA sind voll ausgebildete Ärzte, die auch Osteopathie praktizieren und als solche seit Jahren staatlich anerkannt. Das ist mit der Rolle der Osteopathie in Deutschland nicht vergleichbar. Der Verband der Osteopathen verlangt ganz im Gegenteil eine Anerkennung als sektoralen Gesundheitsberuf mit direktem Patientenzugang (also ohne "Überweisung"), ohne die Voraussetzung eines Medizinstudiums. Ohne dass überhaupt hinreichend klar wäre, was Osteopathie eigentlich sein soll. Zumal auch die Studienlage auf mehr als tönernen Füßen steht. Umfassende Auskunft zu diesem Thema gibt dieser Artikel, der gerade erst erschienen ist - umfassend recherchiert:
https://www.quarks.de/gesundheit/medizin/wie-hilfreich-ist-osteopathie/

Inge Hüsgen (nicht überprüft)

Di. 16 Mär 2021 - 14:02

Antwort auf von Carola Gabriel… (nicht überprüft)

Hierzu sei noch einmal darauf hingewiesen, dass sich die Angabe "eine halbe Million musste flüchten" auf die Auswirkungen des Tsunami bezieht. Weiter empfehle ich, im Artikel von Sarma und Wendland nachzulesen, die die Entscheidung zur Evakuierung sehr differenziert bewerten:
„Es ist allerdings wichtig, festzuhalten, dass die japanischen Behörden im März 2011 nicht anders entscheiden konnten: es ist ja gerade das Merkmal einer akuten Krise, dass Entscheidungen unter Ungewissheit, Informationsmangel und Handlungsdruck gefällt werden müssen.26 Die Behörden waren an gesetzliche Vorgaben und strenge Grenzwerte für Evakuierungen gebunden; sie mussten wegen des im Kraftwerk vorbereiteten Ventings der Containments rasch handeln. Zum Zeitpunkt der Evakuierung war nicht klar, ob die Ereignisse im Kraftwerk noch weiter eskalieren könnten, die Freisetzung größer, die Witterungsbedingungen ungünstiger würden. Doch die spätere Entscheidung zur Wiederfreigabe von großen Teilen der betroffenen Gebiete, die auf sorgfältiger Bewertung ohne Zeitdruck beruhte, war richtig.“ (S. 7)

Michael Scholz (nicht überprüft)

Mi. 17 Mär 2021 - 22:23

Antwort auf von Carola Gabriel… (nicht überprüft)

Aha, Sie wissen also aus dem kurzen Teaser hier beim hpd, dass in dem Artikel die Heilpraktiker "diffamiert" werden und finden das "erbärmlich". Ist das nicht eine etwas zu gewagte Aussage, ohne den Artikel im Skeptiker überhaupt zu kennen? Vielleicht lesen Sie den Artikel erstmal, bevor Sie ein derartiges Urteil abgeben.

Aber um mal zur Thematik der Heilpraktiker zu kommen: es ist wirklich ein Jammerspiel, was der Gesetzgeber hier veranstaltet. Jeder Handwerksmeister wird stärker reglementiert als ein Heilpraktiker. Noch immer gibt es keine geregelte Ausbildung, noch immer gibt es keine umfassende Wissensüberprüfung, sondern nur eine "Gefahrenabwehrprüfung". Auch die Zugangsvoraussetzungen zu dieser Gefahrenabwehrprüfung beim Gesundheitsamt sind derart rudimentär, dass man sie nicht ernst nehmen kann. So verwundert es nicht, dass auch in der aktuellen Corona-Pandemie ein guter Teil der Heilpraktiker keine gute Figur macht.

Sich auf die gleiche Stufe wie ein approbierter Arzt nach 15 Jahren Studium und Facharztausbildung stellen zu wollen, ist an Vermessenheit nicht zu überbieten.

Und was die Osteopathen angeht, so sind Sie hier auch auf dem Holzweg, kann man doch hier die die Situation in den USA und Deutschland absolut nicht vergleichen. Udo Endruscheit hat dies in seinem Kommentar ja bereits ausgeführt.

Momotaro (nicht überprüft)

Di. 16 Mär 2021 - 22:17

Ein sehr schöner Bericht von Frau Hüsgen. Vor allem der Teil über die Naturkatastrophe in Japan spricht mir aus der Seele. Kaum ein Japaner kann nachvollziehen, wie hysterisch damals Deutschland reagiert hat, zum eigenen Schaden wie sich später gezeigt hat. Die wahre Katastrophe war der Tsunami und nicht der vergleichsweise harmlose Unfall in Fukushima.

Ich kann mich nicht erinnern, in Deutschland einen ähnlich ruhigen und faktenbasierten Artikel zu diesem Thema gelesen zu haben.

Helmuth Dau (nicht überprüft)

Mi. 17 Mär 2021 - 02:39

Japan vor 10 Jahren: die vielen Todesopfer waren Opfer des Tsunamis, nicht der folgenden Kernschmelze. In DE reden alle von Fukushima und niemand vom Tsunami. Dass es bei der Kernschmelze keine Toten und nur einen kleinen Streifen verstrahlten Landes gibt, ist allerdings dem Wettergott und nicht der Weisheit der TEPCO Ingenieure zu verdanken. An allen Kernkraften wird tritiumhaltiges Wasser abgelassen, in Fukushima haben sie allerdings enorme Mengen davon, dafuer ist ihr Meer auch besonders weit und tief. Ich glaube, jetzt werde ich gekreuzigt werden... Aber ich bin halt Physiker und hatte jahrelang das Dosimeter neben dem Kugelschreiber stecken.

HP haben schon Todesopfer verursacht und sind verurteilt worden - ok, Mediziner auch... und diese unglueckselige Mispeltherapie, z.B., die die GKV auch noch bezahlt, hat mit dazu beigetragen, dass ich jetzt Witwer bin.

Claudia Bruder (nicht überprüft)

Mi. 17 Mär 2021 - 12:26

Kompliment sowohl zu Ihrem endlich überfälligen Aufklärungsbericht über Fukushima, wo die Leute ansonsten ganz bewusst mit einer verzerrten manipulierten Berichterstattung in die Irre geführt werden. Um den CO2 zu begrenzen können wir auf moderne Atomkraftwerke nicht verzichten. Windkraft benötigt dagegen das stärkste Treibhausgas, das CO2 um das fast 24000fache übertrifft und für fliegende Tiere so mörderisch ist wie eine Autobahnüberquerung für Frösche.

Petra Pausch (nicht überprüft)

Mi. 17 Mär 2021 - 12:54

Antwort auf von Claudia Bruder (nicht überprüft)

Wie bitte? „Windkraft benötigt dagegen das stärkste Treibhausgas, das CO2 um das fast 24000fache übertrifft...“ Was genau meinen Sie? Woraus besteht denn Ihrer Meinung nach Wind?

Claudia Bruder (nicht überprüft)

Mi. 17 Mär 2021 - 19:06

Antwort auf von Claudia Bruder (nicht überprüft)

Bitte um Berichtigung zum letzten Satz: "Windkraft ist dagegen für fliegende Tiere so mörderisch wie eine Autobahnüberquerung für Frösche und benötigt das stärkste Treibhausgas, das CO2 um das fast 24000fache übertrifft."

Hans Trutnau (nicht überprüft)

Mi. 17 Mär 2021 - 21:21

Antwort auf von Claudia Bruder (nicht überprüft)

Oh my Tok! Was sollen insbesondere die letzte beiden Sätze aussagen bzw. transportieren?
Welches "stärkste Treibhausgas", z.B., übertrifft inwiefern "CO2 um das fast 24000fache" und ist für fliegende Tiere mörderisch?
Bin dumm und bitte um Aufklärung!

Claudia Bruder (nicht überprüft)

Do. 18 Mär 2021 - 12:00

Antwort auf von Hans Trutnau (nicht überprüft)

Zur Nutzung der Windenergie wird Schwefelhexaflourid benötigt: das stärkste Treibhausgas, das CO² um das 24000 fache (!) übertrifft. Nach Veröffentlichung von "Der Standard" Nov. 19 beteuern die Windkraftbetreiber, dass nichts entweichen könne. "Doch dem BBC liegen Untersuchungen vor, die eine zehnmal höhere SF6-Konzentration in der Atmosphäre zeigen als von Ländern und Betreibern angegeben. Doch erst kürzlich meldete ein irischer Whistleblower einen Ausfluss von 1200 Kilo SF6 aus einem der größten Kraftwerke Irlands." Zudem sind nach Untersuchungen des Ingenieurverbands Windräder Materialfresser und brauchen vor allem, die alles andere als CO² freien Rohstoffe Beton und Stahl sowie Selten Erden, von deren Abbau nach einem FAZ Bericht z.B. der Gelbe Fluss in China radioaktiv verseucht ist. Der Metallanteil der Windenergieanlagen ist viel höher als bei anderen Kraftwerkstypen was mit "Blick auf den ökologischen Rucksack durchaus kritisch" gesehen wird.
1,2 Billionen Insekten werden von Windkraft-Rotoren in Deutschland getötet, so das im Mai 19 in Spektrum Wissenschaft veröffentliche Ergebnis einer Studie, in der Franz Trieb vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) einen möglichen Zusammenhang zwischen dem Insektenschwund und dem Bau von Windparks ins Gespräch bringt. Schon 2013 wurde bekannt, dass durch den starken Windkraftausbau in Rheinland-Pfalz dort der Fledermausbestand um bis zu 42% zurückging. 2018 verwies der Stern auf eine indische Studie wonach 3/4 der Raubvögel durch Windräder dezimiert wurden. https://www.stern.de/digital/technik/so-haben-windkraftanlagen-in-indien-die-raubvoegel-dezimiert-8438454.html Es ist nur eine Frage der Zeit bis das restliche Viertel auch verschwunden ist. So berichtete Geo (8/19) vom drohenden Aussterben der Greifvögel durch Windräder und verwies auch auf die große Macht der Windkraftlobby und die auf die so wörtl. Liederlichkeit der so genannten Gutachten. Ein Gutachter sagte mir, er müsse jedes Windrad ablehnen, bekäme aber dann keine Aufträge mehr.
Und das alles für ein lächerliches Ergebnis: Ein großes(!) Windrad bringt bei guten(!) Windverhältnissen im Schnitt 2-3 Megawatt -> ein mittleres Atomkraftwerk 1400 Megawatt! (Quelle NDR) Es braucht also Unmengen Windräder, für die in Deutschland gar keine Fläche mit ausreichender Windhöfigkeit vorhanden ist. Hoch subventioniert plant BW sogar bei Windhöfigkeit von lächerlichen 2 %. Zudem bietet der Wind keine stets verlässliche Energiemenge und dieses Jahr mussten gar mit Kerosin betriebene Hubschrauber aufsteigen, um die sensible High-Tech mit viel Chemie und heißem Wasser bei Kälte betriebsbereit zu halten.

Hans Trutnau (nicht überprüft)

Fr. 19 Mär 2021 - 00:42

Antwort auf von Claudia Bruder (nicht überprüft)

Schön. Und jetzt kümmern wir uns mal um die Atmosphärenkonzentration von SF6, relativ und absolut, gell!?
Und in welchen Mengen wird SF6 denn nun wo in Windkraftanlagen eingesetzt?
Wäre ja der Hammer, wenn du da den Hammer entdeckt haben solltest...

Eine Studie der Universität Cardiff kratzt am Image der Windkraftbranche. Darin ist zu lesen, dass in Großbritannien zwischen 2010 und 2016 jährlich rund 1149 Kilo des Treibhausgases Schwefelhexafluorid (SF6) ausgestoßen wurden. Das klingt nicht nach viel. Doch man muss wissen: Das Gas ist 23.500-mal so klimaschädlich wie CO2. Ein einziges Kilo SF6 heizt die Erde so stark auf wie 24 Menschen, die von London nach New York und retour fliegen. Die EU bläst so viel SF6 in die Luft wie 1,3 Millionen zusätzliche Autos auf den Straßen. Und das Gas verbleibt bis zu 3200 Jahre lang in der Atmosphäre. CO2 hält sich dort 1000 Jahre.

@ Claudia Bruder Schwefelhexafluorid ist kein Problem der Windenergie, es wird "überall" in elektrischen Anlagen eingesetzt, siehe: https://de.wikipedia.org/wiki/Schwefelhexafluorid#Verwendung

"CO2 hält sich dort 1000 Jahre" - ok, reicht. Damit haben Sie sich endgültig disqualifiziert. Sie haben von (Atmoshären-)Chemie offensichtlich keine Ahnung.

Claudia Bruder (nicht überprüft)

Di. 23 Mär 2021 - 14:43

Antwort auf von Hans Trutnau (nicht überprüft)

Wer hier keine Ahnung hat, haben Sie durch Ihre Kommentare gezeigt. Ich dagegen stimme zur CO2 Verweildauer von 1000 Jahren mit Physikprofessor, Fachzeitschriften und dem Deutschlandfunk (25.11.15) überein. Unbestritten ist, dass sog. regenerative Energie ohne Ausbau von Stromnetzen gar nicht geht – d.h. mehr Hochspannung und Erweiterung von Umspannwerken und das ergibt mehr hochproblematisches Schwefelhexaforid, das mehr als dreimal solange d.h. bis zu 3200 Jahre lang in der Atmosphäre verbleibt. Ansonsten empfehle ich Ihnen meinen Beitrag, wo auch noch andere schlimme Auswirkung angesprochen sind, nochmals zu verinnerlichen und -auch für Werner- zum besseren Durchblick zu Windkraft und "Klima- Gefahr durch das toxische Gas Sf6": https://www.focus.de/wissen/klima/ausstoss-entspricht-1-3-millionen-zusaetzlichen-auto-kritik-an-solarenergie-und-windkraft-die-klima-gefahr-durch-das-toxische-gas-sf6_id_11443694.html und dazu auch https://www.focus.de/panorama/welt/energiewende-ist-eine-grosse-heuchelei-polnische-klimaaktivisten-demonstrieren-in-deutschland-fuer-deutsche-atomkraftwerke_id_11592671.html

Inge Hüsgen

Die Autorin ist die Chefredakteurin des "Skeptiker", der Vierteljahreszeitschrift der GWUP (Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften) sowie Redakteurin beim Humanistischen Pressedienst.

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