Hamed Abdel-Samad stellte in Berlin sein neues Buch vor
„Ich kritisiere alles, was der Freiheit im Wege steht“
Am Montag stellte Hamed Abdel-Samad in Berlin erstmalig sein neuestes Buch „With God on their Side“ vor. Gemeinsam mit dem Journalisten Constantin Schreiber wurden grundlegende Aussagen diskutiert.
Foto: © Frank Nicolai
Hamed Abdel-Samad bezeichnete sich gleich zu Beginn der Veranstaltung als Gesellschaftskritiker und auch als Religionskritiker, „nicht nur des Islam, Ich kritisiere alles, was der Freiheit im Wege steht“. Er beschreibt in seinem Buch eine „Sakralisierung des politischen Diskurses“, also ein Erstarken der Religionen, die sich – meist autokratischen – Regierungen unterwerfen beziehungsweise längst verlorene Macht zurück erlangen. Das gilt auch verstärkt für religiöse Begründungen in Kriegen. „Man muss sich nur umschauen in der Welt: Welche Kriege werden mit welchen religiösen Bildern aufgeladen. Schauen wir auf den Krieg im Iran: Dort treffen drei Religionen mit drei Endzeiterzählungen aufeinander. (…) und jede glaubt, Gott an ihrer Seite zu haben.“
Beispielhaft nannte Abdel-Samad die Entwicklung in Russland, Indien, China, Israel; aber auch im Westen. Wenn man in die USA schaue, könne man sehen, wie religiöse Haltungen wieder in die Politik wirkten: „Als politische Ressource, als Disziplinierungsmaßnahme und bei der Mobilisierung für Konflikte.“
Für den aus Ägypten stammenden Autor zeichnet sich ein Bild ab: In der gesamten Menschheitsgeschichte wurden Kriege und Gewalt religiös verbrämt und haben sich gegenseitig hochgeschaukelt. Für ihn ist die Menschheit derzeit wieder an einem Punkt, wo der „Islam die Moderne verändert“. Dieser Fakt ist für Hamed Abdel-Samad beängstigend. Er fordert von der Gesellschaft – von uns allen – hier eine Gegenbewegung. Demokratie werde als etwas Selbstverständliches hingenommen und jüngere Generationen im Westen kennen nichts anderes und könnten sich kaum etwas anderes vorstellen. Doch diese Trägheit sei gefährlich: „Gefährlich finde ich, wie man jetzt im Westen mit dem Islamismus umgeht. Wir haben von links so eine Art Verständnis-Phänomen. Man verortet das im Bereich ‚andre Länder, andre Sitten‘“, und missachte so die Gefahr. „Auf der anderen Seite imitiert man seine Gegner, übernimmt ihre Rhetorik und die Dämonisierung der Gegner.“ Er erinnerte an Israels Krieg: „Was denkst du, wird passieren in Gaza, wo so viele Menschen gestorben sind? Werden die Menschen dann kommen und sagen: Wir wollen jetzt Frieden?“ Nein, es werde noch mehr Hass und Leid hervorgebracht.
Auch Deutschland attestiert Hamed Abdel-Samad kein kluges Handeln. „Wir hatten zwei große Chancen, eigentlich waren es ‚Unfälle‘“, wo man die Debatte über die Politik hätte führen können. Doch dazu kam es nicht. „Mit dem Sarrazin-Buch hätten wir eine richtige Debatte über Migration und Integration führen sollen.“ Es wäre vernünftig gewesen – auch ohne Sarrazin zustimmen zu müssen –, wenn eine gesellschaftliche Debatte stattgefunden hätte. Eine ähnliche Situation ergab sich für den Autor bei der „Flüchtlingskrise“ 2015. Auch zu diesem Zeitpunkt hätten viele Menschen den Bedarf nach einer politische Debatte gehabt. „Aber Deutschland macht es sich leicht und vielleicht gehört das irgendwie zur politischen Kultur nach dem Krieg oder – wahrscheinlicher – nach der Wende.“ Die wichtigsten Entscheidungen in diesem Land wurden aus Sicht von Abdel-Samad „an der Bevölkerung vorbei getroffen.“
Ähnlich wie Omid Nouripour vor einer Woche (der hpd berichtete) sieht Hamed Abdel-Samad vor allem die Notwendigkeit, dass wir lernen, andere Meinungen auszuhalten und eine neue Debattenkultur etablieren. „Diskurs-Ethik ist das, was wir gerade in diesen aufgewühlten Zeiten am meisten brauchen.“ Denn wir könnten gute Ideen weiter entwickeln, findet er, indem wir den Raum dafür schaffen, dass eine Debatte tatsächlich stattfinden kann.
Abschließend warnte er davor, Politik grundsätzlich als etwas Schlechtes zu begreifen. Denn damit wir unsere Demokratie mit all ihren Freiheitsrechten behalten, brauche es eine gute Politik. Dazu gehört für Abdel-Samad auch, mit dem politischen Gegner in den Diskurs zu gehen. „Ich sage immer, bevor wir die AfD kritisieren, müssen wir sehen, worin sie recht hat. Und bevor wir die Linke kritisieren, müssen wir sagen, wo sie recht hat.“
Kommentare (4)
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Alles was Hamed Abdel-Samad…
Alles was Hamed Abdel-Samad Kritisiert, müsste umgehend realisiert werden, nur so können wir weiter in einer realen Demokratie leben, sollte dies nicht der jetzigen und der nachkommenden Generation zu denken geben, daß nur der Fortbestand unserer Demokratie unsere Freiheit garantiert, ansonsten zerreden und zerpflücken wir den demokratischen Bestand unserer Regierung, leider sehe ich da bereits erste Anzeichen einer Zerstreuung in Richtung multipolitischer Vielfalt.
hat der hpd eigentlich…
hat der hpd eigentlich nichts besseres zu tun, als irgendwelche rechten "Religionskritiker" zu promoten?
Wen bezeichnen Sie hier als …
Wen bezeichnen Sie hier als "irgendwelchen rechten Religionskritiker"? Hamed Abdel-Samad?
Mit dieser Aussage machen Sie sich einfach nur lächerlich.
Es wäre nett gewesen, wenn Sie Ihre Meinung mit wenigstens dem Versuch eines Beweises dafür garniert hätten.
Religion kann man nicht oft…
Religion kann man nicht oft genug kritisieren. Organisierte Religion ist Machtinstrument und Machtmissbrauch.