Kommentar
Papst Franziskus in Straßburg umjubelt
Foto: © J. Patrick Fischer, wikimedia, (CC-by-sa 3.0/de)
BERLIN. (hpd) Papst Franziskus erfreut sich wegen seiner unkonventionellen und offenen Art, auf die Menschen zuzugehen und mit ihnen zu reden, relativ großer Beliebtheit. Und in der Tat – im Gegensatz zu seinem Vorgänger machen ihn seine Worte und sein Verhalten zu einem Menschen, dem in breiter Front Sympathie entgegenschlägt. Aber ist seine nach außen gezeigte erfrischende Offenheit wirklich ehrlich?
Seine Straßburger Rede jedenfalls zeigte für mich Züge des Heuchlerischen. Er glaubt, den Abgeordneten ins Gewissen reden zu müssen und klagt ihre mangelnde Bereitschaft an, den in Not befindlichen Menschen aus Afrika wirksam zu helfen. Aber was tut er und seine so reiche, so mächtige und so einflussreiche Kirche?
Wenn es ihm ernst ist mit seinem Mitgefühl und seiner empfundenen Verpflichtung zu helfen, hätte er dann seinen Besuch im Sommer 2013 auf Lampedusa nicht zu mehr als nur einer symbolischen Geste nutzen können und nutzen müssen?
Nur Beten und einen Kranz für die Opfer spendieren, schafft beeindruckende Bilder für das Fernsehen, stellt aber keine Hilfe für die Opfer dar. Ich frage mich, hat sein treuer und ergebener Blick nach oben auch nur einen Hauch Besserung für die afrikanischen Flüchtlinge gebracht?
Seine Anklagen in Straßburg hätte er mit mehr Glaubwürdigkeit vertreten können, wenn er letztes Jahr auf Lampedusa konkret gezeigt hätte, was seine Institution mit ihren enormen wirtschaftlichen und finanziellen Ressourcen – man denke nur an den riesigen Grund- und Immobilienbesitz der katholischen Kirche weltweit! – und ihre etwa 1,2 Milliarden Mitglieder beizutragen gewillt ist. Er hätte zum Beispiel Land zur Verfügung stellen, hätte leer stehende Kirchen anbieten, hätte Häuser und Räume – und wenn auch nur vorübergehend – zur Linderung der aktuellen Not verfügbar machen können. (Nur ein Beispiel unter vielen: Etwa ein Viertel bis ein Drittel der Immobilien Roms befinden sich im Besitz des Vatikan!)
Schlimmer noch ist, dass die katholische Kirche über ihre vielen gewinnbringenden Beteiligungen an Firmen rund um den Globus dazu beiträgt, den afrikanischen Kontinent auszuplündern und damit das Elend dort zu vergrößern. Das rigide Kondomverbot fördert die Ausbreitung von Aids, was wiederum unzählige Familien zerstört und oft nur Waisenkinder zurücklässt. Alles das trägt dazu bei, eine Gesellschaft zu zersetzen und zu demoralisieren und Hunderttausende, bald Millionen von Menschen in die Flucht zu treiben. Hat diese hochgejubelte moralische Autorität je dazu beigetragen, die Ursachen des Elends dieses Kontinents zu bekämpfen, überhaupt wenigstens einmal zu benennen?
Er kritisiert in gekonnter moralischer Attitüde den Kapitalismus, aber seine Vatikanbank lebt genau von diesem System und betreibt Geldgeschäfte, die oft genug auf dubiose, wenn nicht kriminelle Weise abgewickelt wurden. (Die seriöse FAZ sprach am 25.9.13 wörtlich von den “Halunken der Vatikanbank”.)
Der Vatikan pokert mit seinen dreistelligen milliardenschweren Finanzreserven an der Wallstreet, wo er seine Gelder bezeichnenderweise deponiert hat. Sollten diese Firmenaktivitäten und Finanzgeschäfte ohne jeden Einfluss auf jene verheerenden Aktivitäten ablaufen, die in Afrika dazu führen, dass öl- und erzgewinnende Firmen das Land zulasten der dort lebenden Menschen ausbeuten und riesige Umweltverschmutzungen hinterlassen? Ist ihm nicht bekannt, dass Afrika als globale Mülldeponie für Massen an Elektronikschrott und Schwermetallen und Hunderttausende Tonnen von Atommüll nicht zuletzt auch von jenen Firmen genutzt wird, an deren Erträge seine Institution so gewinnbringend partizipiert?
Europa, Asien und Amerika überschwemmen die Länder Afrikas mit Billigprodukten – zum Beispiel die EU mit hochsubventioniertem Milchpulver, das damit die dortigen Märkte kaputtmacht. Der Aufbau einer eigenen, Hunger bekämpfenden leistungsfähigen Landwirtschaft und einer Arbeitsplätze und wenn auch bescheidenen Wohlstand schaffenden Industrie wird so permanent untergraben, nicht zuletzt aufgrund der dort herrschenden korrupten, vielfach gekauften Regierungen. Alles das sind Aktivitäten, die diesen Kontinent so unattraktiv machen, so dass die Menschen mangels Arbeitsmöglichkeiten und Lebensqualität ihr Heil in Europa, nur nicht in der eigenen Heimat suchen. Warum hat er nicht den Mut, diese eigentlichen Ursachen anzusprechen? Wohl deswegen, weil damit die verheerende Rolle auch seiner geldgierigen Kirche offenbar würde.
Die medienwirksamen Appelle dieses Moral verkündenden Oberhirten lenken zudem davon ab, dass er – wie sein Vorgänger – sein eigenes Haus bis heute nicht in den Griff bekommen hat. Man denke nur an die Zehntausende von Missbrauchsfällen weltweit, die vielfach bewusst unaufgeklärt bleiben und deren Opfer in vielen Fällen noch heute um eine wenigstens materielle Entschädigung kämpfen.
Er beschwört die Menschenwürde, aber die Menschenrechtscharta wurde vom Vatikan bis heute nicht unterschrieben, und auch die in Europa zu Recht geächtete Todesstrafe ist für die katholische Kirche nach wie vor eine Option. (Siehe den Katechismus der katholischen Kirche, 1993 und 2003/2005!). Wie war das noch mit dem Splitter im Auge des anderen und dem Balken im eigenen? (Er möge in sein heiliges Buch schauen: Matthäus 7,3!)
In Medienberichten hieß es “… die Zuhörer applaudierten anhaltend, eifrig, manche sogar gerührt.” Wie autoritätshörig, wie glaubensfixiert, wie politisch verblendet muss man eigentlich sein, um sich von solchen hohlen Reden, die nur von den kirchlich mitverschuldeten Ursachen ablenken sollen, einlullen zu lassen?
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Dieser Beitrag wurde genau in
Dieser Beitrag wurde genau in diesem Kontext vor wenigen Tagen zwischen meiner Frau und mir diskutiert! Warum, fragten wir uns, entwickelt diese verblendete Kaste kein konkretes Hilfsprogramm? Scheinheiliger geht's wohl kaum.Das Geschäftsmodell Kirche hat sich wieder einmal selbst entlarvt, bezahlen sollen immer nur die anderen! Dieser Artikel ist mal wieder großartig verfaßt. - Danke
Gut gebrüllt, Uwe - gegen die
Gut gebrüllt, Uwe - gegen die armselige Bigotterie der RKK.
Mein Opa sagte immer: "Hüte
Mein Opa sagte immer: "Hüte dich vor Männern, die mit ernster Mine lustige Kopfbedeckungen tragen!"
Von einzelnen Lesern wurden
Von einzelnen Lesern wurden meine Feststellungen in obigem Beitrag in Zweifel gezogen. Hier einige Quellen, die meine Aussagen stützen:
Spiegel Online 20.10.13: Katholische Kirche – Bischöfe verschweigen Millionenvermögen.
Zeit-Online 23.2.14: Bistum Köln – Der Geldsegen. (Kardinal Meisner gibt straflos zu, über eine Briefkastenfirma in Holland Steuerzahlungen zu umgehen. Jeder normale Bürger hätte umgehend staatsanwaltliche Ermittlungen zu gewärtigen!)
Handelsblatt vom 25.9.14: Das Kapital der Kirche – Steuertricks im Namen Gottes.
Wirtschaftswoche vom 8.4.12: Katholische Kirche – Wie reich ist der Vatikan wirklich?
Von »Freie Christen« zusammengestellt: »Der Reichtum der Kirche ist Blutgeld«. (Dokumentiert viele seriöse Quellen. Durch Eingabe des Titels schnell über Google auffindbar.)
Dokumentation der ARD: Vergelt’s Gott – der unbekannte Reichtum der katholischen Kirche (http://www.swr.de/betrifft/vergelt-s-gott/-/id=98466/did=14552096/nid=98466/1ldtlgf/index.html)
Fidelius Schmid: Gottes schwarze Kassen – Der Papst und die zwielichtigen Geschäfte der Vatikanbank. Eichborn-Verlag. / Matthias Drobinski: Kirche, Macht, Geld. Gütersloher Verlagshaus. Beide Bücher wurden von Deutschlandradio Kultur in einem Beitrag vom 23.3.14 besprochen und gewürdigt.
Schwieriger und aufwändiger, weil in vielen Dokumenten verteilt, sind Informationen zusammenzustellen über die weltweiten Finanzverflechtungen der katholischen Kirche. Hier spielen vermutlich auch eine Rolle die drei Enklaven (exterritoriale Gebiete innerhalb Italiens, Großbritanniens und der Schweiz), in denen ohne jede staatliche- oder überstaatliche Kontrolle und Eingriffsmöglichkeit (!) Milliardenumsätze getätigt werden können. Undurchsichtig ist dabei, welche Möglichkeiten hier bestehen, Gelder an staatlichen Kontrollen vorbei zu bewegen. Es handelt sich um die »Vatikanbank«, um »The City von London« und »BIZ« in der Schweiz. Zum BIZ siehe z.B. den Beitrag im Tagesspiegel vom 5.9.10 von Harald Schumann: Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) – Kardinäle des Geldes.
Unter den Stichworten »Nuklear Abfall Afrika Gorleben Rundschau« zum Beispiel findet man über Google detaillierte Beiträge zur Problematik »Mülldeponie Afrika«.
Weiteres Beispiel: Abfallentsorgung in Afrika: Müll, Moneten, Mafia. Spiegel-Online vom 10.04.2009.
Das Problem Kirche wird
Das Problem Kirche wird weiter bestehen.
Meine katholische Ehefrau:
"Auch wenn die Kirche Millionen von Menschen umgebracht haben soll und andere Verfehlungen begangen hat, hast du kein Recht, dich über die Kirche zu mokieren!"
Noch Fragen?
Hallo Wolfgang, da hast Du
Hallo Wolfgang, da hast Du noch viele, viele lange Gespräche mit Deiner Frau vor Dir. Nicht aufgeben, außerdem hat Michael Schmidt Salomon viele kluge Texte in zahlreichen Büchern verfasst, die kann man auch unter den Christbaum legen!
Kennen Sie die katholische
Kennen Sie die katholische Ehe?
Man(n) ist verheiratet hat aber doch keine Frau.
Nach dreißig jähriger Ehe komme ich zu dem unumstößlichen Schluss, es kann keinen Gott geben. Gnadenlos.
@Wolfgang
@Wolfgang
Ihre Ehefrau sollte einmal das Buch Aufklärung Gott und Christentum lesen, wahrscheinlich wird ihr dann ein Licht aufgehen.
Die katholische Ehefrau von
Die katholische Ehefrau von "Wolfgang" sollte hier nicht weiter strapaziert werden, denn deren pauschale Äußerungen tun nichts zur Sache. Wichtiger erscheint mir, dass der Autor des Artikels ebenso pauschal vorgeht. In seinem Artikel versucht er eine Einordnung von Äußerungen von Franziskus vorzunehmen. Dabei kommt als Kernaussage heraus: "Seine Rede zeigte für mich Züge des Heuchlerischen." Na gut, wussten wir doch ohnehin schon immer, dass Päpste so sind... Was der Autor dann als "Argumente" bringt, ist mehr als sonderbar: Es kommen zwar etliche Hinweise zu den Verfehlungen der Katholischen Kirche in Hinsicht auf Bevölkerungs- und Finanzpolitik, die für die Vergangenheit zwar nicht unzutreffend sind, für eine Bewertung heute nichts hergeben. Nicht zufällig dürften einige Verlinkungen im Kommentar des Autors vom 30. November aus der Zeit vor (!) dem Amtsantritt des jetzigen Papstes stammen. Was völlig fehlt, ist eine Analyse der politischen Programmatik dieses Papstes und der von ihm eingeleiteten Maßnahmen - beispielsweise der teilweise schon durchgeführten Reformen der Vatikanbank IOR und der Einschränkung der intransparenten pauschalen Befugnisse verschiedener Vatikanbehörden - der von ihm vorgenommenen Initiierung von umfassenden Debatten innerhalb der katholischen Kirche zu Ehe und Sexualität usw. Der Autor geht nicht von aktuellen Daten und Fakten aus, sondern schustert sich ein Phantom zusammen, an dem er dann seine offenbar vor langer Zeit gebildete Meinung abarbeitet.
Kritik an der Katholischen Kirche, am Vatikan ist unbedingt angebracht; aber pauschale Anwürfe, die nicht faktenorientiert sind, helfen keinem, am wenigsten den Nichtreligiösen, die gegen Kirchen nicht aufgrund von Vorurteilen, sondern von Tatsachen ihre Stimme erheben sollten. Humanismus ist Aufklärung (die immer von Tatsachen ausgehen muss)
Warum gibt es in der humanistischen Szene keine Analysen der aktuellen Entwicklung in der Katholischen Kirche? Zu anstrengend?
Werter Herr Schulz, ist Ihnen
Werter Herr Schulz, ist Ihnen aufgefallen, dass mein Beitrag als Kommentar bezeichnet wird? Ein Kommentar sollte sich zwar auch auf Fakten beziehen – ich denke, dass ich das tue – erhebt aber nicht den Anspruch einer Dokumentation. Ihre übrigen Einwände verkennen, dass ein Papst für eine ganze Institution steht. Es geht nie nur um seine Person, er vertritt ein System, das sich in seinen Wesenszügen nicht ändern wird, so gut die Absichten – zumindest die nach außen gezeigten – eines Franziskus auch sein mögen.