Sich besser fühlen – oder wirklich gesund werden

Es ist ja schön und gut, wenn Medizin und Naturheilkunde versöhnt werden – aber ist es wirklich nötig? Überhaupt: Um was streiten die beiden denn? Natalie Grams versucht, Antworten zu finden.

Neulich teilte ein recht prominenter Arzt auf seiner Facebook-Seite mit, dass er mit einer schweren Grippe eine Naturheilkundeambulanz aufgesucht hätte. Es war, vermutete er dann später selbst, vielleicht doch nur ein grippaler Infekt, jedenfalls aber sei dort mit Akupunkturnadeln im Gesicht etwas ins "Fließen" gekommen. Und überhaupt empfahl er die genossene Rundumbehandlung – mit normalen Medikamenten, einigen Phytotherapeutika und einer Lungenfunktionsprüfung – wärmstens. Es klang, als habe er sich danach viel besser gefühlt. Ein anderer Arzt, der zumindest einen sehr prominenten Bruder hat, macht derweil Furore auf den Bestsellerlisten, mit dem Weltfrieden, pardon, der Weltmedizin, dem Ausrufen der großen Versöhnung von alt und neu, exotisch und heimisch, Natur und Wissenschaft.

Beide Ärzte und manch andere haben eines gemeinsam: Sie zollen dem Zeitgeist damit Tribut, dass sie die so genannte Schul- mit der so genannten Alternativmedizin "versöhnen" wollen. Ja, sie präsentieren als "öffentliche Ärzte" dieses Nebeneinander als wünschenswert und predigen eine "Integration" als Alleinstellungsmerkmal. Ich fürchte allerdings, sie werden so die Gräben zwischen Medizinern und Alternativmedizingläubigen eher noch tiefer und breiter machen.

Denn endet es letztlich nicht in einer Verunglimpfung der Medizin, sich in dieser Weise öffentlich in der Rolle des Arztes zu präsentieren? Immerhin tut man hier ja vor großem Publikum so, als sei die Medizin irgendwie defizitär, als bräuchte sie eine (zwar wirkungslose, das wird ganz leise oder gar nicht gesagt) sich irgendwie gut anfühlende Alternative, quasi zum Ausgleich. Eine Alternative, die natürlich ganz megatoll, weltoffen-ganzheitlich und tolerant ist und was weiß ich nicht noch alles.

Man tut derlei natürlich als guter Selbstvermarkter, der weiß, was ankommt. Man ist auch Entertainer und promotet, was sich toll anfühlt, was trendy ist, was erheitert. Schlimm ist etwas anderes: Als Nebenwirkung erkauft man sich – ohne sich dessen offenbar wirklich bewusst zu sein – die Aufmerksamkeit des Publikums auf Kosten der täglich praktizierenden Kollegenschaft. Also den irgendwie nicht megatollen, weltoffen-ganzheitlichen, was-weiß-ich-wie-toleranten. Denen mit Defiziten.

Welche Defizite eigentlich? Es gibt ausgezeichnete Belege dafür, dass eine seriöse Body-Mind-Medizin Patienten zu mehr Gesundheit verhelfen kann. Hoffnung machen, positives Denken, Suggestionen und Beistand sind also mehr als nur erlaubt. Wer einigermaßen auf dem Laufenden in Sachen medizinischer Forschung ist, weiß, dass solche Aspekte auf wissenschaftlicher Basis mehr und mehr ihren Weg in die tägliche medizinische Praxis finden. Als Unterhalter – der vielleicht Arzt, aber eben kein Wissenschaftler ist – interessiert die wissenschaftlich entscheidende Frage nicht so sehr: Wo ist der Beweis für medizinische Wirksamkeit, die über Wohlfühleffekte hinausgeht?

Ist ein Konglomerat falscher Heilsversprechen wichtiger – oder überzogene Erlebnisberichte, Reisen zu den Schamanen der Welt, postfaktische und esoterische Irrtümer, die wie Kirmesattraktionen angepriesen werden? Dinge, die einer wohlverstandenen modernen Medizin eher im Weg stehen? Die Medizin bewahrt Bewährtes und braucht ebenso Fortschritt, auch den Fortschritt in der psychosomatischen Medizin. Sie braucht sicher keine Esoterik. Und auch keine Vermischung von Sinnvollem und nicht Sinnvollem, von Nützlichem und nicht Nützlichem. So ist zum Beispiel fraglich – soweit das aus der Ferne zu beurteilen ist –, ob die oben erwähnte Lungenfunktionsprüfung wirklich nötig war, während die Phytotherapeutika durchaus eine Wirkung gehabt haben können. Nur: Wer fragt danach überhaupt noch, wenn es doch vor allem ums Gefühl geht?

Auch eine Naturheilkundeambulanz darf und soll getragen sein von einer guten Mischung aus wissenschaftlicher Basis und Menschlichkeit. Und ein wohldosiert eingesetztes Placebo hat seine Berechtigung, selbst wenn es einmal als an sich unnötige Lungenfunktionsprüfung daherkommt. Das macht Eindruck, das beruhigt. Aber: Heilmittel oder Arznei sind weder Akupunktur noch Globuli, und sie dürfen bei einer Grippe nicht damit verwechselt werden. Natürlich kann man ehrlich damit umgehen und den Erkrankten – als wirklich mündigen Patienten – im Vorfeld darüber aufklären, dass außer der Suggestion des "Settings" der Akupunktur oder der Gabe der Zuckerpille keine anderen, schon gar keine spezifischen Wirkungen auftreten werden, dass aber auch diese Akte die Heilung unterstützen können. Alles andere ist eben nicht ein Umgang mit dem mündigen Patienten, sondern eher das Gegenteil: die ethisch fragwürdige Suggestion von "Medizin", wo keine ist.

Das Ganzheitliche, Natürliche muss nicht mit der wissenschaftsbasierten Medizin versöhnt werden – es ist im allerbesten Fall Teil von ihr. Nie aber darf wirksam mit unwirksam "fusioniert" werden. Humbug bleibt Humbug, und unbewiesen bleibt unbewiesen, und wenn es dreimal toll klingt. Man erweist sonst auch all jenen Ärzten einen Bärendienst, die sich täglich um eine fundierte und ehrliche Behandlung ihrer Patienten bemühen und die wegen solcher Dampfplaudereien dann von ihren Patienten irgendwie als "unzureichend" angesehen werden. Sie gelten plötzlich als die ewigen Zweifler, gar Verweigerer, die ihren Patienten nicht die bunte weite Welt oder das große "Alles fließt" anbieten – gelten womöglich gar als Anbieter einer Medizin "zweiter Klasse".

Dabei steht außer Frage, dass eine gute Erforschung von Body-and-Mind-Zusammenhängen, von Placeboeffekten, von Möglichkeiten mentaler Unterstützung und einem besseren Miteinander von Arzt und Patient auf Augenhöhe und mit gegenseitigem Respekt wichtig und zukunftsweisend ist. Doch wie kann man einerseits von einer besseren Medizin sprechen, wenn man genau den Aspekt ausblendet, den Patienten am allermeisten brauchen, um Vertrauen zu haben: Ehrlichkeit. Ich halte es an dieser Stelle mit Richard Feynman, der einmal so schön sagte: "Science – it's magic, but without the lies." Und nein, Feynman war kein knochentrockener theoretischer Physiker – er war ein lebensfroher Mensch und der beste Bongospieler in der wissenschaftlichen Community. Body and Mind!

Übernahme mit freundlicher Genehmigung von spektrum.de.

Kommentare (14)

Hans Trutnau (nicht überprüft)

Mi. 20 Feb 2019 - 12:34

Natalie, "Naturheilkunde" umfasst auch Akupunktur und Globuli?
Dann aber auf keinen Fall zu verwechseln mit Natur*stoffen* wie z.B. Penicillin.

Karl-Heinz Büchner (nicht überprüft)

Mi. 20 Feb 2019 - 16:51

Antwort auf von Hans Trutnau (nicht überprüft)

Hallo Hans,
nein das esoterische Gefasel wie Aromatherapie, Homöopathie, Bachblüten, TCM usw. gehören eigentlich nicht zur Naturheilkunde. Deren Wirkung ist i.A. nachgewiesen, wenn auch mehr oder weniger, weil die "Natur-Arzneien" in ihrer Konzentration nicht standardisiert sind. Außerdem wird eine Penicillinimpfung nicht zur Naturheilkunde gezählt. Ich weiß aber nicht, warum.

Sven F (nicht überprüft)

Mo. 25 Feb 2019 - 20:44

Antwort auf von Karl-Heinz Büchner (nicht überprüft)

1) Ist "Penicillin" selbst (genauer heißt es Penicillin G) heute nur noch ein Penicillin in der sehr großen Gruppe der "Penicilline" bzw. beta-Lactam-Antibiotika; viele Penicilline sind komplett synthetisch, einige kommen natürlich vor. Hergestellt werden sie meines Wissens alle synthetisch, da wirtschaftlicher als die Gewinnung aus der Natur. Das sind wohl die Gründe, warum Penicillin(e) nicht zur Naturheilkunde zählt.
2) Wird mit Penicillin(en) nicht geimpft, es sind Antiobiotika.

Karl-Heinz Büchner (nicht überprüft)

Di. 26 Feb 2019 - 18:49

Antwort auf von Sven F (nicht überprüft)

Das ist richtig, einfach und einleuchtend. Auch wenn Penicillin zuweilen, wie die meisten Impfstoffe, per Spritze verabreicht wird, ist das keine Impfung, sondern eine Antibiotikagabe.

Klaus Bernd (nicht überprüft)

Mi. 20 Feb 2019 - 13:25

Auch im Namen meines Hausarztes ein Danke Schön für diese kompakte und gut formulierte Darstellung des Problems. Fehlt meines Erachtens nur ein Hinweis auf die ungerechte Abrechnung der Behandlungszeiten. Die beiden Mediziner glaube ich erkannt zu haben; beim zweiten bin ich mir ziemlich sicher, dass Sie den Bruder des Sängers meinen, der mit einer einzigen Melodie 15 Alben gefüllt hat: dädä tröööööt dädädä. Für einen Fan der „Big Bang Theory“ ist natürlich die heilsame Wirkung des Bongo Spielens nicht neu. Aus Rücksicht auf Mitbewohner und Nachbarn ist es allerdings angebracht, das in einem leicht anrüchigen Lokal um die Ecke zu praktizieren.

A.S. (nicht überprüft)

Mi. 20 Feb 2019 - 14:05

Das Einzige, was wirklich zählt, ist (messbare!) Evidenz.

Dieter Bauer (nicht überprüft)

Mi. 20 Feb 2019 - 22:43

Antwort auf von A.S. (nicht überprüft)

A.S. am 20. Februar 2019 …. Das Einzige, was wirklich zählt, ist (messbare!) Evidenz.
Erhebt sich die Frage, wie das die "Kampfhähne" sehen, wenn die Heilkunde aus früherer Zeit unter Einsatz von vegetabilischen und mineralischen Naturstoffen ins Spiel kommt. =>Erfahrungsheilkunde ist urplötzlich wertlos, hat nur noch Placeboeffekte zu bieten?

"wenn die Heilkunde aus früherer Zeit unter Einsatz von vegetabilischen und mineralischen Naturstoffen ins Spiel kommt. =>Erfahrungsheilkunde ist urplötzlich wertlos, hat nur noch Placeboeffekte zu bieten?"

Ein Teil der Heilkunde von früher hat sich tatsächlich evidenzbasiert bewährt und wurde dann auch (synthetisch) weiter entwickelt (Weidenrinde --> Aspirin; Penicillin --> beta-Lactam-Antiobiotika, ...); bei einem anderen Teil hat sich tatsächlich herausgestellt, dass es sich u.a. um Placeboeffekte handelt.

Richtig, wie A.S. knapp und treffend formuliert hat: Das Einzige, was wirklich zählt, ist (messbare!) Evidenz.
Falls die Homöopathie das irgendwann einmal zu bieten hat, wird sie Teil der ebM sein.
"Erfahrungsheilkunde" ist, so leid es mir tut, Selbstbetrug - wenn sie nicht in doppelt verblindeten placebokontrollierten Studien nachzuweisen ist. Das ist nun mal leider die einzige Methode, die die Erwartungshaltung von Patient UND Arzt zuverlässig ausschließen kann.
Und nebenbei bemerkt, es gibt jede Menge "vegetabilischen und mineralischen Naturstoffe", die sehr wohl in der Lage waren, ihre Wirksamkeit in solchen Studien unter Beweis zu stellen.

Martin Mair (nicht überprüft)

Mi. 20 Feb 2019 - 17:46

So ein Geschwafel, Naturheilkunde mit Alternativmedizin und Esoterik oder Alternativmedizin gleichzusetzen. Völlig unseriös, denn auch der altbewährte Kamillentee als Teil der Naturheilkunde wird von keinem Arzt schlechtgeredet wie viele andere Teile der Naturheilkunde. Auch die Schulmedizin hat ihre Wurzeln in dieser Naturheilkunde. Auffallend wie da unter dem Deckmantel des "Humanismus" ziemliche seltsame Gehässigkeiten verbreitet werden ...

Grams Natalie (nicht überprüft)

Do. 21 Feb 2019 - 17:17

Antwort auf von Martin Mair (nicht überprüft)

Wo Sie in meinem Beitrag Gehässigkeit sehen, würde mich sehr interessieren. Denn Aufklärung ist mir sehr wichtig und dabei auch ein guter und freundlicher Ton.
Naturheilkunde im Sinne von Pflanzenheilkunde ist ein wichtiger Bereich der Medizin - aber um den geht es hier nicht, oder nur sehr am Rande. Hier gibt es physiologische Wirkungen und einer Erforschung steht nichts im Wege - also weit weg von Esoterik. Leider gibt es allerdings recht wenig Forschung, auch zu der von Ihnen genannten Kamille. Wie aber wollen Sie beurteilen, ob Kamille nun eine Wirkung hat, wenn es nicht untersucht wurde? Was bliebe, wäre Ihr Bauchgefühl, Ihre Erfahrung - also schlicht ein Glaube. Und wollen wir davon nicht loskommen und den Glauben durch Wissen ersetzen, wo immer das möglich ist?

Karl-Heinz Büchner (nicht überprüft)

Mo. 25 Feb 2019 - 15:03

Antwort auf von Martin Mair (nicht überprüft)

Hallo Herr Mair,
tun Sie mir den Gefallen, die evidenzbasierte Medizin nicht "Schulmedizin" zu nennen? Diese Bezeichnung steht den kruden Vorstellungen der Herren Hahnemann, Steiner, Bach(Edward) und anderen Scharlatanen über Heilungsvorgänge im menschlichen Organismus viel besser zu Gesicht. Die Herren haben Schulen gegründet mit Anhängern, die ihre völlig evidenzfreien Behauptungen verbissen wider alle Logik und Naturwissenschaft vertreten und da gehört der Name auch hin.

Natalie Grams-Nobmann

Die Ärztin und Autorin wurde aufgrund ihrer öffentlichen Abkehr von der Homöopathie ab 2015 bundesweit bekannt und setzt sich seither für Aufklärung über irrationale Ansätze, Methoden und Haltungen in der Medizin ein. Ein besonderes Anliegen ist ihr die Impfaufklärung. Seit Mai 2017 gehört sie dem Beirat der Giordano-Bruno-Stiftung und seit 2020 dem Beirat des Hans-Albert-Instituts an. Ihr neues Buch heißt "Was wirklich wirkt - Kompass durch die Welt der sanften Medizin". Sie podcastet unter "Grams' Sprechstunde" bei Detektor.fm.

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