Wie Primaten-Forscher zu Kreativ-Animateuren werden

Schimpansen als malende Zen-Meister

Tetsuro Matsuzawa (r.)
Tetsuro Matsuzawa (r.)

BERLIN. (hpd) Schimpansen malen gerne, stellte Tetsuro Matsuzawa fest. Bilder übermalen sie mit Strichen. Das leer gelassene Gesichtsfeld eines Artgenossen auf dem Papier ummalen sie am Fellansatz mit einem dichten Linienkranz rundum. Fehlende Augen, Mund und Nase setzen sie aber nicht ansatzweise ein, anders als Kinder ab drei Jahren.

Der Leiter des Primatenforschungsinstituts der Universität Kioto, der seine jüngsten Experimente bei einem Vortrag anlässlich der "ApeCulture"-Ausstellung unter dem Titel "Der evolutionäre Ursprung von menschlichem Geist und Kultur/Innenansichten aus der Forschung mit japanischen Affen und Schimpansen" im Berliner Haus der Kulturen der Welt vorstellte, hatte auch gleich eine Erklärung dafür: Schimpansen denken das Abwesende nicht. Sie leben und denken im Hier und Jetzt. Dafür werden sie auch nicht depressiv. Ein über sechs Monate schwer gelähmter Schimpanse des Instituts zeigt keinerlei Traurigkeit. Obwohl er nur noch den Kopf bewegen konnte, bespuckte er seine Pfleger munter und lachte über seinen eigenen Scherz. War nicht das Aufgehen im Hier und Jetzt das Ziel aller zen-buddhistischen Übungen? Der Affe somit der perfekte Zen-Meister? Ist es Zufall, dass ein Forscher mit fernöstlichem Kulturhintergrund zu solchen Deutungen kommt?

Desmond Morris (1969)
Desmond Morris (1969)

Vor genau 45 Jahren erschien Desmond und Ramona Morris' "Großer Affenspiegel. Eine Kulturgeschichte des Affen" auf Deutsch. Desmond Morris, Biologe, aber auch Künstler und später Erfolgsautor populärwissenschaftlicher Bücher, hatte in den späten fünfziger Jahren die Malkünste des jungen Schimpansen Congo erweckt und drei Jahre lang begleitet - auch bezeugt von Millionen britischer TV-Zuschauer. Congo verteilte Linienbündel einigermaßen symmetrisch und rhythmisch über das Blatt. Im "Affenspiegel" schreibt Morris jedoch: "Das Beste, was er je produzierte, war eine kreisähnliche Figur, in die er dann Punkte und Striche hineinsetzte. Damit war seine Leistungsgrenze erreicht. Das war enttäuschend, denn bei Kleinkindern bildet dieses Stadium die entscheidende Vorstufe zur Darstellung des Gesichts. Sobald das Kind erkennt, dass eine kreisähnliche Figur mit willkürlich eingesetzten Strichen und Punkten auch nur annähernd einem Gesicht ähnelt, geht es daran, Punkte und Striche zu Augen, Nase und Mund zu ordnen. Zu diesem Zeitpunkt hat das Kind das Stadium des abstrakten Gekritzels überwunden und tritt in die aufregende Welt der gegenständlichen Darstellung ein."

Malerei des Schimpansen Congo
Malerei des Schimpansen Congo

Congo malte, aber nicht in der Absicht, etwas zu malen. Er wollte nichts kommunizieren. Congo produzierte selbstvergessen wahre l´art pour l´art. Entsprechend beeindruckt waren nicht nur das Ehepaar Morris sondern auch Künstler und Kunsthistoriker von Picasso bis Herbert Read vom ästhetischen Reiz der Werke Congos, die im Londoner Institute of Contemporary Art ausgestellt wurden. Congo war der perfekte abstrakte Künstler. – Es war die Hochzeit dieser Kunstrichtung, nachdem man von den realistischen Darstellungen der großen Ideologien die Nase voll hatte und den Abbildungen einer vom Weltkrieg gezeichneten Welt. Congo erfüllte das Ideal eines neuen lyrischen, wenn nicht gar beinahe mystischen Künstlerbildes.

Malerei des Schimpansen Congo
Malerei des Schimpansen Congo

Schon damals wurde ein Schimpanse als das gesehen, was wir uns zu sein sehnen. Wurde der Affe seit Darwin im 19. Jahrhundert endlich als Tier erfasst, nicht als Teufel, Narr oder lüsternes Wesen, so betrat der vermenschlichte Affe doch durch die Hintertür wieder das große Welttheater, auf dem das ewige Stück gespielt wird vom Ringen um die Erkenntnis dessen, was wir selbst sind. In der Moderne gesellt sich dazu mit einem Schuss Romantik gern die Hoffnung, dass wenigstens die Affen die glücklicheren Wesen sind, weil sie bestimmte Eigenschaften von uns nicht haben, die der vollkommene (Lebens-) Künstler sich erst mühsam an- oder abtrainieren kann oder muss. Der beneidenswerte Schimpanse ist immer schon vollkommen. Mensch, Affe, du hast es besser!

Kommentare (3)

Hans Trutnau (nicht überprüft)

Sa. 30 Mai 2015 - 03:45

Sie sind uns näher als wir manchmal denken - und vllt. glücklicher?
Wer kann das schon wissen.

Vorgestern kam in der Post jemand rein, schritt auf die Verkaufsauslagen zu und meinte: "Ah die Tesakleberollen hier."
Der vor mir Wartende (leise): "Der spricht mit den Produkten hier..."
Ich: "Vielleicht ist der glücklicher als wir alle hier."

Wer kann das schon wissen.

Claudia (nicht überprüft)

Mo. 1 Jun 2015 - 11:16

TierrechtlerInnen sehen es mit sehr gemischten Gefühlen, wenn in Zoos oder Forschungseinrichtungen gefangengehaltene Schimpansen oder Orang Utans angeleitet werden, mit Fingerfarben oder mit Farbe und Pinsel zu malen. Zum einen sind derlei Malstunden - immer unter der Voraussetzung, dass die Tiere nicht bedrängt werden und die Distanz zu ihnen gewahrt bleibt (was in Zoos keineswegs immer der Fall ist) durchaus zu begrüßen, auch aus Sicht der Tiere: sie stellen eine kognitive Bereicherung und damit eine willkommene Abwechslung dar in der ansonsten tödlichen Langeweile des Daseins in Zoo oder Labor. Andererseits aber sollten Menschenaffen (und andere Tiere) überhaupt nicht gefangengehalten werden, weder in Zoos noch in Versuchslabors noch sonstwo, so dass sie derlei künstliches "Enrichment" erst gar nicht benötigen.

Simone Guski

Die Autorin ist gelernte Philosophin, arbeitete viele Jahre lang als Kulturjournalistin mit dem Schwerpunkt Kunst im In- und Ausland für Tageszeitungen und Magazine. Sie war langjährige Kulturberichterstatterin für DIE WELT in Madrid und unterrichtete später philosophische Anthropologie und Ästhetik an der Universidad de la Comunicación in Mexiko-City. Schließlich spezialisierte sie sich journalistisch auf die Themen Anthropologie, Primatologie und Tierrechte.

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