Es sind 50 große Schwarz-Weiß-Aufnahmen, die in einer Osnabrücker Kunstgalerie hängen. Der Betrachter sieht den dargestellten Frauen und Männern in die Augen. Und liest dann die Geschichte dieser ihm bislang unbekannten Menschen. Die Geschichte von Menschen, die Opfer meist sexualisierter Gewalt geworden sind.
Elisabeth Lumme ist die Galeristin der Galerie "hase29", die die Ausstellung in Kooperation mit dem Verein Umsteuern! Robin Sisterhood sowie dem Diözesanmuseum des Bistums Osnabrück präsentiert. Lumme war auf das Thema aufmerksam geworden im Zusammenhang mit dem Eklat um das Theaterstück "Ödipus Exzellenz" (Der hpd berichtete).
Lumme hatte nach Absetzung des Theaterstücks zum Thema sexueller Missbrauch in der katholischen Kirche einen Offenen Brief geschrieben und Unterschriften gegen die Absetzung des Stückes gesammelt.
Betrachter werden in die Verantwortung genommen
Die nun in ihrem Atelier präsentierten Fotos sind 50 von insgesamt 200 Bildern einer Porträtserie des italienischen Fotografen und Journalisten Simone Padovani. Die Schweizer Guido Fluri Stiftung hatte Padovani beauftragt, Geschichten des Missbrauchs zu sammeln. 25.000 Kilometer reiste der Fotograf durch Europa und sagte danach: "Die Geschichten, die ich hörte, gingen nicht spurlos an mir vorbei, sie haben mein Bild von Europa verändert. Mitten unter uns leben Menschen, die unendliches Leid erlebt haben, denen jedoch nicht Gerechtigkeit widerfuhr."
Seine Bilder hängen nun in der Ausstellung mit dem Titel "Shame – European Stories", den die Mitorganisatorin Maria Mesrian, Vorsitzende des Vereins Umsteuern! Robin Sisterhood so erklärt: "Die Ausstellung bietet einen einzigartigen Zugang, weil sie konsequent aus der Perspektive Betroffener denkt und uns als Betrachter:innen in die Verantwortung nimmt." Der Ausstellungstitel "Shame – European Stories" lasse sich sowohl als Spiegel wie auch als Weckruf verstehen: als Hinweis auf das Schamgefühl, das in den Berichten Betroffener immer wieder eine zentrale Rolle spielt, oder als Anklage gegen eine Gesellschaft, die das Leid dieser Menschen nicht wahrnimmt und es versäumt, weiteres Unrecht zu verhindern.
"Shame – European Stories"
Kunstraum hase29
Hasestr. 29/30
49074 Osnabrück
Mi / Do / Fr 14 – 18 Uhr
Sa 11 - 15 Uhr
Geführte Rundgänge durch die Ausstellung mit Karl Haucke:
Sa, 31.01.2026, 11:30 Uhr
So, 01.02.2026, 12:30 Uhr
Sa, 14.02.2026, 11:30 Uhr
So, 15.02.2026, 12:30 Uhr (Finissage)
Freier Eintritt
Unter jedem der Bilder findet der Betrachter einen Text, in dem der oder die Gewaltbetroffene seine oder ihre Geschichte erzählt. In diesen Biografien zeichnen sich immer wieder Täterstrategien und Vertuschungsmuster auf, wie sie auch von Wissenschaftlern der Universität Osnabrück in dem Forschungsprojekt "Betroffene – Beschuldigte – Kirchenleitung" über die "Sexualisierte Gewalt an Minderjährigen im Bistum Osnabrück" exemplarisch erfasst wurden.
Karl Haucke ist Gründungsmitglied bei Umsteuern! Robin Sisterhood e.V. und selbst von sexualisierter Gewalt Betroffener. Auch sein Foto hängt in der Ausstellung. Er war dabei, als am vergangenen Freitag die Vernissage stattfand. Seine Rede vor den gut 100 Besucherinnen und Besuchern ist nicht nur eine Anklage an die Täter, sondern auch an die Gesellschaft. Es sei davon auszugehen, dass bei uns jeder siebte heutige Erwachsene in seiner Kindheit oder Jugend Opfer sexualisierter Machtausübung wurde, sagt er. Das seien zwölf Millionen Menschen allein in Deutschland.
"Das Lächeln des Täters war Euch Erwachsenen glaubwürdiger als meine Tränen"
Mit Bezug auf das Wort "Shame" im Titel der Ausstellung betont Haucke:
"Zwölf Millionen Menschen, die Sexualstraftätern, oft Serientätern, in die Hände fallen, kann man als Gesellschaft nicht ungewollt oder zufällig übersehen. Nein. Wir haben weggeschaut: Im Sportverein, wenn die Hilfestellung durch den Trainer durchaus auffällig immer handgreiflicher wurde. Eltern haben nicht zuhören wollen, wenn die Tochter von den regelmäßigen Übergriffen des Onkels erzählte. Lehrer haben nicht nach den Gründen für den plötzlichen Leistungsabfall von Schülerinnen oder Schülern gesucht. Das Kirchenvolk hat geschwiegen, als ich erzählte und das Lächeln des Täters Euch Erwachsenen glaubwürdiger war als meine Tränen."

Damit kommt Haucke auch auf seine eigene Geschichte zu sprechen:
"Ich habe einen großen Teil meiner Kindheit und Jugend in einem katholischen Ordensinternat verbracht. Was mir mit den ersten Griffen des priesterlichen Vergewaltigers unter die Bettdecke genommen wurde, war meine Unbeschwertheit, war meine Fröhlichkeit, war mein Glaube des Kindes, dass alles wieder gut werden würde. Mit Einflüsterungen wie 'Der liebe Gott will, dass wir uns lieb haben' hat Pater S. das Vertrauen in mir verraten. Und mit ihm haben all die schweigenden Zeugen im Priestergewand meine Bereitschaft und Fähigkeit zu vertrauen für ein Leben lang zerschlagen".
Als Haucke das Internat verließ, hielt er jedes Lächeln für eine Lüge, sagt er.
Welche Spuren das damalige Geschehen in ihm und allen anderen Betroffenen hinterlassen hat, wird deutlich, als er den Vernissage-Gästen eindringlich sagt:
"Ich will, dass es aufhört. Ich will nicht mehr träumen müssen 'davon'. Ich will nicht mehr, dass heute erwachsene Frauen sich an den Schwebebalken in der Turnhalle erinnern müssen, an das damit verbundene Erleben von Gewalt und Unterwerfung. Ich will nicht, dass Menschen, die in Heimen aufgewachsen sind, weiterhin in prekären Lebenslagen herumgestoßen werden. Ich will nicht mehr, dass Kardinäle von den "Verfehlungen" ihrer Priester reden statt von den Verbrechen derer, für die sie, die Kardinäle, verantwortlich sind; ich will nicht, dass Bischöfe den Jargon der Täter in ihren Reihen übernehmen, indem sie von einer 'Liebesbeziehung' zwischen den Moralischsten der Moralischen und kleinen Kindern reden."
Ein Appell in Reimform
Und dann trägt Karl Haucke ein Gedicht vor, das auch gut unter seinem Foto in der Ausstellung stehen könnte, und das den Gästen das ganze Ausmaß seiner Geschichte vor Augen führt, die stellvertretend auch für Tausende anderer Betroffener steht. Es soll hier im Wortlaut wiedergegeben werden:
Schau hin.
Hör zu.
Mensch, schau mich an.
Hör mir zu, Du Mensch.Ich wollte nicht Opfer seiner Nächstenliebe sein.
Ich wollte nicht sein Holzkreuz in meinem Anus.
Ich wollte nicht seinen Penis in meiner Achselhöhle,
Ich wollte nicht seine Macht in meiner Seele.Und ich will nicht,
dass Ihr weiterhin die Verbrecher aus Euren Reihen versteckt.
Und ich will nicht
schon wieder auf Eurem Opfertisch liegen
um Eure Ideologie zu retten.
Ich will nicht
Eurem Ruf nach Vergebung folgen
damit Ihr wieder ruhig schlafen könnt.
Ich will nicht,
dass Ihr mit Eurem Prinzip der Unmündigkeit
die Welt vergiftet.
Ich will nicht,
dass ich um Anerkennung dessen betteln muss,
was Ihr mir angetan habt.Ihr anderen
schaut nicht weg.
Hört uns endlich zu.
Und habet den Mut, Euch des eigenen Verstandes zu bedienen.
Tragt dieses System des "weiter so"
nicht mit.
Tragt dieses System des "weiter so"
nicht mit.
Auch wenn ihn sein jahrelanges Engagement nicht entmutigt weiterzumachen, so zeigt sich Haucke doch auch verbittert über die Reaktion der Kirche, wenn er sagt:
"Die juristischen Finten und Tricks der toxischen Institution, der Täterschutz durch das System, die gezielte Blindheit der Verantwortlichen – all dies ist unerträglich. Bitte stellen Sie sich nur mal vor: Die Institution, die Moral und Nächstenliebe als ihr hervorragendes Merkmal und Ziel formuliert, hat nach heutigem Kenntnisstand durch Versetzung der Verbrecher aus ihren Reihen, durch Vertuschung, durch Aktenschwärzung im Rahmen ihrer eigenen Aufklärungsberichte jahrelang die strafrechtliche Verfolgung von Gewalttaten verhindert. Und heute geht die gleiche Institution hin und macht in Gerichtsverfahren um Schmerzensgelder das Argument der Verjährung geltend."
Osnabrück wird nicht der letzte Ort sein, an dem die eindrucksvollen Fotos ausgestellt werden. Geplant ist, dass sie unter anderem auch im Rahmen des Katholischen Kirchentags in Würzburg (13. bis 17. Mai 2026) gezeigt werden.







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