Kommentar
Interesse an Religion schwindet
Foto: © "Simon", flickr, (CC BY-SA 2.0)
BERLIN. (hpd) Mit Sorge registriert die Evangelische Kirche Deutschlands (EKD) eine Entwicklung in Deutschland, die offenbar unaufhaltsam ist: Das schwindende Interesse an Religion. Gründe dafür sieht der Direktor des Sozialwissenschaftlichen Instituts der EKD, Prof. Gerhard Wegner, in einer gestiegenen Lebenserwartung und erweiterten Lebensmöglichkeiten: Die Vorstellung von einem Leben nach dem Tod verblasse deshalb. “In der Öffentlichkeit hat man den Eindruck, dass Religion geradezu peinlich ist”, wird er von evangelisch.de zitiert.
In der Tat werden Erzählungen über einen dreieinigen Gott, über „Erbsünde“, über eine Auferstehung von den Toten, über Jungfrauengeburten und dergleichen mehr von einer stetig wachsenden Zahl von Bundesbürgern nur noch als lächerlich empfunden – ein theologischer Bankrott, wenn kaum einer noch glaubt und auch nicht mehr zuhören will.
Nicht ohne Wirkung bleiben auch solche peinlichen Entgleisungen, wie etwa die einer Frau Käßmann, die kürzlich hat verlauten lassen, Ursache des Mauerfalls 1989 seien die vielen Gebete von Kirchenmitgliedern gewesen. Derartige “Erklärungen” geschichtlicher Vorgänge und Zusammenhänge kann niemand ernst nehmen, ebenso wenig Empfehlungen, Außenpolitik durch Gebete zu ersetzen, wie Margot Käßmann es in Hinsicht auf die islamistische Terrorgruppe der Taliban vorgeschlagen hatte.
Mit derlei ideologischem Murks vermögen die Menschen in diesem Land, und - das ist das besonders Erfreuliche - auch die Mehrheit der Kirchenmitglieder, nichts (mehr) anzufangen. Mittlerweile wenden sich immer mehr Menschen von der organisierten Religion ab, nicht, weil sie in Einzelpunkten Kritik an den Amtskirchen hätten, sondern weil sie Religion überhaupt nicht interessiert. Dieses Desinteresse muss die Kirchenfunktionäre außerordentlich ärgern. Ändern können sie es nicht.
Sie schreiben trotzdem, wie auch Prof. Wegner versichert, den Kirchen - ihren Organisationen - eine wichtige Rolle zu: Der Staat brauche Religion als Ressource für Wertedebatten, und Religion spiele eine positive Rolle, weil sie den Blick der Menschen auf das Allgemeinwohl richte.
Das Letztere mag für manche gesellschaftliche Bereiche und in einigen Kirchenstrukturen zutreffen, etwa in sozialpolitischer Hinsicht, etwa in Hinsicht auf Flüchtlingspolitik. Fast immer, jedenfalls zu einem erheblichen Anteil, sind die dort Aktiven aber solche, die den religiösen Lehren nicht mehr folgen. Gegen einiges Positive steht aber viel Negatives, Besserwisserisches, überbordende Arroganz gegenüber Religionsfreien, steht beispielsweise der arrogante Herr-im-Hause-Standpunkt im Kirchlichen Arbeitsrecht, der aus ideologischen Gründen Menschenrechtsverletzungen bejaht, der für ein Schurigeln der Mitarbeiterinnen bis in die Privat- und Intimsphäre steht.
Namen wie Meisner, Tebartz van Elst und Beton-Müller (derzeitiger Chef der früheren Inquisitionsbehörde) stehen nicht nur für die jeweiligen Personen, sondern für ein klerikales Konzept der Menschenverachtung. Unter diesem Aspekt sollte auch die vorlaute Behauptung bewertet werden, dass Religion als “Ressource für Wertedebatten” benötigt würde.
Angesichts der schwindenden ideologischen Deutungshoheit in der Gesellschaft wollen die Kirchen, alimentiert durch den Staat und durch die aktuell besonders guten Kirchensteuereinnahmen – selbstverständlich - nicht klein beigeben: Sie wollen, wie Prof. Wegner ausführt, über Kindestagesstätten und Schulen an die junge Generation heran, diese im kirchlichen Sinne beeinflussen. Glaube brauche eine “gefühlsmäßige Vertrauensbasis”, so Prof. Wegner. Ein Konzept, das nicht unterschätzt werden sollte.
Dass sie dies wollen, ist folgerichtig. Doch wie lange noch will die säkulare Gesellschaft ein Programm der ideologischen Beeinflussung von Kindern zulassen? Das zudem nahezu vollständig aus Mitteln finanziert wird, die sämtliche SteuerzahlerInnen aufbringen (die Religionsfreien somit eingeschlossen). Gegen das “Segeln der Kirchen unter fremder Flagge” (den Anschein aufrechtzuerhalten, ihre sozialen Wohltaten würden aus den Kirchensteuereinnahmen aufgebracht) hilft nur beharrliche Aufklärung. Da ist noch genug für Humanisten und säkulare Kräfte zu tun.
Humanisten sollten aber auch daran arbeiten, das Potential an Engagement im sozialen und humanitären Bereich, das sich – auch wenn schon ohne Religion, ohne Glauben – immer noch an Kirchen bindet, nicht zu vernachlässigen. Eine solidarische Welt braucht solches Engagement unbedingt.
Kommentare (7)
Netiquette für Kommentare
Im hpd-Artikel 10291 meint
Im hpd-Artikel 10291 meint der evangelische Theologe Andreas Fincke laut Artikel: 'Die Wiedervereinigung Deutschlands hat die radikale Konfessionslosigkeit im Land verursacht'.
Nun heißt es hier: "...Frau Käßmann, die kürzlich hat verlauten lassen, Ursache des Mauerfalls 1989 seien die vielen Gebete von Kirchenmitgliedern gewesen."
Sollte Gott gewollt haben, dass auch der Westen konfessionslos wird, angestiftet oder angesteckt vom Osten? Warum hat er dann die Gebete erhört, die zum Mauerfall geführt haben sollen?
Oder ist das alles für uns nur nicht so einfach durchschaubar, und Gottes Wege führen trotzdem zum guten Ziel, nur erkennen wir es (noch) nicht, und es ist in Wirklichkeit etwa so, wie die NS-Diktatur die Einsicht der Notwendigkeit einer wehrhaften Demokratie und der Formulierung der UN-Menschenrechte beschleunigt hat? Wann aber sollte dann die Situation aus religiöser Sicht zum Guten gewendet werden?
Sigbert, das Problem löst
Sigbert, das Problem löst sich m.E. ganz einfach und vollständig durch die Annahme, dass 'Gottes Wege' überhaupt nicht existieren!
Das Christentum, aber auch
Das Christentum, aber auch die monotheistischen Religionen generell sind von sich aus keine attraktiven Religionen. In einem gleichberechtigten Wettbewerb scheinen andere, "natürliche" Mythologeme stärker zu sein. Ich finde z.B. in Kindersendungen - gerade diejenigen die auf Quote aus sind - Wiederspiegelungen der griechischen Mythologie. So erscheinen mir "Titanenkämpfe" als eine kindliche (natürliche) Reflexion auf die empfundene Überlegenheit, bzw. Übermacht der Eltern. Das Christentum bietet letztendendes lediglich sado-masochistische Kategorien die niemand freiwillig annimmt, wenn er nicht in diesem Sinne sozialisiert wurde. Monotheistische Religionen müssen somit durch einen hohen Aufwand an Geld, Gewalt und Missionierung (Prosyletismus) aufrecht erhalten werden. Bleibt davon etwas aus, geht diese Religion ihrem Ende entgegen. Über die Psychopathologie hat übrigens Prof. Dr. Hans Schauer auf seiner Webseite www.hansschauer.de geschrieben. Sehr erhellend, wie ich finde.
Es gibt einen historischen
Es gibt einen historischen Parallelfall zur Religion und ihr Verschwinden im Dunst des Desinteresses: die UFOs! Allerdings dauerte deren Geschichte nur ca. 50 Jahre, weil es weder in Kindergärten, noch Grundschulen Unterricht in Ufologie gab, noch eine UFO-Club-Steuer, noch Beteiligungen von UFO-Gläubigen an Ethikräten oder Sendeanstalten und keine erfolgreiche Einflussnahme auf die Politik - und keine aggressiven Pogrome gegen UFO-Ungläubige (wenngleich man sich öfters kruden Verschwörungstheorien ausgesetzt sehen musste) oder eine entsprechend repressive Inquisition. So können wir das Sterben der Ufologie und die Gründe dafür im Zeitraffer an uns vorbeirauschen sehen: 1947 kam es nach dem 2. Weltkrieg zum UFO-Hype. Bis in die 60er-Jahre wurde das Thema ernst genommen, wanderte in den Mythenschatz der Medien, beeinflusste zahlreiche Romane, Comics, TV-Serien und Spielfilme. Anfangs gab es "Propheten" (z.B. "Prof." George Adamski) und Heilsversprechungen. Die UFO sollten mit ihren engelgleichen Insassen die Menschheit retten. Doch ein Termin nach dem anderen verstrich ohne Ergebnis. Beweise tauchten auf, Fotos, Landespuren, Kornkreise. Viele Bücher wurden geschrieben. Der Höhepunkt war vermutlich Steven Spielbergs "Unheimliche Begegnung der Dritten Art". Irgendwann kam der 50. Jahrestag - 1997 - und das wurde so eine Art Abschied von diesem Mythos. Das Interesse - bis Anfang der 80er-Jahre durchaus noch Schlagzeilen und Verkaufserfolge produzierend - erlahmte, niemand wollte noch länger auf die Brüder aus dem All warten. Das ließ sich nicht mehr reaktivieren und heute sind UFOs bestenfalls noch digitale Spielereien nicht ausgelasteter Teenager oder die Lebensaufgabe Billy Meiers in der Schweiz. Schlagzeilen macht damit keine Zeitung mehr, weil es sich erledigt hat. Diesem Schicksal sehen sich alle Religionen langfristig ausgesetzt, weil ihre Inhalte genauso feinstofflich sind, wie UFOs, genauso immateriell oder schlicht nicht vorhanden.
Ein erfreulich klarer,
Ein erfreulich klarer, erfrischender Kommentar. Danke, Walter Otte!
Für immer mehr nachdenkende Menschen spielen christliche Lehre und Kirche im täglichen Leben keine Rolle mehr. Das wissen die Kirchen und suchen deshalb über konfessionelle Schulen und vor allem Kindertagesstätten die bewährte Strategie der frühkindlichen Indoktrination zu nutzen. Denn was in der Kindheit über Gefühle und positive Assoziationen an »Überzeugungen« eingepflanzt wird, ist später mit rationalen Gründen kaum noch zu hinterfragen.
Deshalb. Aufklärung; Aufklärung, Aufklärung! Bei den Eltern, bei den Jugendlichen und bei den Politikern – manchmal sind auch sie Argumenten zugänglich.
Es ist unverständlich, dass
Es ist unverständlich, dass dieser Religionsquatsch auch noch staatlich finanziert wird. Ärgerlich finde ich besonders Religion in Kindergärten und Schulen. Leider kann man da wohl nichts dagegen machen.
Ist es ein Eingottglaube oder
Ist es ein Eingottglaube oder ein Teufelsglaube? Die Menschen denken mehr und stellen fest, ob man daran glaubt oder nicht, besser oder schlechter wird es nicht.