Warum moralische Appelle die Konjunktur nicht beleben – und was wir aus 1967 lernen könnten

Mehr arbeiten ist keine Wirtschaftspolitik

Lagerhalle mit Paketen
Die deutsche Wirtschaft leidet nicht an "Arbeitsmangel", sondern an "Nachfrageschwäche"

Mehr Arbeitsstunden sollen die Wirtschaft retten – so lautet derzeit der politische Reflex. Doch moralische Appelle ersetzen keine fundierte Wirtschaftspolitik. Produktivität entsteht durch Investitionen und Nachfrage, nicht durch Druck auf Beschäftigte. Ein Blick auf das Stabilitäts- und Wachstumsgesetz von 1967 zeigt, dass ökonomische Steuerung einst als staatliche Verantwortung verstanden wurde – und nicht als Frage individueller Moral.

Seit Monaten mehren sich aus Politik und wirtschaftsnahen Kreisen Appelle an die Bevölkerung, "mehr zu arbeiten". Längere Lebensarbeitszeiten, weniger Teilzeit, mehr Leistungsbereitschaft – so lauten die immer gleichen Forderungen. Sie werden präsentiert als Antwort auf Konjunkturschwäche, Produktivitätsstagnation und Wachstumssorgen.

Was dabei auffällt: Die eigentliche wirtschaftspolitische Begründung bleibt aus. Statt analytischer Erklärungen dominieren moralische Zuschreibungen. Nicht Investitionen fehlen, nicht Nachfrage, nicht staatliche Steuerung – sondern offenbar Arbeitswillen. Diese Diagnose ist nicht nur fragwürdig, sie ist ökonomisch falsch.

Produktivität entsteht nicht durch Appelle

Produktivität misst Wertschöpfung pro Arbeitsstunde. Sie steigt durch Investitionen, Technologie, Organisation, Qualifikation – nicht durch längere Arbeitszeiten. Empirisch ist der Zusammenhang eindeutig: Hochproduktive Volkswirtschaften zeichnen sich gerade dadurch aus, dass sie mit weniger Arbeitszeit pro Kopf auskommen, nicht mit mehr.

Die Vorstellung, eine Volkswirtschaft lasse sich durch moralischen Druck auf Arbeitnehmer produktiver machen, verwechselt Ursache und Wirkung. Historisch war es stets umgekehrt: Produktivitätsfortschritte ermöglichten Arbeitszeitverkürzungen, nicht umgekehrt.

Wer dennoch "mehr Arbeit" fordert, liefert keine Wachstumsstrategie, sondern ein Ersatznarrativ.

Das eigentliche Problem: fehlende Nachfrage

Die deutsche Wirtschaft leidet nicht an Arbeitsmangel, sondern an Nachfrageschwäche. Reallöhne waren über lange Zeit gedämpft, die Sparneigung hoch, Investitionen verhalten. Unternehmen verzichten auf Investitionen, weil sie Absatzrisiken sehen – nicht, weil es an Arbeitsstunden fehlt.

In einer solchen Situation angebotsseitige Maßnahmen zu forcieren, ist wirtschaftspolitisch ein Kategorienfehler. Ohne Nachfrage keine Investitionen, ohne Investitionen keine Produktivitätsgewinne. Das ist kein ideologischer Standpunkt, sondern ökonomischer Grundbestand.

1967: Wirtschaftspolitik als Verantwortung, nicht als Moral

Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass dieses Wissen einmal politischer Konsens war. Mit dem Stabilitäts- und Wachstumsgesetz von 1967 schuf die Bundesrepublik ein Instrumentarium zur antizyklischen Steuerung der Wirtschaft. Getragen wurde es von Karl Schiller und Franz Josef Strauß – also von Sozialdemokratie und Union gemeinsam.

Ziel war das "gesamtwirtschaftliche Gleichgewicht": Preisniveaustabilität, hoher Beschäftigungsstand, außenwirtschaftliches Gleichgewicht und stetiges Wachstum. Kein Ziel war moralisch formuliert, keines richtete sich appellativ an Arbeitnehmer. Die Verantwortung lag dort, wo sie hingehört: bei der Politik und ihrer Steuerungsfähigkeit.

Nachfragepolitik war damals kein "linkes Experiment", sondern staatspolitische Vernunft.

Der heutige Rückschritt

Heute hingegen erleben wir eine bemerkenswerte Verschiebung:
Wirtschaftspolitische Steuerung wird durch Moralrhetorik ersetzt. Wo früher über Outputlücken, Investitionszyklen und Multiplikatoren gesprochen wurde, wird heute Leistungsbereitschaft beschworen. Das ist kein Fortschritt, sondern ein Rückfall hinter den eigenen Erfahrungshorizont.

Diese Rhetorik hat eine klare Funktion: Sie verschiebt Verantwortung. Weg von staatlichen Investitionsentscheidungen, weg von strukturellen Reformen, hin zu individuellen Verhaltensfragen. Ökonomische Probleme werden personalisiert – und damit politisch entschärft.

Mehr Arbeit ohne Nachfrage führt zu nichts

Selbst wenn alle Appelle fruchten würden: Ohne Nachfrage bleibt Mehrarbeit wirkungslos. Sie erzeugt weder zusätzliche Investitionen noch nachhaltiges Wachstum. Im besten Fall erhöht sie kurzfristig das Arbeitsvolumen, im schlechtesten senkt sie Produktivität durch Überlastung und Demotivation.

Eine Wirtschaftspolitik, die auf Appelle statt auf Instrumente setzt, verzichtet auf Gestaltung – und nennt das dann Verantwortung.

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Kommentare (8)

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GeBa (nicht überprüft)

Di. 27 Jan 2026 - 13:22

Diesen klugen Artikel sollte sich unser Bundeskanzler einverleiben, vielleicht geht ihm dabei ein Licht auf warum unsere Wirtschaft derartig schwächelt, man müßte eigentlich die
richtigen Maßnamen ergreifen, mehr Arbeitszeit bringt die Wirtschaft nicht voran.
Herr Merz sollte auf die richtigen Leute hören, wenn er nicht erkennt wo das Problem liegt.

Michael Murauer (nicht überprüft)

Di. 27 Jan 2026 - 14:22

Die fehlende Nachfrage ist mitnichten das vorrangige Problem. Gerade im Handwerks- und Dienstleistungsbereich gibt es eine enorme Nachfrage, die aufgrund des Arbeitskräftemangels nicht befriedigt werden kann, so dass die Arbeit schlicht und einfach zu Lasten der darauf angewiesenen Bevölkerung ungetan bleibt. Mehrarbeit lohnt sich aufgrund der progressiven Abschöpfung durch Steuern und Sozialabgaben nicht. Der Sozialstaat ist vom Gedanken der sozialen Abfederung gegen Notsituationen zur Idee des möglichst vollständigen Ausgleichs jeglicher Benachteiligung übergegangen. Übertreibungen wie etwa der gleichzeitige Elternurlaub für beide Elternteile sind in einer internationalen Konkurrenzsituation um Wohlstand schlicht nicht mehr tragbar. Es wäre wünschenswert, dass Fragen der Wirtschafts- und Sozialpolitik beim hpd nicht überwiegend nur von einem dezidiert links positionierten Autor wie Herrn Endruscheit abgehandelt werden, sondern auch Vertreter des Konzepts der sozialen Marktwirtschaft zu Wort kommen.

Udo Endruscheit (nicht überprüft)

Di. 27 Jan 2026 - 20:27

Antwort auf von Michael Murauer (nicht überprüft)

Der Kommentar verwechselt lokale, sektorale Engpässe mit gesamtwirtschaftlicher Nachfrage. Unerfüllte Nachfrage im Handwerk ist kein Beleg für eine gesamtwirtschaftliche Arbeitsknappheit, sondern Ausdruck fehlender Anpassung durch Produktivität, Investitionen und Preise.

Makroökonomisch zeigt sich die Schwäche der deutschen Wirtschaft nicht in leeren Auftragsbüchern, sondern in stagnierender Produktivität, schwacher Investitionstätigkeit und hoher Sparneigung. Diese Phänomene lassen sich nicht durch moralische Appelle zur Mehrarbeit beheben.

Auch die These, der Sozialstaat dämpfe wirtschaftliche Dynamik, übersieht dessen zentrale Funktion als Nachfrage- und Stabilitätsanker. Gerade in einer alternden Gesellschaft ist soziale Absicherung keine Belastung, sondern Voraussetzung wirtschaftlicher Resilienz.

Mein Beitrag richtet sich nicht gegen soziale Marktwirtschaft, sondern gegen ihre Verengung auf Angebots- und Disziplinlogik. Die historische soziale Marktwirtschaft verstand sich stets als System gesamtwirtschaftlicher Balance – nicht als Moralökonomie individueller Arbeitsanstrengung. Nicht umsonst habe ich an das Stabilitätsgesetz von 1967 erinnert.

Eine kurze Klarstellung noch: Meine Argumentation ist nicht politisch „links“ motiviert, sondern folgt makroökonomischer Analyse und empirischer Evidenz. Die Unterscheidung zwischen Nachfrage-, Angebots- und Produktivitätsfragen ist kein ideologisches Statement, sondern Bestandteil wirtschaftswissenschaftlicher Grundannahmen – und historisch ein Kern der sozialen Marktwirtschaft.

Wenn solche Überlegungen heute als „links“ wahrgenommen werden, sagt das weniger über ihre Inhalte als über die Verengung des aktuellen Diskursrahmens aus.

Michael Murauer (nicht überprüft)

Mi. 28 Jan 2026 - 11:08

Antwort auf von Udo Endruscheit (nicht überprüft)

Viele der vorgebrachten Punkte haben sicherlich auch ihre Berechtigung. Dennoch wäre es wünschenswert, daß die ökonomische Analyse die Perspektive von Mittelständlern, Handwerkern, freien Berufen und schlicht eine gewisse, ein Anreizdenken repräsentierende "Hausfrauenlogik" mehr berücksichtigt. Ich habe in 45 Jahren Arbeit als Arzt im Gesundheitswesen die progrediente Erstickung jeglicher Mehrarbeitsanreize durch Überreglementierung und dirigistische Restriktionen eindrucksvoll erlebt. Das Ergebnis sehen wir heute: Nachwuchsmangel, Probleme Arzttermine zu finden, immer neue, noch dirigistischere Eingriffe zur Mangelverwaltung, wie zum Beispiel das jetzt geplante Primärarztsystem. Die Nachfrage nach Dienstleistungen (wie einem vernünftigen, gesprächsbereiten Hausarzt) ist massiv vorhanden, regelt hier aber aufgrund der strukturellen Verkrustungen und Bevormundungen gar nichts.

Daniel Schoch (nicht überprüft)

Di. 27 Jan 2026 - 20:48

Antwort auf von Michael Murauer (nicht überprüft)

Da muss ich als Ökonom mit 25 Jahren Lehrtätigkeit widersprechen. Wenn Arbeitgeber und Arbeitnehmer nicht oder nur schwer zusammen kommen, wie das wohl manchmal im Handwerk der Fall ist oder sein soll, kann das an Vielem liegen. Niedrige Löhne, schlechte Arbeitsbedingungen, zu hohe Lebenshaltungskosten, aber tatsächlich nicht an der Nachfrage, aber auch nicht an den Sozialabgaben oder "Gleichmacherei". Im Gegenteil: soziale Sicherung verringert Fehlzeiten und erhöht die persönliche Produktivität des Arbeitenden. Die sogenannte "Anreizkompatibilität" ist ein neoliberaler Mythos. Vom neoklassischen Standpunkt hat die Linke die Grundprinzipien der Wirtschaft einfach besser verstanden.

Bernie (nicht überprüft)

Di. 27 Jan 2026 - 15:34

Schon vergessen? Merz ist ein Ex-Blackrockmitarbeiter und Multi-Millionär, der nebenbei noch Kanzler von Deutschland spielen darf. Bei aller Zustimmung zur Analyse von Udo Endruscheit Merz ist - wie seine Berater, und die Lobbyisten im Bundestag - Anhänger der Religion des Neoliberalismus - und der hält von Nachfrageanreizen relativ wenig. Die Angebotsseite und der Exportweltmeiser ist für die wichtig und solange diese weltliche Religion der Angebotstheorie, und des Neoliberalismus, auch Marktradikalismus genannt, die parteienübergreifende reine Lehre ist wird sich daran auch nichts ändern. Wer übrigens auf die Afd hofft, dem sei gesagt, dass Alice Weidel eine Ex-Goldmann-Sachsangestellte ist, und die AfD eine neoliberale Abspaltung der CDU/CSU ist. Ergo wer die wählt, der trinkt auch den Kakao durch den die AfD ihre Wähler zieht.....mal den (berechtigten) Rechtsextremismusvorwurf ausklammert, und rein auf die neoliberale Wirtschaftspolitik bezogen - wie oben erwähnt, da muss erst wieder eine Nachfragepolitik geschaffen werden, derzeit, leider muss ich schreiben, überwiegt die neoliberale Angebotspolitik, die übrigens sogar im Ursprungsland des Neoliberalismus - den USA - nie so rigoros verstanden wurde wie ab Ex-Kanzler Gerhard Schröder, und vorher schon Ex-Kanzler Helmut Kohl in der Bundesrepublik Deutschland. Gruß Bernie

Daniel Schoch (nicht überprüft)

Di. 27 Jan 2026 - 21:09

Sehr lobenswert, dass der Autor hervorhebt, dass nicht die Zahl der Arbeitsstunden, sondern die Produktivität unseren Wohlstand bestimmt. Und diese ist allein eine Frage der Technologie, d.h. Output im Verhältnis zu den Produktionsfaktoren (selbst mit dem Begriff "Wertschöpfung" wäre ich hier vorsichtig). Mit Nachfrage hat das allerdings nichts zu tun und mit "Investitionen" nur im speziellen Fall von Technologiewandel. Höhere Energieeffizienz kann allerdings die Nachfrage ankurbeln - dieser Effekt wurde vor 150 Jahren von William Jevons beschrieben und gilt auch heute noch. Deswegen haben die "Grünen" tatsächlich das ökonomisch vernünftigste und effizienteste Wirtschaftsprogramm. Subventionen für technisch ineffiziente Produktionstechnologien schaden der deutschen Wirtschaft erheblich. Deren Problem ist nicht konjunktureller, sondern struktureller Natur: Wir ernten jetzt die Früchte von 45 Jahren neoliberaler Wirtschaftspolitik.

Anonym (nicht überprüft)

Fr. 30 Jan 2026 - 07:54

Faire Löhne gehören auch dazu. Die breite Masse der arbeitenden Bevölkerung gibt ihr Geld doch in Monatsfrist wieder aus. Wenn ich Leute sehe, die darüber nachdenken weniger zu arbeiten oder ihr Gehalt nicht loswerden, sind das meist Erben, die durch Zufall ausgesorgt haben. Ich habe mein Leben lang gehört, dass ich dies oder das tun muss, um anständig zu leben. Ich kann es mir gar nicht leisten nach moralischen Gesichtspunkten Arbeitssuche zu betreiben wenn ich es bis zum Ruhestand schaffen will. Dann nicht in der Armut zu versinken ist auch nicht garantiert. Nebenbei soll ich für die Rente der Alten arbeiten (Generationenvertrag), aber meine eigene Rente auch noch selbst anlegen (Eigenverantwortung, Kindermangel). Mein Gehalt wird von Fixkosten aufgefressen, da habe ich auch kaum Spielraum

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