Die Strategien von Österreichs Superreichen
Porsche & Piëch, Mayr-Melnhof, Mateschitz & Co.: Über die Vermögensstrukturen der reichsten Familien Österreichs ist erstaunlich wenig bekannt. Forschende in Linz haben in einer Studie die Wirtschaftsnetzwerke analysiert, die die “oligarchische Vermögenselite” des Landes umgeben. Die Ergebnisse veranschaulichen die Strategien einer Minderheit an Superreichen, die die Ungleichheit größer werden lassen.
Foto: Ivan Radic via Wikimedia Commons CC BY 2.0
Österreich weist eine der höchsten Vermögensungleichheiten der gesamten EU auf. Laut Statistiken der Europäischen Zentralbank (EZB) besitzen die obersten 5 Prozent 53,5 Prozent des Nettovermögens. Von statistischen Verzerrungseffekten korrigierte Schätzungen gehen sogar von einer noch höheren Vermögensungleichheit aus. Um diesen Wert zu ermitteln, wurden Umfragedaten unter anderem mit Reichen-Rankings aus Hochglanzmagazinen kombiniert. Dass solche Quellen herangezogen werden, illustriert die Schwierigkeit der Datenerhebung in diesem Bereich. Umfragen zu ihrem Nettowert füllen die wenigsten Milliardär:innen gerne aus.
“Wir wissen wirklich wenig über die Vermögensstrukturen der allerreichsten Österreicher:innen. Gleichzeitig müssen Sozialhilfebezieher:innen ihre finanzielle Situation transparent offenlegen”, sagt der Sozioökonom Stephan Pühringer von der Johannes Kepler Universität Linz. Er wurde 2023 für sein Projekt “Sozioökologische Transformation und ökonomisches Denken” mit dem “START”-Preis des Wissenschaftsfonds FWF ausgezeichnet. In einer im Fachjournal Socio-Economic Review erschienenen Studie haben Pühringer und Kolleg:innen daran gearbeitet, Licht in die verborgenen Vermögensstrukturen von Österreichs Superreichen zu bringen.
Die kürzlich veröffentlichte Publikation “Die oligarchische Vermögenselite in Österreich: Unternehmensnetzwerke und Muster der Vermögensakkumulation” analysiert die wirtschaftlichen Netzwerke rund um 62 der reichsten Haushalte im Land. “In unserer Analyse zur Vermögenskonzentration in Österreich erstellten wir ein Beziehungsgeflecht aus rund 70.000 Knotenpunkten – unter anderem bestehend aus Tochtergesellschaften, Anwaltskanzleien, Privatstiftungen, Wirtschaftstreuhändern, Eigentümer:innen und Geschäftsführenden“, fasst Pühringer zusammen. ”Daraus lässt sich eine starke Machtkonzentration ablesen. Denn fast alle 62 Reichennetzwerke sind über personelle oder unternehmerische Schnittstellen direkt miteinander verwoben.“
Wirtschaft anders denken
Im Kontext von Pühringers “START”-Projekt ist die Studie ein Exkurs, der den lokalen Status Quo in Österreich aufnimmt. “Angesichts des Überschreitens planetarer Grenzen stellt sich die Frage, wie man Wirtschaft und ihr Verhältnis zur Gesellschaft in Zukunft denken möchte. Ich mache mir Gedanken darüber, welche Faktoren einen Umbau unserer Ökonomien befördern oder behindern und warum wir so stark an einem überkommenen Wirtschaftsbegriff festhalten“, skizziert der Sozioökonom sein Forschungsfeld. ”Dazu gehört es auch, die Strukturen des Reichtums und der völlig aus dem Lot geratenen sowie Demokratie gefährdenden Vermögensverteilung zu kennen.“
Pühringer und Kolleg:innen sind dafür auf öffentlich verfügbare Daten angewiesen. In ihrer Studie griffen die Forschenden aber nicht – wie oft bei Untersuchungen zur Ungleichverteilung – auf Steuerdaten oder publizierte Vermögenswerte zurück. Um die “organisatorischen Architekturen“ der Kapitalakkumulation zu erforschen, wurden das Firmenbuch und das Register der wirtschaftlichen Eigentümer zur größten Datenbasis. ”Einträge dort sind offizielle Daten im Eigentum der Republik Österreich. Es gehört zu den schwer verständlichen Eigenheiten Österreichs, dass der komplette Datensatz aber nicht ohne Weiteres einsehbar ist. Privatunternehmen bereiten die Daten auf und lassen sich für jede einzelne Abfrage bezahlen“, sagt Pühringer. "Wir konnten einen reduzierten – ebenfalls bezahlten – Forschungszugang nutzen.“
Anhand der Daten erstellten die Forscher:innen eine soziale Netzwerkanalyse, die die Beziehungen zwischen den Knotenpunkten untersucht, wobei zwischen Institutionen und Personen unterschieden wird – Letztere sind laut der Studie überwiegend männlich. Mittels sogenannter Clusteranalyse wurden schließlich prägende Strukturen im Netzwerk identifiziert. Ein Ergebnis sind drei gut unterscheidbare “Modi der Vermögensakkumulation”: Dazu gehört ein finanzgetriebener Typus, der durch kleinere Netzwerke, viele Privatstiftungen und geringe öffentliche Präsenz geprägt ist. Ein Bereich mit Immobilienfokus zeichnet sich dagegen durch eine unüberschaubar große Zahl an GmbHs aus, die zentral durch wenige Manager:innen gesteuert werden – das nun kollabierte Firmennetzwerk René Benkos war hier der extremste Fall. Die größte Gruppe bilden schließlich industrielle Netzwerke – meist rund um Aktiengesellschaften –, die durch ihre Weitläufigkeit und Verbindungen zur Politik auffallen.
Privatstiftung als Instrument der Milliardär:innen
Unabhängig davon weisen die Unternehmensgeflechte einige übergeordnete systemische Auffälligkeiten auf. Sie betreffen etwa das Phänomen der österreichischen Privatstiftungen, die eine langfristig steuerschonende, vor Haftung sichere Verwaltung großer Vermögen ermöglichen. Sie gibt es in dieser Form nur in Österreich: In vielen anderen europäischen Ländern müssen Stiftungen gemeinnützige Zwecke erfüllen. Privatrechtliche Formen wie etwa die Familienstiftung in Deutschland sind – dank Erbschaftssteuer – deutlich höher besteuert. “Es gibt etwa 3.000 Privatstiftungen in Österreich. Über ein Drittel davon ist Teil der Netzwerke rund um die 62 untersuchten Haushalte“, skizziert Pühringer. ”Das veranschaulicht, wie sehr Privatstiftungen ein Instrument speziell zur Vermögensabsicherung für die Allerreichsten sind.“
Ein weiterer Punkt betrifft den Stellenwert von Immobilienvermögen. "In allen untersuchten Netzwerken – auch abseits des darauf spezialisierten Typus – spielt Immobilienbesitz eine überproportional starke Rolle. Die Erkenntnis passt zu bisherigen Studien, aus denen wir wissen, dass Immobilienbesitz in Österreich extrem konzentriert und ungleich verteilt ist“, erklärt der Sozioökonom. „Vermögenssteuern würden diese Immobilienanhäufungen stark treffen – was auch den heftigen Gegenwind zu ihrer Einführung erklärt.“
Superconnectors und ihre Netzwerke
Schließlich illustriert die Studie nicht nur, wie verschachtelt und komplex die Firmengeflechte sind, sondern auch, wie stark die einzelnen Netzwerke der Reichen miteinander verbunden sind. “Im Benko-Netzwerk gab es etwa einen Geschäftsführer, der 250 Unternehmen vorstand. Insgesamt identifizierten wir 14 Personen, die über 100 Positionen innehatten“, veranschaulicht der Forscher. Gleichzeitig sind beinahe alle 62 Netzwerke durch Akteur:innen in Schlüsselpositionen miteinander verbunden. ”Zu diesen Superconnectors gehören Personen aus Aufsichtsräten, der Vermögensverwaltung, dem Investmentbereich oder aus Rechtsanwaltskanzleien. Wir hatten etwa einen Manager, der dem Vorstand von 60 Privatstiftungen angehört“, schildert Pühringer. "Komplexität und hohe Spezialisierung dieser Superconnectors bedeuten auch, dass die Vermögenden durch sie einen großen Ressourcenvorteil gegenüber den Finanzbehörden gewinnen.“
Strategien gegen die Ungleichheit
Welche Konsequenzen könnten also die gesetzgebenden Kräfte in Österreich ziehen, um langfristig für eine ausgewogenere Vermögensverteilung zu sorgen? Pühringer zufolge ergeben sich Ansatzpunkte im Steuer- und Gesellschaftsrecht. “Auf der Hand liegt, dass eine Wiedereinführung von Vermögens- und Erbschaftssteuern nötig ist. Ihr Fehlen ist auch dafür mitverantwortlich, dass eine systematische Erfassung von Vermögen fehlt und wir über die Ungleichheit so wenig wissen“, betont der Sozioökonom. ”Gleichzeitig ist die Situation in Österreich bereits so stark aus der Balance geraten, dass selbst neue Vermögenssteuern kurzfristig wenig Wirkung hätten – dafür ist die Ungleichheit schon viel zu weit fortgeschritten. Letztendlich müsste man über Obergrenzen von Kapitalakkumulation und Vermögen nachdenken.“
Ein starker Regulierungsbedarf besteht Pühringer zufolge auch bei Privatstiftungen – ein österreichisches Unikum, das einen extrem geringen Anteil der Bevölkerung betrifft und die Ungleichheit massiv befördert. “Finanzbehörden stehen hier einer kleinen Szene hochspezialisierter und gut vernetzter Expert:innen gegenüber, die diese Finanzkonstrukte managen“, schildert der Wissenschaftler. Ein weiterer Hebel besteht zudem im Unternehmensgesetzbuch: ”Firmennamen sollten grundsätzlich auf einen Firmenzweck hinweisen und nicht irreführend sein. Dennoch gibt es viele Beispiele von GmbH-Namen, die zur Identifikation lediglich eine fortlaufende Nummer enthalten“, kritisiert Pühringer. Auch über eine Maximalzahl von Firmen, denen ein:e Geschäftsführer:in vorstehen darf, wäre nachzudenken. "Das Fehlen dieser Maßnahmen zementiert letztlich eine ungleiche Machtbalance zwischen einer 'oligarchischen Wohlstandselite‘ und Steuer- und Aufsichtsbehörden“, resümiert der Forscher.