Die Rolle des christlichen Nationalismus beim "Sturm auf das Kapitol"

Christlich, national, gewaltbereit

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Das US-Kapitol in Washington D.C.

Als "Sturm auf das Kapitol" ging der Angriff auf den Sitz des US-Kongresses am 6. Januar 2021 in die Zeitgeschichte ein. Hunderte von Anhängern des abgewählten Präsidenten Donald Trump drangen damals in das Gebäude ein und wollten mit Gewalt die offizielle Bestätigung von dessen Nachfolger Joe Biden durch Senat und Repräsentantenhaus verhindern. Eine bedeutende Rolle bei dieser Attacke spielte der christliche Nationalismus – eine Ideologie, die Politik und Religion zu einem gefährlichen Cocktail vermischt und alle Bevölkerungsgruppen ausschließt, die nicht dem Ideal von autoritären, erzkonservativen weißen amerikanischen Christen entsprechen.

Atheisten und Agnostiker, ebenso wie progressive Christen, werten diese Strömung als ernste Gefahr für die Demokratie. Um zum besseren Verständnis der Ereignisse vom 6. Januar und der verantwortlichen Netzwerke beizutragen, hat die säkulare Organisation Freedom From Religion Foundation (FFRF) gemeinsam mit einer religiösen Gruppe, dem Baptist Joint Committee for Religious Liberty (BJC), einen Bericht veröffentlicht. Darin legen verschiedene Expertinnen und Experten die vielfältigen Verflechtungen von Akteuren des christlichen Nationalismus mit rechten Gruppierungen, Lobbyorganisationen und Medien dar und dokumentieren die historische Entwicklung bis zur Attacke auf das Kapitol.

Obgleich die Bewegung zahlenmäßig in der Minderheit ist, verfügt sie dennoch über dichte Netzwerke, wie das über 60 Seiten lange Papier dokumentiert. VertreterInnen der weißen christlich-nationalistischen Bewegung sitzen demnach in politischen Ämtern und anderen einflussreichen Positionen und pflegen enge Kontakte zu den Medien. Den Soziologen Andrew Whitehead und Samuel Perry zufolge stehen fast die Hälfte der Amerikanerinnen und Amerikaner einer Verschmelzung von Religion, staatsbürgerlichem Leben und nationaler Identität in den USA zumindest positiv gegenüber. In einer anderen Studie, die Perry gemeinsam mit seinem Fachkollegen Philipp Gorski durchführte, zeigte sich, dass Personen, die viele christlich-nationalistische Überzeugungen teilen, auch eher solche Beschneidungen des Wahlrechts befürworten, die vor allem Schwarze und andere Minderheiten benachteiligen. Weiter treten sie mit höherer Wahrscheinlichkeit für das Recht auf privaten Waffenbesitz ein und finden, dass im Interesse der nationalen Sicherheit auch Folter angewandt werden dürfe.

Ihre Vision einer christlich-nationalen amerikanischen Identität sei jedoch unerreichbar, weil das Christentum diese Aufgabe nicht erfüllen könne, so die Initiatorin des Berichts, BJC-Direktorin Amanda Tyler. Sie ruft deshalb zur Gründung eines breiten, landesweiten Bündnisses von religiösen und säkularen Gruppen und Einzelpersonen auf.

Andrew Seidel, Sprecher der Initiative Americans United for the Sepatation of Church and State, sieht den 6. Januar als den "Höhepunkt, nicht aber als Ende" der Bewegung. Die gewalttätigen Angreifer hätten eine moralische Legitimierung erfahren und seitdem wachse der Anteil an Amerikanern, die derartige Gewalttaten als gerechtfertigt betrachten.

Angesichts der Kongresswahlen im November äußerte Seidel gegenüber der Washington Post die Sorge, dass sich solche Attacken wiederholen werden. Die Wahlen zum US-Kongress, die zur Halbzeit von Präsident Bidens Amtsperiode stattfinden, gelten als politisches Stimmungsbarometer des Landes.

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