„Anleitung zum Seligsein“

(hpd) Michael Schmidt-Salomon, nach eigenem Bekunden „Atheist unter agnostischem Vorbehalt“, beleuchtet – nach einem interessanten persönlichen Rückblick über zwei Jahrzehnte Religionskritik – das Thema Religion und Aufklärung in vielen Facetten. Religionskritische Texte in gebündelter, amüsanter Form; klar in den Aussagen, stringent in den Argumentationen, tiefgründig ohne großen philosophisch–theoretischen Ballast.

Das Buch gliedert sich in drei Teile: Der erste Teil beinhaltet - „mit der subversiven Kraft des Humors“ – die „Lust am Lästern“, wobei auf die grandiosen Lächerlichkeiten in nahezu jedem Glaubensbekenntnis hingewiesen wird. Das einzige Mittel gegen Wahn ist die Konfrontation mit der Wirklichkeit in Form von Kritik und Aufklärung. Religiöse Überzeugungen stehen meist unter „Denk–mal–schutz“. Tradierte Denkblockaden sind nur durch Aufklärung zu sprengen, wobei es nach Auffassung des Autors legitim ist, religiöse Gefühle zu verletzen, wenn dies zur Durchsetzung einer aufgeklärten und humaneren Sicht- und Lebensweise erforderlich wird.

Der zweite Teil "Interventionen" widmet sich u.a. der religiösen Blindheit deutscher Politiker (Rede des Bundespräsidenten Wulff und "gedankliche Entgleisungen" Ursula von der Leyens) mit einem sehr bedenkens- und beherzigenswerten "Plädoyer für eine zeitgemäße Bildungs- und Erziehungsoffensive" sowie den Fragen "Religion und Gewalt" und den Lehren aus der Schweizer Volksabstimmung zum Minarettverbot.

Auch der sogenannte „neue Atheismus“ wird als „Streitkultur der Aufklärung“ einer Analyse unterzogen, wobei der Begriff Atheismus als sehr unpräzise empfunden wird, da der Begriff „Gott“ nicht klar definierbar ist. Gegen den „unvorstellbaren Gott der Mystiker“ (Meister Eckart, Giordano Bruno, Spinoza, Einstein usw.) gibt es auch von atheistischer Seite keinen Einwand, Richard Dawkins z.B. bezeichnet sich selbst als „religiös wie Einstein“. Schmidt–Salomon schlägt statt „neuer Atheismus“ die Bezeichnung „naturalistischer Humanismus“ vor, der nicht in Opposition, sondern als Alternative zur Religion steht.

Religionen beinhalten religiöse Binnen- und religiöse Außenmoral. Dieser Form einer dualistischen Moral gilt es, eine humanistische Ethik - „gleiche Prinzipien für alle Menschen“ - mit der Aufhebung von Diskriminierungen aller Art (z.B. nach Hautfarbe, Geschlecht, Nationalität, sexueller Präferenz, Religionszugehörigkeit usw.) gegenüberzustellen.

Im dritten Teil „Hintergründe“ werden Grundfragen wie Wahrheit, Logik, Empirie, Humanität usw. beleuchtet und im Hinblick auf religiöse Fragestellungen einer Analyse unterzogen. Aufklärung beruht demnach auf einer pragmatischen, hypothetisch korrespondierenden Kohärenztheorie der Wahrheit, hypothetischer Realismus kann und muss das nützliche Instrument von Problemlösungen sein. Daraus resultierend ergibt sich als zentrales Ziel der Aufklärung die normative Forderung der Humanisierung menschlicher Lebensverhältnisse.

Weitere Kapitel des dritten Teils betreffen „Darwins brisantes Erbe“ mit der Beschreibung möglicher biologistischer Irrwege (Sozialdarwinismus, Rassismus, Eugenik), Fragen der Erkenntnisfähigkeit (wir können die Welt nicht wahrnehmen, wie sie losgelöst von unserer Wahrnehmung existiert) sowie des Humanismus, Agnostizismus und der „Diskursunfähigkeit der Religiösen“. Ein eigenes Kapitel ist der „Kriminalgeschichte des Atheismus“ gewidmet, wobei festzuhalten ist, dass die erkenntnistheoretischen Vorteile des Atheismus nicht notwendigerweise mit einem Zuwachs an Humanität verbunden sind. Generell gelte es, eine skeptische Geisteshaltung zu fördern, die unbrauchbare Ideen sterben lässt, bevor Menschen für unbrauchbare Ideen sterben.

Die Beschreibung der gegenwärtigen sozialen Verankerung des Humanismus in Deutschland und ein Plädoyer für eine „Leitkultur Humanismus und Aufklärung“ bilden die Schlusskapitel dieses sehr lesenswerten Buches. Eines Buches, das viele Fragen zu Religion und Aufklärung gut verständlich und leicht lesbar auch Menschen nahebringt, die dieser Thematik bis jetzt vielleicht eher desinteressiert oder ablehnend begegnet sind. Auch Lesern, die Schmidt-Salomons Bücher und Vortragstexte bereits kennen und schätzen, bietet es neue Erkenntnisse.

Gerfried Pongratz

 

Michael Schmidt-Salomon: Anleitung zum Seligsein. Mit Karikaturen von Jacques Tilly. Aschaffenburg: Alibri, 2011. 211 Seiten, kartoniert, Abbildungen, Euro 16.-

Das Buch ist auch im denkladen erhältlich.