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Missionierung 09.01.2012 · Nr. 12627

Mit Gott auf allen Gleisen


Foto: Thomas Häntsch

STUTTGART. (hpd) Evangelikale Plakatbotschaften behindern die Aussicht aus den Fenstern der Stuttgarter S-Bahnen. Wie der hpd recherchierte, erstreckt sich das Netzwerk der Geldgeber nicht nur bis in den Deutschen Bundestag, sondern auch bis zur World Evangelical Alliance.

Wer in Stuttgart weilt und mit der S-Bahn das Umland erkunden möchte, hat es in der Baden-Württembergischen Landeshauptstadt leicht, denn das Netz ist sehr gut ausgebaut und funktioniert in der Regel problemlos. In den Zügen fühlt man sich auch als Ortsfremder ausreichend informiert, dafür sorgen Haltestellenansagen und optische Anzeigen, die ausgehängten Netzpläne und Tarifinformationen runden das Bild ab. Man könnte beinahe zufrieden sein, sich zurücklehnen und die Aussicht auf Stadt und Region genießen. Doch wenn man durch die Fenster schaut, dann wird der Ausblick durch Plakatbotschaften getrübt, die in vielen Wagen an den Fensterscheiben kleben und Informationen vermitteln, die so gar nicht zum Eisenbahnwesen passen, für die Fahrt völlig unerheblich sind und im Ländle nicht erst in diesen Tagen für Diskussion sorgen.

Auf den Aushängen im Format 50x15 cm liest man Informationen wie:
Bekehre Dich zu Deinem Gott!“ oder „Wer meine Worte hört und danach tut, der ist klug.

Für den deutschen Bahnfahrer wird schnell klar, wer hier für was wirbt. Auch der ausländische Fahrgast wird, wenn er der deutschen Sprache mächtig ist und mehr erfahren will, das Kleingedruckte lesen und erkennen, dass ein religiöser Verein ungeniert in öffentlichen Verkehrsmitteln missionieren darf. Ein Aushängeschild für den laizistischen Staat ist das nicht und angesichts der Tatsache, dass täglich tausende Ausländer die öffentlichen Verkehrsmittel im Stuttgarter Großraum benutzen, ist das mehr als fragwürdig. Denn einerlei, ob Jude, Moslem, Buddhist oder Atheist, jeder bekommt unter die Nase geschmiert, wer der „einzige und richtige Gott“ ist und gleichzeitig wird deutlich, wer in Deutschland die weltanschauliche Vorherrschaft ausüben möchte.

Die Süddeutsche Plakatmission ist ein Verein, der sich das Folgende auf die Fahne geschrieben hat (Zitat: Antwort von Wolfgang Veil -1.Vorsitzender Südd. Plakatmission e.V.- auf eine Anfrage per Mail):

"…Durch Verbreitung von Gottes Wort in verschiedenster Form Menschen zu Jesus Christus zu führen."
Das geschieht zur Zeit:
a) durch Plakate mit Worten aus der Bibel, die von uns an Plakatierungsgesellschaften (A1-Plakate)
oder an Privatpersonen, bzw. christl. Gemeinden z.B. für Schaukästen (A3 und A4) geliefert oder auf christlichen Konferenzen verteilt werden (A6 - Postkarten).
b) durch Folien mit Bibelworten (siehe 1.)
c) durch ein "Bibelwort zum Sonntag", das an verschiedene Tageszeitungen zum wöchentlichen Abdruck geliefert wird…

Multiplexe Hintergründe

Ganz gleich ob Einheimischer oder Ausländer, bei flüchtiger Betrachtung erscheint es, als würde ein kleiner Verein aus der christlichen Überzeugung seiner Mitglieder heraus die von Spenden finanzierte Plakataktion im Großraum Stuttgart und an Bussen in Ludwigsburg und Heidenheim betreiben. Doch das ist nicht die ganze Wahrheit, weil die Hintergründe multiplexer sind.

Die Süddeutsche Plakatmission ist Teil der acpm, die als Dachorganisation fungiert und viele Untergruppen koordiniert. Die aspm wiederum ist Faden eines Netzwerkes, das sich über die gesamte Republik erstreckt und den Namen „Die evangelische Allianz in Deutschland“ trägt. Dort gibt man sich angesichts zunehmender Religionsflucht in Deutschland und Europa auch mal kämpferisch-missionarisch. Dieser religiöse Apparat gehört zu den ca. 2.000 auf der Lobbyliste beim Deutschen Bundestag eingetragenen Organisationen, und ist mit dem Beauftragten, Wolfgang Baake, beim Deutschen Bundestag vertreten. Baake ist auch verantwortlich für Presse und Öffentlichkeit bei ProChrist und lehrt Medienethik an der Hochschule Mittweida/Sachsen. – Die deutsche Clique von Politik, Bildung und Religion lässt grüßen.

Außer der aspm tummeln sich unter dem Dach der EAD allerhand Gruppierungen, die als Werke und Einrichtungen mit vielgestaltigsten Bindungen zur übergeordneten Vereinigung stehen. Letztendlich führt die Spur zur World Evangelical Alliance, die eindeutig evangelikal ausgerichtet ist und in der Kreationisten immer willkommen sind.

Fazit

Nicht ein kleiner Verein, sondern eine global agierende Organisation mit Ästen bis hinein in die deutsche Politik steht letztendlich für die Werbung in den Stuttgarter S-Bahnen! Muss die Gesellschaft dies kritiklos ertragen?

Dass es auch anders geht, zeigt die Verkehrsgesellschaft Frankfurt am Main. Dort wurde religiöse Werbung generell verboten, was den Protest der kirchlichen Führung verursachte und sogar den Katholiken eine Meldung wert war. Die Entscheidung der Frankfurter war richtig im Sinne eines weltanschaulich neutral arbeitenden Verkehrsunternehmens, denn gibt man dem einen den Finger, will der andere die ganze Hand oder die Fenster der Bahn.

Der Vormarsch fundamentalistischer Freikirchen findet weltweit statt und ist auch in Deutschland nicht zu übersehen. Besorgnis und Skepsis machen sich breit, weil das Vorgehen bei der Missionierung dem berühmten Wolf im Schafspelz gleichzusetzen ist. Diese Gefahr wird nicht von jedem bemerkt und von gewissen religiösen Autoritäten, die die Tücken kennen müssten, sogar noch kleingeredet.

Will in dieser Angelegenheit die eine Krähe der anderen kein Auge aushacken? Oder ist man in den Führungsetagen der Kirchen froh, wenn - auf Teufel komm raus - missioniert wird, egal wer es macht und mit welchen Methoden? Bei all den Verflechtungen der Süddeutschen Plakatmission stellt sich die Frage, was sich die Verantwortlichen der Deutschen Bahn, zu der auch die S-Bahn in Stuttgart gehört, denken, wenn sie derartige Werbung in ihren Zügen zulassen. Anfragen an die Deutsche Bahn und die S-Bahn Stuttgart sind gestellt, blieben bisher jedoch unbeantwortet.
 

Thomas Häntsch