vor Ort 05.07.2012 · Nr. 13690

Das Grundgesetz in der Fußgängerzone

Verteilung des GG in Köln, Foto: Ricarda Hinz
Verteilung des GG in Köln, Foto: Ricarda Hinz

KÖLN. (hpd) Die einen verteilen den Koran, die anderen die Bibel. Frauen von fraINfra, der "Frankfurter Initiative progressiver Frauen", verteilen in deutschen Fußgängerzonen hingegen, in angenehmer Abgrenzung dazu, eine sinnvolle Schrift: das Deutsche Grundgesetz. Zunächst in Frankfurt, und letzten Samstag in Köln, mit Unterstützung der Frauenrechts-Organisation Terre des Femmes, brachten sie dabei jeweils ca. 1.000 Exemplare unters Volk.


fraINfra ist ein Netzwerk säkularer Bürgerinnen, das von Türkinnen gegründet wurde. Botschaft der fröhlichen und am Samstag bei schönstem Wetter stattfindenden Verteil-Aktion war das klare Bekenntnis dieser vorbildlich integrierten Frauen zu Säkularität und der freiheitlichen Grundordnung dieser (ihrer!) Gesellschaft.
In einem ebenfalls verteilten Flyer konnten die Empfänger nachlesen, welchen Sinn es hatte, dass sie plötzlich ein GG in der Hand hielten.

Der Flyer in Auszügen:

"Warum ist Religion in den letzten Jahren so in den Vordergrund gerückt worden? Wieso gibt uns die Politik vor, dass Probleme in der Integration, Bildung und Anti-Diskriminierung ausschließlich über religiöse Themen zu lösen sind?
Mit dem symbolischen Verteilen des Grundgesetzes möchten wir die öffentliche Diskussion auf unser Verständnis vom Zusammenleben in einer vielfältigen Gesellschaft lenken:

Es gelingt nur, wenn sich alle auf eine gemeinsame Werteordnung einigen, die von allen Beteiligten anerkannt wird. Diese ist im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland verankert: Grundrechte, welche die Gleichberechtigung der Frau, egal welcher Herkunft oder Religion, für ein freiheitliches, selbstbestimmtes Leben garantieren.

Es darf nicht geduldet werden, dass Religionen und veraltete Traditionen dazu benutzt werden, Mädchen und Frauen zu unterdrücken."

Es war nicht immer leicht, das Interesse der Passanten für die deutsche Verfassung zu wecken. Sehr oft hieß die Reaktion: "Hab ich schon - alter Hut.", was auch durchaus nachvollziehbar ist - wer stellt sich schon gern ein zweites Exemplar ins Regal?

Unter Hinweis auf den Flyer, den sie aber ganz sicher noch nicht hätten, war es aber dann möglich, viele umzustimmen.

Und so kam es auch häufig zu konstruktiven Gesprächen und Diskussionen, wobei sich zeigte, dass man auf ungeteilte Zustimmung zur Aktion, als Antwort auf die Vorstöße der Salafisten, traf.

Auch gab es interessanterweise so gut wie immer den Konsens, dass Religion Privatsache sein müsse, und Religionsfreiheit nur für das Individuum gelten dürfe, nicht aber für Gruppen, die ihrerseits das Individuum nicht achten.

Man kann nur mutmaßen, wie und ob die Botschaft bei den vielen Hunderten, die nur schnell im Vorbeigehen zugriffen, ankam.

Aber man kann sich auf jeden Fall sicher sein, dass es nicht sinnlos war - selbst wenn man nur einen geringen Bruchteil derer zum Nach- und vielleicht sogar Umdenken animiert haben sollte: Alle, die sich die Mühe des Lesens gemacht haben, sind zumindest dieses eine Mal mit dieser Ansicht konfrontiert wurden, die dann vielleicht, selbst bei momentan fehlender Zustimmung, im Hinterkopf bleibt...

Die nächste Verteil-Aktion soll in Berlin stattfinden, und es ist zu hoffen, dass dies nicht der Schlussstrich ist, sondern diese wunderbare Initiative noch in weiteren Großstädten fortgeführt wird.

Constanze Cremer

Kurzer Ausschnitt aus "Aktuelle Stunde" wdr vom 30.06.2012:
http://www.youtube.com/watch?v=dRiZfeUcX94