Rezension 19.11.2012 · Nr. 14389

Philosophie der Aufklärung für Dummies

(hpd) Mit diesem Buch setzt Horst Herrmann seine Aufklärungsarbeit für „Dummies“ fort, d.h. für Menschen, die von der Fachphilosophie keine Ahnung haben müssen, aber eine Bedingung erfüllen, nämlich Interesse an der Vertiefung ihres weltanschaulichen Wissens und der Weiterbildung ihrer Persönlichkeit haben. Seine Darstellung Luthers bedarf allerdings der Korrektur.

Bereits den vorigen Wiley-Band zum Agnostizismus hatte er unter die Devise gestellt: „Denken Sie selbst, damit es nicht andere für Sie tun. Folgen Sie Ihrer Vernunft …“ Jetzt, in „Philosophie der Aufklärung“ schöpft der ehemalige Kirchenrechtler und heutige emeritierte Soziologieprofessor aus der imposanten Fundgrube seines Wissens, seiner Erfahrungen, seiner Belesenheit und seines Gedächtnisses. Auf diese Weise ist eine ganze Enzyklopädie der unerhört diversen Aspekte, Strömungen und Varianten der Aufklärungsepoche entstanden. Sehr pädagogisch für ein Einführungsbuch in diese Thematik entfaltet der Autor die Verständlichkeit, Farbigkeit und Vielfalt seines Buches durch die Einbringung einer üppigen Anzahl von Zitaten großer aufklärerischer Geister an allen wichtigen Stellen des Buches. Bescheiden stellt er sich in den Schatten dieser Denker, indem er sich meistens auf kurze Kommentare und den Brückenbau zwischen den Zitaten beschränkt, jedoch nach jedem wichtigeren Exkurs ein kurzes prägnantes Fazit erstellt.

Der Autor hat den ungeheuren Stoff, der mit der Thematik der Aufklärung zwangsläufig verbunden ist, auf 367 Seiten meisterhaft gebändigt und, wie angedeutet, pädagogisch, psychologisch und populärphilosophisch jedem auch nur einigermaßen interessierten Leser nahegebracht. Insofern wird dieser Band viele Leser finden und wahrscheinlich auch mehrere Auflagen erleben.

Gerade deshalb, also nicht wegen einer Kritik um der Kritik willen, möchte der Rezensent noch einige Vorschläge zur Verbesserung dieses wertvollen Buches machen, Vorschläge, die vielleicht in einer weiteren Auflage dieses Werkes Berücksichtigung finden könnten. Dankenswerterweise finden wir ja in diesem Buch viele Kurzdefinitionen philosophischer Begriffe. Das hat allerdings mitunter den Nachteil, dass nicht alle wichtigen Punkte eines Begriffs zur Sprache kommen. Den Deismus definiert der Autor z.B. als „Bezeichnung für den Glauben an Gott aus Vernunftgründen“. Damit fällt aber das Unterscheidungskriterium des Deismus gegenüber dem Theismus weg, weil auch letzterer zumindest behauptet, Gott mit Vernunftgründen begründen und rechtfertigen zu können. Deismus aber ist einfach jene Auffassung von Gott, die ihn als nur einmal tätigen Schöpfer sieht, der danach um sein Werk, um Mensch und Welt sich nicht mehr kümmert.

Den »Naturalismus« wiederum bezeichnet der  Autor als „eine uneinheitliche Gruppe verwandter Theorien, um Natur und Naturwissenschaften“. Hier wird übersehen, dass der Naturalismus im Widerspruch zum Supranaturalismus entstand und die Natur nur noch als System und Mechanismus rein sinnlich-materieller Kräfte auffasst.

Außerdem kommen in der imposanten Kette von Vorläufern der Aufklärung, die uns Horst Herrmann in seinem hier besprochenen Buch serviert, auch Gestalten vor, die in dieser Kette nichts zu suchen haben. Das gilt besonders für Martin Luther. Das hehre Anliegen der gesamten Aufklärung wird ins Gegenteil verkehrt, wenn man einen Martin Luther auf mehreren Seiten als Förderer der Aufklärung preist. Es gibt vielleicht überhaupt keinen Theologen, keinen Religionsführer oder Reformer in der gesamten Menschheitsgeschichte, der die Vernunft und jegliche philosophische Aufklärung so verketzert und verteufelt hat wie dieser Mann. Mit dem Fundamentalismus seiner Bibelexegese versuchte er, seinen berühmten Gegner, den Humanisten und Aufklärer Erasmus von Rotterdam, nicht bloß theoretisch, sondern auch gesellschaftlich  zu erledigen. Originalton Luther: „Ebenso wie Erasmus habe ich auch Müntzer getötet. Sein Tod liegt auf meinem Hals“.

Die Vernunft ist nach Luther eine „Teufelshure“ und „Teufelsbraut“, ein lästerliches Weibstück, „Frau Hulda“ genannt. Sie sei als Prinzip des Erkennens „blind“, völlig „verblendet“, nur „blinde Finsternisse“ vermittelnd. Die natürliche Vernunft sei nichts, total nichts. Sie könne nichts beweisen, nichts zeugen oder bezeugen, sie ist nach Luther „lauter nichts“. Sie sei ein „erdichtetes Trugwerk“, eine im wesentlichen immer irrende Vernunft (errans ratio). Die antiken Klassiker der Philosophie, Plato und Aristoteles, finden in Luther einen hasserfüllten Gegner. Wer der natürlichen Vernunft folge, stürze in völliges „Dunkel“. Die „leeren und sündigen Gedanken“, zu denen sie gelange, gebe die Philosophie als die reine Wahrheit aus. Natürlich fehlt bei Luther nicht die theologische, sprich mythologische Begründung, dass die einst von Gott geschaffene wunderbare Vernunft des Menschen durch den Sündenfall Adams und Evas total pervertiert sei, als „ratio lapsa“, d.h. als gefallene Vernunft nun im Abgrund totaler Verderbtheit stecke (ausführlich dazu und mit allen Zitatbelegen das Buch des Rezensenten „Luther ohne Mythos“ Freiburg 2012, Ahriman Verlag, S. 76 ff.).

Und auch, dass Luther gekommen sei, „die Menschen zu befreien, damit sie zu sich selbst kommen“, kann man so nicht stehen lassen. Die Gotteslehre Luthers ebenso wie seine Staatslehre machen den Christen gleich doppelt abhängig, machen ihn, jeder Autonomie bar, zum willenlosen Werkzeug und Sklaven Gottes und des Staates als des Ausführers der göttlichen Strafen.

Luther selbst hat schon die entscheidenden Fundamente für eine geradezu metaphysische Mesalliance zwischen Kirche und Staat gelegt. Sein Staats-Servilismus ist klassisch und maßgeblich für die Kirchen geworden. Der Neomarxist Ernst Bloch, der das philosophiegeschichtlich und fachlich fundierteste Buch über „Naturrecht und menschliche Würde“ geschrieben hat, betont: „Durch Luther wurde der Bock zum Gärtner gemacht, der Junker richtete, und der Landesherr wurde allmächtig, ohne dass eine Dreinsprache aus natürlichem Recht noch möglich gewesen wäre. Luther macht die Obrigkeit von jeder außerhalb ihrer liegenden Kritik frei, er sah im Staat den letzthin rechtmäßigen Zwang. Hierbei lieferte er die Kirchenlehre vom Staat als Unterdrücker der Sünde gänzlich der Reaktion aus … Wesentlich ist für Luthers Konzeption, dass sie in ihren Untertanen überhaupt nur Verbrecher und Todsünder sieht, dass sie infolgedessen die Staatsgewalt ausschließlich als Repressalie darstellt …: Je strenger, desto besser, je barbarischer, desto gottnäher“. Das ist nicht etwa nur Schnee von gestern, die perversen Züchtigungs- und Bestrafungsmethoden in evangelischen Heimen und Erziehungsinstituten sind ja auch noch in jüngster Vergangenheit aufgedeckt worden.

Wie sehr Luther die Gewissensfreiheit pervertierte, zeigt sich in der zweiten und letzten Phase seines Verhältnisses zu den aufständischen Bauern: „Es sterben die doch sicher und gehen mit gutem Gewissen zu scheitern, die in ihrem Schwertamt gefunden werden … Solche wunderliche Zeiten sind jetzt, dass ein Fürst den Himmel mit Blutvergießen verdienen kann und zwar besser als andere mit Beten“.

Es ist schon fatal genug, dass die evangelische Kirche bis zum Jahr 2017, dem 500. Jahrestag des legendären, weil nie stattgefundenen Thesenanschlags Luthers mit einer ungeheuren Propagandamaschinerie Luther endgültig zur heroischen Kultfigur hochstilisieren will. Das Fatale und Groteske daran soll nicht noch dadurch absurder werden, dass man diesem radikalen Anti-Humanisten auch noch einen Platz in der „Philosophie der Aufklärung“ einräumt. Diese kann nur gelingen, wenn man Luther in ihrem Rahmen nicht einmal erwähnt. Der engagierte und überzeugte Aufklärer und Humanist Horst Herrmann wird Verständnis dafür haben.

Prof. Dr. Hubertus Mynarek

H. Herrmann, Die Philosophie der Aufklärung für Dummies, Weinheim 2012, Wiley-VCH Verlag, 367 Seiten, EUR 19,95.