Antisemitismus in Polen nach Auschwitz

(hpd) Der polnische Historiker Jan T. Gross beschreibt und hinterfragt die judenfeindlichen Ausschreitungen, welchen mehr als 1.500 Menschen zum Opfer fielen. Der Autor dokumentiert das Ausmaß der Diskriminierungs- und Gewalthandlungen anhand von zahlreichen historischen Quellen und formuliert eine beachtens- und diskussionswürdige These zur Erklärung.

Das Ende des Zweiten Weltkriegs stand für die polnischen Juden nicht für das Ende des gewalttätigen Antisemitismus: Bei Pogromen nach der Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers in Auschwitz kamen in dem Land, das als erstes von dem nationalsozialistischen Deutschland angegriffen worden war, um die 1.500 Menschen ums Leben.

Die Aufarbeitung der damit verbundenen Ereignisse stellte nicht nur in Polen lange Zeit ein Tabu dar. Erinnerten Forscher und Publizisten an die Diskriminierung von und Verbrechen an Juden, so galten sie als „Nestbeschmutzer“ der eigenen Nation oder Verharmloser des Nationalsozialismus. Derartigen Unterstellungen und Vorwürfen sah sich auch der polnische Historiker Jan T. Gross ausgesetzt. Er lehrt heute an der Princeton University und veröffentlicht seine Studien meist zunächst in englischer Sprache. Dies gilt auch für seine Studie „Angst. Antisemitismus nach Auschwitz in Polen“, die 2006 erstmals in den USA, dann 2008 in Polen und schließlich 2012 in Deutschland erschien.

Der Autor will darin die folgenden Fragen erörtern: „Warum wurden Polen, die in einer Zeit tödlicher Gefahr ihren jüdischen Nachbarn halfen, nach dem Krieg, in ihren Gemeinden zu gesellschaftlichen Außenseitern? Warum sollte ein abgelegenes Dorf, das während des Krieges ein jüdisches Waisenkind gerettet hatte, diesen Umstand ängstlich verbergen? Woher kommt dieser Antisemitismus ‚nach Auschwitz’ in Polen?“ (S. 19f.).

Um Antworten zu erhalten, beschreibt Gross zunächst die gesellschaftliche und politische Rahmensituation in dem vom Krieg besonders gezeichneten Land. Danach stehen auf Basis von vielen historischen Quellen von Opfern und Zeugen die seinerzeitigen judenfeindlichen Gewalttaten im Mittelpunkt: „Obwohl wir die genaue Zahl der ermordeten Juden nicht ermitteln können, liegt das vielleicht Tragischste an diesen Verbrechen ... weniger in der Anzahl der Getöteten als vielmehr in der Tatsache, dass die Opfer Menschen waren, die gerade die größte Katastrophe in der Geschichte Polens erlebt hatten“ (S. 84).

Der Autor veranschaulicht darüber hinaus die Aneignung jüdischen Besitzes durch einzelne Privatpersonen, lokale Verwaltungen und staatliche Behörden. So etwas hatte es bereits während der deutschen Besatzungszeit gegeben. Gross erklärt sich den seinerzeitigen Antisemitismus damit, dass einige Polen „Angst“ – so nicht zufällig der Titel der deutschen Ausgabe – vor der Rückgabe des neuen Besitzes hatten. Die besondere Dimension der judenfeindlichen Ausschreitungen macht auch eine ausführliche Beschreibung des wohl bekanntesten Pogroms in Kielce deutlich. Dort wie an anderen Orten beteiligten sich Akteure aus den unterschiedlichsten sozialen Milieus an Agitation und Gewalthandlungen. Der katholische Klerus schwieg dazu und nutze seine gesellschaftliche Autorität nicht zum Gegensteuern. Der Autor konstatiert: „Kurz nach Kriegsende herrschte ... sowohl unter Bürgern, die einander fremd waren, als auch unter solchen, die sich kannten, die Ansicht, die Ermordung von Juden sei eine ganz normale Beschäftigung“ (S. 200f.).

Gross kommt das Verdienst zu, die schrecklichen Ereignisse eines Antisemitismus nach Auschwitz dem Vergessen entrissen zu haben. Da er hierzu eine Fülle von historischen Belegen heranziehen kann, lassen sich in dieser Hinsicht keine Einwände formulieren. Die Kritik richtete sich demgegenüber auf die Darstellungsform, male der Autor doch die Ereignisse in grellen Farben und hebe anklagend den Zeigefinger. Angesichts der Ignoranz und Tabuisierung dem Thema gegenüber, ist dies aber mehr als nur verständlich. Auch trägt die Kritik, Gross ignoriere die historischen Umstände für das moralische Handeln der Täter, nicht. Gerade das erste längere Kapitel macht die damit gemeinten Rahmenbedingungen deutlich. Und schließlich ist ebenso der Einwand, sein Buch liefe auf eine Verharmlosung des NS-Judenmordes hinaus, unangemessen. Denn in der polnischen Geschichte, so der Autor, finde sich nicht „die Absicht, das jüdische Volk zu vernichten“ (S. 365). Das beeindruckende historische Buch glänzt darüber hinaus noch mit diskussionswürdigen analytischen Thesen.

Armin Pfahl-Traughber

Jan. T. Gross, Angst. Antisemitismus nach Auschwitz in Polen. Aus dem Polnischen von Friedrich Griese unter Mitarbeit von Ulrich Heiße, Berlin 2012 (Suhrkamp-Verlag), 454 S., 26,95 €.

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