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Rezension 08.01.2013 · Nr. 14712

Schiefe Wahrnehmungen von einer Rundreise

(hpd) Der US-amerikanische Journalist Tuvia Tenenbom berichtet von einer Rundreise durch die Bundesrepublik, wo er bei all seinen Gesprächspartnern einen „eingefleischten Antisemitismus“ ausgemacht haben will. Statt dem im Klappentext des Verlages angekündigten erhellenden und provokativen Buch hat man es aber eher mit einem langweiligen und stereotypen Werk zu tun.


Wie steht es aktuell um die „deutsche Mentalität“? Auskunft darüber will das Buch „Allein unter Deutschen. Eine Entdeckungsreise“ in ebenso beklemmender wie lustiger, polemischer wie subjektiver Art und Weise geben. Der Autor Tuvia Tenenbom arbeitet als Dramatiker und Journalist in New York. In Deutschland schreibt er zweimal im Monat die Kolumne „Fett wie ein Turnschuh“ in der „Zeit“. Seine Eindrücke sammelte Tenenbom 2010 bei einer Rundreise quer durch die Republik, die ihn von einer Autonomen-Demonstration und einer Neonazi-Kneipe über die Fanmeilen während der Fußball-WM und das Museum des Konzentrationslagers Dachau bis zu den Passionsspielen und dem Weltkirchentag führte. Der Autor berichtet von Gesprächen mit Prominenten wie Kai Dieckmann, Helmut Schmidt und Helge Schneider ebenso wie mit unbekannten Demonstrationsteilnehmern, Hochzeitsgästen oder Studenten. Damit will er – so die Absicht von Autor und Verlag - den Deutschen den Spiegel vorhalten und in die Seele des Landes blicken.

Bereits die Anreise nach Deutschland wird durch den damaligen Ausbruch eines Vulkans auf Island verzögert. Tenenbom bemerkt: „Ich dachte, das Thema Aschewolken über Europa hätte sich seit dem letzten Krieg erledigt ...“ (S. 16). Diese Anspielung auf den Holocaust soll wohl humorvoll sein. Man kann darüber lachen – man kann es aber auch sein lassen. Bereits in einem der ersten Berichte schildert der Autor ein Gespräch mit einem linken Demonstranten, der die Rede eines Gewerkschaftlers zustimmend kommentiert. Dazu bemerkt Tenenbom: „Ich bitte Bernhard, mir den Unterschied zwischen dem Gewerkschaftler und dem Kapitalisten zu erklärten, die er so glühend hasst. Wollen nicht beide dasselbe – Geld?“ (S. 25). Eine derartige Besserwisserei und Rechthaberei zieht sich leider durch das ganze Buch, auch wenn es um ganz andere Themen geht. Dabei verweist Tenenbom mal passend, mal weniger passend auf seine „innere jüdische nervende Stimme“ (S. 70), womit auch eines seiner Leitthemen in Gestalt des Antisemitismus angesprochen ist.

Immer wieder sieht er sich von seinen Gesprächspartnern mit den Themen „Israel“ und „Juden“ konfrontiert, gleichzeitig konfrontiert Tenenbom diese ebenso oft mit Anspielungen auf einschlägige Diskurse. Dabei begegnen ihm einschlägige antisemitische Einstellungen, welche die Juden etwa mit der Bankenkrise in Verbindung bringen. Die Umfragen zur Verbreitung solcher Stereotype belegen, dass sie in der Tat im Bereich von bis zu 20 Prozent der Bevölkerung verbreitet sind. Doch lässt sich daraus eine schlichte Bestätigung für seine folgende Einsicht ableiten: „Ich kann die Deutschen nicht lieben. Ihre Maskeraden, ihre endlosen Diskussionen, ihre andauernden Predigten, ihren unausgesprochenen oder ausdrücklichen Judenhass, ihren Mangel an Rückgrat, ihre Akkuratesse, ihren versteckten Rassismus, ihr ständiges Bedürfnis, geliebt und beglückwünscht zu werden und ihre vorgebliche Rechtschaffenheit“ (S. 327f.). Die durchaus berechtigt bei anderen kritisierte Denkstruktur der Pauschalisierung und Verallgemeinerung ist Tenenbom selbst nicht fremd.

Eine derartige Einstellung in Kombination mit der erwähnten Selbstgefälligkeit mindern den Erkenntnisgewinn und Reflexionswert des Buchs doch stark. Dabei gibt es immer wieder beachtenswerte Passagen. Über bierseelige Autonome heißt es etwa: „Die Studis aber haben ihren Spaß. Nur dass sie sich nicht als ‚Spaßvögel’ bezeichnen. Wie die Bumm-Rapper an der Sternschanze bezeichnen sich auch diese Studenten als Anarchisten“ (S. 32f.).

Tenenbom erwähnt den Antisemitismus bei Migranten in Deutschland und meint zunächst vergleichend: Er sei bei den Deutschen „eher unbewusster ... Natur“ und „Teil der Seelengeschichte der Deutschen“ (S. 426). Und weiter heißt es: „Der islamische Antisemitismus wurzelt in der Politik oder in der Religion, der deutsche Antisemitismus gründet tiefer“ (S. 427). Darüber hätte eine nähere Reflexion gelohnt, nur findet man diese Sätze dann auf den letzten Textseiten. So endet ein Buch, das spätestens nach den ersten 200 Seiten nicht mehr erhellend und provokativ, sondern eher langweilig und stereotyp ist.

Armin Pfahl-Traughber

Tuvia Tenenbom, Allein unter Deutschen. Eine Entdeckungsreise, Berlin 2012 (Suhrkamp-.Verlag), 431 S., Euro 16,99.