Österreich

Die ersten Schüsse gegen den Faschismus

WIEN. (hpd) Heute vor 80 Jahren begann der erste bewaffnete Widerstand gegen den Faschismus. Weite Teile der österreichischen Sozialdemokratie versuchten, den letzten Rest der Republik gegen den erstarkenden Austrofaschismus zu verteidigen. Der österreichische Bürgerkrieg spaltet die politische Klasse des Landes bis heute.

 

Gegen sieben Uhr früh, am 12. Februar 1934, fielen aus dem Hotel Schiff in Linz die ersten Schüsse gegen den Faschismus. Der Schutzbund, die bewaffnete Selbstverteidigungsorganisation der Sozialdemokratie, widersetzte sich unter dem Kommando ihres Linzer Kommandanten Richard Bernaschek einer Hausdurchsuchung durch die Polizei.

Hotelschiff Josef Kunz

Stunden später hatten sich die Kämpfe auf die Industriezentren und großen Städten in Wien, der Steiermark und Oberösterreich ausgebreitet. In Wien stellten Arbeiter des Elektrizitätswerks den Strom ab. Das Signal zum Generalstreik. Allein, im Chaos der Kämpfe blieb das Signal unbeachtet. Zudem hatten Monate der Schikanen gegen die Freien Gewerkschaften, die sozialdemokratische Arbeitervertretung, und die Wirtschaftskrise den Streikwillen weiter Teile der Arbeiterschaft gebrochen.

“Glied um Glied zum Krüppel geschlagen”

Glied um Glied war die Sozialdemokratie im Februar 1934 bereits zum Krüppel geschlagen, wie es der Heimwehrminister der klerikalfaschistischen Dollfuß-Regierung, Carl Vaugoin, als Ziel ausgegeben hatte. Im März 1933 hatte der christlichsoziale Bundeskanzler Engelbert Dollfuß nach einer Abstimmungspanne den Nationalrat, die eigentlich gesetzgebende Kammer des österreichischen Parlaments, ausschalten lassen. Der erste Schritt in die Diktatur.

Kurz darauf wurde der Republikanische Schutzbund verboten, es folgte bald der Freidenkerbund, damals eine sozialdemokratische Vorfeldorganisation, die in ihrer Blütezeit 65.000 Mitglieder gehabt hatte. Die – damals kleine – KPÖ wurde aufgelöst. (Erst danach folgte die NSDAP) Öffentliche politische Versammlungen wurden untersagt. Erstmals seit 1889 durfte kein Maiaufmarsch der Sozialdemokratie stattfinden. Die “Arbeiterzeitung” wurde zensuriert, ganze Auflagen eingezogen. Die selbstverwalteten Arbeiterkammern wurde unter Regierungsaufsicht gestellt.

Gleichzeitig erweiterte die Dollfuß-Regierung die Befugnisse der eigenen paramilitärischen Organisationen, der so genannten Heimwehren. Die wurden zur Hilfspolizei erklärt und erhielten Sold und Waffen. Die Heimwehrler verstanden das, wie es gemeint war. Als Freibrief für Schikanen und Gewalttätigkeiten gegenüber politischen Gegner. Und sukkzessive sperrte man Anführer der Sozialdemokratie ein. Speziell Schutzbundkommandanten.

Der Widerstand kam zu spät

Heute ist es historischer Konsens, dass der bewaffnete Widerstand viel zu spät begann - so er überhaupt jemals Aussicht auf Erfolg gehabt hatte. Keine Woche hielt der Schutzbund gegen Polizei, Militär und Heimwehr durch. Mit dem ausbleibenden Generalstreik war die wichtigste Waffe in der sozialdemokratischen Defensivstrategie abhanden gekommen.Bundesheerpatroillie in Heiligenstadt

Der sozialdemokratische Politiker Otto Leichter beschrieb unmittelbar nach dem Februar 1934 in seinem Werk “Glanz und Ende der Ersten Republik” im kurzzeitigen Schweizer Exil, wie Schutzbündler nachts auf den Barrikaden standen und sich gegen die Angriffe des Dollfuß-Regimes zur Wehr setzten – und am Tag arbeiten gingen, als sei nichts gewesen.