Die Würde der Embryonen

BERLIN/DORTMUND/SCHWÄBISCH GMÜND. Die Menschenwürde ist der am meisten gebrauchte Begriff in Debatten um Chancen und Risiken

der Biomedizin. Doch was ist Menschenwürde? Gibt es in der ebenso pluralistischen wie säkularen Gesellschaft ein allgemeingültiges Verständnis der Menschenwürde, auf das jede und jeder Einzelne von seinem Nachbarn und jeder Bürger vom Staat verpflichtet werden kann?

Menschenwürde, so die Haltung in dieser Broschüre, ist keine natürliche Anlage, sondern ein ethisches Anliegen, ein konkreter Gestaltungsauftrag, abhängig von unserem Verhalten zu uns selbst und von den Verhältnissen, in denen wir leben. Probleme unserer Würde-Definition zeigt der Autor am Streit um die Embryonenforschung. Wenn nämlich ein allgemeinverbindliches Verständnis der Menschenwürde auf Embryonen nicht übertragen werden kann, ist der Verbrauch von Embryonen in Experimenten oder aufgrund von Präimplantationsdiagnostik nicht notwendigerweise als Würdeverletzung zu verurteilen.

Sind also Versuche mit embryonalen Stammzellen und therapeutisches Klonen allem Anschein zum Trotz mit der Idee der Menschenwürde vereinbar? Dieser Frage geht der Autor umfassend nach und das Erstaunliche ist, dass ein katholischer Theologe, das Fach hat der Autor auch studiert, als Philosoph, der er vorrangig ist, sehr säkular argumentiert, schon weil er sich mit seiner Argumentation auf die Ebene des ethischen Diskurses begibt, wo ein Gott höchstens eine Annahme, aber keine Wahrheit sein kann.

Philosophische Begründung der Embryonenforschung

Franz Josef Wetz ist Jahrgang 1958 und hat in Frankfurt a.M, Gießen und Mainz Philosophie, Germanistik und Katholische Theologie studiert. 1989 erhielt er für seine Doktorarbeit auf dem Gebiet der Philosophie den Dissertationspreis der Justus-Liebig-Universität Gießen. Auch die Habilitation 1992 erfolgte in Philosophie und seit 1994 ist Wetz Professor für Philosophie und Ethik an der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch Gmünd.

Seine Arbeitsgebiete sind Kulturphilosophie und Ethik mit der Frage, welche Konsequenzen die Erkenntnisse der modernen Naturwissenschaften für das menschliche Selbst- und Weltverständnis haben – in existenzieller, weltanschaulicher, gesellschaftlicher, ethischer und juristischer Hinsicht. Seine für dieses Thema wichtigsten Bücher sind: „Die Würde der Menschen ist antastbar“ (1998) und „Illusion Menschenwürde. Aufstieg und Fall eines Grundwerts“ (2005).

Der Autor ist der Auffassung, „dass es keine biologische Tatsachenfrage ist, ob sich der Embryo als schützenswertes Leben mit Würde oder zum schützenswerten Leben mit Würde entwickelt. Seit den Anfängen der neuzeitlichen Biologie im 19. Jahrhundert weiß man, dass mit der Verschmelzung von Ei- und Samenzelle eine Zygote entsteht, mit der das Leben eines Menschen beginnt. Aber welches Leben das ist, bleibt weiterhin umstritten.“ (S.14)

Dann vergleicht Wetz zwei Auffassungen, die der radikal-säkularen Position mit dem religiös-christlichen Würdebild. Zu ersterer führt er aus, bei ihr hänge „die Würde hauptsächlich vom Umgang des Menschen mit sich und seinesgleichen sowie des Staates mit seinen Bürgern ab. Hier wird Würde nicht mehr als Wesensmerkmal des Menschen aufgefasst, sondern lediglich als Gestaltungsauftrag: Sie ergebe sich erst aus dem gegenseitigen Respekt der Bürger als verletzlicher, selbstbestimmter Wesen – aus dem Wert, den die Menschen einander zusprechen, und der Unterstützung, die sie als Rechtssubjekte einander entgegenbringen. Pointiert formuliert existiert dieser Auffassung nach die Achtung vor der Würde früher als diese selbst: Keine Würde ohne Achtung.“ (S.19)

Zur religiös-christlichen Auffassung schreibt Wetz: „Trotz zahlreicher Aufrufe zur Kehrtwendung ist das religiös-christliche Würdebild für viele Zeitgenossen mittlerweile nicht mehr nachvollziehbar, zu groß ist der Glaubensschwund in der säkularisierten Gesellschaft. Darüber hinaus ist die Idee der Gottesebenbildlichkeit als Schlüsselbegriff der Würdebegründung unbrauchbar geworden, da er nur noch für den gläubigen Teil unserer Mitbürger verbindlich ist. Lässt sich die Idee absoluter Würde aber bloß theologisch begründen, so lässt sie sich überhaupt nicht allgemeingültig begründen. Denn die religiöse Würdeauffassung überträgt auf den Menschen weltanschauliche Bestimmungen, die nicht verallgemeinerungsfähig sind und in einem liberalen Staat mit offener Gesellschaft niemandem aufgezwungen werden dürfen.“ (S.21)

Wetz’ theoretische Folgerung ist, dass diese „angedeutete Zweiteilung des Menschen angesichts der Ergebnisse der modernen Kosmologie, Evolutionstheorie, Molekulargenetik und Neurophysiologie nicht nur äußerst zweifelhaft [ist], es ist auch nicht einzusehen, warum Vernunftbesitz und Freiheit als solche bereits einen absoluten Wert darstellen. Hierfür fehlt jede stichhaltige Begründung“. (S.21)

Praktisch folgt daraus letztlich eine Befürwortung der Embryonenforschung – und zwar mit einer praktischen Begründung: „Selbst wenn sich das Versprechen, Therapien gegen schreckliche, unheilbare, leidvolle Krankheiten entwickeln zu können, möglicherweise nicht erfüllt, darf die vage Chance zu ihrer wirksamen Bekämpfung nicht schon deshalb ungenutzt bleiben, weil das Erwartete nicht eintreffen könnte. Wer so argumentiert, hat die Vorgehensweise experimenteller Forschung nicht verstanden, in der es grundsätzlich keine Erfolgsgarantien gibt. Jedenfalls steht die Vorzugswürdigkeit eines längeren, gesünderen Lebens für die meisten Bürger gänzlich außer Frage.“ (S.35)

Weil es, das ist die ethische Grundfigur des Autors, „unterhalb aller kulturellen Differenzen gibt [...,] eine existenzielle Gleichstellung aller Menschen als endliche, verwundbare, leidensfähige Wesen, für die normalerweise ein gesundes langes Leben ein hohes Gut ist". (S.38)

Die „Berliner Medizinethischen Schriften“

Kommen wir zum Herausgeber: „Hätten die Freigeister in Deutschland einen (dann auch hoffentlich ordentlich dotierten) Theorie-Preis zu vergeben – der Biologe und Philosoph Körner müßte ihn erhalten – allein schon für seine fast fünfzig Hefte ’Berliner Medizinethische Schriften’“, schrieb ich im Vorwort zu Heft 7 „humanismus aktuell“. Das war im Jahr 2000. Nun liegt Heft 58 vor und wir schreiben 2007.

Prof. Dr. sc. phil. Dipl. Biol. Uwe Körner, Mitglied im „Humanistischen Verband Deutschlands“ und Mitbegründer der „Humanistischen Akademie Berlin“, hat an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena Biologie studiert (bis 1964) und dann eine Aspirantur am „Lehrstuhl Philosophische Probleme der modernen Naturwissenschaften, Institut für Philosophie der Humboldt-Universität“ 1968 mit der Promotion abgeschlossen. 1971 kam er als wissenschaftlicher Mitarbeiter in die „Sektion Philosophie und Wissenschaftstheorie der Deutschen Akademie für Ärztliche Fortbildung Berlin“ (1971-1990) und wurde 1981 Leiter einer „Forschungsgruppe Ethik in der Medizin am Lehrstuhl Philosophie der Akademie für Ärztliche Fortbildung der DDR“. 1985 erfolgte die Berufung zum Professor an der Akademie für Ärztliche Fortbildung der DDR, die am 31.12.1990 „abgewickelt“ wurde.

1991 begann er Medizinethik am Universitätsklinikum Charité, Medizinische Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin zu lehren, und startete 1996 die Herausgabe der „Berliner Medizinethischen Schriften", mit anfänglicher Unterstützung des HVD, zeitweise der Charité-Forschungsverwaltung. Er wurde Mitglied verschiedener Kommissionen und wissenschaftlicher Gesellschaften und ist seit 1994 Mitglied der Akademie für Ethik in der Medizin (AEM).

Für das „CharitéCentrum 1 für Human- und Gesundheitswissenschaften“ hat die Humboldt-Universität nun endlich eine Professur für Ethik in der Medizin ausgeschrieben, um die er viele Jahre mit gerungen hat und die er faktisch durch Vorlesungen lange Jahre ausfüllte – ohne sie zu haben. Die Stelle war von Herbst 2004 bis Sommer 2005 schon mal besetzt, allerdings besser: C3 und Ethik-Institut. Doch die berufene Professorin und Institutsdirektorin ging nach Zürich, weil ihr in Bleibeverhandlungen die Charité nichts bot. Auch ein Zeichen!

Wer sich mit Grenzfragen der Medizinethik, Sterbehilfe, Hirntod, Organtransplantation, Glaube und Aberglaube in der Medizin oder gesundheitspolitischen Fragen beschäftigt und nach säkularen Auffassungen sucht, kann an dieser Reihe nicht vorbei gehen.

Franz Josef Wetz: Haben Embryonen Würde? Der Wert des menschlichen Lebens auf dem Prüfstand. Dortmund: HUMANITAS Verlag 2007, 40 S. (Berliner Medizinethische Schriften, 58), ISBN 3-928366-86-6, 5,50 €

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Horst Groschopp

 

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