Rezension 14.07.2010 · Nr. 9930
Fragen eines mündigen Bürgers
(hpd). Frei nach Bertolt Brechts "Fragen eines lesenden Arbeiters" möchte ich als mündiger Bürger nach der Lektüre von Noltes Buch "Religion und Bürgergesellschaft" vor allem diese Frage stellen: "Hat bei der von ihm behaupteten Wiederkehr der (christlichen) Religion" nicht wenigstens ein einziger Kirchenmann seine Hand im Spiel?"
Und, wie bei allen "guten Nachrichten" ist wohl auch besonders bei dieser angezeigt, wenigstens zwei Nachforschungen anzustellen. Erstens, von wem stammt diese Meldung? Und zweitens, gibt es für die fortwährend behauptete "wohltätige Wirkung" von Religion und Kirche auch belegte/belegbare Daten und unabhängige Quellen?
Paul Nolte gibt als Autor seines bei Berlin University Press erschienenen Buches den seriösen Historiker. Doch sollte wohl an erster Stelle erwähnt werden, wer Nolte auch und nicht zuletzt ist: ein Propagandist der evangelische Kirche. So und nicht anders kann ich seine "Nebentätigkeit" als Präsident der Evangelischen Akademie zu Berlin werten. Nicht unerwähnt bleiben sollte auch, daß der Verlag mit diesem irreführenden Namen nichts mit einer der Berliner Universitäten zu tun hat.
Nolte arbeitet mit Behauptungen am laufenden Band, exakte Belege bleibt er schuldig. Er behauptet eine Rückkehr von Religion... Aber, ist Religion wirklich gemeint, sind die Gläubigen gemeint? Oder versteckt sich hinter "Religion" nicht in erster Linie die Institution christliche (Groß-)Kirche, noch konkreter der verstärkt nach noch größerem politischen Einfluß strebende Klerus?
Und war denn "Religion" in Deutschland wirklich aus der Öffentlichkeit verschwunden? Gab es keinen flächendeckenden konfessionellen Religionsunterricht mehr? Gab es keine allwöchentlichen pastoralen "Worte zum Sonntag" in den öffentlich-rechtlichen Medien und den Lokalzeitungen mehr? Und werden nicht nach wie vor staatliche Veranstaltungen durch ökumenische Gottesdienste eingeleitet, wie jüngst erst die Bundesversammlung zur Wahl eines neuen Staatsoberhauptes...
Nolte gibt Unbestreitbares zu: Daß den christlichen Großkirchen die Mitglieder weglaufen. Um so mehr beschwört er angebliche Tugenden von Christenmenschen, die diese ihren Mitmenschen überlegen machen. Die Religion, die christlichen Kirchen sind auch bei ihm identisch mit Ethik und Moral... So als wenn es die Mißbrauchsskandale, die erst heuer jahrzehntelanges ethisches Versagen unzähliger Kleriker aufdecken, nicht geben würde.
Nolte behauptet ferner die Wohltätigkeit religiös gebundener Menschen, ohne die es kein soziales Netz geben würde. Aber von wem werden denn soziale und Bildungseinrichtungen in christlicher Trägerschaft wirklich finanziert? Von der Kirche, den Kirchen als solche? Die ja immerhin über immenses Vermögen verfügen (Großgrundbesitz z.B.) Und sind es nicht gerade betont christliche "wirtschaftliche Eliten" sowie kirchliche Arbeitgeber, die sich vehement Arbeitnehmerrechten widersetzen?
Auch würden religiös gebundene Menschen weit mehr als kirchenferne Menschen ehrenamtlich tätig sein, heißt es bei Nolte. Ist dem wirklich so? Ich wage es allein schon aus eigener Anschauung zu bezweifeln.
Angeblich gibt es auch einen "neuen Ansturm auf kirchliche Schulen". Was sind denn kirchliche Schulen? Und wer finanziert diese? Ja, wo und warum entstehen diese? Auf Wunsch von Eltern und Schülern? Oder werden nicht vielmehr Schulen von kirchenfreundlichen Politikern und Verwaltungen in kirchliche Trägerschaft übergeben. So wie bereits seit Jahrzehnten Kindergärten in größter Anzahl. Und beides gerade in Gebieten mit überwiegend konfessionsfreien Menschen... Warum wohl? Ein Schelm, der Arges dabei denkt...
Ja, ich frage auch dies ketzerisch... Wie groß wäre die Zahl der kirchlich gebundenen Menschen, wenn diese nur als mündige Bürger ihre Mitgliedschaft erklären könnten und eine solche nicht per Taufakt bei Babys entstünde? Wie groß wäre diese Zahl, wenn die Großkirchen, so wie die kleinen Freikirchen, nichtchristlichen Religionsgemeinschaften oder Vereine, ihre Mitgliedsbeiträge (Kirchensteuer) selbst einziehen müßten und sich hierfür nicht des Staates bedienen könnten?
Laut Nolte ist die moderne Bürgergesellschaft ohne Religion nicht denkbar... Aber ist es nicht vielmehr so, daß sämtliche Menschen- und Bürgerrechte, damit die Bürgergesellschaft/Zivilgesellschaft, von den Menschen selbst erkämpft worden sind? Gegen den erbitterten Widerstand der Kirchen, des Klerus?
Bei der Lektüre von Noltes jüngster Schrift wird nur eines deutlich. Es geht ihm nicht um eine funktionsfähige Bürgergesellschaft, um eine plurale Gesellschaft freier, mündiger Bürger und eine funktionsfähige kommunale Selbstverwaltung. Im Kern geht es ausschließlich um den Anspruch des Klerus, sich wieder wie in der Zeit vor der Aufklärung als über allem stehende moralische Instanz zu etablieren und sich zum unangreibaren Schiedsrichter über Menschen, Gesellschaft, Politik und Justiz aufzuschwingen. Aber alles verbrämt mit schönen Worten.
Warum dies alles, warum gerade jetzt? Nach Nolte ist DIE KIRCHE auch Ausdruck sozialen Protestes. Aber so frage ich mich: Wie denn das? War die Kirche denn nicht schon seit der Spätantike stets mit politischer und vor allem wirtschaftlicher Macht verbunden? (Gefördert wurde diese Publikation übrigens von der Haniel-Stiftung!) Oder geht es nicht auch darum, angesichts einer globalen Krise des Kapitalismus jeglichem Protest die Spitze zu nehmen und die Armen und die von Armut bedrohte Mittelschicht wie seit alters her aufs Jenseits zu vertrösten?
Es mag genügen, obwohl der Fragen noch unzählige mehr wären. Aber die mag sich jeder Leser, falls dies Buch Leser findet, selbst stellen. Aber, muß man dieses Pamphlet überhaupt lesen? Zur Wissenserweiterung an sich ist es überflüssig, aber man sollte es schon kennen. Warum? Um die "neuen" Argumente der Institution Kirche zum Erhalt und Ausbau ihrer ungebrochenen Machtansprüche zu kennen.
Auch dies möchte ich noch sagen: Auf den Buchmarkt kam ein dünnes, substanzloses Bändchen von 140 Seiten, das den stolzen Preis von fast 25 Euro nicht wert ist...
Siegfried R. Krebs
Paul Nolte: Religion und Bürgergesellschaft. Brauchen wir einen religionsfreundlichen Staat? Berlin 2009 (Berlin University Press). 140 S. 24,90 EUR








