Moralisch verbrämte Ideologien, zweifelhafte Testverfahren und pseudowissenschaftliche Mythen: Angesichts von Falschinformation und irrationalem Denken gewinnen wissenschaftliche Überprüfung und offene Debatten zusehends an Bedeutung. Die neue Skeptiker-Ausgabe 1/2026 wirft einen kritischen Blick auf umkämpfte Debatten der Gegenwart – von der fragwürdigen Wirksamkeit von Trainings gegen unbewusste Vorurteile über die Diskussion um die Geschlechterfrage bis hin zur Affäre um eine fehlerhafte Homöopathiestudie mit Lungenkrebs-Patienten.
Nach Umstellung auf das halbjährliche Erscheinen ist das Heft die erste Ausgabe im Jahr, mit fast dem doppelten Umfang. Sebastian Tillmann befasst sich darin mit der wissenschaftlichen Evidenzlage zu "Unconscious-Bias-Trainings". Unter Unconscious Bias versteht man unbewusste Vorurteile, die unser Verhalten beeinflussen. Trainings versprechen, den Unconscious Bias, etwa bei Mitarbeitern in Unternehmen, abzubauen. Doch ob solche Angebote das reale Problem Diskriminierung lösen, ist mehr als fraglich, schreibt Tillmann. Denn das Konzept steht auf denkbar wackeligem Fundament.
Das meistgenutzte Messinstrument für unbewusste Vorurteile, der "Implicit Association Test" (IAT), liefert nur ungenaue Daten. Dennoch attestiert man allein auf Basis dieses zweifelhaften Verfahrens Tausenden von Menschen eine "implizit rassistische" Einstellung. Auch die Wirksamkeit des Trainings ist empirisch nicht belegt. Obwohl Teilnehmer danach beim Test besser abschnitten, schlug sich dies nicht in verändertem Verhalten nieder. Schlimmer noch: Wer vom Arbeitgeber in den Kurs geschickt wird, fühlt sich häufig gemaßregelt und reagiert mit innerem Widerstand. Zudem kann die betonte Fokussierung auf Gruppenkategorien ungewollt Vorurteile verstärken, statt sie abzubauen.
Diese Kritikpunkte wiegen umso schwerer, als Diskriminierung ein reales Problem darstellt. Betroffene haben ein Anrecht auf effiziente Maßnahmen gegen Benachteiligung. Vor diesem Hintergrund plädiert Tillmann für einen Paradigmenwechsel: "Weg von der Frage 'Was stimmt mit den Menschen nicht?' hin zu 'Was stimmt mit den Prozessen nicht?'"
Er warnt vor ideologischer Instrumentalisierung – durch progressive und konservative Akteure – und schließt mit einer genuin skeptischen Forderung nach Evidenz: Was nachweislich nicht funktioniere, gehöre eingestellt – die Geldmittel seien in wirksamen, strukturellen Maßnahmen besser angelegt.
Einen wissenschaftlichen Blick in ideologisch umkämpftes Gelände wirft auch der Evolutionsbiologe Colin Wright. Sein Thema ist die Debatte um die Zweigeschlechtlichkeit beim Menschen. Wie Wright 2025 in einem vielbeachteten Artikel darlegte, geht er von zwei Geschlechtern aus, die sich durch ihre Keimzellen unterscheiden. Das rief prompt Kritiker auf den Plan, die stattdessen von einem Geschlechterspektrum ausgehen. Das hätte der Auftakt zu einer fruchtbaren Debatte sein können – stattdessen kam es vielfach zu persönlichen, moralisch aufgeladenen Diffamierungen, wie Wright im Interview berichtet. Besonders bemerkenswert: Im Gegensatz zu klassischen Attacken aus der Pseudowissenschaft, etwa durch Kreationisten, kommen die Fehlvorstellungen in der Geschlechterfrage aus dem Wissenschaftsbetrieb und werden in akademischen Fachjournalen verbreitet. Mitunter mit gravierenden Folgen: Deskriptive Biologie wird mit normativen, politischen Absichten vermengt, und kritische Wissenschaftler müssen berufliche Diffamierungen fürchten. Deshalb plädiert Wright für ein rein rationales, faktenbasiertes Argumentieren.
Eine skeptische Prüfung von eigenen Überzeugungen erweist sich auch im Personalwesen als hilfreich. Das zeigt der Wirtschaftspsychologe Prof. Uwe P. Kanning mit seinen Co-Autorinnen Pia Großmann und Leonie Hagedorn in zwei Studien, ebenfalls nachzulesen im neuen Skeptiker. Sie bestätigen ein bekanntes Problem: Stellenbewerber treffen in Unternehmen häufig auf Personaler mit nur geringen Kenntnissen über verlässliche Auswahlverfahren. Doch ausgerechnet diese halten sich oft irrtümlich für besonders kompetent – der bekannte Dunning-Kruger-Effekt. Begünstigt wird diese Illusion durch langjährige Erfahrung oder eine hohe Position im Unternehmen. Aber wer die eigene Inkompetenz mangels Fachwissen überhaupt nicht erkennt, wird auch kaum eine Notwendigkeit zur Weiterbildung sehen. Die Autoren fordern daher mehr Evidenzorientierung in Personalabteilungen: Um kostspielige Fehlentscheidungen zu verhindern, müsse wissenschaftlich fundierte Fachexpertise Vorrang vor hierarchischem Status oder bloßer Berufserfahrung erhalten.
Korrekturprozesse in der Wissenschaft sind oft langwierig, und Legenden nur mühselig auszuräumen – das gilt selbst bei gefährlichen Fehlinformationen über medizinische Behandlungen. Solch einen Fall beschreibt hpd-Autor Udo Endruscheit. Die Rede ist von einer aufsehenerregenden, aber fehlerhaften Homöopathie-Studie, die der Pseudotherapie eine Wirksamkeit bei der begleitenden Behandlung von Lungenkrebs attestierte. Das Fachjournal The Oncologist, das die Studie veröffentlichte, hat sie inzwischen wieder zurückgezogen – aber erst, nachdem die Österreichische Agentur für Wissenschaftliche Integrität (ÖAWI) den Verdacht auf Datenmanipulation bestätigte. Und: Bis heute hat die Zeitschrift diesen Schritt nicht substanziell begründet. Umso rascher meldete sich der Autor der zweifelhaften Studie, Michael Frass, zu Wort: Er stellte die Daten weiterhin als korrekt dar und deutete den Rückzug als reine Formsache.
Beobachter sehen darin ein rhetorisches Ablenkungsmanöver. Sicher ist, dass all dies den Patienten eine informierte Entscheidung erheblich erschwert – ein gravierendes Problem vor allem bei einer lebensbedrohlichen Erkrankung wie Lungenkrebs. Endruscheit betrachtet den Fall denn auch als Beispiel für ein strukturelles Defizit im Wissenschaftsbetrieb: Die stillschweigende Depublizierung schafft Raum für Legenden und irreführende Narrative.
Zudem findet man im Heft zahlreiche Berichte, Interviews und Buchkritiken. Und die amerikanische Skeptikerin Susan Gerbic verrät, wie sie mit ihrem Team spiritistische Fake-Medien entlarvt. Diese versprechen Trauernden einen Kontakt zu verstorbenen Angehörigen im Jenseits und lassen sich diese Illusion teuer bezahlen.






