Eine Diskussion unter Polizeischutz: Die SkepKon 2026 in Regensburg demonstrierte eindringlich, wie stark die freie Debatte mittlerweile unter Druck steht. Unter dem Motto "Fakten – Mythen – Kontroversen" versammelte die Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP) fast 300 Besucher. Viel Raum für angeregte Debatten über fragwürdige Homöopathie-Studien, Cancel Culture und die Gefahren einer zunehmenden gesellschaftlichen Polarisierung.
Ein Polizeiaufgebot auf der SkepKon: Beamte zeigen Präsenz, die Besucher müssen den Saal zeitweise räumen und alle Taschen abgeben. Es ist eine beklemmende, noch nicht dagewesene Szenerie. Sie führte den Anwesenden eindringlich vor Augen, wie es um die Meinungs- und Wissenschaftsfreiheit in unserer Gesellschaft steht. Der freie Diskursraum ist bedroht. Extremisten versuchen, abweichlerische Stimmen zum Schweigen zu bringen – und schrecken dabei selbst vor Morddrohungen nicht zurück. Einer, der tagtäglich mit dieser Bedrohung lebt, ist Ahmad Mansour. Der Extremismusforscher konnte nur unter Polizeischutz als Diskussionspartner an der Tagung in Regensburg teilnehmen.
Die jährliche Konferenz der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP) versteht sich als Raum für offene Debatten, sachlichen Meinungsaustausch, skeptische Prüfung und fundierte Gegenrede. Mit der diesjährigen Veranstaltung hat die Organisation ihr modernisiertes Konzept weiter etabliert: Das bewusste Nebeneinander unterschiedlicher Perspektiven lädt zum freien Diskutieren ein. Fast 300 Teilnehmer und über 30 Referenten trafen sich am verlängerten "Himmelfahrts-Wochenende" in Regensburg zu Vorträgen und Workshops unter dem Motto "Fakten – Mythen – Kontroversen".
Tag 1: Vom säkularen Staunen zum Umgang mit Wissenschaftsablehnung
Skeptisches Denken erstreckt sich auf das gesamte weite Feld der wissenschaftlichen Fragestellungen. Zum Auftakt am Donnerstag, 14. Mai, lud der Philosoph Prof. Franz Josef Wetz zum säkularen Staunen ein. Im Anschluss entlarvte Prof. Sascha Skorupka pseudowissenschaftliche Panikmache über Mikrowellenherde, während Dr.-Ing. Norbert Aust die Affäre um eine fragwürdige Homöopathie-Studie nachzeichnete. Die in einem Fachjournal veröffentlichte Untersuchung hatte dieser Pseudomedizin fälschlicherweise eine Wirkung bei Lungenkrebs bescheinigt. Erst nach beharrlicher Intervention mehrerer wissenschaftlicher Organisationen aufgrund starker Hinweise auf Datenmanipulation zog das Blatt die Publikation zurück – ein handfester Erfolg skeptischen Engagements, wie Aust berichtete.

In Bezug auf die Freiheit der Wissenschaft und die Einschränkung von Publikationen fällt im öffentlichen Diskurs oft das Schlagwort Cancel Culture. Wie weit dieser systematische Ausschluss bestimmter Positionen aus dem Diskurs an deutschen Hochschulen tatsächlich verbreitet ist – oder ob es sich um ein Scheinproblem handelt –, wird heftig debattiert. Der Mannheimer Politikwissenschaftler Prof. Richard Traunmüller ist dieser Frage in einer empirischen Untersuchung nachgegangen, für die er Studenten sowie rund 9.000 Wissenschaftler befragte. Sein Fazit: Die Bedenken seien keineswegs unbegründet. Dennoch plädierte er für eine differenzierte Betrachtung, da Wissenschaftsfreiheit und Cancel Culture graduelle Phänomene seien. "Der Grad der Wissenschaftsfreiheit bestimmt sich anhand der erwarteten Kosten, die Forschungs- und Lehrtätigkeit mit sich bringt", so Traunmüller.
Wie aber begegnet man Wissenschaftsablehnung im persönlichen Umfeld? Dieser Frage widmete sich Prof. Frank Best, der das Thema auch regelmäßig in seinen Lehrveranstaltungen aufgreift. Wichtiger als das bloße Herunterbeten von Fakten seien in solchen Situationen Empathie, Verständnis und Beziehungsarbeit. Wer Wissenschaft radikal ablehne, sei meist tief in eine entsprechende Filterblase eingebunden und verliere subjektiv viel, wenn er diese soziale Gruppe verlasse.
"Es ist oft hilfreicher, statt der Konflikte die Gemeinsamkeiten mit dem Gegenüber zu betonen." – Diese These vertiefte Best in der anschließenden Podiumsdiskussion mit der Technikhistorikerin Anna Veronika Wendland und dem langjährigen GWUP-Vorsitzenden Amardeo Sarma. Die Diskutanten waren sich einig, dass konkrete Themen wie die Kernenergie oft nur als Aufhänger dienen. In Wahrheit gehe es meist um normative Fragen, vermengt mit erlernten, teils religiös aufgeladenen Erzählungen. In der Klimadebatte fänden sich beispielsweise klassische Motive wie Messiasgestalten, Endzeitszenarien sowie Narrative von Schuld und Buße wieder. Einige Klimaaktivisten sprächen etwa von einem "Sündenfall" des modernen Menschen oder prangerten den "Verstoß gegen die Ganzheitlichkeit der Natur" an. Die "richtige" Form der Energiegewinnung wird in einem solchen Erzählrahmen zur geradezu religiösen Erlösung.
Welche Rolle spielt die Bildung bei der Aufklärung über wissenschaftlich unhaltbare Aussagen? Der Wiener Zoologe Erich Eder hat die Zusammenhänge zwischen naturwissenschaftlich-medizinischer Bildung und dem Glauben an Paranormales beziehungsweise Alternativmedizin untersucht. Seine Daten zeigen, dass nach einem Bachelor-Abschluss im Fach Medizin der Glaube an Alternativmedizin signifikant zurückging. Der Glaube an Paranormales sank hingegen nur bei Männern signifikant. Dass mitunter schon ein einziger Anstoß genügt, um sich von einem ganzen Bündel an Fehlvorstellungen zu befreien, verdeutlichte Eder am Beispiel eines syrischen Flüchtlings. Dieser war als islamischer Fundamentalist nach Österreich gekommen und wurde dort zum Atheisten. Die Evolutionstheorie im Schulunterricht habe ihn überzeugt, sagte er. Seine fundamentale Erkenntnis: Wenn der Koran, der den Anspruch auf absolute Wahrheit erhebt, bereits in diesem einen Punkt irrt, kann man ihm insgesamt nicht mehr blind vertrauen.
Tag 2: Kritisches Denken und ideologische Gräben
An die Debatte über Bildung, Schule und kritisches Denken knüpfte auch der zweite Veranstaltungstag, Freitag, 15. Mai, an. Eine zentrale Erkenntnis des Tages formulierte der Schulpsychologe und Podcaster Benedikt Wisniewski: Kritisches Denken ist domänenspezifisch. Es gibt keine universelle Didaktik, mit der sich kritisches Denken für alle Lern- und Lebensbereiche gleichermaßen aktivieren lässt. Dennoch bestehe eine bildungspolitische und pädagogische Verpflichtung, diese Fähigkeit in Schule und Unterricht systematisch zu fördern. Wie dies konkret gelingen kann, bleibt Gegenstand der aktuellen Diskussion.
Einen Blick in die Abgründe des Wissenschaftsbetriebs warf Prof. Cornelius Courts, Leiter der Abteilung für Forensische Genetik am Institut für Rechtsmedizin in Bonn. Er berichtete über unseriöse Veröffentlichungspraktiken in der Wissenschaft: Sogenannte Raubjournale (Predatory Journals), Fake-Magazine und den zunehmenden Einsatz von KI-Systemen (Künstliche Intelligenz), die ganze Artikel generieren und im Peer-Review-Verfahren absegnen.
Im Anschluss diskutierten Nikil Mukerji, der wissenschaftliche Leiter der GWUP, und Katherine Dormandy, Professorin für christliche Philosophie an der Universität Innsbruck, über das Spannungsfeld zwischen Wissenschaftsfundamentalismus und der Gefahr, im Interesse politischer Korrektheit Wahrheiten auszublenden.

Dass auch methodische Fehlschlüsse im Alltag verheerende Folgen haben können, zeigte Prof. Herwig Baier, der am Max-Planck-Institut für biologische Intelligenz in Martinsried und an der Ludwig-Maximilians-Universität München forscht. Häufig werden Korrelation und Kausalität verwechselt: Nur weil zwei Ereignisse gleichzeitig auftreten, hängen sie nicht zwangsläufig ursächlich zusammen. Baier kritisierte in diesem Kontext die Verknüpfung von Geschlechtsdysphorie und erhöhter Suizidalität bei Kindern. Auf Grundlage dieses illusionären Zusammenhangs habe sich eine affirmative Begleitung, bei der das Wunschgeschlecht unkritisch als das "Eigentliche" bestätigt werden muss, als gesetzlicher und medizinischer Standard etabliert. Nach Baiers Ansicht sei der rein affirmative Ansatz als generelles Prinzip gescheitert. Er plädierte stattdessen nachdrücklich für individualisierte, differenzierte Therapien – ein Thema, dem sich auch der Publizist Till Randolf Amelung in einem eigenen Vortrag widmete.
Tag 3: Digitale Überwachung, "Wokeness" und die offene Gesellschaft
Der abschließende Konferenztag, Samstag, 16. Mai, begann mit schlechten Nachrichten: Wir alle bewegen uns im Netz, hinterlassen dort digitale Spuren und sind permanent das Ziel digitaler Massenüberwachung. Wie wir da rauskommen? "Überhaupt nicht", sagt der Referent Ali Hackalife; Podcaster, Programmierer und Künstler. In einem engagierten Appell rief er das Publikum dazu auf, die eigenen Daten und den Internet-Traffic konsequent zu verschlüsseln. Einen Vorwand für Überwachung finde sich im Zweifel immer. Zudem würden Daten Kontext schaffen – und dieser Kontext könne jederzeit gegen uns verwendet werden.

Weitere Vorträge dieses Tages befassten sich mit dem Einfluss chinesischer Sternzeichen auf die Löhne von chinesischen Immigranten in Deutschland (Florian Zimmermann vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung), mit dem Kult der "Zizians" (hpd-Autor Sebastian Schnelle) und dem Konflikt zwischen Reichsbürgern und dem Finanzamt (Nick Marquardt).
Spannende Einblicke in die sozialpsychologische Forschung lieferte der Neurowissenschaftler, Psychologe und YouTuber Varnan Chandreswaran, der seine Ergebnisse zum Thema "Wokeness" vorstellte. Entgegen verbreiteter Annahmen entsteht diese Haltung nicht aus persönlichem Leidensdruck. Die Betroffenen sind psychisch nicht belasteter als der Durchschnitt, fühlen sich der Welt jedoch in höherem Maße ausgeliefert. Sie neigen dazu, ihre Lebensumstände eher auf äußere Einflüsse als auf eigenes Handeln zurückzuführen. Zudem zeigt die Untersuchung, dass "woke" eingestellte Menschen tendenziell narzisstischer und statusbewusster agieren. Wenn Personen jedoch aus dem Streben nach sozialem Status mitdiskutieren, drohe die Debatte in eine Schieflage zu geraten. Chandreswaran vermutet, dass genau dies derzeit geschieht: "Einige wenige Akteure treiben die gesamte Debatte in die falsche Richtung – und lenken die Aufmerksamkeit von denen weg, die die Aufmerksamkeit wirklich brauchen."
Die offene Gesellschaft steht aktuell von vielen Seiten unter Druck. Kritische Stimmen werden diskreditiert, systematisch vom Diskurs ausgeschlossen oder sogar existenziell bedroht. Dieser zunehmenden Polarisierung sieht sich auch die GWUP ausgesetzt. Als Plattform für rational-skeptische Stimmen, die auch vor heiklen Themen nicht zurückschrecken, widmete sie daher einen eigenen Session-Block der Debatte um Extremismus und die offene Gesellschaft. Hierzu betonte die stellvertretende GWUP-Vorsitzende Judith Faessler, wie wichtig es sei, wissenschaftlich respektablen Personen eine adäquate Plattform zu bieten: "Gute Wissenschaft kann sich im Nachhinein auch als falsch herausstellen. Andererseits beginnt wissenschaftlicher Fortschritt sehr oft genau mit originellen, unkonventionellen Theorien."

Es folgte eine intensive Diskussion mit Ahmad Mansour, Frank Urbaniok und Rebecca Schönenbach, die sich im Verein Frauen für Freiheit für den Schutz von Frauen vor politisch motivierter Gewalt engagiert. Mansour, Psychologe und Islam-Experte, wird wegen seiner Kritik am Islamismus mit dem Tode bedroht. Deshalb steht er seit Jahren unter Polizeischutz. Auch sein Auftritt auf der SkepKon-Bühne war nur unter verschärften Sicherheitsvorkehrungen möglich. Doch viele Menschen teilen seine Ansichten, ist Mansour überzeugt. Sie schweigen aus Angst vor Ächtung oder Sorge um die Karriere. "Oft sagt man mir: 'Sie haben Recht. Aber ich würde das niemals offen sagen'."
Frank Urbaniok legte den Finger in eine weitere Wunde des aktuellen Diskurses: Statistisch gesehen seien Personen aus bestimmten Herkunftsländern in der Kriminalitätsstatistik bei Gewaltdelikten extrem überrepräsentiert – selbst dann, wenn man sämtliche soziokulturellen und sozialen Faktoren sauber herausrechne. Dies sei eine empirische Tatsache, die im öffentlichen Raum dennoch beharrlich totgeschwiegen werde. Um bei schweren Gewaltverbrechen kulturelle Prägungen und patriarchalische Strukturen auszublenden, werde in den Medien und der Politik lieber pauschal von "Femizid" statt präzise von "Ehrenmord" gesprochen, ergänzte Ahmad Mansour. Der enorme soziale Druck innerhalb der Communitys werde so ausgeblendet.
Rebecca Schönenbach kritisierte die reflexartigen Relativierungsstrategien in der Debatte. Auf den Hinweis auf spezifische Täterstrukturen folge oft das Gegenargument: "Aber deutsche Männer vergewaltigen doch auch." Mit einem solchen "Aber" öffne man eine gefährliche Tür für alle Täter und entziehe sich der notwendigen differenzierten Analyse, so Schönenbach. "Möchten wir diese Tür wirklich aufmachen? Ich finde nicht."







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