Rezension

Entwicklung der Muslimbruderschaft in der arabischen Welt – eine Studie

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Flagge der Muslimbruderschaft
Flagge der Muslimbruderschaft

Sebastian Elsässer, Islamwissenschaftler an der Kieler Uni, legt mit "Die 'Schule' Hasan al-Bannas" eine Studie vor, welche die ideologische, organisatorische und strategische Entwicklung der Muslimbruderschaft untersucht. Der Autor geht häufig sehr informativ in die Details, hätte aber auch noch einige Kommentare zur politischen Einordnung liefern können.

Für die Entstehung und Entwicklung des Islamismus ist die Muslimbruderschaft von großer Relevanz. Sie kann gar als dessen "Mutterorganisation" gelten, beriefen sich doch später viele Organisationen auf sie. Diese Feststellung gilt bezogen auf die Ideologie, aber auch auf die Strategie. Umso erstaunlicher ist da die Beobachtung, dass es an einschlägiger deutschsprachiger Fachliteratur hierzu mangelt. Einigen eher oberflächlichen journalistischen Darstellungen stehen an entlegenen Orten wenige wissenschaftliche Publikationen gegenüber. Dabei handelt es sich meist um Abschlussarbeiten aus einem Studium, die in einschlägigen kleineren Dissertationsverlagen mit nur eher geringer Wahrnehmung erschienen. Ansatzweise verhält es sich ähnlich mit einer von Sebastian Elsässer vorgelegten Studie, die mit "Die 'Schule' Hasan al-Bannas. Erziehung und Ideologiebildung bei der Muslimbruderschaft in der arabischen Welt, 1950-2013" betitelt wurde. Sie kam indessen bei Ergon als einem renommierten Fachverlag in der Orientalistik-Reihe heraus.

Der Autor, der als Islamwissenschaftler an der Kieler Universität arbeitet, geht darin der Fernwirkung des Muslimbruder-Begründers nach. Denn der gemeinte Hasan al-Banna hatte 1938 mit "Das Sendschreiben der Lehren" einen grundlegenden Text vorgelegt. Bis in die Gegenwart hinein kommt ihm im Islamismus große Relevanz zu, was sowohl für die Ideologie als auch die Organisationsform wie auch die Strategie gilt. Der Autor blickt nun in seinem Buch auf die Fortwirkung der dort niedergelegten Interpretationen, eben bei den Ablegern der Muslimbruderschaft in den Staaten der arabischen Welt. Er stellt sich die Frage, "welche Konsequenzen die Ideologie der Muslimbruderschaft für das Denken und Handeln ihrer Kader und Anhänger hatte und was dies für die mögliche oder tatsächliche Umsetzung politischer Ziele bedeutete" (S. 7). Als Ansatzpunkt dafür dient der erwähnte Beitrag von al-Banna, der sich im Anhang auch in deutscher Übersetzung findet. Es geht also um den längerfristigen Einfluss eines der bedeutsamsten islamistischen "Klassiker".

Um dazu die Entwicklung im Innern der Muslimbruderschaft nachvollziehen zu können, wertete Elsässer eine Fülle von Primärquellen aus. Nach Ausführungen zu dem erwähnten Text wird das eigentliche Untersuchungsobjekt zunächst näher thematisiert, hier bezogen auf die Entwicklung der Muslimbruderschaft von 1928 bis 2013. Dabei unterstellt der Autor nicht die Existenz einer homogenen Organisation, wird doch immer wieder auf interne Differenzen und Fraktionierungen verwiesen, ohne den politischen Konsens als Orientierung zu negieren. Dabei ist indessen für eine analytische Einschätzung nicht immer klar, warum welche Thematik wofür wichtig ist. Es geht dann in den folgenden Kapiteln um Positionen, die bezogen sind auf "mystische und magische Religiosität", "traditionelle islamische Wissenschaften", "moderne Kultur und Wissenschaft". Erst danach ist die Dschihad-Deutung ein Thema, wobei auch interne Differenzen zu Sayyid Qutb thematisiert werden. Es gebe aber eine "Dschihad-Geist" als "Kontinuität in späteren Kommentaren" (S. 180).

Die politische Dimension steht danach erst stärker im Zentrum, insbesondere wenn es um Organisations- und Strategiefragen geht. Der Autor konstatiert für al-Banna ein Bejahen von "Konstitutionalismus als auch das parlamentarische System" (S. 125), wobei zwar die islamistische Besonderheit erwähnt, aber in der Relevanz stärker hätte betont werden können. Ähnliches gilt bezogen auf die darauf folgenden Ausführungen zu den Einstellungen zur Gesellschaft, etwa gegenüber anderen Muslimen im breiteren sozialen Zusammenhang. Man wünschte sich hier die Beachtung politikwissenschaftlicher Kategorien, welche auch die Einordnung der thematisierten Positionen erleichtert hätten. Indessen streitet der Autor auch nicht ein von Beginn an existentes problematisches Verhältnis ab, sahen sich doch die islamistischen Akteure als die einzigen "wahren Muslime" (S. 237) an. Womöglich wollte der Autor hier die islamwissenschaftlichen Bahnen nicht verlassen. Er liefert aber wichtige Einsichten für Leser zu solchen Schritten.

Sebastian Elsässer, Die "Schule" Hasan al-Bannas. Erziehung und Ideologiebildung bei der Muslimbruderschaft in der arabischen Welt, 1950-2013, 2. Auflage, Baden-Baden 2025, Ergon-Verlag, 343 Seiten, 62 Euro

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