Antichristliche Hassdelikte sind auf dem Vormarsch. Christen sehen dies als Folge der fortschreitenden Säkularisierung. Unser Autor stellt eine andere These auf: Wer sich nicht gegen Kritik immunisiert, könnte Zerstörungswut vorbeugen.
In ganz Europa nimmt Gewalt gegen Christen und Vandalismus an Kirchengebäuden zu. Diese Geschehnisse haben nichts mit angebrachter Kirchen- oder Religionskritik zu tun und als Humanist kann man eine Zunahme an Gewalt natürlich nicht hinnehmen.
Die in Wien ansässige "Beobachtungsstelle für Intoleranz und Diskriminierung gegen Christen in Europa" (OIDAC Europe) hat für 2024 2.211 antichristliche Hassdelikte festgestellt. Die Direktorin Anja Tang spricht etwa von "konkrete[n] Fälle[n] von Kirchenvandalismus, Brandstiftung und körperlicher Gewalt". Hinzu komme eine hohe Dunkelziffer, da viele Vergehen entweder gar nicht gemeldet werden oder zu klein sind, um in die Statistik aufgenommen zu werden.
Im Bistum Passau soll es zwischen August 2024 und Juli 2025 zu 19 Fällen von Vandalismus gekommen sein, von Graffiti über beschädigte Gräber bis hin zu aufgebrochenen Opferstöcken. Auch Fälle, in denen man in Kirchenräume gepinkelt hätte oder Kerzenständer umgestoßen habe sind bekannt, ebenso Vorkommnisse, bei denen Madonnenfiguren geköpft oder Heiligenfiguren sonst wie zerstört wurden.
Außerdem kommt es immer wieder vor, dass Kunstwerke und wertvolle Gegenstände aus Kirchen geklaut wurden, entweder um diese zu verkaufen oder um Lösegeld zu erpressen. An wertvollen Gegenständen hat die Kirche bekanntlich keinen Mangel. Man könnte einwenden, dass sie selbst dadurch finanziert wurden, dass man Gläubige mit unbewiesenen Versprechungen eines Gottes oder eines Jenseits Geld aus der Tasche zog – die Unwissenheit des Opfers also ausnutzte, um sich selbst zu bereichern, eine Art von Betrug. Aber selbst wenn man die Sache so sehen will, würde das diese Diebstähle noch lange nicht rechtfertigen.
Ob man Fälle wie die oben genannten schon als "psychische Gewalt" bezeichnen kann, wie es etwa Jakob Johannes Koch, der Kulturbeauftragte der Deutschen Bischofskonferenz, tut, sei mal dahingestellt. Jedoch kommt es leider auch immer wieder zu Fällen von körperlicher Gewalt. Laut der oben erwähnten OIDAC haben in Polen von 1.000 befragten Priestern etwa die Hälfte angegeben, Opfer von Aggressionen geworden zu sein (ob körperlicher oder sonstiger, wird leider nicht erwähnt). Von diesen aber hätten 80 Prozent die Polizei nicht über diese Vorfälle informiert.
Mögliche Gründe
Für viele Christen ist dies eindeutig eine Folge der Säkularisierung und der Tatsache, dass Christen nun Minderheiten im "eigenen Land" darstellen. Genau wie Muslime und Juden fordert man nun speziellen Schutz, auch politischen Schutz vor solchen Hate Crimes. Hier muss man aber aufpassen: nicht jede Kritik ist auch automatisch ein Hassverbrechen – wird aber ganz gerne so dargestellt. Viele Minderheiten benutzen diese "Karte" als Totschlagargument, um sich pauschal gegen jede Kritik zu wehren. Am Ende könnten solche Vorfälle dafür missbraucht werden, jede Kritik, und sei sie noch so angemessen, zu erschweren.
Ich hingegen glaube, dass mehr Kirchen- und Religionskritik sogar dazu führen könnte, dass sich die Anzahl dieser Delikte verringert.
Dafür will ich die Verbrechen sehr grob in verschiedene Kategorien unterteilen:
Aus Gier
Hierzu zählen natürlich die Fälle, in denen Klingelbeutel geklaut oder Kunst- und sonstige Wertgegenstände entwendet wurden, entweder um sie zu verkaufen oder um Lösegeld zu erpressen. Dass solche Fälle zunehmen, hat wohl tatsächlich etwas damit zu tun, dass die Säkularisierung zunimmt und den Dieben Kirchengegenstände buchstäblich nicht mehr heilig sind (auch wenn zu allen Zeiten aus Kirchen und Tempeln Dinge entwendet wurden). Aber sollte dies wirklich härter geahndet werden als ein gewöhnlicher Diebstahl? Zudem könnten Kirchen selbst Schutzmaßnahmen (etwa Glaskasten) einrichten, weigern sich oft aber "aus religiösen Gründen", dies zu tun.
Aus religiösen Gründen
Im Zeitraum der vermehrten Vandalismus-Fälle ging aber nicht nur eine große Säkularisierung in Europa vor, sondern auch eine starke Einwanderung aus islamischen Ländern. Interessanterweise wird dies jedoch als Erklärungsmöglichkeit nicht herangezogen, man gibt lieber der Säkularisierung die Schuld.
Dabei klingen gerade Geschichten wie die Beschädigung von Heiligenfiguren nach der "Vernichtung von Götzenbildern" wie man es im Zusammenhand mit dem radikalen Islam immer wieder hört. Bei wie vielen dieser Verbrechen es sich aber um Konflikte zwischen Religionen handelt, lässt sich nicht sagen.
Streiche
Bedauerlicherweise gibt es immer Personen – nicht nur Jugendliche – die in ihrer Freizeit auf seltsame Ideen kommen. Auch hier wird der Anstieg wohl tatsächlich auf die Säkularisierung zurückzuführen sein. Aber etwas muss einem ja nicht "heilig" sein, damit man es respektiert. Wer Kulturgegenstände beschädigt oder zerstört, bei dem ist in der Erziehung, im Umfeld oder anderweitig etwas ernsthaft schief gelaufen. An dieser Stelle hieße es, Menschen Respekt vor Kulturgegenständen beizubringen, egal welcher Subkultur oder Weltanschauung. Um dies zu erlernen, braucht es keine Rückkehr der Bedeutung des Christentums – im Gegenteil, gerade in einer säkularen Gesellschaft, in der alle Religionen gleich viel (bzw. wenig) wert sind, ließe sich dieser Respekt besonders gut vermitteln.
Frust gegenüber der Kirche
Nun zu einer Ursache, die weder die OIDAC noch die Bischofskonferenz erwähnen würde: Frust gegenüber der Kirche.
Die Kirchen selbst scheinen es nicht wahrzunehmen (oder nicht wahrnehmen zu wollen), doch es fallen nicht nur immer mehr Leute vom Glauben ab, es steigt auch die Anzahl derjenigen, die eine unglaubliche Wut auf die Kirche haben. Hier sei an die Kirchenbrände in Kanada im Jahr 2021 erinnert: damals hatte man auf dem Gelände eines katholischen Internats für indigene Kinder die sterblichen Überreste von 215 Schülern entdeckt. Vermutlich als Reaktion darauf waren in unterschiedlichen Teilen Kanadas zahlreiche Kirchen in Flammen aufgegangen.
Auch die zahlreichen Missbrauchsfälle, deren Aufarbeitung – freundlich gesagt – deutlich besser verlaufen könnte, Frauen, Homosexuelle und andere, die sich diskriminiert fühlen, ehemalige Gläubige, die wütend sind, wie viel Zeit ihres Lebens sie als verschwendet empfinden, die vielleicht auch die Androhung der Hölle als psychische Gewalt erlebt haben, welche zu realen psychischen Problemen führte – all das könnten Hintergründe für mutwillige Handlungen sein.
Fehlende berechtigte Kritik
Gleichzeitig findet man im öffentlichen Diskurs wenig bis gar nichts zu Kirchen- oder Religionskritik. Selbst Beiträge über sexuellen Missbrauch werden immer wieder abgeschwächt mit Aussagen wie "aber man muss auch erwähnen, dass die Kirchen viel Gutes tun" – wer sich nur die Medien, die Politik oder die Schulen ansieht, würde niemals auf die Idee kommen, dass wir in einem Land leben, in dem kaum noch Leute wöchentlich in den Gottesdienst gehen.
Und ich behaupte, gerade dieser Mangel an Religionskritik führt dazu, dass Menschen ihre Wut nicht angemessen verarbeiten können, dass sie das Gefühl haben, niemand höre ihnen zu oder nehme ihre Probleme ernst. Natürlich ist dies keine Rechtfertigung dafür, eine Kirche anzuzünden oder einen Priester auf der Straße anzugreifen. Eine Rechtfertigung für so etwas kann es gar nicht geben.
Meine Hypothese ist jedoch, dass man verhindern könnte, dass es so weit kommt. Wenn Religionskritik – ernsthafte Religions- und Kirchenkritik, nicht sinnloses Kirchen-Bashing – stärker im öffentlichen Diskurs vertreten ist, sodass manche Leute sich nicht so weit in ihre Wut hineinsteigern.






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