Homosexualität sei Sünde, Muslimas dürften keine Christen heiraten, Geigenmusik und Uno seien verboten: Der TikTok-Prediger Alaá El Sayed vertritt Positionen, die man ohne Weiteres als ultrakonservativ bezeichnen kann. Umso erstaunlicher ist, dass die ZEIT diese kaum kritisch einordnet, sondern vor allem darüber diskutiert, ob der Prediger überhaupt als radikal gelten darf.
Kennen Sie den schönen Spruch: Es wäre zum Lachen, wenn es nicht zum Weinen wäre? Die ZEIT hat einen Artikel über den TikTok-Prediger Alaá El Sayed veröffentlicht, der Homosexualität als Sünde bezeichnet, sagt, dass eine Muslima keinen Christen heiraten darf, (immerhin fügt er hinzu, dass man sie deswegen nicht ermorden soll) oder dass Geigenmusik und das Kartenspiel "Uno" Gläubigen verboten sind. Statt vor diesem erzkonservativen bis reaktionären Gedankengut zu warnen, wie man es sonst von der ZEIT gewohnt ist, fragt der Autor jedoch, ob das vielleicht nur radikal wirkt, es aber eigentlich gar nicht ist. Was ist da nur in die ZEIT gefahren, möchte man fragen.
Ausgerechnet die ZEIT, die sonst so feine Antennen hat, wenn es um konservative Lebensentwürfe geht. Schon 2023 bei seinem Wechsel vom VfL Wolfsburg nach Dortmund wurde beispielsweise über den Glauben von Felix Nmecha berichtet, der nach seinem Auftakttor beim WM-Spiel der deutschen Nationalmannschaft gegen Curacao nun auch Gelegenheitszuschauern bekannt sein dürfte, und dass dieser "ihn, den BVB und den DFB in einen Wertekonflikt" bringen würde. Auch sprach man im Zusammenhang mit Social Media Beiträgen davon, dass er "mit dem Vorwurf der Homophobie konfrontiert" werde. Auch beim Online-Phänomen der "Tradwives" findet man "ideologische Schnittstellen zum Rechtsradikalismus" und bei sogenannten "Christfluencern" schaut man ebenfalls genau hin und findet dort "(pseudo-)christliche" Motive, die "gegen einzelne gesellschaftliche Gruppen gerichtet sind". Nichts gegen diese Einordnungen. Die Schnittstellen zu benennen, ist richtig und wichtig. Es verwundert nur, dass identische Einstellungen bei einem muslimischen TikTok-Prediger nun zu einer gänzlich anderen Einschätzung führen.
Der ZEIT-Beitrag ist jedoch ein Kunstwerk für sich. Dort heißt es zum Beispiel zum Thema Christfluencer: "Es gibt ja auch einige radikale christliche Influencer-Accounts. Den 'Ketzer der Neuzeit' etwa oder 'Liebe zur Bibel'. Über die reden wir deutlich weniger. Obwohl ihre Positionen strenger sind." Man wüsste an dieser Stelle schon gerne, in welcher Hinsicht ihre "Positionen strenger" sein sollten? Gibt es Aussagen, dass Christen keine Nicht-Christen heiraten sollen? Hat man sich dort gegen Kirchenmusik positioniert? Werden Uno-Spieler diskriminiert? Spaß beiseite. Das patriarchale Frauenbild und die Ablehnung von Homosexualität als Sünde sollten ziemlich identisch bei den beiden Gruppen sein.
Nach dieser fragwürdigen Einordnung wird es aber noch wilder, wenn der Autor fragt: "Kann es sein, dass meine Frage, ob El Sayed ein Islamist ist oder nicht, selbst antimuslimische Ressentiments bedient?" Fast könnte man meinen, der Autor hätte hier einen zufällig ausgewählten Muslim auf der Straße ohne Anlass verdächtigt, Islamist zu sein und nicht einen TikTok-Prediger, der meint, Frauen hätten ein Kopftuch zu tragen und Homosexualität sei Sünde. Auf X hatte der Islamwissenschaftler Sebastian Elsässer die Haltungen von El Sayed als "mehr als bloß konservativ" eingeordnet, wobei er darauf hinweist, dass eine Bewertung als "radikal" selbstverständlich von der Definition von "radikal" abhängt.
Noch absurder wird es, wenn man erfährt, dass der Autor, nachdem (!) er mit dem Prediger El Sayed selbst und Mouhanad Khorchide, Leiter des Zentrums für Islamische Theologie an der Uni Münster, gesprochen hat, beginnt, sich ins Thema einzulesen. Wäre das nicht ein sinnvoller Ausgangspunkt einer entsprechenden Recherche gewesen? Immerhin erfährt der Autor so, dass der Salafismus eine stark patriarchale Geschlechterordnung vertritt, Homosexualität als schwere Sünde ablehnt und die frühen islamischen Quellen als verbindliche Grundlage für alle Lebensbereiche versteht. So weit, so richtig. Nur wüsste man jetzt gerne, wo sich El Sayed, der kein Salafist ist, sondern zur Gruppe der Al-Ahbasch ("die Äthiopier") gehört, von diesen unterscheidet. In der Ablehnung der Homosexualität als Sünde ja schon mal nicht. Der Autor beschreibt korrekt, dass einige salafistische Strömungen demokratische Regierungsformen als unislamisch ablehnen, aber auch hier fehlt die Information, wie es El Sayed mit der Demokratie hält.
Überhaupt wurden entscheidende Fragen nicht gestellt: Was folgt denn daraus, dass Homosexualität eine Sünde darstellt? Bleibt es bei Folgen für das Seelenheil der Betroffenen (was diese vermutlich wenig tangiert) oder sollte es auch weltliche Folgen geben? Was, wenn eine Frau, die laut El Sayed ein Kopftuch zu tragen hat, nun aber kein Kopftuch tragen möchte? Was, wenn eine Muslima doch einen Christen heiratet? Und betrifft das Heiratsverbot eigentlich auch muslimische Männer oder dann doch nur muslimische Frauen? Fragen über Fragen, die man vielleicht hätte stellen können, wenn man wissen will, ob man mit einem Radikalen redet. Stattdessen erfahren wir, dass die Frau des Predigers ein üppiges Mahl gekocht hat und "ein knalliges Hidschab-Outfit in Rot-Schwarz" trägt. Knallharten Investigativjournalismus hatte ich mir irgendwie anders vorgestellt.
Um aber nicht nur zu meckern und am Ende auch noch etwas Konstruktives beizutragen: Wer einen solchen Text schreibt und veröffentlicht, der im Kern ein konstruktives Anliegen hat, nämlich Menschen nicht vorzuverurteilen, der sollte mindestens zwei Grundregeln beachten. Erstens, sollte man mit der Materie vertraut sein und eine sinnvolle Einordnung liefern können und zweitens sollte man die Frage nach Begriffen nicht einfach in den Raum stellen, sondern, wenn man sie schon stellt, auch erklären, was man darunter versteht. Weiß man nämlich, dass es unter konservativen gläubigen Muslimen durchaus verpönt ist, Glücksspiel um Geld zu betreiben und relativ weit verbreitet, sexuell anzügliche Popmusik abzulehnen, so lässt sich die Ablehnung von Uno als Glücksspiel und von Geigenmusik als sexuell zu erregend (Geigenmusik? Wirklich?) als etwas einordnen, das über die verbreiteten Formen konservativer Frömmigkeit hinausgeht und dazu geeignet ist, sich heute als besonders streng praktizierend hervorzuheben. In dieser Hinsicht sind die Positionen von El Sayed also sicherlich radikal.
Nachdem im Text aber auch politischer Extremismus explizit angesprochen wird, sollte man sich fragen, ob El Sayed im engeren, politikwissenschaftlichen Sinn als radikal zu gelten hat. Als radikal in diesem Sinne gilt, wer das bestehende politische System als Wurzel allen Übels (lat. radix = Wurzel) verändern will. Der politische Philosoph Norberto Bobbio spricht von "radikal" als "systemstürzlerisch". Ist El Sayed ein solcher Systemkritiker? Die ehrliche Antwort ist: Das kann man nicht sagen. Die spannenden Fragen hat man seitens der ZEIT ja nicht gestellt. Ob er, der laut Artikel andere des Extremismus bezichtigt, selbst einfach nur ein Extremist anderer Geschmacksrichtung ist, kann also seriös nicht beantwortet werden. Selbstverständlich darf man in unserem liberalen Rechtsstaat ultrakonservative bis reaktionäre Meinungen und Überzeugungen haben, wie sie El Sayed vertritt. Man darf sie aber auch ablehnen und scharf kritisieren, und das hat nichts mit "antimuslimischen Ressentiments" zu tun.





